Dienstag, 8. Mai 2018

Abschied

Es ist kaum zu glauben, dass schon wieder der Abschiedstag angebrochen ist. Da wir bisher kaum freie Tage hatten, gibt es heute keinen Unterricht mehr. Zhang Lei kann daher Niklas ins Tal begleiten und in den - hoffentlich richtigen - Bus Richtung Yichang setzen, wo er zur Erholung noch ein paar Tage auf dem Yangtse durch die drei Schluchten kreuzen wird. 

Für uns die letzte Gelegenheit, uns von alten und neuen Freunden zu verabschieden, ein letztes Mal die Götter zu besuchen und vielleicht auch noch eine Spende loszuwerden - auch in Form von Kauf von Tee und Kalligrafien zu völlig überzogenen Preisen. Sagt wenigstens Guan immer. Aber wenn man damit eine der freundlichen und sehr bemühten Teeverkäuferinnen glücklich machen kann: sei‘s drum.

Ich fasse für mich diesen Aufenthalt zusammen. Ich bin nun zum...ich weiß es gar nicht genau - 15. Mal? hier und jede dieser Reisen hatte eine völlig andere Qualität. Deshalb wird es auch nie wirklich langweilig, obwohl sich die Koordinaten ja nicht ändern. Der Ort aber sehr wohl. Ich habe dieses mal wieder sehr viel gelernt, auch wenn durch Guans relativ häufige Abwesenheit nicht so viel Input von außen kam. Aber dafür umso mehr von Innen. Und die Hinweise, die Guan gegeben hat, waren sehr wertvoll und haben viel Material zum üben gegeben. Ich bin ja auch nun kein echter Anfänger mehr, der an die Hand genommen werden muss, weil er ständig die äußeren Abläufe vergisst. Für dieses Eintrainieren braucht es auch nicht unbedingt des Meisters, auch wenn es Stimmen gab die bemängelten, dass die Fähigkeiten von Zhang Lei ja wohl nicht ausreichend seien. Nunja. Darüber sehe ich mal einfach hinweg. Wer öfter hier ist, weiß genau, dass der Meister erst auftaucht, wenn der Schüler eine gewisse Reife erreicht hat. Dass das in Deutschland, wenn Guan bei uns zu Gast ist, anders aussieht liegt einfach daran, dass er alleine da ist und ja auch sonst nichts zu tun hat.

Erstaunlich finde ich die Veränderungen, die passieren, wenn man sich achtsam auf diese Bewegungsschule einlässt. Die ersten 10 Tage - ich muss es gestehen - habe ich mich schon immer wieder einmal gefragt, warum ich mir jedes Jahr aufs neue diese Strapaze gebe, starke Schmerzen in den Knien bei jeder Bewegung, die auch durch großzügige Hyaluronsäure-Spritzen vor der Reise nicht wirklich gelindert wurden...aber dann: durch tägliches ausgiebiges Dehnen, extrem langsame Schritte stundenlang, die jede Fehlhaltung und -bewegungen sofort aufdecken, Stärkung und Neuprogrammierung und - nicht zu vergessen - Meister Gao, der alle paar Tage kräftig in die Muskeln gegriffen hat, führten auf einmal zu einer deutlichen Erleichterung und Verbesserung. Das wäre bei zwei Wochen Mallorca am Strand rumliegen so wohl nicht gekommen.

Also werden wir wohl im nächsten Jahr wieder den heiligen Berg erklimmen und uns auf die Spurensuche machen. Ich hoffe, dass dies der letzte Blick vom Hoteldach ist, den ich nun mache, dass Guans Pläne aufgehen und wir nächstes Jahr ein neues Zuhause haben, in dem wir in Ruhe trainieren und eine gute Zeit haben können.




Und nun bemühe ich mich, meinen Koffer zu packen - ich hatte nur wenig Kleidung dabei, viele Dinge für meine chinesische Familie und war guter Hoffnung, fast „leer“ nach Hause zu fliegen, aber irgendwie...obwohl ich eigentlich fast nichts gekauft habe...nunja, wird gehen, ist immer gegangen - in diesem Sinne: Zaijian, Wudang Shan!


Sonntag, 6. Mai 2018

Die Natur braucht den Regen

Einer der Gründe für die phantastische Vegetation hier in den Bergen liegt nicht nur in dem fruchtbaren Boden, sondern auch in der Mischung von viel Sonne und viel Regen. Und letztes haben wir im Moment mal wieder reichlich. Und die freundlicherweise übermittelten Bilder von lustigem Grillfest zu Hause bei strahlendem Sonnenschein macht die Stimmung auch nicht wirklich besser. Es fällt zunehmend schwer, sich bei strömenden Regen zum Tempel aufzumachen, auch wenn es dort einen ausnehmend hübschen Übungsraum gibt, standesgemäß mit einem Schwarm von Kranichen an den Wänden ausgestattet und bunt bemaltem Gebälk. 



Aber trotzdem - der Blick auf die Wassermassen, die vom Himmel strömen und das ständige Pladdern aus den Eimern und Schüsseln, die man zum Auffangen des Regens dort hingestellt hat (die Toilettenspülung funktioniert nur ganz natürlich) macht nicht wirklich Lust auf Training. So verabschiede mich mich etwas früher am Vormittag, weil ich noch eine Kleinigkeit zum Essen einkaufen will. Heute kein Hotelfutter.




Die Straßen und Wege hierzulande sind so konstruiert, dass bei stärkerem Regen sofort alles mehr oder weniger unter Wasser steht. Und der Chinese begegnet diesem Phänomen, indem er sich, sobald es von oben tropft, in Plastiktüten hüllt. Obenrum in den buntigsten Farben, untenrum in unterschiedlich gestaltete Säckchen, in die die Füße eingebunden werden. Sobald der Schauer rum ist, wird der billige Krempel weggeschmissen und beim nächsten Regen neu gekauft. Bin mal gespannt, ob man angesichts des Feldzugs gegen Plastiktüten eines Tages auch dieser Absurdität Einhalt gebietet. Da allerdings auch ich keine nassen Füße haben will, kaufe ich mir auch solche Dinger. Aber die gehobene Klasse für 15 RMB. Fühlen sich an wie eine Mischung aus Luftballon und Fahrradschlauch für die Lauffläche. Die werde ich natürlich ordentlich trocknen und nach Hause mitnehmen. Die nächste Sintflut kommt bestimmt.


Samstag, 5. Mai 2018

Ein neues Zuhause?

Nachdem Guan so viel von dem Objekt, dass er gerne mieten möchte, erzählt hat, wollte wir natürlich alle gerne sehen, wohin uns künftig unsere Reise führt. Es ist ein wunderbar sonniger Tag der uns zeigt, dass der Berg einen Hügel weiter einen ganz anderen Charakter hat. Während auf „unserer“ Seite schroffe Felswände ins Tal stürzen und ziemlich hohe Bäume sich in das Gestein krallen, zeigt sich hier die sonnige Seite. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: die Vegetation wirkt hier viel heller, strahlender - an eher sanften Hängen werden Tee und Früchte angebaut. Deshalb hat wohl auch Doktor Hu, in dessen „Klinik“ wir schon letztes Jahr zu Gast waren, hier seine Kräuterplantage für die Heilmittel angebaut. 



Wir stoppen den Bus am Verkaufsstand der hiesigen „Bioteefabrik“ und gelangen am Ausgang der kleinen Häuseransammlung zu einem typischen Tor, das zu dem kleinen Gebäude-Ensemble führt. Naja, etwas schäbig sieht es ja schon aus, so von außen. Aber nicht wirklich kaputt oder gar verwahrlost, etwas Farbe drauf und die Sache wirkt schon ganz anders. Auf der Rückseite sind noch Holzlager und ähnliches abgelegtes Geraffel untergebracht, das will Guan alles wegräumen, eine Terrasse mit einer Glaswand mit - ja, nun sehe ich es auch - grandioser Aussicht auf das Tal errichten, auf der man Tee trinken und meditieren kann. Langsam lasse ich mich anstecken von seiner Vorfreude - nach seiner Auskunft soll im Innenbereich alles sehr gepflegt und ordentlich sein, eigentlich sind nur noch Bäder zu den Zimmern einzurichten, was aber nicht so problematisch ist, weil es dort diverse Küchen gibt, die dann nicht mehr gebraucht werden.
Ja, ich glaube, das hier kann richtig toll werden. 






Allerdings muss man doch einiges an Geld in die Hand nehmen und hier rufe ich einfach mal auf: wer hier dazu beitragen möchte, dass in den Bergen ein schöner, ruhiger Ort zum entspannen, üben, malen, spazieren,...entsteht, kann sich gerne bei mir melden - ich werde an Guan vermitteln.

Freitag, 4. Mai 2018

Das Ende naht

Es lässt sich nicht leugnen: unsere letzte Woche hier in den Bergen ist angebrochen. Der Abschied von Guan kommt sogar noch früher als gedacht. Heute verkündete er mit trauriger Miene, dass er Order bekommen hat, in zwei Tagen nach Beijing zu reisen. Schon wieder. Also müssen wir unser Abschiedsmahl nach vorne verlegen, damit noch alle - auch unsere chinesischen Mitschüler - noch daran teilnehmen können. Da die Zeit nun wirklich drängt und wir wenig Zeit hatten, über dies und das und insbesondere die Zukunft zu sprechen, nutzen wir die Gelegenheit, uns heute im Training länger zu unterhalten. Ich erkläre ihm, dass wir uns schon gewünscht hätten, dass er etwas mehr Zeit für uns gehabt hätte. Allerdings sehe ich auch seine Not: der Abt hat ihn in der Vergangenheit sehr unterstützt und deshalb ist es jetzt selbstverständlich, dass Guan sich revanchiert. Und wenn der Abt wünscht, dass Guan einen Termin wahrnimmt, dann wäre es ein Unding, dies zu verweigern. Auf einer App zeigt mir Guan die Flüge, die er dieses Jahr schon abgearbeitet hat. Ich bin beeindruckt - das kenne ich sonst nur im mittleren Management. Und dies ist auch der Grund, warum er soviel Energie in das Projekt einer kleinen Unterkunft mit etwa 20 Zimmern verfolgt. Da wäre er dann sein eigener Herr und könnte seine Termine und Reisen so gestalten, wie er es gerne möchte. Und morgen fahren wir zum Baxian-Tempel und schauen uns das Ganze mal an.


Beim Abendessen erzähle ich den anderen von dem Gespräch und die Begeisterung ist gleich da: es ist zwar ok, im Hotel zu übernachten und mit dem Bus ins Training zu fahren - aber ein „eigenes“ Häusschen im Grünen - das ist schon etwas ganz anderes. Guan hatte mir erklärt, dass die Familien, die derzeit noch dort wohnen, im Ort unten wesentlich günstiger mieten können. Und von der Differenz der dortigen Miete und dem, was Guan zahlen wird, kann man schon fast leben. Und Guan hat auch - weil er ja einiges investieren muss - daran gedacht, möglichst einen Vertrag für 20 Jahre zu schließen und eine Staffelmiete zu vereinbaren, damit es für die Eigentümer attraktiv ist. Da kommen aber einige Bedenken was die Sicherung der Investition angeht und wir werden Guan da noch einige wichtige Dinge mit auf den Weg geben, damit sein Traum kein Alptraum wird.          

                  

Donnerstag, 3. Mai 2018

Wissen schafft Wissenschaft


Beim morgendlichen Training kommt Guan aufgeregt auf mich zu und fuchtelt mit dem Handy herum. Er habe eine schlimme Nachricht von Achim bekommen, er habe sich das Bein gebrochen. Alles habe er aber nicht verstehen können, ich solle mir die Sprachnachricht doch bitte auch noch einmal anhören. Ich höre mir mit sehr ernster Miene die Aufnahme ein paarmal an, dann lache ich: Achim erklärt, dass er nach dem Frühstück nochmal die Augen kurz zugemacht hat und dann fest eingeschlafen ist. Und damit Guan nicht glaubt, dass er irgendwo in den Bergen mit einem gebrochenen Bein herumliegt, wollte er auf diesem Wege kurz Bescheid sagen. Wie so oft, steckt der Teufel im Detail. So geht es mir beim Chinesischen auch gerne mal.

Nachdem Guans Blutdruck wieder auf „normal“ gesunken ist, erzählt mir Guan, weshalb er eigentlich so früh gekommen ist: eine Ärztin, mit der wir zwei Abende zuvor zusammen gesessen hatten und die mir gegenüber in den höchsten Tönen von medizinischen Siemens-Geräten geschwärmt hat, hat wohl irgendsoein Wundergerät hierher in die Berge kommen lassen. Nun steht es bereit im Tianlu-Hotel um die Ecke und wartet auf Probanden, die die Veränderungen des Qi-Flusses durch üben von Taiji messen lassen. Und da dachte man an uns. Für solche Spielereien bin ich ja immer zu haben und gehe als Vertreterin des Mittelalters mit, dann noch Yigal für die reifere Jugend und Niklas für etwas jünger, dann der Junge aus dem Teehaus, der mit uns trainiert und in den 20igern ist und Guan für Mitte 30.

Wir marschieren los und werden schon von der Ärztin erwartet. Sie erklärt uns, was wir machen sollen, wir sollen auf jeden Fall Uhren, Brillen, Schmuck ablegen - alles ablegen, um ganz genau zu sein. Deshalb wird auch jeder einzelne gescannt, und zwar - in China sehr ungewöhnlich - allein, ohne neugieriges Publikum. Guan beginnt und während er stript, gehen wir ins Nebenzimmer. Unser junger chinesischer Freund unterhält uns, er ist wohl nervös und schwätzt in einer Tour, er schwitzt sehr und möchte duschen. Wir ermutigen ihn, er läuft ins Bad, kommt wieder zurück, irgendetwas fehlt. Dann zieht er sein Oberteil aus und zeigt seine Muskeln. Ja, ganz toll. Er erzählt, dass er jeden Tag Liegestütz macht. Mit einem Arm. Wir sind angemessen beeindruckt, aber das überzeugt ihn nicht. Er will zeigen. Füße hoch aufs Bett, Arme abgestützt, dann das Gewicht auf einen Arm, kracht ein. Er schimpft, probiert es wieder - sonst klappt das immer, nur heute, gerade heute...leider werde ich abgeholt, nun werde ich nie Zeugin seiner Ehrenrettung.


Bei der Ärztin kleide ich mich wie geheißen aus, und versuche mich an die Stellungen, die uns aufgegeben wurden, zu erinnern. Leider möchte die Ärztin jetzt etwas ganz anderes sehen, was genau, ist für mich leider schwer zu verstehen und sehen kann ich es ohne Brille auch nicht, wenn sie es mir vormacht. Irgendwann haben wir die Sitzung überstanden und ich freue mich, dass die ganze Prozedur in zwei Tagen wieder fällig ist, damit wir den Unterschied nach ordentlich Training sehen. Da bin ich doch mal sehr gespannt.




Mittwoch, 2. Mai 2018

Moderne Zeiten

So nett es ist, dass hier oben auf dem Berg weitgehend Ruhe herrscht, sobald der letzte Bus gegen 18.00 h gefahren ist, so blöd ist es, wenn man abends noch irgendwo unterwegs ist, zum Beispiel im Tempel. Egal, wohin man dann noch will - entweder man hat Glück und kennt einen der Privilegierten, die hier oben ein Auto haben dürfen und zu einem Transport bereit ist, oder man läuft halt. Fahrräder habe ich hier noch nie gesehen, was sich angesichts der erheblichen Höhenmeter, die man hier abarbeiten müsste, fast von selbst versteht. Aber auch keine der sonst so populären E-Bikes, die ansonsten überall unterwegs sind. Ich nehme an, dass sie hier verboten sind, weil es sonst einfach saugefährlich wäre auf der schmalen und serpentinenreichen Straße, auf der es schon für die Busse im Gegenverkehr richtig eng wird. Diese kleinen Mopeds würden wahrscheinlich ruckzuck von der Straße gefegt.


Also was tun, wenn man gern ausgeht und selbst, nun sagen wir mal: zur gemütlichen Fraktion zählt? Unser Zhang Lei hat das Problem sehr elegant gelöst. Er hat sich einen kleinen Roller gekauft, den er in zerlegter Form oft bei sich hat. Ich hatte mir das Wundergerät mal näher betrachtet und erstaunlich viele Kabel für so ein Spielzeug entdeckt. Klar, es handelt sich natürlich um einen Elektroroller, mit dem er nun ganz entspannt über die Hügel rollern kann. Und wie die Busfahrer am fluchen sind, das hört er ja nicht. Heute hat nun Guan am Abend noch einen Vortrag im Tempel zu halten, und weil er auch keine Lust hat, anschließend noch eine halbe Stunde zu Fuß vom Zixiaogong nach Nanyan zu traben, hat er sich von seinem Schüler das kleine Helferlein ausgeborgt. Zhang Lei weist ihn noch kurz ein und wir werden Zeuge der ersten Meter des Meisters auf dem Elektro-Roller. Noch schaut er skeptisch, aber ich bin schon sehr gespannt, wer in den nächsten Tagen mit dem kleinen Gefährt auftauchen wird. Wenn der Meister es haben will, hat der Schüler wenig zu melden.





Dienstag, 1. Mai 2018

Viele Feste

Auch in diesem Jahr haben wir wieder das Vergnügen, zwei große Feierlichkeiten hier oben zu erleben: kurz nach unserer Ankunft wurde Zhen Wus Geburtstag, der mit viel Dschingderassa und Geknalle gefeiert wurde, und jetzt folgt das profane Gegenstück - die Tage um den 1. Mai, hier „Wuyi“ - 五一 genannt. Und jetzt ist hier wirklich die Hölle los. Die Busse reihen sich vom Parkplatz vor dem Hotel bis nach oben zum Nanyan-Tempel. Da die eigenen Busse nicht reichen, hat man aus ganz Hubei Ersatz angefordert. Und da stehen schon einige putzige in der Reihe. Bei einem wurde besonders intensiv zur Meditation über Sinn und Inhalt der Aufschrift eingeladen. Erst als ich die chinesischen Zeichen übersetzt habe, bin ich dahinter gekommen.  Achja, umgekehrt wird natürlich genauso gelästert: wer mehr über die Verbrechen an die Chinesischen Sprache lesen will, dem sei dieser Blog http://hanzismatter.blogspot.hk/ wärmstens empfohlen.



Weil zeitgleich auch noch ein Kongress der Chinesisch-Französischen Qigong-Vereinigung hier oben statt findet, ist es sogar noch kuscheliger hier oben. Unser Hotel ist wieder ausgebucht und nun sind wir auch nicht mehr die einzigen Ausländer. Bei einem Treffen in dem Nobel-Teehaus höre ich, wie eine Dame mehrfach auf Französisch nach einem Preis fragt. Nach sechs Jahren Französisch, meiner ersten Fremdsprache ab der 5. Klasse, kann ich das gerade noch verstehen. Im Gegensatz zu dem Jungen, der sie gerne beraten würde, wenn er sie denn verstünde. Ich fasse mir ein Herz und übersetze die Frage, und damit bin ich gefangen. Die gute Frau schnattert auf mich ein, etwa jedes dritte verstandene Wort ist mir Wegweiser genug, um den Sinn einigermaßen zu erfassen, aber mit der Antwort wird es sehr schwer. Die ersten zwei, drei Worte eines französischen Wortes ringe ich mir noch ab, aber dann bin ich schwups wieder Chinesisch unterwegs. Ohne das ich es merke. Aber dem Gesicht der guten Frau lese ich ab, wenn es wieder passiert ist. Ich bin froh, als sie gegangen ist und ich schwöre mir, bei dieser Invasion immer schön im Schatten zu bleiben - die Tagung ist ja demnächst vorbei und die chinesischen Touris verstehe ich viel besser.




Wegen des Kongresses, der zum Teil in dem Nebengebäude des Tempels, vor dem wir üblicherweise trainieren, abgehalten wird, bittet Guan darum, dass wir umziehen. Wir marschieren also erst einmal durch den Zixiaogong, quer durch, wo früher einmal die Gärten waren. Dort hat man vor ein paar Jahren ein großes Hofhaus erbaut, vor dem nun ein größerer Platz zum Trainieren einlädt. Mit Blick auf das große, prachtvolle Gebäude frage ich, wer hier nun wohnt. Abt Li, bekomme ich zur Antwort. Wir turnen also vor dem Wohnzimmer des einflussreichsten Daoisten vor Ort. Und einen tollen Blick hat er, das muss man mal sagen!