Freitag, 20. April 2018

Festmahl

Am Nachmittag spricht mich Zhang Lei an: unsere beiden chinesischen Mitstreiter hätten beim Abendessen betrogen und müssten das wieder gutmachen. Ich verstehe nur Bahnhof und auch die folgenden weiterführenden Erklärungen bringen keinen Durchblick. Später kommt Guan und lichtet das Dunkel: was Zhang Lei eigentlich meinte, war, dass die beiden uns nun verlassen und uns zum Abendessen außerhalb einladen wollten. Das ergibt schon etwas mehr Sinn und ich danke den beiden mit einer Geste quer über den Platz. Da freue ich mich. Das Essen in unserem Hotel ist einfache Hausmannskost, frisch und schmackhaft, aber etwas Abwechslung können wir gut brauchen. Uns wird ein Fisch angepriesen, hier gefangen und vielleicht mal etwas anderes als das Gräten-Ragout mit Fischgeschmack, dass es heute zu Mittag gab.



Am Abend finden wir uns ein, es ist sehr mild und wir können draußen sitzen. Tatsächlich wird ein mächtiger Fisch serviert, gefangen im See unterhalb des Nanyan, wie man uns versichert. Natürlich hat auch der Gräten, aber längst nicht so hinterhältig kleine wie die, dir schon kennen. Sehr lecker auch die Bratkartoffeln, allerhand Grünkraut vom Berg, frische Pilze und vieles mehr. Und als Krönung wird dann neben dem obligatorischen „Kräuterschnaps“ eine Art Reiswein aufgetischt, eine milchige Flüssigkeit, ziemlich süß, erinnert schwer an Federweißer - auch was die fatale Wirkung des süffigen Getränks angeht. Ein sehr heiterer Ausklang des Abends, der auch unserem schwer angeschlagenen und zunehmend heiteren Gastgeber offensichtlich Spaß macht. Glücklicherweise muss ja keiner mehr fahren, die paar Meter ins Hotel schaffen wir gerade noch. Aber sehr viel weiter hätte es nicht sein dürfen...

Mittwoch, 18. April 2018

...und noch ein Meister


Schon gestern Abend habe ich gesehen, dass an Meister Guans Tisch neben dem Kalligrafie-Lehrer, der abends einige lernwillige unserer Truppe (nein, ich kenne meine Grenzen und lasse die Finger vom Pinsel) in seine hohe Kunst einweiht, noch ein anderer, mir unbekannter Meister sitzt.
Heute morgen wird das Geheimnis aufgelöst: wir haben die Ehre mit dem 65. Stammhalter in gerader Linie von - jetzt wird es unübersichtlich, da muss ich noch mal nachhaken - Wenshi bzw. Gongyuan. Egal, ich werde es klären, wirklich wichtig ist, dass er sich heute vormittag die Zeit für uns genommen hat, eine kleine Einführung ins Daoyinshu (导引术) im Zusammenhang mit Yangsheng (养生) zu geben. Sehr grob übersetzt bedeuten diese Begriffe etwa „die Kunst, durch führen und leiten (des Qi) die Lebensquelle zu pflegen“.

Und so lässt er uns zunächst durch einfache Vorübungen spüren, wie der Lungenmeridian durch heben der Arme zur Seite und kraftvollen Druck der Daumen nach hinten aktiviert wird und nach 20 Sekunden - spürbar durch Wärmeentwicklung an Mittelfinger und Laogong-Punkt - auch der Herzmeridian anspringt.


Nach ein paar Lockerungen üben wir jetzt, wie ein Frosch ins Wasser zu springen (für den verspannten Nacken), zu fliegen wie ein Adler (dehnt die Schultern auf) und zuletzt schauen wir noch - zur besseren Beweglichkeit und Stärkung der Wirbelsäule - wie ein Tiger nach hinten. Das müssen wir jetzt noch alles schnell zusammenschreiben, damit wir zuhause im Büro schön weiterüben können.

Dienstag, 17. April 2018

Die Ankunft des Herrn


Die letzten Tage waren ganz nett und genau richtig, um sich auf Land, Leute und Essen einzustellen und Zhang Lei hat nicht wirklich viel von uns abverlangt. Entspricht auch nicht wirklich seinem etwas gemütlichen Naturell. Nun ist aber Schluss mit lustig: Guan ist von seiner Reise zurückgekehrt, mitten in der Nacht und schon bereit, sich anzuschauen, was wir wohl so im letzten Jahr getrieben haben. Er lässt sich unsere Version der 13er Form vorführen. Danach ist er erstmal still. Ich sehe es auf seiner Stirn: „wo fange ich bloß an?“ Er fasst sich aber schnell, sucht sich die schlimmste Abweichung heraus und lässt uns erst einmal den Anfang wieder hinbiegen. Falls jemand mit der Idee kam, die Form sei abgehakt und jetzt könnte man was Neues anfangen - die Illusion hat sich gerade erledigt.

Während wir mit unseren Aufräumarbeiten beschäftigt sind, schaue ich mir unsere chinesischen Mitschüler, die mittlerweile eingetroffen sind, an. Yan aus Beijing ist wieder da, aber die gehört ja zu uns und wir freuen uns, dass wir nun wieder eine prima Übersetzerin haben, die zu unserer Schadenfreude auch gern an Zhang Leis miserablen Aussprache herummäkelt. 

Ganz neu ist aber ein Paar, das perfekt gewandet - er ganz in schwarz, sie komplett weiß - mit nagelneuen Kitteln heute aufgetaucht ist. Sie tragen nicht nur wadenlange Oberteile - was zum normalen Training schon ungewöhnlich genug ist, sondern auch noch  ebenfalls lange Chasubles. Bei annähernd 30 Grad schon sportlich. Jetzt wollen wir aber auch etwas sehen, wenn jemand schon im Meistergewand auftritt. Es klärt sich schnell: völlige Anfänger, die ihre ersten Schritte wagen. Aber Hauptsache, die Show stimmt.

Montag, 16. April 2018

Fortschritte

Nachdem der erste Trainingstag nur zum Ankommen diente, geht es nun etwas eher zur Sache. Nach dem gemeinsamen Aufwärmen und Schritteüben wird die Gruppe unterteilt in weiter Schritte üben, 18er Form und uns, den „Fortgeschrittenen", die an 28iger und 13er Form arbeiten. Lei huscht von Gruppe zu Gruppe, korrigiert hier, belehrt da. Ich bin überrascht, welche Fortschritte der liebenswerte Junge, der letztes Jahr doch arg verhuscht rüberkam, gemacht hat. Ohne die Aufsicht des Meisters, der nicht nur seine Schüler, sondern auch seinen Gehilfen ständig im Blick hatte, macht er sich richtig gut, hat eigene Ideen und Anregungen, die er wohl in Guans Anwesenheit nicht gebracht hätte. Er lässt uns eine Weile üben, dann kommt er wieder zurück um sich unsere Version der 13er Form anzuschauen. Wir geben uns Mühe, alles richtig zu machen und finden uns eigentlich nicht schlecht. Leis hält kurz inne, dann sagt er uns: „versucht doch einmal, keine Form zu laufen, sondern Taiji zu üben!" Wir sind erst einmal kurz verblüfft, dann verstehen wir. „You shall enjoy what you do!". Ja, hat er recht, von Genuss waren wir weit entfernt - also das Ganze nochmal mit einem Lächeln auf den Lippen, jeder Bewegung nachspüren, nicht mehr Arme und Beine bewegen sondern den natürlichen Fluss folgen. Genau, da war was!

Eigentlich hatte Lei geplant, dass wir unser Wochenende auf Montag und Dienstag vorziehen und am Dienstag ganz früh gemeinsam losziehen um den alten Dr. Wang, Guans Meister, einen Berg weiter zu besuchen. Alles schon geplant, Lei gibt uns die Bergkarten aus, wir bekommen noch vom Hotel Bestätigungen, dass wir tatsächlich Langzeitgäste sind, da es die früher üblichen Jahreskarten nicht mehr gibt. Wir wollen den freien Nachmittag nutzen, um ins Tal zu fahren, endlich Geld zu tauschen, die Schneiderin zu besuchen und ich habe mich auch schon mit einer Freundin zum Jiaozi-Essen verabredet. Im Laufe des Vormittags wird Lei unruhig, er meint, dass er vorher nochmal mit den Leuten am Tor sprechen muss, damit wir wieder zurück können. Telefonisch hat er das wohl nicht geschafft, er will also runter fahren und uns Bescheid sagen, wenn wir kommen können. Ich schätze die Zeit und bitte die Gruppe, sich bereit zu halten, damit wir sofort losfahren, wenn die Meldung von Lei kommt. Nach einer Dreiviertelstunde kommt der Anruf, aber es stellt sich heraus, dass Lei auf der Hälfte der Strecke hängengeblieben ist, es dauert also noch und Lei fürchtet, dass wir derweil verhungern. Wir sollen vorsichtshalber doch im Hotel essen. Seufzend sage ich meine Verabredung ab, ich glaube nicht mehr an Wunder. Eine Stunde später meldet Lei sich wieder: nein, alles sei sehr schwierig, wir könnten zwar runter kommen, müssten dann aber den vollen Eintritt bezahlen, immerhin rund 35 EUR. Und wie ist es mit morgen, wenn wir Dr. Wang besuchen? Stille. Darüber hat Lei nicht nachgedacht. Das Gespräch wird immer unverständlicher, ich entscheide jetzt einfach mal: wir fahren heute nicht runter und verschieben die Fahrt zu Dr. Wang. Lei stimmt entkräftet zu. Er bleibt jetzt aber trotzdem im Tal bei seiner Freundin, so dass wir uns halt mal ohne Ausgang beschäftigen werden. Schmeißt zwar ein bisschen unsere Planung durcheinander - besonders die von Yigal und seiner Frau, die unser übliches Wochenende am Mittwoch und Donnerstag nutzen wollte, um einen Kurztrip nach Beijing zu unternehmen. Aber es wird ja eh viel zu viel geplant.

Kurz danach taucht Chenchen bei mir auf: scheinbar wurde zwischenzeitlich mit Guan konferiert und der hat wohl ein Machtwort gesprochen und Lei wieder auf den Berg beordert. Nun also doch wieder Training morgen. Und wenn Guan wieder da ist, wird er sich um die Tickets kümmern, kann doch alles nicht wahr sein, um alles muss man sich selber kümmern...in Leis Haut möchte ich jetzt nicht stecken.

Wir nutzen mit einer kleinen Gruppe den freien Nachmittag, um in das Affental zu fahren. Es ist wie immer sehr nett, allerdings kommt man immer noch nicht sehr weit. Früher gab es einen sehr schönen Pfad durch das Tal bis hoch zum Mitteltempel, ausgestattet mit vielen Holzbrücken und Stegen, die bei dem Klima auf dem Berg natürlich nicht lange hielten und nach wenigen Jahren völlig vermodert waren. Das machte die Tour einerseits sehr abenteuerlich, andererseits hatte man den Pfad weitgehend für sich mit nur wenigen anderen Wanderern. Dann hat man vor ein paar Jahren alles mit Beton ausgegossen, in liebevoller Handarbeit so verziert und angemalt, dass man es für Holz halten konnte (ab -3 Dioptrin ohne Brille). Das fand die Natur wohl so ätzend, dass sie die Aufbauten bei einer großen Überschwemmung mit einem Schlag abgeschüttelt hat, dass der Pfad heute kaum noch begehbar ist. Wir kommen entsprechend nicht sehr weit und als ein paar Gruppenmitglieder auf eine Brückenruine klettern um zu schauen, wie es weiter geht, ist mir das zwar erst egal aber nur bis ich mir vorgestellt habe, wie ich den Sanka herbeitelefoniere um die Helden in das hiesige Krankenhaus transportieren zu lassen. Und was ich mir dann von Guan anhören darf. Da werde ich dann doch etwas schrill und bitte die Herren höflich aber bestimmt zurück. Abenteuer bitte ohne mich.

Auf dem Weg begegnen wir einer Gruppe junger Leute, die sich zum Malen an den Bachlauf gesetzt haben. Wir schauen uns an, welchen Eindruck jeder zu Papier gebracht hat. Ich bin fasziniert, wie unterschiedlich die Gemälde ausfallen, obwohl doch alle das selbe Motiv betrachten. Allerdings würde ich in keiner der Zeichnungen das erkennen, was ich so sehe. Da mangelt es mir wohl einfach an Phantasie.