Donnerstag, 29. Oktober 2009

….wieder da

Die Wiedereingliederung in die Heimat hat mich einige Tage gekostet, aber natürlich möchte ich nicht versäumen, über die letzten Tage in China zu berichten. Deshalb verspätet aber nicht zu spät die Nachlese:


Das hübsche Städtchen Wuhan hat mich pünktlich um 5 Uhr in voller Schönheit und Pracht erwartet. Mein Versuch, diesmal ein offizielles Taxi zu ergattern, scheitert an dem Trickreichtum eines Herren, der sich einfach neben ein echtes Taxi stellt, mir den Rucksack aus der Hand nimmt und zu seiner Privatkarosse schleppt. Das Gezetter des echten Taxifahrers im Ohr folge ich ermattet und überlege mir für's nächste Mal eine bessere Strategie. Glücklicherweise weiss ich ja, wo das Hotel ist, so dass wir beide uns eine längere Sightseeing-Tour ersparen. Dank Peis Fürsorge ist tatsächlich um die nachtschlafende Zeit ein Zimmer für mich vorbereitet, so dass ich nicht wie beim letzten Mal mühevoll ein paar Stunden herumbringen muss, bis ich endlich meine müden Knochen noch ein wenig erfrischen kann. Mittlerweile hat sich meine kleine Freundin Cici, die in Wuchang Englisch studiert, gemeldet und ihre Ankunft für die Mittagszeit angekündigt. Sie wird noch eine Freundin mitbringen. Die sei sehr groß. Ich möchte wissen, was das bedeutet. Warte es ab. Pünktlich laufen die beiden ein und ich verstehe. Cici ist etwa 1,50 m, ihre Freundin dagegen riesig. Also so groß wie ich. Ich muss über die beiden lachen und erkläre, dass meine Größe von 1,69 m in Deutschland nicht gerade als Gardemaß gilt und ich mich jedesmal dran gewöhnen muss, dass ich hier zu den ganz Großen gehöre. Spätestens wenn es um Klamottenkauf geht, ein echter Born der Freude...


Ich mache mir mit den beiden Damen einen schönen Nachmittag mit Shoppen und Begutachtung der vielen Skurilitäten, die diese Stadt zu bieten hat. Vieles davon zum Kaufen. Einiges davon nun hier in unserer kleinen Stadt. Am Abend treffen wir uns mit meinem früheren Lehrer Laohei, der zwischenzeitlich hier an einer Schule unterrichtet. Er ist etwas schüchtern, blüht aber schnell auf, als er uns drei Damen zum Essen ausführen darf. Als sich Cici und ihre Freundin, die den schönen Namen Stefanie ausgewählt hat, sich verabschieden, nehme ich die Herausforderung an: mein erstes längeres Gespräch auf Chinesisch. Ohne Fluchtmöglichkeit in eine andere Sprache. Aber Laohei ist ein geduldiger Lehrer, immer wieder wiederholt er seine Sätze, bis ich endlich festgestellt habe, ob ich die Aussprache nicht verstehe oder schlicht die Vokabeln nicht kenne. Wir unterhalten uns zwei Stunden lang über Gott und die Welt – glaube ich zumindest – und haben viel Spaß dabei. Ich freue mich sehr darüber, dass es gelungen ist, die Verbindung zu diesem außergewöhnlichen jungen Mann aufrecht zu erhalten, nachdem er Wudang Shan verlassen hat. Ich hoffe sehr, dass er etwas aus seinem großen Talent macht. Vielleicht gelingt es mir ja doch noch, ihn eines Tages nach Deutschland zu locken, damit er bei uns ein Seminar gibt.


Am nächsten Tag geht es weiter Richtung Shanghai. Ich bin sehr gespannt, ob sich die Stadt wohl verändert hat. Seit 4 Jahren war ich nicht mehr dort und habe bisher nur die üblichen Touristenrouten kennen gelernt, weil ich eigentlich keine Riesenstädte mag und immer versuche, schnellstens ins Hinterland zu kommen. Meine Freundin Stefanie hat mir eine für sie typische Wegbeschreibung geschickt, damit ich weiß, mit welchem Bus ich wohin zu fahren habe, welche Straßen zu überqueren sind und was alles unterwegs zu beachten ist. Ich hatte über den Text eine Weile meditiert und bin gespannt, wie sich wohl die Realität so darstellt. Es zeigt sich, dass alle Fakten aufgezählt waren, allerdings die Reihenfolge der Baustellen, Seitenwechsel undsoweiter sind leider nicht ganz chronologisch. Vielleicht hat sie eine alphabetische Ordnung gewählt? Egal, irgendwann finde ich das Gästehaus, mache ich frisch und nehme den nächsten Bus ins Ort. Tatsächlich treffe ich Stefanie und sie zeigt mir die Straßen des Viertels. Ich verliebe mich in ein T-Shirt einer jungen Designer-Firma, auf dem in dem Puma-typischen Schriftzug „Miao“ gedruckt steht und eine springende Katze abgebildet ist. Das Shirt ist schwarz. Nach meiner Erfahrung sehr bald schwarz mit weißem Xiaomo-Haar, aber das gehört dazu und hindert mich nicht. Am Abend treffen wir uns mit Bettina, die abgehetzt von der Arbeit kommt, im „Barbarossa“ und nehmen ein paar kühle Drinks zu uns, während wir auf der Terrasse sitzen und auf den Renmin-Gongyuan (vulgo: Volkspark, haben wir auch in Mainz) schauen. Zu Hause gab es einen Wintereinbruch. Minusgrade. Das Leben ist schön.

Am nächsten Tag treffe ich endlich Meister Wu Mao Gui nach Jahren wieder, den alten Haudegen. Er raucht immer noch wie ein Schlot und nötigt mich bei jeder Gelegenheit, mit ihm zu qualmen und auch die schöne Angewohnheit, einen dreckig auszulachen, wenn man dummes Zeug macht, hat er nicht abgelegt. Ich mag den Mann und sein Fajing ist einfach unglaublich. Ich bemühe mich ein wenig, die Schläge so zu leiten, wie er es mir zeigt – keine Chance. Hier wäre auch mal wieder ein längerer Aufenthalt angezeigt. Ach, es gibt so viel zu lernen...




Meister Wu hatte ursprünglich eine Einladung, bei der persönlich kochen wollte, ausgesprochen. Im Überschwang hat er aber nun so viele Leute eingeladen, dass seine Wohnung diese Menschenmasse unmöglich fassen kann. Also treffen wir uns erst zum Tee, um dann gemeinsam in ein Restaurant zu gehen. Neugierig schaue ich mich in der Wohnung um. Ich weiß, dass er gerade erst in den Neubau eingezogen ist. Ich bin verblüfft, als wir uns durch ein wahres Labyrinth dem Haus näheren. Es ist gelungen, den Neubau in kurzer Zeit mit so viel Patina zu versehen, dass er in seiner baufälligen Umgebung gar nicht auffällt. Erstaunlich. Die Wohnung selbst ist gemütlich und zweckmäßig eingerichtet. Ich werde den Katzen des Meisters vorgestellt. Er hat in Deutschland meine beiden Exemplare kennen gelernt und war über die Ausmaße tief beeindruckt.


Als die Gruppe von mittlerweile stolzen 16 Mann vollständig ist, geht es gemeinsam los Richtung Restaurant. Und dann wir aufgetischt. Nach zwei Wochen Einfachskost gehen mir schnell die Augen über. Über verschiedene Fischgerichte, Garnelen, Jakobsmuscheln, Fleischgerichte, Fruchtkompositionen, unzählige Gemüsegerichte – eines leckerer als das andere. Ich bedaure unendlich, dass der Magen irgendwann eine Grenze setzt – wie schade! Mittlerweile brennt die Luft – nicht nur, weil wir ständig mit Zigaretten beworfen werden, die wir aufrauchen müssen, sondern auch, weil nach vielen Runden „Gan Bei“ der eine oder andere seinem Temperament freien Lauf lässt und die geneigte Tischrunde mit lustigen Geschichten unterhält. Irgendwann fordert Bettina – bevor ich ihr kräftig ans Schienbein treten kann – einen der Herren auf, doch mal ein Liedchen zu singen, das könne er doch so gut. Das lässt er sich nicht zweimal sagen. Und es ist natürlich völlig klar, wer als nächstes dran ist mit Singen. Vielen Dank. Zur Dritt lassen wir im Schnelldurchlauf alles bekannte Liedgut Revue passieren, stellen fest, dass wir keinen einzigen Text parat haben, bis dann die rettende Idee kommt: „Theo, spann den Wagen an“ – wenig Text! Stefanie hat Chorerfahrung, Bettina und ich brummeln den Kanon irgendwie mit, klingt zwar ziemlich schräg, aber es erheitert auf jeden Fall die andächtig lauschende Gemeinde. Nach dem dann noch ein kleines Kräftemessen einiger leicht angetrunkener Herren auf dem Programm steht, was glücklicherweise ohne Verletzte abgeht, ist dieser wunderbare Abend dann auch beendet. Wir stellen uns noch gemeinsam zu einem Abschlussfoto, das der übermüdete Nachtwächter des mittlerweile menschenleeren Lokals schießt, auf und trennen uns als Freunde. Was für ein Abend!




Für den nächsten Tag habe ich mich mit meiner Freundin Viktoria, die im August mit ihrer Familie nach Shanghai ausgewandert ist, verabredet. Vor dem Architekturmuseum am Volkspark schien mir als Treffpunkt sehr schlau und wurde auch widerspruchslos akzeptiert. Ich stehe vor dem Eingang, nach 10 Minuten der erste Anruf. Bin noch unterwegs, ich weiß nicht wo, wird später. Hatte ich schon gemerkt. Dass Verabredungen bei diesem Verkehrschaos eher unverbindlichen Charakter haben, ist eigentlich selbstverständlich, da braucht man kein Wort darüber zu verlieren. Nach 20 Minuten der nächste Anruf: „ich stehe jetzt vor dem Museum, wo bist du denn?“. Nun wird es also spannend. Ich renne um das Gebäude. Keine Viktoria. Mir schwant etwas. Am Park gibt es ein weiteres großes Gebäude, das man mit etwas gutem Willen durchaus mit dem Museum verwechseln kann: das Theater. Auf der anderen Seite des Parks. Ich heiße Viktoria, sich nicht zu rühren und sprinte los. Erreiche die andere Seite. Keine Viktoria. Nächster Anruf. Ich lasse mir das Gebäude beschreiben „so braun mit einem Erker“. Aha. Das trifft definitiv auf keines der beiden Häuser zu. Aber da gibt es noch so ein kleines Gebäude, in der kleine Ausstellungen stattfinden – vielleicht das? Ich renne los. Keine Viktoria. „Wenn du dich umdrehst, was siehst du?“ - „Ein großes Gebäude, da steht Samsung drauf“. Ja, das habe ich schonmal gesehen. Auf der anderen Seite. Himmelarmundzwirn. Und wieder Rennen. Nun, wie soll ich sagen...Viktoria, mittlerweile etwas kleinlaut – „bis zu dem Samsung-Gebäude ist es noch ganz schön weit...“ In zähen Verhandlungen kriegen wir endlich geklärt, dass sie mutmaßlich vor dem Shanghai-Museum steht, was jetzt nicht unmittelbar am Volkspark liegt...wir schaffen es am Ende, uns tatsächlich vor dem Architektur-Museum zu treffen und es stellt sich heraus, dass auch Viktoria dort ihren Irrweg begonnen hat. Prima, Prüfung bestanden. Was könnte die nächste Herausforderung sein – Treffen in Chongqing?


Nach einer erfolgreichen Shopping-Tour, bei der ich – wieder einmal – das ultimative China-Handy erstehe, fahren wir gemeinsam in den Vorort, in der Viktoria ihr neues Zuhause gefunden hat. Ein hübsches kleines Häuschen in einer sehr gepflegten Anlage – so lässt es sich natürlich leben. Die Kinder begrüßen mich freudig, wir haben uns ja schon eine Woche nicht mehr gesehen. Den kleinen Wudang-Ausflug haben die beiden Jungs offensichtlich gut überstanden. Flehentlich bitten sie mich, ihre Eltern zu einem Ausflug zum Italiener zu überreden – offensichtlich haben die Kinder das chinesische Essen ein wenig über. Mir ist es egal, ich esse auch mal ne Pizza in Shanghai und so landen wir schließlich in einer Oase europäischen Glücks: Pizzeria mit hausgemachtem Eis, angeschlossener Bäckerei in der sich alles findet, was der Auswanderer zu vermissen glaubt: Vollkornbrot, Nussecken, Nutella – und Köstritzer Schwarzbier ist auch im Angebot. Ich verzichte.

Es ist ein liebgewonnenes Ritual, mir immer auf dem Rückflug vorzustellen, wie das erste gute deutsche Bier meine Kehle hinunterrinnt und ich den Geschmack einer Gorgonzola-Pizza auf der Zunge verspüre...das möchte ich mir nicht nehmen lassen.


Zu Hause erwartet mich eine Überraschung: Viktoria hat mir ein ganzes Bündel Hello-Kitty-Leckerlis besorgt, die sie mir freudestrahlend überreicht. Ich bin gerührt. Nachdem mein strammer Zeitplan nun doch nicht gestattet, den hiesigen Hello-Kitty-Devotionalien-Laden aufzusuchen, kann ich jetzt doch einige Trophäen mit nach Hause nehmen. Ich bin begeistert!

Den nächsten Morgen begehen wir noch mit einem gemeinsamen Frühstück auf der Terrasse (wieder einmal denke ich an die Temperaturen in Deutschland), bevor es zurück ins Hotel geht. Packen. Auschecken. Noch ein paar Stunden verbummeln, unnützes Zeug kaufen – und der Flughafenbus bringt uns nach Pudong. Bettina begleitet uns. Tieftraurig verabschiede ich mich. Bis zum nächsten Mal. 再见