Freitag, 31. Dezember 2010

Liebe Deutsche Bahn!

Der letzte Tag 2010 ist angebrochen; der richtige Moment, mich bei dir für ein abwechslungsreiches Jahr, das selten langweilig zu werden drohte, zu bedanken. Besonders für die gestrige furiose Abschiedsvorstellung auch von meiner Seite (ich nehme an, auch Andere werden sich hierzu noch dankend äußern) noch ein doppeltes "Daumen hoch" und "Weiter so!".

Nachdem ich mich überzeugt hatte, klugerweise einen Zug zu nehmen, der erst in Stuttgart bereitgestellt wird und dessen Verspätungsrisiko von daher eher überschaubar ist (zumindest können Klassiker wie "verspätete Übergabe aus dem Ausland" ausgeschlossen werden), bin ich bester Dinge und erwartungsfroh zum Bahnhof gereist. In den letzten Tagen wurde immer ein lustiges Bahnsteigroulette gespielt, weil man sich gerne mal umentschied, von wo aus man die Bähnchen denn laufen lassen wollte. Fand nicht jeder lustig, auch das verzweifelte Personal auf den Gleisen nicht, das auf Fragen wie "von wo fährt der Zug denn jetzt ab?" zunehmend hysterisch reagierte mit klaren Aussagen wie "woher soll ich das denn wissen, ich renne hier auch nur hin und her?". Ja, geteiltes Leid ist halbes Leid und es ist ja schon ein gutes Gefühl, dass wir alle - Möchtegernreisende und Personal - in einem Boot sitzen.

Heute aber: der Zug wird angezeigt, und zwar übereinstimmend nach Fahrplan, Fahrgastauskunft, vulgo "Bahnorakel", und Anzeigetafel. Das hätte mich eigentlich misstrauisch machen müssen. Ich stehe auf dem Bahnsteig, warte auf die Bereitstellung. Fupp! - ein völlig anderer Zug steht an! Raunen in der Menge, die Bahnbedienstete duckt sich. Fünf Minuten später die Ansage: die Bereitstellung meines Zuges verspätet sich um voraussichtlich 5 Minuten. Da stehen an der Anzeige aber schon 10 Minuten an...ich gehe kurz in mich, denn 10 Minuten sind hier zulande ein dehnbarer Begriff und bestehen nicht immer aus 600 Sekunden. Beherzt entere ich den unerwartet aufgetauchten Zug; ein leicht verspäteter (45 Minuten) ICE nach Irgendwo, egal, in Mannheim werde ich schon irgendwie weiterkommen. Im Zug sitze ich wenigstens warm und trocken und habe genug Zeit, den Faltplan ausgiebig zu studieren und festzustellen, dass ich in Mannheim nicht wirklich weiterkomme, denn Regionalbahn ist nur etwas für Leute, die deutlich härter (und geduldiger) als ich sind. Mein ursprünglich eingeplanter Zug ist mittlerweile 40 Minuten verspätet, was der Gute solange getrieben hat auf dem Weg vom Abstellgleis zur Bereitstellung - ich werde es nie erfahren.

In Mannheim steht noch ein geduldig wartender ICE rum, der mich zumindest zum Frankfurter Fernbahnhof bringen könnte, aber da, wenigstens von dort, sollte ich irgendwie heim in die Zivilisation kommen! Unnötig zu erwähnen, dass ich eine Verabredung mit meinen Freundinnen habe, um das Jahr in einer gemütlichen Kneipe ausklingen zu lassen. Ihr Trost (wenn man das so nennen mag) hatte mich bereits im Vorfeld ereilt, wir wissen ja alle, worauf stets Verlass ist...auf mein unpünktliches Erscheinen auf jeden Fall.

Der nächste Fahrtabschnitt fällt in die Kategorie "Viehtransport", aber es gelingt mir immerhin, mich vorsichtig zu Boden sinken zu lassen, auch wenn der Winkel meiner Knie bedenklich spitz und die Sitzposition alles andere als bequem ist. Aber so kann ich mich wenigstens einfach wieder hochschieben, wenn tatsächlich irgendein Wahnsinniger vorbei möchte. Ich sitze in einer Reihe lustiger junger Leute: zwei Physiotherapeutinnen auf dem Weg zu einer Fortbildung und ein Herr mit deutlich niederländischen Akzent, der sich als angehender Mediziner outet. Nach kurzer Zeit ist eine lebhafte Diskussion im Gange: die beiden Damen treten sehr beherzt für alternative Behandlungsmethoden ein, und was ich hier und jetzt über Reiki, Meridiane, Akupunktur und allgemein über TCM lerne, wird Meister Guan sicher sehr verblüffen, wenn ich ihm im Mai über meine neuen Erkenntnisse berichte. Ich sitze nur dabei und lausche; statt mitzudiskutieren finde ich es erheblich spannender, dem Mediziner zuzuhören, wie er die schulmedizinischen Standpunkte zu Irisdiagnose und Kinesiologie ziemlich klar und deutlich vertritt. Keine Frage, die drei haben sich einiges zu sagen und werden wohl bis Amsterdam viel Spaß miteinander haben.

Rechts neben mir am Boden kämpft eine junge Mutter mit ihrem Jungen, schon ganz heiser vom lautstarkten Bemühen, den Kleinen zu "Mali Mali" zu bewegen. Nein, der kleine Brooklyn - ein Name, der in den nächsten 30 Minuten gefühlte 100 Mal fallen wird - hat offensichtlich keinen Bock, auf irgendwelchen Zetteln rumzuschmieren sondern hat mehr so "Tobi Tobi" und "Nervi Nervi" im Sinn. Zwischendurch klingelt ihr Handy, die Omi des Jungen am anderen Ende. Mutti erklärt der Dame deutlich genervt, wann sie voraussichtlich ihre Brut in Düsseldorf glücklich in die Arme schließen darf "und dann bring' ich dir deinen missratenen Enkel!" Klingt nach einer Drohung und die feine Ironie, die in ihrer Aussage liegt, entgeht der Dame offenkundig völlig.

Im großen und ganzen mit ich mit meiner Umgebung nicht völlig unglücklich, die halbe Stunde ist schließlich schnell überstanden, da fällt mein Blick auf einen Mitreisenden, der mir auch morgens in Mainz stets begegnet. Schon beim Einsteigen ist mir eine Frau aufgefallen, deren gepflegtes Äußeres nicht völlig im Einklang mit ihrem atemberaubenden Verhalten steht. Seit sie den Zug betreten hat, pöbelt sie auf das Unflätigste herum und lässt ihre Umwelt teil an ihren Plänen haben, wen sie alles "in die Fresse hauen" will. Ihr geduldiger Mitreisender ist das wohl schon gewohnt, jedenfalls lächelt er nur fein. Wahrscheinlich steht er unter Drogen. Ich hatte ein paar Mal Blickkontakt mit der Frau und ich glaube, stünde ich etwas näher, würde mir mein gelegentlich etwas vorwitziges Mundwerk die schönste Schlampen-Prügelei einbringen. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, schließlich wäre ja heute Trainingstag und ich war eh etwas faul in letzter Zeit.

Nun, mein Pendlerkollege steht neben ihr und leidet geduldig aber gewaltfrei. Bewundernswert. Jede lustige Reise geht einmal dem Ende zu und so platzen wir schließlich gemeinsam auf den Bahnsteig des Frankfurter Flughafens. Mittlerweile habe ich mit dem Kollegen Kontakt aufgenommen; der ist in Besitz eines wertvollen Schatzes: ein Fahrplan! Wir hetzen durch das Flughafenlabyrinth, gerade rechtzeitig um noch die S-Bahn nach Mainz zu erreichen. Fast enttäuscht nehmen wir freie Plätze ein und tauschen uns aus, über das letzte große Abenteuer, dass dieses durchorganisierte Land für uns Adrenalin-Junkies bereit hält: Travelling with Deutsche Bahn.

Thank You!

Achja, der Zug, den ich ursprünglich nehmen wollte, kam ziemlich zeitgleich mit der S-Bahn dann am Bahnhof an. Falsche Entscheidung? Nein - wieviel menschliche Nähe habe ich so genießen dürfen!

Mittwoch, 22. Dezember 2010

...und noch Eine

Nachdem ich dieser Tage eine etwas ältere, alle Jahre wieder per E-Mail verbreitete Geschichte veröffentlicht habe, damit auch die dem üblichen Büro-Netzwerk nicht Angeschlossenen Spaß daran haben, habe ich die eine oder andere "kennst-du-den-schon"-Mails bekommen. Hier also die nächste Winter-Geschichte (mit Dank an den Kollegen, der weiß, dass er gemeint ist):

Ich liebe Schnee ...

8. Dezember 18:00
Es hat angefangen zu schneien. Der erste Schnee in diesem Jahr. Meine Frau und ich haben unsere Cocktails genommen und stundenlang am Fenster gesessen und zugesehen wie riesige, weiße Flocken vom Himmel herunter schweben. Es sah aus wie im Märchen. So romantisch - wir fühlten uns wie frisch verheiratet. Ich liebe Schnee.

9. Dezember
Als wir wach wurden, hatte eine riesige, wunderschöne Decke aus weißem Schnee jeden Zentimeter der Landschaft zugedeckt. Was für ein phantastischer Anblick ! Kann es einen schöneren Platz auf der Welt geben ? Hierher zu ziehen war die beste Idee, die ich je in meinem Leben hatte. Habe zum ersten Mal seit Jahren wieder Schnee geschaufelt und fühlte mich wieder wie ein kleiner Junge. Habe die Einfahrt und den Bürgersteig freigeschaufelt. Heute Nachmittag kam der Schneepflug vorbei und hat den Bürgersteig und die Einfahrt wieder zugeschoben, also holte ich die Schaufel wieder heraus. Was für ein tolles Leben.

12. Dezember
Die Sonne hat unseren ganzen tollen Schnee geschmolzen. Was für eine Enttäuschung. Mein Nachbar hat gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll, wir werden definitiv eine weiße Weihnacht haben. Kein Schnee zu Weihnachten wäre schrecklich ! Bob sagt, dass wir bis zum Jahresende so viel Schnee haben werden, dass ich nie wieder Schnee sehen will. Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Bob ist sehr nett - ich bin froh. dass er unser Nachbar ist.

14. Dezember
Schnee, wundervoller Schnee, 130 cm letzte Nacht. Die Temperatur ist auf -20 Grad gesunken. Die Kälte lässt alles glitzern. Der Wind nahm mir den Atem, aber ich habe mich beim Schaufeln wieder aufgewärmt. Das ist ein Leben ! Der Schneepflug kam heute Nachmittag wieder zurück und hat wieder alles zugeschoben. Mir war nicht klar, dass ich soviel würde schaufeln müssen, aber so komme ich wieder in Form. Wünschte, ich würde nicht so Pusten und Schnaufen.

15. Dezember
60 cm Vorhersage. Habe meinen Kombi verkauft und einen Jeep gekauft. Und Winterreifen für das Auto meiner Frau und zwei Extraschaufeln. Habe den Kühlschrank aufgefüllt. Meine Frau will einen Holzofen, falls der Strom ausfällt. Das ist lächerlich - schließlich sind wir doch nicht in Alaska.

16. Dezember
Eissturm heute Morgen. Bin in der Einfahrt auf den Arsch gefallen. als ich Salz streuen wollte. Tut höllisch weh. Meine Frau hat eine Stunde gelacht. Das finde ich ziemlich grausam.

17. Dezember
Immer noch weit unter Null. Die Strassen sind zu vereist, um irgendwohin zu kommen. Der Strom war 5 Stunden weg. Musste mich in Decken wickeln, um nicht zu erfrieren. Kein Fernseher. Nichts zu tun, als meine Frau anzustarren und zu versuchen, sie zu irritieren. Glaube, wir hätten einen Holzofen kaufen sollen, würde das aber nie zugeben. Ich hasse es, wenn sie Recht hat ! Ich hasse es, in meinem eigenen Wohnzimmer zu erfrieren !

20. Dezember
Der Strom ist wieder da, aber noch mal 40 cm von dem verdammten Zeug letzte Nacht! Noch mehr zu schaufeln. Hat den ganzen Tag gedauert. Der beschissene Schneepflug kam zweimal vorbei. Habe versucht eines der Nachbarskinder zum Schaufeln zu überreden. Aber die sagen, sie hätten keine Zeit, weil sie Hockey spielen müssen. Ich glaube, dass die lügen. Wollte eine Schneefräse im Baumarkt kaufen. Die hatten keine mehr. Kriegen erst im März wieder welche rein. Ich glaube, dass die lügen. Bob sagt, dass ich schaufeln muss oder die Stadt macht es und schickt mir die Rechnung. Ich glaube, dass er lügt.

22. Dezember
Bob hatte recht mit weißer Weihnacht, weil heute Nacht noch mal 30 cm von dem weißen Zeug gefallen sind und es ist so kalt. dass es bis August nicht schmelzen wird. Es hat 45 Minuten gedauert, bis ich fertig angezogen war zum Schaufeln und dann musste ich pinkeln. Als ich mich schließlich ausgezogen, gepinkelt und wieder angezogen hatte, war ich zu müde zum Schaufeln. Habe versucht für den Rest des Winters Bob anzuheuern, der eine Schneefräse an seinem Lastwagen hat, aber er sagt, dass er zu viel zu tun hat. Ich glaube, dass er lügt.

23. Dezember
Nur 10 cm Schnee heute. Und es hat sich auf 0 Grad erwärmt. Meine Frau wollte, dass ich heute das Haus dekoriere. Ist die bekloppt ? Ich habe keine Zeit - ich muss SCHAUFELN !! Warum hat sie es mir nicht schon vor einem .Monat gesagt ? Sie sagt, sie hat, aber ich glaube, dass sie lügt.

24. Dezember
20 Zentimeter. Der Schnee ist vom Schneepflug so fest zusammengeschoben worden, dass ich die Schaufel abgebrochen habe. Dachte, ich kriege einen Herzanfall !. Falls ich jemals den Arsch kriege, der den Schneepflug fährt, ziehe ich ihn an seinen Haaren durch den Schnee, ich weiß genau, dass er sich hinter der Ecke versteckt und wartet, bis ich mit dem Schaufeln fertig bin. Und dann kommt er mit 150 km/h die Straße runtergerast und wirft tonnenweise Schnee auf die Stelle, wo ich gerade war. Heute Nacht wollte meine Frau mit mir Weihnachtslieder singen und Geschenke auspacken, aber ich hatte keine Zeit. Musste nach dem Schneepflug Ausschau halten.

25. Dezember
Frohe Weihnachten. 60 cm mehr von der .....!!! Eingeschneit. Der Gedanke an Schneeschaufeln lässt mein Blut kochen. Gott, ich hasse Schnee ! Dann kam der Schneepflugfahrer vorbei und hat nach einer Spende gefragt. Ich hab ihm meine Schaufel über den Kopf gezogen. Meine Frau sagt, dass ich schlechte Manieren habe. Ich glaube, dass sie eine Idiotin ist.

26. Dezember
Immer noch eingeschneit. Warum um alles in der Welt sind wir hierher gezogen ? Es war alles IHRE Idee. Sie geht mir echt auf die Nerven.

27. Dezember
Die Temperatur ist auf -30 Grad gefallen und die Wasserrohre sind eingefroren.
28. Dezember
Es hat sich auf -5 Grad erwärmt. Immer noch eingeschneit - DIE ALTE MACHT MICH VERRÜCKT !!!
29. Dezember
Nochmal 30 Zentimeter. Bob sagt, dass ich das Dach freischaufeln muss, oder es wird einstürzen. Das ist das Dämlichste was ich je gehört habe. Für wie blöd hält der mich eigentlich ?

30. Dezember
Das Dach ist eingestürzt. Der Schneepflugfahrer verklagt mich auf 50.000 Euro Schmerzensgeld. Meine Frau ist zu ihrer Mutter gefahren. 25 Zentimeter vorhergesagt.

31. Dezember
Habe den Rest vom Haus angesteckt. Nie mehr Schaufeln.
8. Januar
Mir geht es gut. Ich mag die kleinen Pillen, die sie mir dauernd geben. Warum bin ich an das Bett gefesselt ???

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Alle Jahre wieder...(uralt, aber ich liebe es)

1. Dezember

AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER

Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass unsere Firmenweihnachtsfeier am 20.12. im Argentina-Steakhouse stattfinden wird. Es wird eine nette Dekoration geben und eine kleine Musikband wird heimelige Weihnachtslieder spielen. Entspannen Sie sich und genießen Sie den Abend.

Freuen Sie sich auf unseren Geschäftsführer, der als Weihnachtsmann verkleidet die Christbaumbeleuchtung einschalten wird! Sie können sich untereinander gern Geschenke machen, wobei kein Geschenk einen Wert von 20 EUR übersteigen sollte.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien eine besinnliche Adventszeit.

Tina Bartsch-Levin, Leiterin Personalabteilung


--------------------------------------------------------------------------------

2. Dezember

AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER

Auf gar keinen Fall sollte die gestrige Mitteilung unsere türkischen Kollegen isolieren. Es ist uns bewusst, dass ihre Feiertage mit den unsrigen nicht ganz konform gehen: Wir werden unser Zusammentreffen daher ab sofort „Jahresendfeier“ nennen. Es wird weder einen Weihnachtsbaum noch Weihnachtslieder geben.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien eine schöne Zeit.

Tina Bartsch-Levin, Leiterin Personalabteilung


--------------------------------------------------------------------------------

3. Dezember

AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER

Ich nehme Bezug auf einen diskreten Hinweis eines Mitglieds der Anonymen Alkoholiker, welcher einen „trockenen“ Tisch einfordert. Ich freue mich, diesem Wunsch entsprechen zu können, weise jedoch darauf hin, dass dann die Anonymität nicht mehr gewährleistet sein wird. Ferner teile ich Ihnen mit, dass der Austausch von Geschenken durch die Intervention des Betriebsrats nicht gestattet sein wird: 20 EUR sei zuviel Geld.

Tina Bartsch-Levin, Leiterin Personalforschung


--------------------------------------------------------------------------------

7. Dezember

AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER

Es ist mir gelungen, für alle Mitglieder der „Weight-Watchers“ einen Tisch weit entfernt vom Buffet und für alle Schwangeren einen Tisch ganz nah an den Toiletten reservieren zu können.

Schwule dürfen miteinander sitzen. Lesben müssen nicht mit Schwulen sitzen, sondern haben einen Tisch für sich alleine. Na klar, die Schwulen erhalten ein Blumenarrangement für ihren Tisch.

Endlich zufrieden?

Tina Bartsch-Levin, Leiterin Klappsmühle


--------------------------------------------------------------------------------

9. Dezember

AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER

Selbstverständlich werden wir die Nichtraucher vor den Rauchern schützen und einen schweren Vorhang benutzen, der den Festraum trennen kann, bzw. die Raucher vor dem Restaurant in einem Zelt platzieren.

Tina Bartsch-Levin, Leiterin Personalvergewaltigung


--------------------------------------------------------------------------------

10. Dezember

AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER

Vegetarier! Auf euch habe ich gewartet! Es ist mir scheißegal, ob’s euch nun passt oder nicht: Wir gehen ins Steakhaus! Ihr könnt ja, wenn ihr wollt, bis auf den Mond fliegen, um am 20.12. möglichst weit entfernt vom "Todesgrill", wie ihr es nennt, sitzen zu können. Labt euch an der Salatbar und fresst rohe Tomaten! Übrigens: Tomaten haben auch Gefühle, sie schreien wenn man sie aufschneidet, ich habe sie schon schreien hören, ätsch ätsch ätsch!

Ich wünsch euch allen beschissene Weihnachten, besauft euch und krepiert!

Die Schlampe aus der dritten Etage.


--------------------------------------------------------------------------------

14. Dezember

AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER

Ich kann sicher sagen, dass ich im Namen von uns allen spreche, was die baldigen Genesungswünsche für Frau Bartsch-Levin angeht. Bitte unterstützen sie mich und schicken sie reichlich Karten mit Wünschen zur guten Besserung ins Sanatorium.

Die Direktion hat inzwischen die Absage unserer Feier am 20.12. beschlossen. Wir geben Ihnen an diesem Nachmittag bezahlte Freizeit.

Josef Benninger, Interimsleiter Personalabteilung

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Wintertraum

Da mich jeder fragt wie das „so ist, jetzt, mit der Bahn und so“, schreibe ich’s halt kurzerhand mal nieder, wie das so ist, mit der Bahn und so dieser Tage. Dann muss ich mich nicht jedes Mal wieder aufregen wenn mich einer fragt. Also nehmen wir mal rein exemplarisch den gestrigen Tag, Feierabend: Blick in’s Bahnorakel – der anvisierte Zug steht schon mal mit 10 Minuten Verspätung da, ich gehe 10 Minuten verspätet los und erfahre am Bahnhof, dass ich mich über 30 Minuten Rumstehen in Eiseskälte freuen darf. Kumpel Hakan schaut glücklicherweise auch vorbei, so können wir wenigstens gemeinsam jammern. Der Zug kommt dann tatsächlich nur 20 Minuten verspätet an (deshalb sollte man auch nicht das Gleis verlassen, sonst ist man ganz schnell verlassen), die Hälfte der Türen funktioniert nicht, in fröhlicher Prügelrunde verschafft sich die Meute Einlass, vorbei an den „Defekt“-Anzeigen der Toiletten geht’s in ein fast leeres Abteil. Warum es leer ist, klärt sich schnell: die Heizung ist kaputt. Aber warme Klamotten haben wir ja eh an, brauchen wir uns wenigstens nicht mühevoll aus den Mänteln zu pellen und auch Handschuhe vergisst man nicht, wenn man sie anbehält. Das die Reservierungsanzeige nicht funktioniert interessiert eigentlich keinen und den Ausfall des Bordrestaurants nehme ich auch nur noch als kleine Ergänzung am Rande zur Kenntnis. So ist das jetzt, dieser Tage. Noch Fragen? Achja, was erwartet mich heute:




Aber ich hab’ ja Verständnis, dass man aus Kostengründen mal auf kleinere Wartungsarbeiten verzichtet: die Bahn braucht ja jetzt Knete für Stuttgart 21. Da nehme ich doch gern die eine oder andere kleine Unannehmlichkeit in Kauf. Dochdoch – gern geschehen!

Mittwoch, 24. November 2010

Kennen Sie BOOK?



Wo kriegt man so Dinger?

**ist jetzt richtig angespitzt

Herzlichen Dank an Anne - bin hin und weg!

Freitag, 19. November 2010

Farbe bekennen – egal, welche!

Neulich in der S-Bahn. Viel Jungvolk um mich drumherum. Nach Jahren der Wurschtigkeit endlich wieder eine Zeit der politischen Bekenntnisse. Zwei Halbwüchsige unterhalten sich. Einer trägt einen Button „K21“, der andere „S21“. Ich denke an meine Jugend zurück. Stolz den „Atomkraft? Nein, danke!“-Button stets an die Brust geheftet und – damit es nicht gar so blöd ist – hatte ich mich auch mit der Frage befasst, wie so ein Atomkraftwerk eigentlich funzt, darüber referiert und wo das kleine Problemchen mit den Entsorgung der Endprodukte eigentlich liegt. Heute freue ich mich, dass ich mir das Wissen damals nicht völlig umsonst draufgeschaufelt habe. Man will ja schließlich mitschwätzen.

Und so freue ich mich auf eine tiefgründige Diskussion und den Austausch von Argumenten mit dem politischen Gegner und frage den Herrn von der „S21“-Fraktion, aufgrund welcher Überlegungen er seinen Standpunkt eingenommen hat. Antwort: „weil ich das voll geil finde, ne!“. Aha. Vorsichtig befrage ich die Gegenseite: „weil: ich finde das voll scheiße, ej“.

Ja, da bleiben natürlich keine Fragen offen…

Freitag, 12. November 2010

Sprechübungen

Heute morgen im ICE: „Willkommen im ICE, kommend aus der Landeshauptstadt Wiesbaden! Nach einem kurzen Aufenthalt in der Landshauptstadt Mainz (warum nicht: Karnevalshauptstadt?) fahren wir weiter in die Kurpfalzstadt Mannheim und die Landeshauptstadt Stuttgart. Unser Ziel ist die Landeshauptstadt München.“ Und das ganze in Fremdsprech: „Welcome to the EEECEEE from the Federalcapital (heißt das wirklich so??) Wiesbaden. After our Stop in the Federalcapital Mainz we will reach Mannheim (schade, da war ich doch schon sehr gespannt – nun werde ich wohl nie erfahren was Kurpfalzstadt auf Bahnglisch heißt) and then go to Federalcapital (da verheddert sich der Gute etwas) Stuttgart; our destination ist the – Anlauf – Federalcapital München!

Fein gemacht! So viel Mühe am frühen Morgen.Und das am Freitag! Mir war gar nicht klar gewesen, dass dieser tapfere kleine Zug jeden Morgen vier Bundesländer durchpflügt. Nun wissen wir’s alle. Reisen bildet eben.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Alarm!

Es schickt sich an, ein ganz normaler Freitag zu werden. Müde Gestalten, die wie ich zu unchristlicher Zeit das Büro betreten, die ersten Liter Kaffee ins System kippen und sich und ihre Computer langsam auf online schalten. Plötzlich zerreißt ein lautes Jaulen die Stille. Neugierig stecke ich meine Nase auf den Flur. Höllenlärm. Ich rufe nach dem Kollegen, der sonst immer alles weiß. Nein, der hat auch keine Ahnung, bedeutet er mir durch den Krach. Klingt schwer nach Alarm. Wir rotten uns zusammen und beratschlagen. Von einer Feuerübung ist nichts bekannt, also könnte es ernst sein. Leider ist unser Brandschutzbeauftragter noch nicht da, also müssen wir selber denken. Wir kommen zu dem Schluss, dass es vielleicht keine dumme Idee wäre, das Haus zu verlassen. Gut, noch schnell die Tasse Kaffee geleert, das wärmende Jäckchen aus dem Schrank geholt, gemütlich die wichtigen Dinge eingesteckt und in aller Ruhe vor die Tür gelaufen. Panik sieht definitv anders aus. Wir sind kaum draußen, da rauscht auch schon die Feuerwehr heran, die die Sache wohl etwas ernster nimmt als wir, die wir nur doofe Witzchen machen ("wo ist denn das Feuer? Ich hätte da ein paar Akten..."). Es stellt sich heraus, es brennt tatsächlich, allerdings keine größere Sache, nach einer halben Stunde können wir wieder an den Arbeitsplatz.

Ein bisschen nachdenklich bin ich schon. Sind wir schon so träge und abgestumpft, dass wir ohne Vorankündigung nicht in der Lage sind, eine möglicherweise lebensbedrohliche Situation zu erkennen und entsprechend zu handeln? Was tun?? More coffee please!

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Genial...

...was der liebe Giorgione da ausgebuddelt hat - muss ich einfach klauen:

Sonntag, 17. Oktober 2010

Next Exit: Shanghai

Am Vortag hatte mir mein Privat-Fahrer noch das Angebot gemacht, mich für 150 RMB zum Flughafen zu fahren. Da es mir in Wuhan noch nie gelungen ist, ein offizielles Taxi mit einem Fahrer, der das Taxameter auch eingeschaltet lässt, zu ergattern, habe ich keine rechte Vorstellung über die hiesigen Tarife. Zum Flughafen ist es ein gutes Stück, mehr weiß ich aber nicht. Ich habe das großzügige Angebot abgelehnt, ich will es nun endlich mal wissen und morgens um 6 h vor dem Hotel steht die Chance für ein Privatangebot nicht sehr gut. Als ich am Morgen vom 19. Stock hinunter auf den strömenden Regen schaue, frage ich mich, ob ich nicht doch besser den bequemen Weg gewählt hätte. Nun ist's egal ich trete vor die Pforten, ein Fahrer fährt unmittelbar vor, er stellt mir nur eine einzige Frage nach dem ich ihm den Zielort genannt habe und lässt mich danach einfach in Ruhe. Traumhaft. Am Flughafen stellt sich dann heraus, dass er wissen wollte ob Inland- oder Auslandsflug und dass ich die Frage falsch beantwortet habe. Auch nun murrt er nicht groß herum, macht einige verbotene Schlenker und schon sind wir vor dem richtigen Terminal. Und das für 70 RMB inklusive der Straßengebühr. Das schreibe ich nun auf, um es nie wieder zu vergessen. Den Preis werde ich dem nächsten Privatfahrer um die Ohren schlagen.

Nach einem etwas unruhigen Flug steige ich in Shanghai aus. Auch hier ist die Aussicht eher trübe, wenigstens regnet es aber nicht. Den Weg zum Flughafenbus, der mich zum LuXun-Park in Hongkou bringen wird, kenne ich mittlerweile im Schlaf, auf dem Weg dorthin habe ich nun Zeit, die Straßen, die ich dem Taxi-Fahrer nennen muss, vorzusagen: Quyang Lu-Shifeng Lu-Zhongshan Bei Er Lu. Immer wieder, damit ich nicht so arg ins stottern komme und am Ende klappt es auch ganz gut. Unterwegs erreicht mich eine SMS von einer Shanghaier Freundin, die mich auf Erlebnisse auf dem heiligen Berg anspricht – wir schaffen es, noch für den Nachmittag eine Verabredung zu treffen, denn sonst wird es wieder viele Monate dauern, bis wir uns wiedersehen und so lange kann manches natürlich nicht warten. Wie immer genieße ich das „Heimkommen“ in Bats Wohnung, sie hat mir zur Begrüßung meine Lieblings-Schokoladenküchlein und den von mir so geschätzten Walnussjoghurt bereit gestellt, Bier steht auch schon kalt – ich bin gerührt. Nun aber ab in die Stadt, letzte Erledigungen machen und dann noch ein schöner letzter Abend mit Freundinnen im Vegetarian Lifestyle und abschließendem Absacker in der Captain's Bar mit einem grandiosen Ausblick auf den Bund und die aufgeregt glitzernde Kulisse von Pudong und die bunt beleuchteten Ausflugsschiffchen auf dem Huangpu.

Heute könnte ich eigentlich ausschlafen, ich bin erst um die Mittagszeit zu einem letzten gemeinsamen Mahl mit Bat verabredet, döse entsprechend um 8 noch friedlich vor mich hin. Auf einmal wird die Tür aufgeschlossen und eine mir unbekannte Frau begrüßt mich mit einem mehrfach entschuldigenden „Bu hao yisi“. Ich vermute die Ayi, die hier zum putzen kommt, auch wenn die erst für den frühen Nachmittag angekündigt war. Nein, klärt sich schnell es ist die Vermieterin mit zwei Handwerkern im Abschlepptau. Diese führen gefährlich aussehende und krachversprechende Werkzeuge mit sich, sie wollen sich dem verstopften Abfluss widmen, wie mir die Vermieterin erklärt. Dahin die friedliche Morgenruh. Zwei Stunden schätzt die Frau werden die Arbeiten dauern. Da sie eh beaufsichtigen muss und nicht einfach gehen kann oder will, werde ich nun einer genaueren Prüfung unterzogen. Meine Chinesisch-Kenntnisse werden getestet und für gut befunden. Besser als Bats behauptet die Frau frech – na, das ist eine dreiste Lüge und kurze Zeit später scheitere ich auch grandios an ihrem Shanhaineese – ich erkläre, dass ich heute zurück nach Deutschland fliege, „oh, da hast du bestimmt eine Menge zu tun“. Stimmt. Bloggen. Und so werde ich dann doch in Ruhe gelassen und nach einer Stunde kehrt wieder Ruhe ein. Nun aber schnell die Zeit genutzt und geduscht bevor die Ayi in der Tür steht.

Bat hat mir noch die U-Bahnstation, an der ich aussteigen muss um zu dem Labyrinth, in dem sie arbeitet zu gelangen, genannt. Ich war ja schonmal da, als der Bürokater Sida gefüttert wurde, also alles kein Problem. Ich habe noch abgespeichert, dass ich durch einen originell verbauten Eingang muss...aber dann...ich habe noch grob in Erinnung, dass das Büro in unmittelbarer Nähe eines größeren Kaufhauses liegt, in das steige ich jetzt einfach mal ein. In China ist es üblich, dass Händler einer bestimmten Zunft meist geballt an einem Ort hausen. So ist dieses Kaufhaus auf Schreibwaren spezialisiert und so reiht sich Lädchen neben Lädchen auf riesiger Fläche, kein Tageslicht es dauert nicht lange und ich habe völlig die Orientierung verloren. Vor vielen Jahren habe ich einen Bericht über „Walled City“, einen Wohn-Lebe-und-Arbeits-Komplex in Hongkong, der in den 80iger abgerissen wurde, gesehen. Eine bizarre Welt wurde dort gezeigt, Menschen ohne Sonne, das ganze Leben spielt sich in dieser Stadt in der Stadt ab, wie in einem düsteren Science Fiction. So ähnlich fühle ich mich hier, wenn ich nicht bald hier herausfinde, werde ich mir wohl einen Karton suchen müssen, auf dem ich schlafen kann...endlich finde ich jemanden, der sich nicht gleichgültig wegdreht als, ich ihm hilflos die Visitenkarte des Büros hinhalte. Liebevoll nimmt er mich bei der Hand und führt mich zum Notausgang und erklärt mir noch, dass das Gebäude das ich suche, einen Eingang weiter ist. Dort erkenne ich auch sofort alles wieder und stehe auf die Minute pünktlich wie vereinbart im Büro. Bat ist schwer beeindruckt. Na, da will ich sie mit der Vorgeschichte nicht langweilen; die liest sie ja jetzt...

Mit ihren Kollegen geht es gemeinsam eine Straße weiter zu einer Straßen-Garküche. Bat hat mir schon von dem dortigen Tofu und den sauren Kartoffelstreifchen vorgeschwärmt und nun bin ich sehr gespannt. Die Küche weicht von den üblichen hygienischen Bedingungen nicht ab, aber daran bin ich ja gewöhnt. Lustig finde ich die weiße Kochmütze des Maître, das habe ich allerdings so noch nicht gesehen. Nun wird aufgetischt und ich muss sagen, Bat hat nicht zuviel versprochen, das Essen ist wirklich köstlich. So gut habe ich in Shanghai nur selten gegessen und wieder einmal frage ich mich, warum es nicht gelingt, in Deutschland ein Lokal mit wirklich guter einfacher chinesicher Küche zu etablieren. Ein Mysterium. Und so werden wir hierzulande weiterhin mit sojasaucenertränktem weichgekochten Gemüse gefüttert und finden es ganz toll exotisch. Und wundern uns dann sehr, was in China wirklich gegessen wird und wie selten man das leckere Chop Sui dort findet...

Nun habe ich noch etwas Zeit und beschließe, zum historischen Postgebäude zu laufen, um dort in dem riesigen Prachtbau aus längst vergangenen Tage noch zwei Briefmarken für meine Postkarten zu erstehen. Die Transaktion gelingt und auf dem Weg am Flüsschen entlang habe ich in diesem Grenzgebiet zwischen Alt- und Neu-Shanghai noch einiges an alter Pracht entdeckt, das noch verloren zwischen Schrottimmobilien steht und dort auf den sicheren Abbruch wartet.



Ich wandere weiter, verabschiede mich vom Bund und laufe bis zum Renmin-Gongyuan, dem riesigen Volkspark. Dort befindet sich das MoCa, ein kleines Museum, in dem gerade eine neue Ausstellung eröffnet wird, Legacy and Creation - Art vs Art - ein vielversprechender Titel, leider fehlt mir die Zeit, mir die Ausstellung anzuschauen. Draußen vor der Tür sind aber auch einige Installationen zu sehen und tief beeindruckt stehe ich vor einer Skulptur, herstellt aus Klappliegen. Respekt. Ich schaffe es noch nicht einmal, so ein Ding einfach auseinander zu falten, ohne mir die Finger zu klemmen. Gerne würde ich mir von dem Künstler mal seinen Trick verraten lassen.

Nun wird es langsam Zeit, mich zum Flughafen zu begeben. Ein kurzer Schweißausbruch beim Einchecken, die magische 20 kg-Grenze wird nur knapp überschritten; mein Handgepäck wiegt fast genauso viel aber es gelingt mir, so zu tun als sei es federleicht. Bei meiner letzten Reise wurde tatsächlich mit einer Personenwaage nachgewogen, wenn das Personal misstrauisch wurde. Ich glaube, 5 kg sind erlaubt und ich weiss, meines wiegt einen Hauch mehr. Aber auf keines meiner Schätze möchte ich verzichten. Ich werde spät abends in Beijing ankommen, mein Anschlussflug geht um 1.20 h, auch nicht gerade Happy Hour, ich hoffe, ich schlafe in den drei Stunden Transit nicht ein, ganz schön lang. Das dachte man sich wohl auch in höheren Spähren, jedenfalls will der Flugsaurier der Firma Airchina partout nicht abheben und wir rollen eine geschlagene Dreiviertelstunde zwecks Flughafenrundfahrt auf dem Rollfeld herum, bis man sich endlich ein Herz fast und abhebt. Nun wird es tatsächlich etwas lebhafter im Transit, schnell noch den zollfreien Einkauf erledigt, bevor die nächste Etappe kommt.

Und nun geht’s wieder heim nach Fa-Lan-Ke-Fu, zu Federweißer und Zwiebelkuchen. Ist ja auch was Feines.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

好人去天下雨

Der Morgen begrüßt mich weinend und so wie die Lage momentan ist, kann ich mit dem Trennungsschmerz, den ich beim Verlassen des heiligen Berges empfinde, ganz gut leben. Der Herbst hat Einzug gehalten und zeigt sich von seiner ekligsten Seite. Im altehrwürdigen Zixiaogong-Tempel herrscht Mupptes-Show in freudiger Erwartung auf den Double-Nine-Day, der Daoyuan ist voll von Selbstdarstellern, die sich auf die große Competition, bei der sich alle zwei Jahre die weltbesten Wushu-Spieler (oder die, die sich dafür halten) messen, vorbereiten.




Ich denke, das ist ein guter Zeitpunkt, um zu gehen.

Ursprünglich wollte ich wie immer den Nachtzug Richtung Wuhan nehmen, gerädert morgens um 5 ankommen und direkt weiter zum Flughafen ziehen, um nach Shanghai zu fliegen. Soweit der Plan und auch meine Flugbuchung. Nun überraschte mit die Mitarbeiterin der Akademie mit den „good news“, dass der klapprige alte Bummelzug, der die Strecke von immerhin knapp 500 Kilometern in stolzen 8 Stunden zurücklegte, wohl ausrangiert wurde. Nun flitzt zwischen Shiyan und Wuhan die chinesische ICE-Variante hin und her und die bewältigt die Distanz in exakt 3 Stunden. Das ist zwar grundsätzlich ganz ganz toll, nun versäume ich aber nicht nur einen halben Trainingstag und einen letzten Ausflug ins Ort um meine bestellten Klamotten abzuholen, weil der Zug schon um Mittagszeit losfährt, nein, ich muss auch noch eine Übernachtung in Wuhan einschieben weil eine Umbuchung meines Billigflugs ziemlich teuer gekommen wäre.

Egal, es ist wie es ist, ich kann mich zwar darüber ärgern, ich kann es aber auch sein lassen – am Ergebnis ändert sich nichts.

Und so besorgt mir die Verwaltungsfee nicht nur ein Zugticket sondern auf meinen Wunsch hin auch noch einen Transport in die nächstgrößere Kreisstadt Shiyan. Der soll erst kurz beim Schneider halten, damit ich meine Bluse abholen kann. Es stellt sich heraus, dass der Fahrer ein Schulfreund von ihr ist, der das kleine Zubrot bestimmt gerne angenommen hat. Der Wagen der Schule wäre teurer gekommen, raunt sie mir zu und so haben wir alle was davon. Guanxi – Guanxi. Zur Begrüßung überreicht mir der Fahrer erst einmal ein paar warme gefüllte Baozi – wunderbar, genau das richtige nach meinem frugalen Frühstück. Viel besser als in der Schule, flüstert meine Begleiterin. Kann man wohl sagen, schreiben und mit Blut unterzeichnen. Ich würde den Mann sofort einstellen. Bald verlässt die junge Dame uns, sie muss noch weitere Schulgäste abholen. Zwischenzeitlich wurde noch die Ehefrau nebst Kind des Fahrers eingeladen, die wohl die bezahlte Fahrt in die Stadt gerne nutzt. Warum auch nicht. Meine Hoffnung, nun keine Konversation im Hubei-Dialekt führen zu müssen, erfüllt sich allerdings nicht. Mutti kümmert sich ausschließlich um ihr Junges und ich radebreche derweil mit dem geselligen Fahrer zum Thema „Europäische Autos in China“. Wir einigen uns schnell, dass deutsche Autos die besten sind und bevor wir noch auf die sozialpolitische Komponente im Spätwerk Franz Kafkas näher eingehen können, sind wir schon am Bahnhof.





Ich steige also in den „Kuai-Che“. Erstaunlich, obwohl der Preisunterschied zu dem alten Bummler gerade mal 20 RMB ausmacht, ist das Publikum hier ein ganz anderes. Junge und höchstens mittelalte Leute sind nun überwiegend unterwegs, wenig Landvolk. Fröhlich schnatternd steigt die Meute ein, umgehend setzt das landesübliche Knabbern, Knurpsen und bald auch Schnarchen ein.

Ich betrachte ein wenig die verregnete Landschaft. Nein, schön ist wirklich anders. Dafür ist der Zug wirklich sehr bequem, viel Platz für die Beine, weiche Polstersessel und so döse ich vor mich hin, bis wir auf die Minute pünktlich drei Stunden später in Wuhan einlaufen. Mittlerweile hat es sich eingeregnet und irgendwann habe ich keine Lust mehr, unbedingt auf ein offizielles Taxi zu bestehen und steige dann doch in ein „privates“ ein. Auch dieser Fahrer ist mehr als gesprächig, dass ich kaum antworten kann, nutzt er hemmungslos – er richtet eine Frage an mich, die ich nicht verstehe. Schweigen wertet er wohl als Zustimmung, jedenfalls bemüht er sich nun, weitere Fahrgäste für die Route einzufangen, weil ihm wohl die vereinbarten 40 Kuai für die Fahrt zum Hotel zu wenig sind. Hämisch registriere ich, dass niemand Lust hat, auf das Angebot einzugehen und so kommen wir doch recht zügig beim Hotel an.

Dort stelle ich fest, dass es doch einen erheblichen Unterschied macht, ob mein Freund Pei mir ein Zimmer reserviert oder die Schule. Ich zahle 20 RMB mehr für ein deutlich weniger komfortableres Zimmers, aber das registriere ich einfach völlig wertungsfrei. Mir ist nicht nach Luxus sondern einfach nur nach Entspannung und so husche ich bei strömenden Regen in den gegenüberliegenden Supermarkt, der ein unfassbares Angebot hat. Besonders in einer europäisch anmutenden Bäckerei bleibe ich lange hängen, bis es mir endlich gelingt mich davon zu überzeugen, dass ich bald echtes Brot und auch Pizza zwischen den Zähnen haben werde und so hole ich mir einfach die üblichen Aufgieß-Nudeln, den von mir mittlerweile hochgeschätzten Dattel-Joghurt und noch eine Dose chinesisches Stout-Bier und ziehe mich in mein Hotel zurück. Und morgen geht’s weiter nach Shanghai.

Montag, 27. September 2010

Und wieder einmal...

...beginnt eine ziemlich lange Reise mit einem ersten Schritt. Ziemlich lang deshalb, weil wohl jeder der irrigen Auffassung zu sein scheint, dass ein Leben ohne je die Expo gesehen zu haben, völlig sinnlos sein muss. Jedenfalls sind Direktflüge nach Shanghai fast nicht zu bekommen und so habe ich das Vergnügen, eine kurze Pause in Beijing einzulegen. Eineinhalb Stunden, um dort - auf dem größten Flughafen der Welt – schnell mit der Bahn zur Gepäckausgabe zu huschen, das Gepäck zu verzollen und dann neu einzuchecken. Eine echte Herausforderung. Darüber scheint man sich an Bord im Klaren zu sein, denn gegen Ende des Fluges picken die Flugbegleiterinnen mich und noch zwei andere Reisende heraus und schicken uns mit Handgepäck in die erste Klasse nach vorne, wo bereits chinesische Geschäftsreisende bräsig bei Champagner und Kaviar die 10 Stunden in Liegesesseln abgehangen haben und nur mäßig amüsiert sind, nun vom Plebs Gesellschaft zu bekommen. Ist mir natürlich völlig egal, ich genieße absolut entspannt in den geräumigen Sesseln einen fantastischen blutroten Sonnenaufgang über der Großen Mauer, bevor wir in Beijing einsegeln. Dann heißt es erstmal Handgepäck schnappen und losrennen. Schnell werden wir ausgebremst, weil trotz der frühen Uhrzeit gefühlte 100.000 Menschen Einlass ins Land begehren. Und für die Prüfung, „ob mer se enoi lasse“, lässt man sich viel Zeit.

Mittlerweile habe ich mich mit den beiden Mitreisenden bekannt gemacht, sie besuchen hier ihre Tochter, die in Shanghai studiert. Es ist zwar ihre erste Reise nach China, aber dem Gespräch nach sind die beiden auf der ganzen Welt zu hause, erzählen ausführlich über ihre zahlreichen Aufenthalte in Dubai, wohl auch geschäftlich...ob ich auch? Nein, war ich nicht und will ich eigentlich auch nicht hin. Nun ja, bin halt eine eher langweilige Reisende, immer das selbe Ziel, da kann ich mit den Beiden natürlich nicht mithalten. Mittlerweile haben wir die Einreise allesamt erlaubt bekommen, wetzen zum Gepäck, checken neu ein, alles überstanden, nur noch schnell Security, dann...aber b i s dann! Ich stehe mit der Dame zusammen in froher Erwartung unserer gescannten Habseligkeiten. Strenger Blick des Beamten. Ob sie etwa ein Feuerzeug in der Handtasche hat. Bambi schaut mich an – darf man etwa nicht? Nein, darf man noch nicht mal im aufgegebenen Gepäck. Dachte, es hätte sich rumgesprochen. Die Tasche wird nochmal gescannt. Ob sie noch eines hat. Auch das wird herausgefischt. Neuer Scan. Um es abzukürzen: nicht weniger als 7 Feuerzeuge liegen am Ende säuberlich auf einem Haufen. Der Beamte ist fassungslos und ich bin es nicht minder. Verkneife mir gerade so die Bemerkung, dass eine Finanzierung der Reise durch Feuerzeugschmuggel nicht unbedingt die schlaueste Idee ist. Meine neue Bekannte weint fast – nun hätte sie doch eine Kippe gebraucht und nichts um sie anzuzünden. Noch nicht mal Streichhölzer (die auch verboten sind, aber das verrate ich ihr nicht). Ihr Mann, der zwischenzeitlich die Flasche Wasser, die er verbotenerweise auch im Handgepäck hatte, abgepumpt hat, feixt. Weltenbummler. Ich führe die Beiden ins Raucherghetto. Dort gibt es ein Feuerzeug für alle. Natürlich gut angekettet. Nur kein Risiko.

In Shanghai angekommen, werde ich von Bat am berühmten LuXun-Park abgeholt. Ich freue mich über das Wiedersehen und nach kurzer Entspannungspause ziehen wir direkt los, schauen, was das Städtchen zu bieten hat. Die letzten Tagen vor der Abreise waren so anstrengend und lebhaft, dass ich gar keine Gelegenheit hatte, mich auf die Reise einzustimmen. So ist mir hier zwar alles vertraut, ich kenne die Wege, aber eingetaucht bin ich noch lange nicht. Auf dem Weg in der Stadt essen wir erst einen der von mir so vermissten Kräuterfladen von der Straße, die es nur in der Nähe der Universität in Hongkou gibt; jeder Stadtteil hat so sein Spezialitäten. Als Bat hört, dass ich noch nie um LuXun-Park gewesen bin, nehmen wir den Weg quer durch den Park. Der ist wegen der Feiertage rund um das Mondfest voll von Menschen; es wird musiziert, getanzt, Karaoke gesungen, Taiji geübt – als ich mich um blicke und um höre spüre ich es plötzlich: angekommen!

Wir lassen den Tag ruhig bei einem gepflegten Essen ausklingen und ich freue mich schon auf die nächste Runde.

Nun ist erstmal ein kleiner Stadtbummel angesagt und am Abend ein Essen mit Meister Wu, Bat's Kungfu-Lehrer, bei dem ich auch hin und wieder herumturne sowie dem Kungfu-Bruder, der Bat den Feinschliff des Tongbei Quan beibiegt.

Wie eigentlich jedes Mal wenn ich hier bin, entdecke ich Dinge die Mängel beseitigen, von deren Existenz ich vorher nichts wusste. Ich will hier mit keiner Aufzählung langweilen; wer mich kennt, wird wissen, wie der unfaire Kampf des Cyber-Mart gegen mich ausgegangen ist und dass auch noch viele andere lustige Dinge den Besitzer gewechselt haben. Achja, ich bin halt eine schwache Frau. Und bald auch eine Hungrige und so freue ich mich auf das Abendessen mit dem Meister und Xiaolu. Zum ersten Mal allein, die beiden sprechen sehr überschaubares Englisch, also wird wahrscheinlich unser beider gesamtes chinesisches Vokabular heute abgefragt werden. Und damit die Sache nicht zu einfach wird, spricht der Meister einen ziemlich herben Dialekt, den ich erst mühevoll entschlüsseln muss. Da hat Bat natürlich einen Vorteil, ihr wird diese Sprache schon seit über einem halben Jahr täglich um die Ohren gehauen, da geht das natürlich um einiges geschmeidiger. Ich bin dennoch recht stolz, dass ich dem Tischgespräch einigermaßen folgen kann. Und mit dem Reden, das kommt dann nächstes Mal...




Shanghaier Bürokatze bei der Arbeit

Am nächsten Tag treffen wir uns mit Tori, die mit ihrer Familie nun seit über einem Jahr in Shanghai lebt und nach eigenem Bekunden möglichst nicht mehr weg will. Verständlich. Gemeinsam ziehen wir nun los Richtung Taikanglu, einem ursprünglichen kleinen Viertel, in sich Hunderte kleiner Lädchen und Kneipen eingenistet haben – ein Traum für jeden Europäer, der bei dem milden Wetter gerne bei einem isotonischen Getränk vor der Tür sitzt, vorzugsweise nach einer erschöpfenden aber beglückenden Shoppingtour. Also genau das richtige für uns drei Mädels. Mit leuchtenden Augen werden Schals, Bänder, Shirts befingert und begutachtet und von den anderen entweder begeistert gefeiert („musst du unbedingt kaufen, das verzeihst du dir n i e“) oder weiblich-freundlich abgeraten („in dem Teil siehst du wie ne Omma aus“).
Nach einem langen und sehr lustigen Abend trennen wir uns traurig wieder von einander, wohl wissend dass die nächste gemeinsame Tour erst in vielen Monaten wieder ansteht. Aber die erworbenen Schätze trösten uns natürlich schon ein wenig.





Die Beute (kleiner Teil)

Für mich geht die Reise weiter, der frühe Flug nach Wuhan steht auf dem Programm. Mein guter Freund Pei hat mich noch angerufen und mich mit der Nachricht überrascht, dass er mich vom Flughafen abholen will. Ich bin begeistert, schließlich ist es sein freier Tag und die Reise aus der Stadt ist sicher nicht vernügenssteuerpflichtig. Am Flughafen erwartet mich eine weitere Überraschung: meine kleine Freundin Cici ist ebenfalls gekommen; sie muss zwar arbeiten, verspricht aber, sich nach der Arbeit mit mir zu treffen. Und so werde ich erst von Pei liebevoll umsorgt und gefüttert und dann folgt der Schichtwechsel mit Cici. Ich kann mich zwar bestens allein beschäftigen und kenne mich in Wuhan ein wenig aus, bin aber sehr gerührt, wie sich die beiden um mich bemühen. Besonders, nachdem ich feststelle, dass meine Kamera verschwunden ist. Mutlos denke ich an die ganzen Läden und Kneipen, die wir aufgesucht haben. Keine Chance. Gedanklich nehme ich Abschied. Aber so schnell gibt eine Cici nicht auf. Und so übertreffe ich mich selbst beim Wiederauffinden der Lokalitäten, Cici ist maßlos verblüfft, mit welcher Sicherheit ich schnellere Alternativ-Routen finde, sie läuft mir nur hinterher und staunt. Leider finden wir die Kamera nicht, nur noch eine letzte Chance: in dem Lokal in dem ich mit Pei war, direkt gegenüber meinem Hotel. Zum Hotel zurück ist natürlich überhaupt keine Problem. Eigentlich. Und hier versage ich nun völlig, mutig stapfe ich in die vermutete Richtung, eigentlich ist es gar nicht weit. Erst als nach einer halben Stunde die Gegend immer fremder aussieht, muss ich eingestehen, dass ich die Orientierung völlig verloren habe. Cici fragt einen Eingeborenen. Gelächter. Gut, wir nehmen eine Taxi, das dann auch eine ganze Weile unterwegs ist. Mutlos schleiche ich zum Restaurant – und siehe da: ich werde erwartet. Stolz hält der Restaurant-Besitzer meine Kamera wie ein Trophäe. Warum das eigentlich so lange gedauert hat, ist doch ein wertvolles Stück? Cici erklärt und erzählt, wir werden ausgelacht, völlig egal, ich habe das gute Stück wieder – Wudang ohne Kamera? Undenkbar! Aber jetzt kann es weitergehen. Und zwar hier.

Samstag, 18. September 2010

Fremd und doch so vertraut...

Anfang des Jahres erfreute unserer tapferer Chinesisch-Lehrer seine (damals noch) drei Eleven mit einem Kalender, herausgegeben vom chinesischen Kultur-Ministerium, dazu geschaffen, dem In- und Ausländer zu zeigen, wie das aufstrebende Ländle sich so gerne sehen möchte. Da darf natürlich auch der Große Vorsitzende - zwar langlang verstorben, aber im Geiste noch voll da - nicht fehlen, der segnend seine Hände über das Land hält und nun von wo auch immer aus erfreut beobachten kann, dass der Lange Marsch und Sprung nach vorn endlich Richtung Zielgerade geht.



Der fassungslose Betrachter des kleinen Kunstwerks kann nun bestaunen, wie pitoreske Atomwölkchen sich über die Wüste Gobi ausbreiten



und ein besonders bezauberndes Bildchen zeigt die Fortschritte in der typisch chinesischen Architektur - genauso wie sie sich hiesige Baumeister so vorstellen.



Dieses letzte Bild brachte bei mir eine Seite zum klingen, Kindheitserinnerungen, ein kleines Büchlein von Loriot, erschienen in den 60igern, das ich damals immer gern durchblätterte - gedacht, gesucht und dem großen Speicherdachboden entrissen: ja, die Erinnerung trog mich nicht - so ein Szenario hat der große Meister auch einmal zu loben gewusst:



Wieviel Weisheit steckt doch in den Worten: "Was gut ist, das kommt immer wieder".

Samstag, 4. September 2010

Frontbericht

Es gibt Menschen, die haben kein eigenes Blog, aber dafür Dinge zu erzählen, die durchaus in die Kategorie "Neues aus Absurdistan" passen. So stelle ich einfach mal einen Bericht meiner holden Schwester von einem kleinen Ausflug ein - hier kommt live und ungeschminkt die Geschichte von einer Rheinhessin im Wilden Osten:

"Also, die Hinfahrt gestaltete sich dank großzügig verteilter Baustellen ausgesprochen abwechslungsreich, und als ich dann nach gefühlten 12 Stunden Leibzig erreichte, war die erwählte Ausfahrt auch prompt die Falsche.
Egal, ich habe Titten und kann daher problemlos nach dem Weg fragen. Und erhielt eine sehr brauchbare Beschreibung zum Agrapark. Im allerletzten Moment gelang es mir noch, dem Herrn, der mir den Weg beschrieb, kein Kompliment zu machen, wo er doch so ein gutes Deutsch sprach...
Nun gut, ich kam also im Park an und hatte auch ein lauschiges Plätzchen ergattert, auf dem ich die nächsten Nächte verbringen würde. Sodann stellte ich mich an einer der Schlangen an, um meine Eintrittskarte gegen ein Festivalbändchen zu tauschen. Vor, hinter und neben mir wurde hemmungslos gesächselt und gethüringelt, es war zum Steinerweichen. Ich sah daher auch weit und breit keinen Grund, mich irgendwie um Hochdeutsch zu bemühen, als es - wie solls auch anders sein - ums Wetter ging. " Heit is jo werklich beschisse, awwerwasseglickhunnsefermojebessergemeldt!!" ( Heute ist es vielleicht nicht ganz so schön, aber vom Deutschen Wetterdienst wurde für den morgigen Tag eine Besserung in Aussicht gestellt ). Die vor mir wartende Frau drehte sich auf dem Absatz zu mir und stellte fest: "Rheinhessen!" . " Heertmer des?". " Ja. So ein bischen. Meine Großmutter kommt von da. Sie spricht genauso." Zwischendrin tauchten noch ein paar Bekannte aus Mainz auf, wir begrüßten uns freudig und waren dann irgendwann auch vollzählig mit den Bändchen ausgestattet.
Mit diesem Bändchen kann man auch den öffentlichen Personennahverkehr nutzen, weshalb ich dann beschloß, mit der Straßenbahn in die Innenstadt zu fahren, um mir diese anzugucken. Der schwarze Pulk an der Haltestelle hatte dieselbe Idee. Unter anderem ein vielleicht zwanzigjähriger junger Mann, der nach mir einstieg und, als die Bahn anfuhr, mich am Arm stützte, um einen Sturz zu verhindern. War ja lieb gemeint, aber "Horschemo, seh isch dann aus als deht bei mir schunn es Koregadibbche uffm Nachddisch schdehe ?". Nein, natürlich nicht. Wollt schon sagen... Und dann kam es: Er,offenkundig ortskundig, erblickte an der nächsten Haltestelle zwei Kontrolleure und verkündete dem Volk: "Alle, die geene Fohrgodde haben, solldn jetz aussteign. Des Bändschn gilt erst ab morgn." Voller Dankbarkeit blickte ich ihn an. Gut, Alter. Eine Befragung ergab, daß alles in mir, was irgendwas zu melden hat, so überhaupt keine Lust hatte, zu überprüfen, ob es zwischen den Kontrolleuren in Mainz und denen in Leibzig Unterschiede oder Gemeinsamkeiten gibt. Und zwar ohne Gegenstimmen (bei einer Enthaltung). Also nix wie raus. Ersatzweise enterten wir den nächsten Supermarkt, um noch einige dringend benötigte Alkoholika zu erwerben und sodann zurück zum Agrapark zu latschen. Auch gut.
Am nächsten Morgen hatte das Wetter dann tatsächlich eingesehen, daß strahlender Sonnenschein eindeutig besser kommt. Ich kroch aus dem Schlafsack, absolvierte sowas wie Katzenwäsche, griff mir was zum Anziehen, wollte mich schminken und stellte fest, daß ich den schwarzen Kajal daheim vergessen hatte. Die Situation war ernst. Sehr ernst.
Ich fuhr also mit der Straßenbahn diesmal wirklich bis in die Innenstadt, guckte mir ein bischen was an und landete in einem Kaufhaus, um den dringend notwendigen schwarzen Kajal zu erwerben. Die Verkäuferin, die mich ansprach, ob sie mir helfen könnte ( jedenfalls glaube ich es so verstanden zu haben), bekam mein Leid geklagt: " Schdelle Se sich vor, isch hunn jo werklisch moin schwatze Kajal dehääm leie losse. Un jetzerd brauch isch dringend en Neie!" Voller Mitgefühl blickte sie mich an: " Und das ausgerechnet jetz. Schlimm." ( Geil!! Die verstehen mich hier sogar! Auch wenn die hiesige Eingeborenensprache für mein Empfinden durchaus den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt...)
Den Nachmittag verbrachte ich dann auf einem Rasenstück hockend an der Flaniermeile im Agrapark. Zum Leutegucken. Stundenlang. Es war keine Sekunde langweilig. So bizarr und grotesk kann sich kein Mensch aufbretzeln, daß das hier noch irgendwie auffallen würde. Einfach toll.
Abends versuchte ich mir Hocico anzuhören. War bestimmt recht nett, aber für meine zarten Öhrchen ein Tick zu laut; ich fürchtete ernsthaft um meine Plomben ( und die bestehen noch aus grundsolidem Amalgam und nit aus dene neimoderne Ferz...)
Ach ja, auf dem Zelt -/ Parkplatz hatte ich zwei sehr nette, sehr junge ( noch keine 20 ) und leider auch sehr anhängliche Kerlchen als Nachbarn, deren Wunsch, von mir gepampert zu werden, jedoch abschlägig beschieden werden mußte - moi Nerve!!! Jedenfalls fragten die zwei mich auch, was ich denn so höre, und es gelang mir Apoptygma Berzerk,The Krupps und Wompscut ohne zu Stolpern aufzusagen. "Auch was Deutsches?" "Klar: Deine Lakaien und Franz-Josef Degenhardt ". Man nickte wissend und anerkennend. Na also, geht doch...


Nächstes Jahr will ich wieder hin - in den Wilden Osten."

Und dann, liebe Schwester, hören resp. lesen wir hoffentlich wieder mit angenehmen Gruseln einen Bericht.

Mittwoch, 25. August 2010

S21? - K21! - Nachschlägle

Ich hatte ja schon von den schönen geschmackssicheren Plakataktionen der Bahn berichtet, mit denen die Bahn um Verständnis barmt für ihr lustiges kleines Projekt.
Als Vorlage für noch viel lustigere Photoshopmontagen dienen die Dinger natürlich schon (s. unten) - aber auch hier: "s' iss net jedem gegäbe". Aber mitmachen wollen halt auch viele (und täglich mehr - heute war wieder die Hölle los am Stuttgarter Hauptbahnhof - der Abriss des Nordflügels steht unmittelbar bevor - die schwäbische Volksseele kocht!)und so hält doch der eine oder andere beim Sprint von einem Bahnsteig zum anderen kurz inne, verweilt, zückt den Edding und los geht's:



Eigentlich nicht weiter erwähnenswert. Die Reaktion der Bahn allerdings schon: mit Blick für die wesentlichen Dinge im Leben beseitigte man diese Verzierung des Plakats binnen weniger Stunden. Morgens habe ich das Bild gemacht, abends war schon neu plakatiert! Wenn man nur halb so viel Energie zur Behebung anderer kleiner Mängelchen wie z.B. an den Klimaanlagen und Triebwerken (klar, wer braucht schon so was?) aufwendete - die Deutsche Bahn wäre eine andere! Und genau das ist das Problem...

Samstag, 21. August 2010

S21? - K21!

Als ich vor ein paar Jahren meinen Dienst in Stuttgart antrat, munkelten leise Stimmen von einem - im wahrsten Sinne des Wortes - "Wahnsinnsprojekt", das sich Stuttgart 21 nennt. Dahinter verbirgt sich der irrsinnige Plan, einen funktionierenden Kopfbahnhof mit einer ausreichenden Menge an Bahngleisen unter die Erde zu wurschteln, die Anzahl der Gleise auf etwa die Hälfte zu reduzieren, und das soll dann ganz toll und modern sein und irgendwie so klasse funktionieren, dass sich Fahrzeit von der Metropole Stuttgart in die Weltstadt Ulm (schon mal gehört? Das ist die Stadt "in Ulm, um Ulm und um Ulm herum", genau - kennt doch jeder!)um 20 Minuten reduziert. Ja, und für wohlfeile 4,1 Milliarden Euronen bei einer Bauzeit von schlappen 20 Jährchen soll - wenn alles gut geht - die Sache dann über die Bühne gehen und alle sind glücklich. Hatte man sich so gedacht.

Lange Zeit habe ich nix von der Geschichte gehört und dachte schon, man habe - so wie Städte wie Frankfurt, Leipzig oder Hamburg - diesen Plan nach ein wenig Nachdenken wieder in die Tonne getreten. Weit gefehlt: im Verborgenen wurde weiter in einer Art und Weise, die mich doch schwer an die heimische Handkäs'-Mafia erinnert, die geplante Umsetzung durchgedrückt.

Die Einzelheiten des Für und Wieder zu erörtern und zu erklären, was hier so im Einzelnen abgegangen ist, würde eindeutig den Rahmen sprengen; hier verweise ich an andere Stelle. Welche Meinung zu dem Thema ich persönlich habe, kann man mit ein wenig Talent zwischen den Zeilen lesen.

Was mich aber wirklich ganz gewaltig stört, ist der Umgang mit uns, die wir die Suppe ausbaden müssen (oder auslöffeln, je nach Gusto...)

Und so muss ich mich jeden Tag in den Schächten im Untergrund mit den Überzeugungs-Plakaten rumärgern, mit den die Bahn versucht zu erklären, wie toll die Zukunft für uns alle, die wir auf die Züge angewiesen sind, wird. Ich fühle mich...nunja...ein wenig auf den Arm genommen.

Nun stelle ich mit bassem Erstaunen fest, dass auch den von mir manchmal (natürlich völlig zu unrecht) als etwas träge wahrgenommenen Schwaben der Kragen platzt - aber wie! Da werden Schweigemärsche organisiert, regelmäßig finden Flashmobs statt und die Plakate der Bahn werden sehr virtuos variiert:




So lass' ich mir das gefallen! Jede Woche sammeln sich immerhin 20.000 Leute um gegen den Irrsinn zu demonstrieren (erinnert mich an meine Jugend - ich sage nur: Startbahn West! Achja....). Nun ist es nicht jedem gegeben, sich auf die Gass' zu stellen, um seinem Unmut Luft zu machen. Aber es gibt ja noch andere Methoden und die sind nicht weniger effektiv. Und so sind auch die Damen aus meinem Lieblingslädle wieder mal schwer aktiv. Neu im Angebot:




Das gefällt mir: Häkeln gegen den Wahnsinn - Weitermachen, Ladies - ich bin stolz auf Euch!

Samstag, 14. August 2010

Mein Revier

Jeden Freitag lernt die Deutsche Bahn, dass an diesem Wochentag wirklich ganz schön viele Leute unterwegs sind. Nicht nur die Wochenendpendler und Angehörige von Y-Tours, sondern auch Ausflügler und Urlauber sind unterwegs. Jaja, dochdoch, glaubt's einer erfahrenen Fernpendlerin! Die Chance, sich freitagsnachmittags bräsig über zwei Sitzplätze ergießen zu können, geht also ins Negative (heißt: wahrscheinlicher ist's die Reise auf dem Boden sitzend zu verbringen). Gut, manchmal - so wie letzte Woche - hat man Glück und spaßige Reisegesellen, die einem Zeit lustig zu vertreiben wissen, manchmal aber auch eher nicht...

Ich ergattere einen Fensterplatz, baue mir mein gemütliches Nest zurecht, es brummt mich an "noch frei?" - ich blicke kurz auf, das Nackenfell sträubt sich leicht: Anzugträger. Die Höflichkeit gebietet es, nun freundlich zu lächeln (das schaffe ich nicht) und "ja" zu sagen, wenn einem keine Ausrede einfällt (geht grad so). Es ist nicht so, dass ich Vorurteile gegen Menschen, die ihre Blöße mit Manageruniform bedecken, hätte. Ganz im Gegenteil. Ergebnis langjähriger Feldforschung! Und so weiß ich auch, dass der Kampf gleich eröffnet wird. Nämlich der Kampf um die Armlehne. Ich war als Erste hier und so falte ich erstmal die Flügel aus um zu demonstrieren, dass der ziemlich kräftige Herr sich überhaupt keine Illusionen zu machen braucht. Die Lehne ist mir und ich werde keinen Zentimeter zurückweichen! Wir fahren los und ich verspüre erste schüchterne Versuche, Terrain gutzumachen. Ich kenne die Strecke sehr gut, nun kommt eine Holperschwelle, ich rutsche mit dem Arm, schubse ihn runter - Huppala, Entschuldigung, Augenaufschlag. Ruhe ist. Dann kommt die Zug-Gazelle. Nächster Akt: Ich versuche, meine Bahnkarte aus der Handtasche am Boden zu fischen, ohne dabei den Arm von der Lehne zu nehmen. Allein dafür lohnt es sich, regelmäßig nach Wudang zu fahren, um solche akrobatischen Akte schwerelos zu bewältigen. Weil, sehen soll der Mann ja nicht, wie verbissen ich mein Revier verteidige. Wäre ja albern, sowas. Und so muss der Vorgang völlig selbstverständlich, locker und zufällig kommen. Das ist die Kunst. Ich erhasche einen Blick auf die Karte meines Gegenspielers: Kurzstrecke! So ein Sonntagsfahrer wagt es, sich mit mir gestählten Kampfpendlerin anzulegen? Fast habe ich Mitleid.

Nach eineinhalb Stunden trennen wir uns, es ist mir gelungen, jeden Versuch, Macht über die Armlehne zu gewinnen, erfolgreich zu vereiteln. Es sind manchmal die ganz kleinen Siege im Leben, die einem tiefe Befriedigung verschaffen. Was bin ich doch für ein kleiner Geist. Aber ein wenig Spaß hat's mir schon gemacht...

Samstag, 7. August 2010

Menschen im Zuch, die 397...

Der Arbeitstag ist überlebt, ich schleppe mich zum Bahnhof, um die lange Reise ins wohlverdiente Wochenende anzutreten. Ich treffe einen früheren Kollegen, habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen und wir tauschen uns lebhaft aus. Nach dem Umsteigen aus dem bequemen ICE in den Waggon der Schweizer Bahn, der uns auf dem Weg von Zürich in Mannheim aufliest, wird es richtig voll. Ich lasse mich neben einem mittelalten Herrn fallen und beweise bei Wahl meines Reisebegleiters für die nächste Stunde wieder einmal ein goldenes Händchen.

Mir gegenüber sitzt eine junge Frau, die sich krampfhaft an einem Buch festhält. Sie versucht zu lesen (oder wenigstens in Ruhe gelassen zu werden), was der Herr neben mir offensichtlich als echte Herausforderung betrachtet. Immer wieder spricht er sie an "na, Karin, ist es spannend, das Buch?" (es handelt sich um einen Reiseführer - ich mutmaße mal: eher nicht). Karin schaut mich mit waidwundem Blick an. Die beiden sind wohl schon länger miteinander unterwegs. Ich stehe nicht im Fokus, packe meinen Reader aus und will auch ein wenig lesen. Dummer Fehler. Nun gehört mir die ganze Aufmerksamkeit des Herrn. Ich erkläre kurz, was ein Reader ist. Hat er noch nie gesehen. Lauthals fragt er in die Runde des Großraumwagens, ob jemand schonmal so etwas gesehen hat. Offenkundig nicht, denn keiner antwortet. Nun ist er beruhigt, weil keine Schande. Er fragt mich, wie weit es nach Mainz ist, ich murmele "nochnehalbeStunde". War wohl nicht laut genug. Er erhebt sich, erklärt den interessierten Fahrgästen dass er aus der Schweiz stammt und nach "Weisbaden" will und ob ihm jemand sagen kann, wie lange man da jetzt noch fährt. Jemand erbarmt sich und erteilt die gewünschte Auskunft. Er setzt sich wieder.

"Na, Karin, nerv' ich dich?". Karin, die sich sicher glaubte, holt Luft "es stört mich, wenn jemand das ganze Abteil unterhält!". Wow, mutig, hätt' ich der Kleinen gar nicht zugetraut.
Nun bin ich aber dran: "sowas wie mich hast du bestimmt noch nicht erlebt!" - "nicht auf diesem Zug" antworte ich wahrheitsgemäß. Mein Kollege, der mir nun schräg gegenüber jenseits des Ganges sitzt, hat sich mittlerweile hinter seinem Notebook versteckt, lauscht aber interessiert, wie ich seinem Grinsen entnehme.

Endlich wird das Geheimnis des etwas auffälligen Verhaltens aufgelöst: "ich will nach Weisbaden, da treff' ich nämlich morgen den Dieter Bohlen, weischt?" Es stellt sich heraus, dass mein Begleiter ein Supertalent ist, und was für eins! Erst mal erzähl' ich natürlich die Geschichte von des Osters Sohn, dem stolzen Papa des letzten Supertalents. Also des Zweibeinigen, natürlich...jedenfalls haben die Beiden jetzt ausgesorgt, fressen nur noch aus goldenen Näpfen, leben in einem Schloss, den ganzen Tag nur noch Müßiggang und lecker' Häppchen. Große Augen. "Echt?" - Klar. Können diese Augen lügen?

Jetzt will ich aber wissen, was mein neuer Freund so auf der Pfanne hat, um sich um einen Platz der Ehre, des Ruhms und sorgenfreien Lebens zu bewerben. Jetzt erzählt René, der Mann mit den vielen Talenten: er wird die Welt erfreuen mit einer Performance "Skiballett ohne Schnee" (ich hatte mich schon über die Ausrüstung gewundert. Skier. Im August), Tennis Racket jonglieren - und: High Speed jodeling "Mensch gegen Kampfjet" - und davon kriegen wir alle erstmal eine Kostprobe. Beeindruckend. Darüber will ich natürlich mehr wissen. Also: mit der Nummer ist er schonmal 2006 angetreten, damals ging das so: Dabei wird ein Kampfjet Sukhoi SU-27 Flanker eingeflogen, der gegen das Jodeln von René antritt. Die Wette besteht darin, ob René mehr Jodelanschläge schafft, als der Kampfjet Anzahl Meter zurücklegt bis er abhebt. Ziel ist der Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Bereits 2003 wurde ein Versuch gegen einen Hawker Hunter unternimmen, wo er 600 Anschläge in 25 Sekunden schaffte. Bei einem weiteren Versuch im 2004 gegen ein Kampfjet Rafale erreichte er sogar 800 Anschläge in 23 Sekunden.

Tolle Ideen haben die Leute, da gibt's mal nix. Käm' ich nie drauf.

Mittlerweile hat sich auch mein Kollege in das Gespräch eingeklinkt, wir haben viel Spaß miteinander und als sich herausstellt, dass auch "der Ralf" nach "Weisbaden" weiterfährt und "den René" unter seine Fittiche nimmt, damit er nicht verloren geht, auf dem weiten Weg "zum Dieter", ist dieser selig. Ich lass' es mir nicht nehmen, noch ein Abschiedsfoto schießen zu erlassen. Für wenn er dann reich und berühmt wird. Und wenn nicht, als Erinnerung an eine lustige Zugfahrt.

Freitag, 6. August 2010

Die Sensation zum Freitag

Heute morgen erfreute mich das heimische Käseblatt mit einer Notiz aus dem fernen Münster: dort meldete die "Münstersche Zeitung" der fassungslosen Lesegemeinde die Nachricht von einem unglaublichen Terrorakt: "Großer Blumenkübel zerstört"!

Als Insassin einer Landeshauptstadt ist man natürlich versucht, diese Vorkommnisse, die ein Kleinstädterherz zum Pochen bringt, möglicherweise nicht ganz mit dem angebrachten Ernst zu betrachten. Da ging es wohl einigen Leuten ähnlich, jedenfalls stürzte sich die Netzgemeinde mit Begeisterung auf diese Geschichte. Und so wurde via Twitter allerhand an Informationen hinzugetragen, deren Wahrheitsgehalt von eher zweifelhafter Qualität sein dürfte. Behaupte ich mal so. Möglicherweise stimmt es aber auch, wenn da geschrieben wird "Bild spricht mit dem Schwager der Nichte. 'Er war schon immer labil'!" "Laut Greenpeace sind mehr Blumenkübel betroffen, als zunächst befürchtet" und gar die alte Tante ZDF fühlte sich bemüßigt, sich zu äußern "Vermutlich müssen wir heute um 19.20 h ein ZDFspezial für den Blumenkübel einschieben".

Und auch das Ausland fragt sich schon "What's a Blumenkuebel?"

Wir werden es weiterverfolgen. Und ich bin schon gespannt auf die nächste Woche, wo es dann vielleicht heißt: "China meldet den Umsturz eines Reissacks"!

Donnerstag, 15. Juli 2010

Hab' ich doch glatt vergessen

auf eine wunderbare Literaturkritik hinzuwiesen, in der ein bezauberndes kleines Büchlein vorgestellt wird. Ist übrigens bald Weihnachten...

Montag, 12. Juli 2010

Bahnreisen im Wandel der Jahreszeiten

Immer wieder beglückwünsche ich mich dazu, im hier und jetzt zu leben: modernste Technik, soweit das Auge reicht; ungezählte kleine Helferlein, allein dazu geschaffen, mein Leben einfacher, interessanter und bequemer zu machen.

Und dann gibt es noch das letzte große Abenteuer...

Bevor ich mich zum Reiseantritt auf meinen persönlichen Lieblings-Abenteuerspielplatz (der bald noch spannender werden wird: Stuttgart 21 wirft seine Schatten schon gewaltig voraus) begebe, werfe ich noch einen kurzen Blick auf das heutige Programm: es wird ein verspäteter IC aus Klagenfurt geboten, angeblich 5 Minuten wg. verspäteter Übergabe aus dem Ausland. Ich weiß, dass bei einem Waggon die Klimaanlage gerne mal ausfällt, was allerdings keinen allzu großen Unterschied zu den anderen Behältern ausmacht. Man könnte sagen irgendwo zwischen "medium" und "well done" ist der Aggregat-Zustand, wenn man wieder aussteigt.

Eine halbe Stunde später fährt mein besonderer Liebling ein, ein Museumsstück, bei dem sich noch überall 4-stellige Postleitzahlen auf den Herstellermarken finden; Einrichtung so 70iger-Jahre-Charme. Hier kann keine Klimaanlage ausfallen. Es gibt nämlich keine. Aber dafür hat der stählerne Freund Fenster; es herrscht zwar Höllenlärm und duftet nicht gerade nach Rosen, wenn man durch die zahlreichen Tunnel fährt - aber immerhin. Der große (ok, der EINZIGE) Vorteil dieses Zuges ist, dass er in Stuttgart bereit gestellt wird. Entsprechend ist er meistens pünktlich. Falls nicht jemand die Bereitstellung vergisst. Kann ja mal passieren.
Dumm ist, dass der Zug schon stundenlang in der Bruthitze gestanden hat, man sich also erstmal den Hintern verbrennt, wenn man auf den Polyestersitzen Platz nimmt, bevor der Fahrtwind dann irgendwann mal sein kühlendes Werk tut.

Nochmal ein Blick auf das Bahn-Orakel - ah, der Klagenfurter Zug ist jetzt bei 35 Minuten Verspätung - gebongt, der Grill auf Rädern ist mir. Danke für die Entscheidungshilfe.

Ich sichere mir ein kleines Abteil und packe unter den neidischen Blicken der Mitreisenden meinen großen Kampffächer aus - ja, Freunde: Reisen bildet! Ich weiß, was hier lebensnotwendig ist! Und Wasser habe ich natürlich auch dabei - so blauäugig wie die armen Leutchen, die am Wochenende im ICE kollabiert sind, würde ich nie eine Bahnreise antreten!

Die Temperaturen bleiben tropisch, dieser Tage nichts ungewöhnliches; ein junger Mann betritt das Abteil, lässt irgendwelche unverständlichen Leute aus den Zähnen rutschen - ich nehme es mal als freundlichen Gruß. Er verjagt mich erstmal von meinem Platz. Er hat reserviert. Ich setzte mich also um, ihm direkt gegenüber ist einer frei. Ordnung muss schließlich sein. Ich habe Verständnis. Wir fahren durch die Landschaft, auf einmal wird der Himmel grau, ein paar schüchterne Tropfen fallen, ich bin erleichtert. Der korrekte junge Mann schaut fassungslos nach draußen: "Was ist das denn für'ne Scheiße!"

Sommer in Deutschland...

Samstag, 10. Juli 2010

Ein Tag im Gonsbachtal

Bei der Hitze ist die Nachtruhe ja immer schnell überstanden, um 6.00 h bin ich glockenhell wach, halte die Nase kurz aus der Terrassentür und stelle fest: hier kann man atmen! Pennen kann ich eh nicht mehr und so wage ich es, mit einem kleinen Lauf den Tag zu begrüßen. Nach 3 Wochen zum ersten Mal, zwei wunderbare Physiotherapeuten haben sich um meine Knie bemüht; Magnete geklebt, Kinesio-Tapes angelegt, gute Empfehlungen ausgesprochen zur Kräftigung (ok, die Empfehlung, nie wieder zu laufen war auch dabei - von beiden Herren. Aber Vernunft gehört nun mal nicht gerade zu den hervorstechenden Eigenschaften unserer Spezies - warum sollte das ausgerechnet bei mir anders sein ?!). Die Versuchung ist zu groß, ich ziehe los. Zunächst wird die Zeitung aus der Rolle gefischt - voller Zorn stelle ich fest, dass die Zeitungszustellerin wieder mal voller Gewalt die Zeitung in die Rolle gerammt hat (hatte ich nicht erzählt: während meines Urlaubs gab's Nachwuchs, das sind sie, die Kleinen, vor ein paar Wochen):



Als ich die Zeitung herauszerre, plumpsen mir vier Vogelkinder entgegen. Hektisch fange ich die flatternden kleinen Wesen ein und schubse sie zurück in die Rolle - begleitet vom wüsten Geschimpfe der panischen Eltern.

Übelst gelaunt mache ich mich auf den Weg, jogge langsam los (falls du das liest, Jens: wirklich gaaaanz langsam, mehr so Spazier-Joggen...und ja: meine Nase hat immer diese Länge) und bewundere erstmal die Baustelle für unsere neue Coface-Arena. Ganz schön gewachsen, die künftige "Gut' Stubb'" des FSV!




Ich komme näher, stocke, schaue genauer (geht nicht - Brille aufsetzen - JETZERT!) - tatsächlich: rosa Baufahrzeuge, rosa Bausilo, rosa Baumaschinen - wunderbar! Eine bessere Diebstahlsicherung im männerharten Baugeschäft kann es eigentlich gar nicht geben! Aber die armen Schweine, die damit arbeiten müssen (gerade auf so einer Baustelle, wo viele - hauptsächlich nichtrosane - Firmen unterwegs sind), haben bestimmt eher wenig zu lachen. Das stählt gewiss für's Leben.




Mich juckt's in den Fingern, hier nachts einzudringen und noch ein Hello-Kitty-Graffity anzubringen. Leider bin ich künstlerisch völlig untalentiert...

Ich trabe weiter, gelange an meinem persönlichen Übungs-Tümpel - ziemlich eingerostet; höchste Zeit, wieder ordentlich einzusteigen. Die letzten Meter liegen vor mir, da erfreut mich ein freundlicher Gruß:




Das mag ja schon sein, aber so genau wollte ich's eigentlich nicht um die Ohren gehauen bekommen. Es ist 8.00 h. War 2 Stunden unterwegs. Andere schlafen noch den Schlaf der Vergesslichen. Ich war fleißig. Ich darf stinken.

Noch ein letzter Blick zu meinen gefiederten Freunden:



**Patenstolz

Donnerstag, 8. Juli 2010

5 gute Gründe sich zu freuen, dass es (fast) vorbei ist

1. ich komme wieder früher in’s Bett
2. ich muss nicht mehr so viel Bier trinken
3. das Glücks-T-Shirt kommt endlich in die Wäsche
4. ich habe Gelegenheit, mich in gönnerhafter Toleranz zu üben
5. die Wasserwerke können nach dieser Belastungsprobe endlich wieder aufatmen

Und dennoch….ach, schade – aber schee war’s!

Achja: kennt jemand ein paar leckere Rezepte für Oktopus-Salat?

Sonntag, 4. Juli 2010

Wenn man gerade so schön am Schmähen ist...

...kann man es ja schon fast nicht mehr sein lassen:



**schämt sich unendlich
***hört bald wieder auf

Sonntag, 27. Juni 2010

Chinesischer Deutschkurs

Gerade bei unseren Freunden im Osten entdeckt (war wohl ne kleine Hausaufgabe im Deutschkurs):

Nur Italien nicht!!!!自己翻的中文歌词~
2010-06-26 23:58:41 来自: lōwi(aus den Augen, aus dem Sinn.)
Wer den Cup gewinnt, ist scheiß egal, nur Italien nicht!!!!自己翻的中文歌词~
德语学艺不精,高手请指教~
Refrain(副歌部分)
Wer den Cup gewinnt ist scheiss egal – nur Italien nicht Italien nicht
Wer den Cup gewinnt ist scheiss egal – nur Italien nicht noch mal
谁TM夺冠都行,就意大利不行。

Strophe (Dittmar Bachmann)(人名)
Ein Tor in den ersten Sekunden reicht für 90 Minuten aus
Hinten dicht nur am Boden Zeit geschunden
So sieht italienischer Fussball aus
开场第一秒进一球就抵得上90分钟的比赛,
倒在地上来耗时间,
这就是意大利的踢法。

Brücke(衔接)
Das nervt das kann nicht richtig sein
Und weil wir uns einig sind stimmen alle jetzt mit ein
介真令人讨厌,介是不对的,
因为所有人都这么认为~

Refrain(副歌)

Strophe (Achim Knorr) (人名)
Treten spucken beleidigen – so wollt ihr verteidigen
Und habt ihr Angst das reicht mal nicht
Dann rennt ihr vorher zum Sportgericht

铲人吐人骂人,你们就想介样得冠?!
你们怕了吧,介样不成滴~
你们该进足球法庭啦~

Brücke(衔接)

Refrain(副歌)

Strophe (Lutz von Rosenberg Lipinsky)(人名)
Gold`ne Schühchen gold`nes Kettchen ihr lauft rum wie Luden-Frettchen
Gel oel Cremes sind überall
Doch das ist Sport das ist kein Tuntenball
金鞋子金链子,你们像 Luden-Frettchen一样到处跑
到处都是Gel Öl Cremes
这是Sport,不是Tuntenball(一种慢拍的舞蹈)!

Brücke(衔接)

Refrain(副歌)

Strophe (Sven Hieronymus)(人名)
Ja wir moegen euer Essen doch beim Fussball seid ihr nicht ganz dicht
Pizza Pasta Mafia – Berlusconi
Das reicht mehr woll`n wir nicht
我们喜欢意大利食物。但介跟足球没太大关系。
来份意大利比萨饼意大利面意大利黑手党 - 贝卢斯科尼
这些就够了,别的俺们就不要了~

Brücke(衔接)

Refrain(副歌)

LETZTER Refrain:(最后一部分的副歌,有些改动)
Wer den Cup gewinnt ist sonnenklar: Alemania per la gloria
Wer den Cup gewinnt liegt auf der Hand: natürlich Deutsche-Land

谁是冠军很明了嘛~Alemania per la gloria
谁是冠军?当然是Deutschland!!!!

视频链接:
http://www.tudou.com/programs/view/mN2ZtUXMOjo
X 登录 · · · · · ·Email: 密 码: 忘记密码了 在这台电脑上记住我 >还没有注册... . 2010-06-27 21:24:45 ChrisR 话说我有一句看不懂哎。。。Und weil wir uns einig sind stimmen alle jetzt mit ein 是在sind后断句吧?这个stimmen alle mit ein怎么理解啊?


beim Fussball seid ihr nicht ganz dicht 不是说脑子有点不对么?nicht ganz d. sein (ugs. abwertend; nicht ganz bei Verstand sein)


Dann rennt ihr vorher zum Sportgericht 这个是说他们害怕那些还不够,先向足球法庭告状吧

另,这首歌还蛮可爱的嘛,不看人的话。。。Alemania per la gloria ~哈


Achja, hier gibts das Liedlein, das bei Youtube aus Gründen politischer Korrektheit selbstredend schon ordnungsgemäß entfernt wurde, zum Nachhören.Shame on us.

Freitag, 25. Juni 2010

Höhere Fußball-Mathematik

Eben grad in der S-Bahn:

Feierabend, kurz vor 16.00 h. Eine Gruppe junger Leute, mit portugisischer Fahne (WM bildet, hätt' ich vor kurzem nicht identifizieren können) bekleidet, entert mit mir zusammen die S-Bahn. Schnattert in lautester Fremdsprache, mutmaßlich Portugisisch, miteinander. Man freut sich wahrscheinlich auf das Spiel und den erwarteten Triumph. Die jungen Leute setzen sich und erinnern sich wohl ihrer Manieren, jedenfalls geht es jetzt auf Deutsch weiter. Und nun wird es interessant: "Also, wenn wir jetzt 5 Tore kassieren, und eins schießen, dann sind wir immer noch drin!" - "Nee, Quatsch, wenn DIE jetzt mit uns unentschieden machen, dann...." - "Nein, hast keine Ahnung, ich hab's gerechnet, also, wir haben im letzten Spiel 7 Tore gemacht und..." - "nein, ich mein' egal, wir gewinnen ja sowieso, aber..." - und so geht es munter bis zum Bahnhof. Und genauso viel versteh' ich auch.

Gleich geht's los - mal schauen, wer Recht hat

P.S.:
Damit ich nicht vergess' zu erzählen - HEUTE WAR DER ZUG PÜNKTLICH! Und kein Gedränge, völlig entspannt!!
Wie's kommt? - Ganz einfach: der ursprüngliche Zug war so gnadenlos verspätet, dass man ab Stuttgart einen Ersatzzug eingesetzt hat. Wunderbar. Danke, liebe Deutsche Bahn (Muss auch auch mal gesagt werden...)

Mittwoch, 23. Juni 2010

Und noch einmal: Liebe Deutsche Bahn,

ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann. Zumindest in einem Punkt. Ich hatte eine Fortsetzung versprochen – und: da isse schon!

Der geübte Fern-Pendler verlässt das Haus niemals, ohne vorher in die Kristallkugel resp. in den „Aktuellen Abfahrtsplan“ der Deutschen Bahn geschaut zu haben. Da steht dann immer, was den Reisenden so erwarten könnte, z.B. Leute im Gleisbett, „verzögerter Betriebsablauf“ (was auch immer das im Gegensatz zum Normalablauf bedeuten mag), Bauarbeiten oder ein kurzes, trockenes „Zug fällt aus“. Dann steht dahinter, wie viele Minuten oder Stunden später der Zug dann „circa“ ankommen könnte. Und mit dem „circa“ ist das so eine Sache: es kann nämlich durchaus passieren, dass Zug unterwegs Zeit aufholt, weil vielleicht Bahnhöfe kurzerhand ausgelassen werden (wer will schon nach Wiesloch-Waldorf?) oder man eine Abkürzung gefunden hat – wie auch immer. Jedenfalls ist man bei der ersten Störungsmeldung gut beraten, immer wieder nachzuschauen, wie die aktuelle Verspätung ist, damit der Zug dann nicht plötzlich doch weg ist. Kann man natürlich nicht immer, so dass der frühzeitige Hinweis auch nix anderes ist als die dringende Empfehlung, sich zu rüsten, noch was zu essen und zu lesen zu besorgen, schon mal Termine unter Vorbehalt zu stellen und sich dann überraschen zu lassen.

Solcherart vorbereitet habe ich mich dann gestern Nachmittag Richtung Bahnhof aufgemacht. Aus der angekündigten Viertelstunde Verspätung wurde eine halbe – also alles im normalen Bereich. Der Zug kommt glücklich aus dem fernen Klagenfurt an. Zugdurchsage (mit deutlich hämischen Unterton – die Zwockel verlassen nämlich in Stuttgart den Zug): „wegen Bauarbeiten im Bereich der ÖBB!! – (er spricht tatsächlich fettgedruckt mit Ausrufezeichen) haben wir jetzt eine Verspätung von 31 Minuten. Wegen eines technischen Defekts können übrigens die Reservierungsanzeigen nicht angezeigt werden (und schon geht die Klopperei um die raren Plätze los). Wegen eines weiteren technischen Defekts muss unser Bord-Bistro leider geschlossen bleiben“. Die Aufzählung, was funktioniert, wäre möglicherweise kürzer gewesen, aber ich will ja nicht lästern. Außerdem bekommen wir als besonderen Service die Fußballergebnisse durchgesagt – man kann nicht sagen, dass man sich keine Mühe gibt. Und als dann später noch ein junger Mann Heißgetränke anbot und mit den Worten „Der schlechteste und teuerste Kaffee Deutschlands!“, da war ich dann schon wieder versöhnt. Mir tun die Leute, die dort arbeiten wirklich leid. Wegen der Verspätungen haben die ja auch nicht gerade geregelte Arbeiten und müssen sich dann auch noch von Passagieren manchmal aufs übelste anpöbeln lassen – unter diesen Bedingungen nicht den Galgenhumor zu verlieren: Chapeau!

Dienstag, 22. Juni 2010

Liebe Deutsche Bahn,

wir beide wissen, dass ich im Laufe der Jahre, die wir gemeinsam miteinander verbringen durften, einige Geschichten gesammelt habe, die wir lieber unter dem Mäntelchen des Schweigens verhüllt lassen wollen. Aber was du dir heute morgen geleistet hast, das verschlägt mir dann doch den Atem. Aber eins nach dem anderen:

Ich stehe auf dem Bahngleis um meine tägliche Reise von Mainz nach Stuttgart anzutreten. 5.36 h, der ICE rollt ein. Noch kein Grund für La-O-La, der Zug kommt aus Wiesbaden, muss also nur von der ebsch' Seit' auf die Richtige, das kann man pünktlich hinkriegen. Zumindest im Sommer (wobei....naja, tiefgefrorene Oberleitungen hat's ja derzeit noch nicht). Ich besteige den ICE, er rollt los. Als ich nochmal kurz die Augen öffne, um den Anblick des Rheins, auf dem sich die aufgehende Sonne spiegelt, zu genießen, bin ich mit einem Schlag wach. Wo fährt der hin? Wieso sind wir auf der Rheinbrücke?? Wir bleiben doch linksrheinisch bis Ludwigshafen??? Ich bin wohl nicht die einzige, die sich die Frage stellt. Wir bleiben stehen. Stehen. Hektisches hin- und herlaufen. Lautsprecherdurchsage: „räusperräusper – hier spricht der Zugchef – öhm – wir haben gerade einen außerplanmäßigen Halt – öhm – wie Sie vielleicht festgestellt haben, äh, weicht unsere heutige Route – öhm – also, das war so – öhm, ja – der Fahrdienstleiter – öhm – muss wohl die Weiche irgendwie....also, wir wissen jetzt auch nicht so genau....“

Sprach's und versank in Meditation.

Fünf Minuten später: „Also, wir fahren jetzt erstmal weiter, nächster Halt ist dann Mannheim, wir entschuldigen uns bei den Leuten, die eigentlich nach Worm wollten“. Punkt. Ist mir egal, wer will schon nach Worms, Hauptsache es geht weiter. Ein paar Minuten später eine euphorische Durchsage „wir haben jetzt die Lösung, wir fahren bis Biblis und da biegen wir dann rechts ab und fahren dann doch nach Worms!“. Wir haben die das hingekriegt? Vor meinem geistigen Auge ein Comic, in dem man einen gestrandeten ICE mitten in der Wüste bzw. im hessischen Ried (ist fast das gleiche) sieht, ein Zugbegleiter steht davor und fragt einen Eingeborenen, wo es bitte nach Worms geht? - „Ei, da nemme se die next rechts un dann als gradeaus, ibber die Brigg', könne se garnit verfehle!“ oder so.

Nunja, irgendwann sind wir dann tatsächlich in Stuttgart angekommen, den Zusteigenden wurde zwischendurch etwas von einer „Umleitung“ vorgelogen – wir Kundigen haben nur wissend gelächelt – und ich habe mir vorgestellt, wo ich wohl landen würde, wenn ich mal eine wirklich lange Reise mit der Deutschen Bahn riskierte. In China? Ein Versuch wär's wert.

Wird fortgesetzt...

Freitag, 4. Juni 2010

Wieder in Shanghai

Der Post ist etwas länger geworden; für einen Kürzeren fehlte mir die Zeit:

Der Abschied von den Bergen ist mir wie eigentlich immer ziemlich schwer gefallen, die Beziehung zu Guan und seiner Frau ist enger gewachsen, und als mich die Beiden entgegen chinesischer Gepflogenheit herzlich in den Arm nehmen muss ich doch schwer schlucken.

Der Fahrer bringt mich nach Liuliping, das mittlerweile stolzer Träger des Titels „Wudang Shan Bahnhof“ ist. Was Laoyin angestellt hat, um diese Ehre aberkannt zu bekommen, weiß ich nicht, ich finde beide Orte vergleichbar gruselig, daran sollte es eigentlich nicht liegen. Der Bahnhof von Liuliping ist vielleicht nicht ganz so verdreckt, das Gebäude in einer staubigen Seitenstraße allerdings auch nicht gerade eine Visitenkarte, die man gerne haben möchte. Ich habe noch über eine Stunde Wartezeit bis mein Zug kommt und bin bis dahin Gegenstand größten Interesses der hiesigen zahlreich versammelten Landbevölkerung. Ich packe meinen E-Book-Reader aus und setze den mp3-Player, der nun 3 Wochen Pause hatte, auf die Ohren. Der Reader weckt unverhohlene Neugier, ein Mann der mit der Rücken zu mir sitzt, dreht sich um, um das Gerät und die unverständlichen exotischen Schriftzeichen, die auf dem Display zu erkennen sind, ganz genau zu betrachten. Das geht mir zwar etwas auf die Nerven, allerdings gelingt es mir, irgendwann völlig in die Welt meines Krimis abzutauchen und bin am Ende ganz froh über die Aufdringlichkeit des Herren, der mich anstubbst, als mein Zug angekündigt wird „Lailailai!“ - Danke, habe ich wirklich nicht mitgekriegt. Nun stehe ich vor der Treppe, schicksalsergebener Augenaufschlag, das reißt mir der junge Mann die schwere Reisetasche aus der Hand, bevor ich es verhindern kann und schleppt sie nach oben. Auf dem Bahngleis steht ein Bediensteter – auch der lässt es sich nicht nehmen, sich meines Gepäcks zu bemächtigen und lässt mich nicht aus den Augen, bevor er sich vergewissert hat, dass ich tatsächlich in meinem Abteil gelandet bin.
Ich bin auf meinen Reisen durch China nie anders als freundlich und zuvorkommend behandelt worden (natürlich: Deppen gibt es auf der ganzen Welt), aber was ich dieses Mal erlebt habe, geht weit darüber hinaus. Ich kann mir gut vorstellen, dass man – nach Beijing während der Olympiade – nun die Shanghaier anlässlich der Expo dazu getrimmt hat, die Ausländer nett und freundlich zu behandeln und dafür zu sorgen, dass sie nicht verloren gehen – aber hier, hinter den Bergen bei den sieben Zwergen? Erstaunlich...

In meinem Abteil schlummert bereits ein junger Mann im oberen Bett. Ich wecke ihn ohne schlechtes Gewissen auf, wohl wissend, dass er den hiesigen Gepflogenheiten entsprechend sofort wieder in Tiefschlaf fallen wird. Das Licht ist noch an und der Schalter befindet sich dort, wo der junge Mann liegt. Er reibt sich kurz die Augen, orientiert sich, ich werde fokussiert, er äußert etwas unverständliches, aus dem ich die Worte „more“ und „enemy“ heraushöre. Ich versichere ihm, dass ich derzeit die einzige Feindin bin und wir deshalb getrost das Licht löschen können. Und das tut er dann auch, so dass einer ruhigen Nacht nichts im Wege steht. Als der Zug gegen 5 h in Wuhan einläuft, muss ich wieder einmal ungläubig nachfragen, ob wir tatsächlich angekommen sind – obwohl ich den Bahnhof mittlerweile ja kenne. Wenn ich mit der Deutschen Bahn unterwegs bin, macht sich spätestens 20 Minuten vor Erreichen der nächsten Haltestelle allgemeine Hektik breit und alles stellt sich schonmal in froher Erwartung in die Gänge. Das ist hier nicht ganz so. Wuhan ist die Endstation und nun wird erstmal gemütlich ein Teechen getrunken (es ist ja noch früh am Tag), die Schluffen wieder angelegt, in aller Ruhe das Geraffel zusammen gesucht, bevor man ganz gemächlich den Zug verlässt. Für diesen meditativen Akt habe ich aber gar keinen Sinn, ich muss meinen Flieger nach Shanghai bekommen also stürme ich durch den Gang zum Ausgang. Verständnisloses Kopfschütteln begleitet mich. Diese Ausländer immer mit ihrer Eile.

Verbissen laufe ich durch das Spalier der Fahrer, die lautstark eine Fahrt mit ihrem Privat-PKW feilbieten. Einer bietet mir und meinem Gepäck sogar eine Fahrt auf seinem Motorroller an. Er würde das fertigbringen, da bin ich ganz sicher. Aber dieses Mal lasse ich mich nicht abschleppen, diesmal nicht! Ich erreiche schließlich ein offizielles Taxi, lasse mich erleichtert fallen und nenne mein Ziel. Und als erstes schaltet der Mann das Taxameter aus. Also wieder über den Fahrpreis verhandeln. Wuhan, meine Nemesis.

Wenige Stunden später komme ich in Shanghai an, fahre geschmeidig mit dem Flughafenbus in die Stadt und bin bestens präpariert, dem Taxifahrer anschließend nicht nur die Adresse von Bats Wohnung mitzuteilen, sondern habe auch die Querstraßen parat, das Wort Kreuzung habe ich heraus gesucht und kann deshalb die entsprechende Nachfrage sofort verstehen und und auch beantworten. Als würde ich täglich nichts anderes tun. Selbst das widerborstige Schloss der Eingangstür mache ich mir gegen erbitterten Widerstand untertan, und das ohne den Schlüssel abzubrechen. Nun habe ich mir erstmal einen Kaffee verdient. Dann wird erstmal Bat informiert, dass ich ihre Wohnung erfolgreich besetzt habe, wir machen einen Treffpunkt in der Stadt aus und ich gehe jetzt erst einmal auf die Jagd nach all' den Dingen, die ich bei meiner Ankunft noch nicht abschleppen konnte.



Auf dem Weg ins Ort schaue ich mich in der U-Bahn etwas um. Der Anteil der Menschen, die weder schlafen noch an ihrem Handy herumfummeln, dürfte im Promillebereich liegen. Mindestens jeder Zweite starrt fasziniert auf sein Display und drückt irgendwelche Knöpfe. Lustiger Anblick.

In Kenntnis meiner kleinen Schwächen bewege ich mich auf eher unproblematischen Pfaden. Glaube ich zumindest. Ich möchte zum Foreign Book Store, eine vernünftige Stadtkarte erwerben und mal schauen, ob ich dort vielleicht noch die eine oder andere Kleinigkeit finde. Oh, Freunde, der Weg dahin ist steinig und mit Verführungen gespickt! Und so finde ich mich plötzlich, ohne dass ich es verhindern kann, in einem Nippes-Laden wieder, in dem wirklich aller Müll der Welt versammelt ist. Das tückische ist, dass es sich um pseudo-sinnvolle Produkte handelt, bei deren Erwerb man sein schlechtes Gewissen sehr schnell zum Schweigen gebracht hat, weil die Dinge ja sooo praktisch sind und eine bezaubernde quietschbunte Gummihülle für meine Firmen-Transponderkarte hat mir wirklich noch gefehlt. Ganz, ganz ehrlich. Erschöpft falle ich mit einer Tüte voll „Nothings“ aus dem Laden und stolpere in den Nächsten. Buchladen, hat wohl so etwas wie Ausverkauf, auf einem riesigen Wühltisch entdecke ich ein paar Kinderbücher mit Kungfu-Geschichten, mit Pinyin-Unterschriften – ganz mein Sprachniveau. Die werden gewogen und ich zahle für 450 g Bücher 11 Yuan. Mal was anderes.

Als ich leicht ermattet doch irgendwann im Foreign Bookstore lande, hole ich erstmal tief Luft. Ich stärke meine Widerstandskraft, weil ich genau weiß, dass mir irgendjemand ganz bestimmt wieder ein superintelligentes Computerprogramm zum Chinesisch-Lernen verscheuern will, „Perfect Chinese in one week“. Ich erinnere mich vor wenigen Jahren im Kaufrausch auf dem Flughafen ein solches Paket erworben zu haben; wir waren eine Gruppe von Leuten und nachdem der Damm erstmal gebrochen war, glaubten wir alle, ohne dieses Produkt nicht mehr leben zu können. Nach ein paar Wochen sprach mich eine Freundin an: „und, schonmal ausprobiert das Programm?“. Naja, im Gegensatz zu ihr hatte ich es wenigstens mal installiert. Aber mehr auch nicht. Bis heute.
Ich nehme ein Buch aus dem Regal, in dem gängige Floskeln und Redewendungen, über die ich schon mehrfach gestolpert bin, hervorragend aufgelistet sind. Das gefällt mir. Kostet auch nur 31 Yuan. Direkt steht eine Verkäuferin neben mir, betrachtet meine Wahl kritisch. Ob ich denn schon etwas Chinesisch könne. Ja, ich kann etwas Chinesisch. Glaubt sie mir nicht. Schnappt sich ein anderes – natürlich wesentlich teureres – und preist es mir an. Ich blättere. Nein, gefällt mir nicht. Ich will das Floskelbuch. So einfach geht das aber nicht. Erst muss ich mich des Kaufs als würdig erweisen. Also werde ich nun geprüft. Die Dame lässt mich tatsächlich Teile eines Texts vorlesen um nachzuweisen, dass ich noch nicht reif für die Fortgeschrittenen-Lektüre bin. Selbstbewusst lese ich die Zeichen, die ich kenne, laut vor und nuschele über die, von deren Bedeutung und Aussprache ich nur eine ungefähre Vorstellung habe, drüber. Klappt im Chinesisch-Unterricht auch ganz gut. Die Verkäuferin ist überrascht, hat sie mir offensichtlich nicht zugetraut. Ich darf das Buch erwerben. Aber auf dem Weg zur Kasse reißt sie mich doch nochmal zu den Computerprogrammen und zeigt mir ein nagelneues Lernprogramm. Ich kämpfe. Und gewinne. Und verlasse den Laden mit einem einzigen Buch. Ich bin so stolz.

Mittlerweile hat auch Bat Feierabend und wir treffen uns im Starbucks, wo ich meine Kaffee-Mangelerscheinungen, die sich in den letzten Wochen eingestellt haben, therapieren kann. Bat will mir noch ein paar Einkaufsstraßen zeigen, die ich noch nicht kenne. Wir landen in einer Gasse, die wirklich das neue Shanghai in all seiner Pracht zeigt: kreischbunt beleuchtete Häuserfluchten, in gigantischen Schriftzeichen sämtliche Nobelmarken der ganzen Welt – hier ist wirklich alles versammelt. In einem der Nobelkaufhäuser befindet sich ein Hello-Kitty-Laden. Ein echter, also keine Nachbauten. Ich muss gleich zweimal nach Luft schnappen: bei Eintritt in die rosaüberflutete Wunderwelt und dann als ich mir die Preise anschaue. „Denen brennt doch der Kittel!“ entfährt es mir. Ich beschränke mich darauf, den unfassbaren Kitsch genauestens zu betrachten und leiste mir am Ende nur ein paar Aufkleber, so zur Erinnerung. Damit werde ich meinen Fächer und vielleicht auch mein Schwert kittyfeien, damit jeder gleich sieht, dass es meins ist.



Anschließend macht mich Bat auf einen Laden mit dem vielversprechenden Namen „Cyber World“ aufmerksam. Ich lehne tapfer ab, ich habe wirklich alles. Und noch viel mehr. Wie eine Sirene lockt sie, mein Widerstand erlahmt und wir betreten das Wunderland. Ich blicke mäßig interessiert auf die neuesten Spielzeuge, iPads und sonstiges Zeug was kein Mensch braucht. Diese Haltung erhalte ich stolze 3 Minuten aufrecht, dann ist Feierabend. Dann fällt mir siedendheiß ein, welches unverzichtbare elektronische Gerät in meiner nicht gerade übersichtlichen Sammlung fehlt. Es gelingt mir, einen jungen Mann für das Objekt meiner Begierde zu interessieren. Mühevoll erkläre ich ihm, dass ich ein Pad suche, auf dem ich per Hand Schriftzeichen eingeben kann, die dann vom Rechner erkannt werden. Nach einigen Anläufen hat er wirklich verstanden, was ich will und nun schreiben wir beide um die Wette. Es nützt mir ja nichts, dass die Zeichen eines Native-Writers identifiziert werden, das Ding muss meine Sauklaue entziffern können. Offensichtlich lernt das Programm, es erkennt immer schneller, kurz gehandelt (meine Lieblingsdisziplin) und für 210 Yuan eingesackt. Naja, nun bin ich doch irgendwie dankbar, dass Bat wohl besser wusste als ich, was gut für mich ist...

Nun haben wir uns eine Verschnaufpause redlich verdient und wir begeben uns in die TaikangLu. Dies ist ein altes Wohnviertel, dass eigentlich abgerissen werden sollte; nun haben sich aber jede Menge Lädchen und Kneipen in diesem Viertel etabliert, eine echte Touristenattraktion, die aber auch von Chinesen gerne angenommen wird. Jedenfalls trifft man hier eine sehr bunte internationale Mischung an, in den Lokalen wird draußen gesessen, gegessen getrunken – sehr europäisch. Könnte China durchaus mehr davon vertragen. Wir essen gemütlich eine Pizza und betrachten das Geschehen. Die kleinen Lädchen faszinieren mich, leider sind viele schon geschlossen, als wir uns endlich zum Aufbruch aufraffen. Egal, war ein wirklich schöner Abend.

Am nächsten Tag will ich mich mit Tori treffen, die seit fast einem Jahr mit ihrer Familie in Shanghai lebt. Bevor ich in die Stadt fahre, stärke ich mich mit einem gefüllten Fladen, ähnlich einem Crepe, allerdings mit einer sehr knusprigen Waffelartigen Einlage, jeder Menge Kräutern und Gewürzen. Dies ist wohl eine örtliche Spezialität von Hongkou und auf dem Weg zur SISU, der Shanghai International Studies University, sind einige dieser Straßenstände. Stärkung ist gut, Treffen mit Tori funktionieren im ersten Anlauf nicht immer völlig reibungsfrei. Diesmal geht’s, nur eine halbe Stunde Verspätung, das ist für Shanghai absolut im grünen Bereich. Klugerweise haben wir uns in einem Cafe verabredet, da wird mir die Zeit auch nicht lang. Nach einem herzlichen Willkommen frage ich Tori, ob sie die TaikungLu kennt – nein, ist ihr neu. Da wird sie was zu staunen haben. Wir landen an der Straße, sieht zunächst ganz unscheinbar aus. Man muss erst durch eines der Tore treten, die in das Labyrinth führen um einen Eindruck von dem lebendigen Wirrwarr, das uns erwartet, zu bekommen. Wir versuchen zunächst, die Gassen systematisch abzugehen, was aber nach kurzer Zeit scheitert. Wo es kein System gibt, da wird auch nix systematisch. Und so lassen wir uns einfach hierhin und dahin treiben, erwerben Schätze und Kinkerlitzchen und haben jede Menge Spaß. Nachdem wir ein nettes Lokal mit gemütlicher Dachterrasse gefunden haben, telefoniere ich Bat herbei und wir verspeisen jede Menge indischer Leckereien. So ist das mit den Expats: Chinesisch essen in Shanghai? Ach, wenn's unbedingt sein muss...



Nach dem köstlichen Mahl sind wir bereit für neue Taten: Tori hatte schon ein sehr kleidsames und originelles Oberteil erworben, da stehen wir in einem wahrgewordenen Frauentraum: ein exklusiver Laden mit handgefertigten Schuhen. Sehr unchinesisch schlicht, in gefälligen Farben. Sehen superbequem aus. Klarer Fall von musshaben. Ein Paar aus Wildleder in dezentem beige haben es Bat und mir angetan. Bat gewinnt; es ist ihre Schuhgröße. Beseelt lässt sie sich das Paar einpacken; ich tröste mich: in meiner Größe sind Schuhe nicht so schwierig zu bekommen, da hat Bat mit Größe 40 doch ganz andere Probleme. Tori winkt ab. Größe 42. Arme Socke.
Nun haben wir eigentlich alles eingekauft, sämtliche gefühlten Mängel behoben, da stolpern wir in einen Tücherladen – sehr schöne Stücke aus Seide und Kaschmir...toll. Die beiden Damen werden heftig umworben und mit Tüchern drapiert, damit sie sehen, wie schön die Stoffe fallen. Ich falle in meinem geliebten AC/DC-T-Shirt nicht ganz in das Beute-Schema der Verkäuferinnen. Ist auch gut so. Dabei habe ich auf einmal meine Leidenschaft für einen ganz besonderen, sehr raffiniert gemusterten Schal entdeckt. Es gelingt mir dennoch, den Laden ohne zu verlassen. Dann geht es natürlich los: Soll ich oder soll ich nicht – die beiden Freundinnen reden mir gut zu: wer weiß, ob der Schal noch da ist, wenn du wieder kommst, wenn du den jetzt nicht kaufst, wirst du dich ewig drüber ärgern. Wer bin ich, so guten Rat in Frage zu stellen, also umgedreht und der etwas erstaunten, aber dann breit grinsenden Verkäuferin den Schal abgenommen. So, jetzt ist aber Schluss.

Nun haben wir die richtige Schwere für den Absacker, wir lassen uns in einer sehr netten Kneipe mit dem hübschen Namen „Commune“ nieder, dort gibt es so etwas wie einen Biergarten und wir feiern unseren erfolgreichen Einkauf mit einem kühlen Schluck. Das Leben ist schön. Und wir sind uns einig, dass es wirklich soooo einfach ist, Frauen glücklich zu machen. Wir können uns gar nicht erklären, was manche Männer immer haben.
Als wir viel später zahlen, stellt sich heraus, dass die Bedienung, über die wir – in der Gewissheit, dass uns ja eh keiner versteht – ein klein wenig gelästert hatten, aus Deutschland stammt. Ebenso unsere direkte Nachbarschaft, die wir mit unseren manchmal etwas lockeren Sprüchen unterhalten haben. Wahrscheinlich hat uns fast jeder verstanden. Das könnte uns jetzt mit Fug und Recht peinlich sein. Aber egal: es war ein geiler Abend!




Etwas wehmütig machen wir uns auf den Heimweg, nun werden wir uns monatelang nicht mehr sehen, aber wir planen schon wieder: im Oktober wird das Städtchen aufgerollt!
Bei Bat beschließen wir den Abend mit einem Gläschen Wein, im Hintergrund läuft das Web-Radio, HR3 meldet einen Stau auf der A66 Richtung Wiesbaden-Schierstein. Ein schöner Start ins Wochenende wird gewünscht. Hier ist es 2.00 h morgens. Bizarr. Als ich mich drei Stunden später aus dem Bett schäle und mich von Bat verabschieden will, murmelt sie etwas von „wir sehen uns doch nachher im Büro“. Ich antworte mit „klar, bis später dann“ und verlasse beklommen die Wohnung.

Aber bald bin ich ja wieder da. Wer braucht schon einen Koffer in Berlin? Ich habe einen Schlüssel zu ner Wohnung in Shanghai!