Montag, 10. Mai 2010

Nächste Station: Wuhan - Wudang Shan rückt immer näher

Nachdem Bat gestern ziemlich spät von ihrer, nunja, sehr erhellenden Geschäftsreise, in der sie wieder einmal einiges über die sehr speziellen Business-Gepflogenheit gelernt hat, zurückkam, wurde es natürlich doch ein klein wenig später. Nach 3 Stunden Schlaf war ich nur gottfroh, dass der Taxi-Fahrer, der mich zur Busstation am Hongkou-Fußballstadion bringen sollte, mich sofort verstanden hat und einfach nur ohne Schwatz-Versuche seinen Chauffeur-Dienst geleistet hat. Am Stadion dann ein kurzer "Hallo-Wach"-Moment, als mich der Shifu fragt, um wieviel Uhr mein Flieger geht. Ich verstehe den Sinn nicht, muss man eine gewisse Dringlichkeit nachweisen um diesen ersten Bus um 5.40 h nehmen zu dürfen? Keine Ahnung, ich sage mal auf Verdacht 8.00 h - das stimmt zwar nicht ganz, aber ich will nicht diskutieren. Soweit funktioniert die Kommunikation. Dann nicht mehr. Nun prasselt es nur noch in breitestem Shanghaineese auf mich ein, ich wiederhole nur immer wieder hilflos "Wo ting bu dong" - nix verstehen. Die anderen Passagiere nehmen regen anteil, nun geht's pantomimisch weiter. Er will also mein Ticket sehen. Wegen mir. Blick drauf. Nickt. Einsteigen. Im Bus dann die Erleuchtung - er wollte wissen, mit welcher Gesellschaft ich fliege, damit er mich am richtigen Terminal rausschmeißt. Ich bin ja wieder einmal die einzige Laowai und man gibt sich hier wirklich unendlich viel Mühe, dass bloß keiner von uns verloren geht. Im Taxi war auch ein großer Aufbepper "If you have any communication problems with your driver, just call this number". Ich frage mich, was dann passiert. Wahrscheinlich Konfussion auf höherem Niveau. Aber diese Blöße muss ich mir glücklicherweise nicht geben.


Die Fahrt zum Flughafen dauert um diese frühe Uhrzeit nur eine Stunde, so dass ich noch massig Zeit habe, die ich damit verbringe, mein Gepäck beim Einchecken einen besonderen Security-Check unterziehen zu lassen, da man mein eingepacktes Feuerzeug entdeckt hat. So lerne ich, dass das mittlerweile auch verboten ist, nicht nur beim Handgepäck. In einer 105-Liter-Tasche ein Feuerzeug zu finden, kann einen schon beschäftigen und die Maid ist maßlos verblüfft, als ich zielsicher in eine Seitentasche greife. Sie bewundert meine Faltkuverts, in die ich meine Klamotten eingeschlagen habe, damit der Kram nicht völlig verwüstet ankommt. "Everything so nice and tidy - you must be german!" Ertappt. Glücklicherweise weiß sie nicht, wie es bei mir daheim aussieht, und so trage ich einfach so mal eben zur Legendenbildung bei.
Die Zeit reicht auch noch für ein ordentliches Frühstück und nach der Einnahme von einer scharfen Nudelsuppe mit Rindfleisch fühle ich mich gestärkt für den Flug. Hoffentlich kann ich da ein wenig Schlafen, ich bin völlig erschöpft - so sehr ich mich auf das Wiedersehen mit Cici freue, ich würde mich viel lieber ein wenig ausruhen...
In Wuhan angekommen vertraue ich mich wieder dem Flughafenbus an, der nur 10 Minuten fußläufig vom Hotel endet. An diesem Busbahnhof werde ich auch morgen meine Fahrt nach Wudang antreten.
Gegen Mittag checke ich ein und werfe einen wehrmütigen Blick auf das Bett. Ich rufe Cici an. Sie windet sich, es tut ihr unendlich leid, sie muss noch arbeiten, sie kann erst um 6 Uhr kommen. Ich bemühe mich, meine Erleichterung nicht gar so deutlich zu zeigen. Schlaf! Nach 2 Stunden sind die Lebensgeister wieder am Start und ich spaziere zur Fußgängerzone, die auch nur wenige Minuten vom Hotel entfernt ist.

Wieder einmal bin ich verblüfft, wie sehr sich die Shanghaier Damenwelt von der Wuhaner unterscheidet. In Shanghai kleidet man sich gerne in einer westlichen Art - sehr wohl Chinesisch, aber mit klarer Ausrichtung auf das westliche Vorbild. In Wuhan sieht die Welt ganz anders aus: die Dame trägt hier mit Begeisterung Kleidungsstücke, die bei uns bestenfalls als breiterer Gürtel durchginge, gerne in Mustern vom Aussterben bedrohter Tiere. Dazu wird eine bizarre Schuhmode getragen, die mir als alter Turnschuhläuferin den Atem raubt. Aberwitzig hoch und spitz der Absatz, metallisch glänzende Bänder versuchen die Illusion von Halt zu geben, sehr bunt (natürlich)...den Damen beim Flanieren auf dem Kopfsteinpflaster zuzuschauen ist schon eine Reise wert. Die hiesige Haarmode rundet das Bild ab. Als ich an einem Friseursalon vorbeitrotte, werde ich angesprochen. Ich überlege kurz, nötig wäre es schon. Da verlässt eine Kundin das Etablissement: blondiert und hochtoupiert was Kamm und Chemie hergibt. Ich flüchte.

Ich gehe in eine Seitenstraße, in der so etwas wie ein Muße-Pavillion errichtet ist, eingefasst von einer Art Brunnen, viereckige Wasserbassins, in denen sich lebensgroße Plastikschwäne tummeln. Den Schöpfern des Pavillons ist es gelungen, alt und neu aufs harmonischste zu verbinden, und so schmiegen sich griechische Säulen an metallene Rohrträger, die ein blaues Plastik-Welldach tragen. In diesem Pavillon lauscht ein gebanntes Publikum einer Dame, die Arien einer Pecking-Oper vorträgt. Ich höre eine Weile zu, allerdings kann ich diese Kunstform nur für eine gewisse Zeit ertragen. Und die ist kurz.

Nun schlagen meine Kitsch-Sensoren voll aus: ein Eingang führt in einen Keller - da gibt's nach meiner Erfahrung die tollsten Sachen! Ich werde nicht enttäuscht und mit großen Augen bestaune ich, was der Markt so zu bieten hat. Ich hatte mich gestern mit Bat über das Thema unterhalten und sie war der Auffassung, die Chinesen seien gegenüber den Japanern echte Waisenkinder. Sie muss unbedingt mal nach Wuhan.
Ich wühle mich durch die Kleinlädchen und stehe auf einmal in einem Verkaufsstand einer ganz anderen Athletik: Der Stand ist sehr dezent gehalten und zurückhaltend dekoriert. Eine junge Frau verkauft dort Kämme. Und zwar ganz besondere, mit Schnitzereien und Einlegearbeiten. Das ist wirklich kein Müll sondern hochwertige Handarbeit. Ich betrachte eine holzgesägtes Modell, nicht billig aber auf jeden Fall angemessen. Ich hatte mir kürzlich bei Manufaktum einen handgesägten Holzkamm gekauft, der war fast doppelt so teuer wie die aufgerufenen 110 Yuan - die Qualität hier ist aber um einige Klassen besser! Hier handele ich auch nicht groß herum, denn dieses Stück ist mir einfach den Preis wert. Im Hotel angekommen wird nach der Fellwäsche probegekämmt: fantastisch - ich hatte noch nie so einen tollen Kamm! Ich betrachte mir die aufwendige Verpackung. Aha. Eine Carpenter Tan Green Action. Mir fällt wieder einmal auf, wie sehr mittlerweile in China auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz geschaut wird. Auch bei der Expo ist das ein ganz großes Thema. Gut, diese Gedanken haben sich noch nicht so ganz bei der Bevölkerung herumgesprochen, aber ein Anfang ist deutlich zu sehen.
Ich lese weiter auf der Kamm-Verpackung: "I solemnly pledge that I will plant at least one tree within a year as a return to the nature". Ich nehm' dich beim Wort!

Sonntag, 9. Mai 2010

It's a long long way...

...to Wudang Shan.
Das Wetter hier in Shanghai lädt nun nicht gerade zu einem ausgedehnten Spazierbummel ein, ich werde wieder einmal meines Rufs als Regenbringerin voll gerecht. Man kann mich übrigens mieten. Ich warte auf Angebote. In CCTV habe ich gestern einen Bericht über schwerste Überschwemmungen in Hangzhou - also gerade um die Ecke - gesehen. Das erscheint mir nun doch etwas überzogen - lieber Zhenwu, ich bin doch schon unterwegs, und sobald ich in Wudang ankomme, werden als erstes ein paar Räucherstäbchen geopfert. Ganz, ganz ehrlich - versprochen! Du kannst also den Wasserhahn wieder zu drehen.
 
Der Start meiner Reise begann schon einmal vielversprechend: bis zur letzten Minute gearbeitet - jeder Urlaubstag zählt, vom Büro aus direkt zum Frankfurter Flughafen - trotz völlig überfülltem ICE einen Sitzplatz erkämpft, keinerlei Bocksprünge der Deutschen Bahn, ich komme pünktlich in Frankfurt an, treffe tatsächlich meine Mutter, die mir mein Gepäck bringt, am vereinbarten Punkt - gute Omen!
Nach dem Genuss eines letzten deutschen Bieres begebe ich mich zum Transit-Bereich. Über dem Schalter ein großes, handgeschriebenes Schild. Auf Chinesisch. So zur Einstimmung nicht schlecht. Ich kann etwa die Hälfte der Schriftzeichen entziffern, leider nicht die sinnspendende Hälfte. Darunter - mutmaßlich - der Text auf Englisch. Das kann ich etwas besser, hier kann ich etwa 80 % verstehen, aber auch hier fehlen mir entscheidende Vokabeln. Schüchtern wende ich mich an die Dame am Schalter, die schon beim Check-Inn Dienst geleistet hat: "Es tut mir leid, ich verstehe nicht, was das bedeutet". Deutsche Ansprache in Deutschland wäre ja auch ein bisschen viel verlangt. Die Dame schaut mich an: "Sie haben hier in Frankfurt eingescheckt, das ist für Sie nicht wichtig!" Aha. Die Entscheidung, ob etwas für mich wichtig ist oder nicht, kann ich am besten treffen, wenn ich weiß, worum es geht. Aber für diese Feinheiten hat die Damen keinen Sinn und ich schlendere davon, Leute kucken.
 
Ich beobachte eine junge Frau, offensichtlich asiatischer Abkunft. Ein Herr spricht sie an. Versuchsweise auf Englisch und fragt sie, ob sie ihn versteht. Sie radebrecht "no englisch, sorry". Welche Spreche sie spricht? - Chinesisch. Das kann der Herr offenkundig nicht. Mühevoll erklärt die junge Frau, dass sie ein paar Worte Deutsch kann. Na, wer sagts denn! Der Herr packt ein PDA aus und möchte für eine Umfrage ein paar Antworten haben. Woher die Frau kommt, wie sie zum Flughafen gelangt ist, in ganzer Katalog, manches so verständlich wie die berühmte Stoiber-Rede. Gnadenlos. Die junge Frau schwitzt und windet sich, man hat ihr offensichtlich nicht beigebracht, dass man einen Interviewer auch durchaus mal in den Wind schießen kann, wenn einem die Sache zu blöd wird - sie kämpft sich durch. Dann holt der junge Mann - der durchaus registriert hat, dass sein Opfer, was die Sprachkenntnisse angeht, nicht übertrieben hat - zum finalen Stoß aus: Postleitzahl des Ortes, von dem Sie gestartet sind, bitte. Ich kann den waidwunden Blick der jungen Frau nicht mehr ertragen und ziehe weiter.
 
Als nächstes betrachte ich einen Herrn, der unmittelmar neben mir sitzt. Schon die ganze Zeit habe ich aus den Augenwinkeln beobachtet, wie er Anstalten macht, mit seinem Handy auszuholen und es weit wegzuwerfen. Immer wieder. Es handelt sich um ein i-Spielzeug, von daher kann ich die Absicht schon nachvollziehen. Er läßt das Ding aber nicht los sondern fängt dann hektisch an, mit dem Finger kreisende Bewegungen auf dem Display zu machen. Mmmh....das muss ich mir näher anschauen. Ich rutsche in seine Nähe und werfe einen Blick auf das iPhone und erblicke das Abbild von einen großen Fisch mit Angaben von Länge und Größe. Aaah, virtuelles Hochseefischen für Arme - na, da kann der Gute bei Tisch sicher tolles Anglerlatein zum Besten geben! 
 
Endlich wird der Flug aufgerufen und nach 10 ruhigen Stunden bin ich in der Stadt der Superlative: hier wird das chinesische Motto "Copy it and make it bigger" Wirklichkeit!
 
Im Gegensatz zu Frankfurt ist hier das Thema Passkontrolle, Zollkontrolle, Gesichtskontrolle, Kontrollenkontrolle relativ zügig abgearbeitet. Was sich etwas länger hinzieht, ist die Gepäckverteilung. Ich bestaune die Zeugnisse chinesischer Knüpf-, Flick und Klebekunst (achja, was mag es mit der Marke "Rada" auf sich haben? Dieser Name prangt auf der Tasche des Herrn neben mir, der gerade mit seinem "Samsang"-Handy telefoniert....) und bin etwas unglücklich, dass ich mir das Äußere meiner neuen Reisetasche, die ich mir spontan kurz vor Abflug noch gekauft habe, nicht eingeprägt habe. Nach etlichen Fehlgriffen finde ich ein Exemplar das mir zugesagt - das wird jetzt mitgenommen. Passt schon. Mein Handy hat die Heimkehr ins Mutterland gleich registriert und jubelt gleich laut los um Kund zu tun, dass es sich mit China Mobile verbunden hat. Um mich herum zirpt, zwitschert und flötet es - gern werden auch europäische Klassiker als Klingelton gewählt, um die Weltläufigkeit des Besitzers zu unterstreichen. Und so hört man dann Beethovens 9. - leicht verfremdet - in Kirmes-Qualität. Überhaupt ist hier eine Atmosphäre wie auf dem Jahrmarkt - der Chinese liebt "Renao" - schwer übersetzbar mit Hitze und Krach. Ruhe kann er nur in homöopathischen Dosen verkraften und tut eine ganze Menge dafür, dass es nicht dazu kommt. Willkommen in China! 
 
Ein wichtiges Zeugnis beginnender Verwestlichung sehe ich auf dem Gepäckband: ein Heimkehrer hat sich einen riesigen Kaffeevollautomaten der Firma WMF mitgebracht. Ja, wenn der Mann eine Weile in Deutschland gelebt hat, wird er wohl schon Probleme haben, noch einmal die hiesige, mutig "Kaffee" getaufte Plörre zu trinken. So wie ich ja auch keinen Tee in Beuteln aus der Ramschkiste mehr zu mir nehme. Auch das ist Globalisierung.
 
Nun setze ich mich geschmeidig in den Flughafenbus, den ich als alte Shanghai-Kennerin (bzw. nach ordentlichem Einnorden durch meine Freundin Bat) der Abzocke mit dem Taxi für meine Fahrt in den Stadtteil Hongkou vorziehe. Dort angekommen wartet Bat schon auf mich. Freudiges Wiedersehen. Seit fast einem halben Jahr lebt und arbeitet sie nun in dieser grandiosen Stadt und ich habe nicht den Eindruck, sie würde sich vor Heimwehr verzehren. "Kuck' mal - ist das nicht saugeil hier?". Ja, Wehmut klingt ein wenig anders...Sie hat eine gute und eine schlechte Nachricht für mich: wie befürchtet, muss sie am Sonntag geschäftlich nach Changsha fliegen, was den eigentlich geplanten Tagesablauf mit gemeinsamen Training, Shopping und Tratsch ein wenig durcheinander wirft. Ist aber nicht zu ändern und Shanghai ist eine Stadt, in der man sich auch alleine nicht langweilen muss. Ich jedenfalls nicht. 
Die gute Nachricht, über die ich mich sehr freue: Meister Wu, der alte Haudegen, hat zu meinen Ehren eingeladen und wird kochen! Darüber bin ich nun wirklich tief gerührt, denn Meister Wu hat sehr viele Schüler und hält diese üblicherweise professionell auf Distanz. Er war vor Jahren mal bei uns zu Gast in Deutschland und ich habe ihn - trotz seiner etwas rustikalen Umgangsformen - sehr schätzen gelernt.
 
In Bat's Appartement habe ich gerade Zeit, mich frisch zu machen. Bat wohnt in einem sog. "Model-Quarter" und ist dort die einzige Ausländerin. Das Hochhaus hat 24 Stockwerke, Bat wohnt im 17. mit fantastischem Blick auf die Umgebung. Wenn man aus dem verdreckten, baufälligen Fahrstuhl kommt und den ähnlich gearteten Flur durchmessen hat, wird man überrascht durch eine sehr klar gegliederte und gepflegte Wohnung. Sehr deutsch. Natürlich hie und da auch ein wenig Fuppes, kleine Tigerlein vor allem - aber das gehört dazu, es ist ja schließlich Jahr des Tigers. Und wir sind in China. Nicht vergessen. Ansonsten unterscheidet sich diese Wohnung schon ein wenig von dem Zuhause von Meister Wu, das sich in einem Block des sozialen Wohnungsbaus befindet. Ich war schon einmal hier, neu ist, dass der Zugang zur Wohnungstür mit einem großen Metallgitter gesichert ist. Obwohl hier eigentlich nicht viel zu holen ist (außer vielleicht dem riesigen Flachbildschirm, der des Meisters Wohnzimmer ziert und der - wie in jeder chinesischen Wohnung - unbehelligt im Hintergrund vor sich hin leiert), scheint Kriminalität auch hier ein Thema zu sein.
 
Wir begrüßen uns freudig gegenseitig und versichern uns ewigwährender Freundschaft. Die Katzen des Meisters streichen um mich herum, wohl in der Hoffnung, dass sich diese Sympathie-Investition in den nächsten Stunden beim Essen bezahlt macht. Die werte Gemahlin arbeitet offenkundig schon eine ganze Weile am Wok, jedenfalls sind schon die ersten Gerichte fertig. Sie wird sich den ganzen Abend mit ihrem Mann abwechseln mit Kochen, ständig landen neue Köstlichkeiten auf dem Tisch, am Ende über 20 Gerichte für 9 Personen - unfassbar! Es duftet köstlich und ich bin ganz froh, dass ich seit dem minder leckeren Frühstück im Hause Air China und einem Schokoladenküchlein bei Bat noch nichts zu mir genommen habe. Nichts ist peinlicher als bei dieser Mühe, die sich die Gastgeber gemacht haben, zu schnell die weiße Fahne zu schwenken. Nun geht aber einiges und da stundenlang getafelt wird, komme ich wirklich dazu, alles gebührend zu würdigen.  
Grenzwertig wird es allerdings, als der Meister die Wassergläser mit Schnaps auffüllt. Dazu natürlich noch Rotwein. Es wird zwar zur Kenntnis genommen, dass ich schon seit zich Stunden auf den Füßen bin, leicht gejetlagged und übermüdet - aber egal. Als wir uns gegen Mitternacht Richtung Heimat machen, ist es mir schon völlig schnurz, ob ich die Nacht auf einer Couch oder auf einem Pappkarton verbringe. Mir tut nur Bat leid, die in aller Herrgottsfrühe los muss, um ihren Flieger zu bekommen. Sie macht sich Gedanken, ob sie mich weckt wenn sie aufsteht - schließlich fiepst es in einem chinesischen Haushalt bei jedem Handgriff, den man tut. Da kann ich sie beruhigen.
 
Nachdem ich mich erstmal richtig ausgeschlafen habe, mache ich mich auf, Richtung Stadt. Gewinne den Kampf um eine aufladbare U-Bahnkarte fast in der ersten Runde und steige an der richtigen Station am Renmingongyuan aus. Ich bin stolz auf mich. Ich möchte ein wenig die Nanjinglu, die Haupteinkaufsstraße Shanghais, ablaufen und dann den Bund entlang marschieren, denn dort war ich schon lange nicht mehr. Nach 5 Minuten halte ich Ausschau nach einem Laden, in dem ich T-Shirts bedrucken lassen kann. Ich hätte gerne ein Modell mit "I don't want no Rolex, no bags, no shoes!" Gibt's natürlich nicht, irgendwann antworte ich nur noch auf Deutsch: "lass' stecken, ich will dein Geraffel nicht!". Wird auch verstanden.
Gegen Ende der Straße entdecke ich einen kleinen Laden, der sich sehr von den Umstehenden, in denen hauptsächlich die großen westlichen Marken gehandelt werden, unterscheidet. Nennt sich "Gift-Store". Und das ist wirklich nicht übertrieben. Begeistert steige ich ein, der Laden ist nicht nur ziemlich tief, es geht noch weiter in den Keller und da sind sie dann endlich, Chinas Schätze: Handy-Zubehör, Gebammsel in allen Formen und Farben, buntes Zeug, deren Funktion ich nicht im geringsten zuordnen kann, die ich aber trotzdem alle abtatsche, fasziniert von den bunten Farben und den grellen Tönen, die fast alle Gegenstände von sich geben. Ich verlasse den Laden dann mit einer Handvoll Haarschmuck und einem Paar aufrollbarer Kopfhörer für den mp3-Player in Tigerform - hier muss ich unbedingt auf dem Nachhauseweg nochmal hin!
Nach einem sehr abwechslungs- und lehrreichen Nachmittag mache ich mich zurück ins Appartement. Ein seltsames Gefühl, wie ein Eingeborener selbstverständlich die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und eine Wohnungstür aufzuschließen, sich erstmal einen Kaffee zu brühen, festzustellen, dass das Fernsehprogramm heute nix gescheites hergibt, so dass man ruhig seine Eindrücke mal ordnen und festhalten kann...nein, ich bin keine Touristin mehr.
 
 
 

 

Freitag, 7. Mai 2010

Und Tschüss...

Es mal wieder so weit: Xiaomo geht Urlaub machen und bloggt die nächsten Wochen auf der bekannten Wudang-Blog-Seite munter weiter.

Bis die Tage - gehabt euch wohl!

Sonntag, 2. Mai 2010

Von Kraken und anderem Getier

Dieser Post gehört eigentlich woanders hin, ich möchte aber gerne auch Leute "von außerhalb" hier zur Diskussion einladen - deshalb veröffentliche hier.

An anderer Stelle tobt gerade eine Diskussion mit den Stichworten "Blog", "Google", "Datenkraken" und "Datenschutz" - um so mal die wichtigsten Punkte zu nennen.

Für mich der Anlass, mich mal zum Theme "Schöne neue Welt" zu äußern:

Als ich so vor guten 15 Jahren angefangen habe, das Internet zu entdecken, war ich sehr überrascht, welche Möglichkeiten es so gibt. Neugierig habe ich erstmal alles ausprobiert, blöde Erfahrungen gemacht...so der ganze Prozess des Lernens halt. Heute habe ich ein freundlich-distanziertes Verhältnis...Blödsinn...ich bin begeistert davon, welche Kontakte ich knüpfen und pflegen kann - und zwar in aller Welt und in allen möglichen Sprachen. Wäre früher so einfach undenkbar gewesen. Ich bin Mitglied in wichtigen Netzwerken wie facebook und auch in so bedenklichen wie Baidu und der China-Version von msn von der Fa. Tencent, QQ (wer meint, dass Google eine Datenkrake sei, kennt Tencent nicht).

Datenschutzrechtlich sind diese Netzwerke höchst bedenklich. Das sollte man wissen und mit Vernunft entscheiden, ob man sich dem aussetzen möchten. Wie immer im Leben ist also abzuwägen, ob die mögliche Gefahr im Verhältnis zu dem erhofften Nutzen steht. Was will ich also, wenn ich aktiver Netzwerker bin: ich will wissen, was meine Kumpels so treiben - sie verraten es ja in aller Regel bereitwilligst. Ich bleibe in Kontakt mit Leuten, die ich irgendwo auf der Welt kennen gelernt habe. Diese Kontakte würden ohne das Netzwerk schlicht und einfach nicht bestehen. Zum Mailen oder gar Telefonieren hat man sich vielleicht nicht genug zu sagen, aber eine freundliche Nachricht auf facebook - das ist, wie wenn man sich auf einer Party freundlich zu winkt. Natürlich sind diese Kontakte oberflächlich. Sie sind ja schließlich öffentlich. Aber - ich sage es nochmal - ohne das Netzwerk würden sie nicht bestehen. Und was man daraus macht, bleibt ja jedem überlassen.

Die große Frage ist doch immer: wieviel gebe ich selbst von mir preis: ich selbst versuche immer die Waage zu halten zwischen den Angaben, die unbedenklich "nach draußen" gehen können und denen, die nun wirklich niemanden etwas angehen (z.B. mein Alter...). Beruflich bin ich ja ständig auf der Suche nach Hintergrundinformationen über Leute und bin manchmal sehr überrascht, wie locker manche Menschen Informationen über sich in's Netz lassen. Aber das nehme ich gern - schließlich bin ich Eine von den Guten. Mein persönlicher Leitfaden sieht so aus: was ich nicht morgen in der Zeitung über mich lesen wollte - insbesondere nicht als Zitat - kommt auch nicht ins Netz. Weder in mein Blog (deren Autorin ich in ca. 2 Minuten namentlich identifiziert hätte - an einem schlechten Tag...) noch in ein Forum, noch sonst irgendwo hin.

Natürlich werden an vielen Stellen Informationen über uns gesammelt - mit sehr unterschiedlichem Erkenntnisgewinn. Nach meiner Erfahrung sind die wirklich spannenden Dinge von den betreffenden Leuten höchstpersönlich in's Netz geraten. Wollte ich nur mal so zu bedenken geben.

Achja: wer von euch, geneigte Leser, hat denn so eine Payback-, miles&more-, Scheck- oder Kreditkarte? Nein, ich will's nicht wissen. Wollte nur fragen.