Montag, 27. September 2010

Und wieder einmal...

...beginnt eine ziemlich lange Reise mit einem ersten Schritt. Ziemlich lang deshalb, weil wohl jeder der irrigen Auffassung zu sein scheint, dass ein Leben ohne je die Expo gesehen zu haben, völlig sinnlos sein muss. Jedenfalls sind Direktflüge nach Shanghai fast nicht zu bekommen und so habe ich das Vergnügen, eine kurze Pause in Beijing einzulegen. Eineinhalb Stunden, um dort - auf dem größten Flughafen der Welt – schnell mit der Bahn zur Gepäckausgabe zu huschen, das Gepäck zu verzollen und dann neu einzuchecken. Eine echte Herausforderung. Darüber scheint man sich an Bord im Klaren zu sein, denn gegen Ende des Fluges picken die Flugbegleiterinnen mich und noch zwei andere Reisende heraus und schicken uns mit Handgepäck in die erste Klasse nach vorne, wo bereits chinesische Geschäftsreisende bräsig bei Champagner und Kaviar die 10 Stunden in Liegesesseln abgehangen haben und nur mäßig amüsiert sind, nun vom Plebs Gesellschaft zu bekommen. Ist mir natürlich völlig egal, ich genieße absolut entspannt in den geräumigen Sesseln einen fantastischen blutroten Sonnenaufgang über der Großen Mauer, bevor wir in Beijing einsegeln. Dann heißt es erstmal Handgepäck schnappen und losrennen. Schnell werden wir ausgebremst, weil trotz der frühen Uhrzeit gefühlte 100.000 Menschen Einlass ins Land begehren. Und für die Prüfung, „ob mer se enoi lasse“, lässt man sich viel Zeit.

Mittlerweile habe ich mich mit den beiden Mitreisenden bekannt gemacht, sie besuchen hier ihre Tochter, die in Shanghai studiert. Es ist zwar ihre erste Reise nach China, aber dem Gespräch nach sind die beiden auf der ganzen Welt zu hause, erzählen ausführlich über ihre zahlreichen Aufenthalte in Dubai, wohl auch geschäftlich...ob ich auch? Nein, war ich nicht und will ich eigentlich auch nicht hin. Nun ja, bin halt eine eher langweilige Reisende, immer das selbe Ziel, da kann ich mit den Beiden natürlich nicht mithalten. Mittlerweile haben wir die Einreise allesamt erlaubt bekommen, wetzen zum Gepäck, checken neu ein, alles überstanden, nur noch schnell Security, dann...aber b i s dann! Ich stehe mit der Dame zusammen in froher Erwartung unserer gescannten Habseligkeiten. Strenger Blick des Beamten. Ob sie etwa ein Feuerzeug in der Handtasche hat. Bambi schaut mich an – darf man etwa nicht? Nein, darf man noch nicht mal im aufgegebenen Gepäck. Dachte, es hätte sich rumgesprochen. Die Tasche wird nochmal gescannt. Ob sie noch eines hat. Auch das wird herausgefischt. Neuer Scan. Um es abzukürzen: nicht weniger als 7 Feuerzeuge liegen am Ende säuberlich auf einem Haufen. Der Beamte ist fassungslos und ich bin es nicht minder. Verkneife mir gerade so die Bemerkung, dass eine Finanzierung der Reise durch Feuerzeugschmuggel nicht unbedingt die schlaueste Idee ist. Meine neue Bekannte weint fast – nun hätte sie doch eine Kippe gebraucht und nichts um sie anzuzünden. Noch nicht mal Streichhölzer (die auch verboten sind, aber das verrate ich ihr nicht). Ihr Mann, der zwischenzeitlich die Flasche Wasser, die er verbotenerweise auch im Handgepäck hatte, abgepumpt hat, feixt. Weltenbummler. Ich führe die Beiden ins Raucherghetto. Dort gibt es ein Feuerzeug für alle. Natürlich gut angekettet. Nur kein Risiko.

In Shanghai angekommen, werde ich von Bat am berühmten LuXun-Park abgeholt. Ich freue mich über das Wiedersehen und nach kurzer Entspannungspause ziehen wir direkt los, schauen, was das Städtchen zu bieten hat. Die letzten Tagen vor der Abreise waren so anstrengend und lebhaft, dass ich gar keine Gelegenheit hatte, mich auf die Reise einzustimmen. So ist mir hier zwar alles vertraut, ich kenne die Wege, aber eingetaucht bin ich noch lange nicht. Auf dem Weg in der Stadt essen wir erst einen der von mir so vermissten Kräuterfladen von der Straße, die es nur in der Nähe der Universität in Hongkou gibt; jeder Stadtteil hat so sein Spezialitäten. Als Bat hört, dass ich noch nie um LuXun-Park gewesen bin, nehmen wir den Weg quer durch den Park. Der ist wegen der Feiertage rund um das Mondfest voll von Menschen; es wird musiziert, getanzt, Karaoke gesungen, Taiji geübt – als ich mich um blicke und um höre spüre ich es plötzlich: angekommen!

Wir lassen den Tag ruhig bei einem gepflegten Essen ausklingen und ich freue mich schon auf die nächste Runde.

Nun ist erstmal ein kleiner Stadtbummel angesagt und am Abend ein Essen mit Meister Wu, Bat's Kungfu-Lehrer, bei dem ich auch hin und wieder herumturne sowie dem Kungfu-Bruder, der Bat den Feinschliff des Tongbei Quan beibiegt.

Wie eigentlich jedes Mal wenn ich hier bin, entdecke ich Dinge die Mängel beseitigen, von deren Existenz ich vorher nichts wusste. Ich will hier mit keiner Aufzählung langweilen; wer mich kennt, wird wissen, wie der unfaire Kampf des Cyber-Mart gegen mich ausgegangen ist und dass auch noch viele andere lustige Dinge den Besitzer gewechselt haben. Achja, ich bin halt eine schwache Frau. Und bald auch eine Hungrige und so freue ich mich auf das Abendessen mit dem Meister und Xiaolu. Zum ersten Mal allein, die beiden sprechen sehr überschaubares Englisch, also wird wahrscheinlich unser beider gesamtes chinesisches Vokabular heute abgefragt werden. Und damit die Sache nicht zu einfach wird, spricht der Meister einen ziemlich herben Dialekt, den ich erst mühevoll entschlüsseln muss. Da hat Bat natürlich einen Vorteil, ihr wird diese Sprache schon seit über einem halben Jahr täglich um die Ohren gehauen, da geht das natürlich um einiges geschmeidiger. Ich bin dennoch recht stolz, dass ich dem Tischgespräch einigermaßen folgen kann. Und mit dem Reden, das kommt dann nächstes Mal...




Shanghaier Bürokatze bei der Arbeit

Am nächsten Tag treffen wir uns mit Tori, die mit ihrer Familie nun seit über einem Jahr in Shanghai lebt und nach eigenem Bekunden möglichst nicht mehr weg will. Verständlich. Gemeinsam ziehen wir nun los Richtung Taikanglu, einem ursprünglichen kleinen Viertel, in sich Hunderte kleiner Lädchen und Kneipen eingenistet haben – ein Traum für jeden Europäer, der bei dem milden Wetter gerne bei einem isotonischen Getränk vor der Tür sitzt, vorzugsweise nach einer erschöpfenden aber beglückenden Shoppingtour. Also genau das richtige für uns drei Mädels. Mit leuchtenden Augen werden Schals, Bänder, Shirts befingert und begutachtet und von den anderen entweder begeistert gefeiert („musst du unbedingt kaufen, das verzeihst du dir n i e“) oder weiblich-freundlich abgeraten („in dem Teil siehst du wie ne Omma aus“).
Nach einem langen und sehr lustigen Abend trennen wir uns traurig wieder von einander, wohl wissend dass die nächste gemeinsame Tour erst in vielen Monaten wieder ansteht. Aber die erworbenen Schätze trösten uns natürlich schon ein wenig.





Die Beute (kleiner Teil)

Für mich geht die Reise weiter, der frühe Flug nach Wuhan steht auf dem Programm. Mein guter Freund Pei hat mich noch angerufen und mich mit der Nachricht überrascht, dass er mich vom Flughafen abholen will. Ich bin begeistert, schließlich ist es sein freier Tag und die Reise aus der Stadt ist sicher nicht vernügenssteuerpflichtig. Am Flughafen erwartet mich eine weitere Überraschung: meine kleine Freundin Cici ist ebenfalls gekommen; sie muss zwar arbeiten, verspricht aber, sich nach der Arbeit mit mir zu treffen. Und so werde ich erst von Pei liebevoll umsorgt und gefüttert und dann folgt der Schichtwechsel mit Cici. Ich kann mich zwar bestens allein beschäftigen und kenne mich in Wuhan ein wenig aus, bin aber sehr gerührt, wie sich die beiden um mich bemühen. Besonders, nachdem ich feststelle, dass meine Kamera verschwunden ist. Mutlos denke ich an die ganzen Läden und Kneipen, die wir aufgesucht haben. Keine Chance. Gedanklich nehme ich Abschied. Aber so schnell gibt eine Cici nicht auf. Und so übertreffe ich mich selbst beim Wiederauffinden der Lokalitäten, Cici ist maßlos verblüfft, mit welcher Sicherheit ich schnellere Alternativ-Routen finde, sie läuft mir nur hinterher und staunt. Leider finden wir die Kamera nicht, nur noch eine letzte Chance: in dem Lokal in dem ich mit Pei war, direkt gegenüber meinem Hotel. Zum Hotel zurück ist natürlich überhaupt keine Problem. Eigentlich. Und hier versage ich nun völlig, mutig stapfe ich in die vermutete Richtung, eigentlich ist es gar nicht weit. Erst als nach einer halben Stunde die Gegend immer fremder aussieht, muss ich eingestehen, dass ich die Orientierung völlig verloren habe. Cici fragt einen Eingeborenen. Gelächter. Gut, wir nehmen eine Taxi, das dann auch eine ganze Weile unterwegs ist. Mutlos schleiche ich zum Restaurant – und siehe da: ich werde erwartet. Stolz hält der Restaurant-Besitzer meine Kamera wie ein Trophäe. Warum das eigentlich so lange gedauert hat, ist doch ein wertvolles Stück? Cici erklärt und erzählt, wir werden ausgelacht, völlig egal, ich habe das gute Stück wieder – Wudang ohne Kamera? Undenkbar! Aber jetzt kann es weitergehen. Und zwar hier.

Samstag, 18. September 2010

Fremd und doch so vertraut...

Anfang des Jahres erfreute unserer tapferer Chinesisch-Lehrer seine (damals noch) drei Eleven mit einem Kalender, herausgegeben vom chinesischen Kultur-Ministerium, dazu geschaffen, dem In- und Ausländer zu zeigen, wie das aufstrebende Ländle sich so gerne sehen möchte. Da darf natürlich auch der Große Vorsitzende - zwar langlang verstorben, aber im Geiste noch voll da - nicht fehlen, der segnend seine Hände über das Land hält und nun von wo auch immer aus erfreut beobachten kann, dass der Lange Marsch und Sprung nach vorn endlich Richtung Zielgerade geht.



Der fassungslose Betrachter des kleinen Kunstwerks kann nun bestaunen, wie pitoreske Atomwölkchen sich über die Wüste Gobi ausbreiten



und ein besonders bezauberndes Bildchen zeigt die Fortschritte in der typisch chinesischen Architektur - genauso wie sie sich hiesige Baumeister so vorstellen.



Dieses letzte Bild brachte bei mir eine Seite zum klingen, Kindheitserinnerungen, ein kleines Büchlein von Loriot, erschienen in den 60igern, das ich damals immer gern durchblätterte - gedacht, gesucht und dem großen Speicherdachboden entrissen: ja, die Erinnerung trog mich nicht - so ein Szenario hat der große Meister auch einmal zu loben gewusst:



Wieviel Weisheit steckt doch in den Worten: "Was gut ist, das kommt immer wieder".

Samstag, 4. September 2010

Frontbericht

Es gibt Menschen, die haben kein eigenes Blog, aber dafür Dinge zu erzählen, die durchaus in die Kategorie "Neues aus Absurdistan" passen. So stelle ich einfach mal einen Bericht meiner holden Schwester von einem kleinen Ausflug ein - hier kommt live und ungeschminkt die Geschichte von einer Rheinhessin im Wilden Osten:

"Also, die Hinfahrt gestaltete sich dank großzügig verteilter Baustellen ausgesprochen abwechslungsreich, und als ich dann nach gefühlten 12 Stunden Leibzig erreichte, war die erwählte Ausfahrt auch prompt die Falsche.
Egal, ich habe Titten und kann daher problemlos nach dem Weg fragen. Und erhielt eine sehr brauchbare Beschreibung zum Agrapark. Im allerletzten Moment gelang es mir noch, dem Herrn, der mir den Weg beschrieb, kein Kompliment zu machen, wo er doch so ein gutes Deutsch sprach...
Nun gut, ich kam also im Park an und hatte auch ein lauschiges Plätzchen ergattert, auf dem ich die nächsten Nächte verbringen würde. Sodann stellte ich mich an einer der Schlangen an, um meine Eintrittskarte gegen ein Festivalbändchen zu tauschen. Vor, hinter und neben mir wurde hemmungslos gesächselt und gethüringelt, es war zum Steinerweichen. Ich sah daher auch weit und breit keinen Grund, mich irgendwie um Hochdeutsch zu bemühen, als es - wie solls auch anders sein - ums Wetter ging. " Heit is jo werklich beschisse, awwerwasseglickhunnsefermojebessergemeldt!!" ( Heute ist es vielleicht nicht ganz so schön, aber vom Deutschen Wetterdienst wurde für den morgigen Tag eine Besserung in Aussicht gestellt ). Die vor mir wartende Frau drehte sich auf dem Absatz zu mir und stellte fest: "Rheinhessen!" . " Heertmer des?". " Ja. So ein bischen. Meine Großmutter kommt von da. Sie spricht genauso." Zwischendrin tauchten noch ein paar Bekannte aus Mainz auf, wir begrüßten uns freudig und waren dann irgendwann auch vollzählig mit den Bändchen ausgestattet.
Mit diesem Bändchen kann man auch den öffentlichen Personennahverkehr nutzen, weshalb ich dann beschloß, mit der Straßenbahn in die Innenstadt zu fahren, um mir diese anzugucken. Der schwarze Pulk an der Haltestelle hatte dieselbe Idee. Unter anderem ein vielleicht zwanzigjähriger junger Mann, der nach mir einstieg und, als die Bahn anfuhr, mich am Arm stützte, um einen Sturz zu verhindern. War ja lieb gemeint, aber "Horschemo, seh isch dann aus als deht bei mir schunn es Koregadibbche uffm Nachddisch schdehe ?". Nein, natürlich nicht. Wollt schon sagen... Und dann kam es: Er,offenkundig ortskundig, erblickte an der nächsten Haltestelle zwei Kontrolleure und verkündete dem Volk: "Alle, die geene Fohrgodde haben, solldn jetz aussteign. Des Bändschn gilt erst ab morgn." Voller Dankbarkeit blickte ich ihn an. Gut, Alter. Eine Befragung ergab, daß alles in mir, was irgendwas zu melden hat, so überhaupt keine Lust hatte, zu überprüfen, ob es zwischen den Kontrolleuren in Mainz und denen in Leibzig Unterschiede oder Gemeinsamkeiten gibt. Und zwar ohne Gegenstimmen (bei einer Enthaltung). Also nix wie raus. Ersatzweise enterten wir den nächsten Supermarkt, um noch einige dringend benötigte Alkoholika zu erwerben und sodann zurück zum Agrapark zu latschen. Auch gut.
Am nächsten Morgen hatte das Wetter dann tatsächlich eingesehen, daß strahlender Sonnenschein eindeutig besser kommt. Ich kroch aus dem Schlafsack, absolvierte sowas wie Katzenwäsche, griff mir was zum Anziehen, wollte mich schminken und stellte fest, daß ich den schwarzen Kajal daheim vergessen hatte. Die Situation war ernst. Sehr ernst.
Ich fuhr also mit der Straßenbahn diesmal wirklich bis in die Innenstadt, guckte mir ein bischen was an und landete in einem Kaufhaus, um den dringend notwendigen schwarzen Kajal zu erwerben. Die Verkäuferin, die mich ansprach, ob sie mir helfen könnte ( jedenfalls glaube ich es so verstanden zu haben), bekam mein Leid geklagt: " Schdelle Se sich vor, isch hunn jo werklisch moin schwatze Kajal dehääm leie losse. Un jetzerd brauch isch dringend en Neie!" Voller Mitgefühl blickte sie mich an: " Und das ausgerechnet jetz. Schlimm." ( Geil!! Die verstehen mich hier sogar! Auch wenn die hiesige Eingeborenensprache für mein Empfinden durchaus den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt...)
Den Nachmittag verbrachte ich dann auf einem Rasenstück hockend an der Flaniermeile im Agrapark. Zum Leutegucken. Stundenlang. Es war keine Sekunde langweilig. So bizarr und grotesk kann sich kein Mensch aufbretzeln, daß das hier noch irgendwie auffallen würde. Einfach toll.
Abends versuchte ich mir Hocico anzuhören. War bestimmt recht nett, aber für meine zarten Öhrchen ein Tick zu laut; ich fürchtete ernsthaft um meine Plomben ( und die bestehen noch aus grundsolidem Amalgam und nit aus dene neimoderne Ferz...)
Ach ja, auf dem Zelt -/ Parkplatz hatte ich zwei sehr nette, sehr junge ( noch keine 20 ) und leider auch sehr anhängliche Kerlchen als Nachbarn, deren Wunsch, von mir gepampert zu werden, jedoch abschlägig beschieden werden mußte - moi Nerve!!! Jedenfalls fragten die zwei mich auch, was ich denn so höre, und es gelang mir Apoptygma Berzerk,The Krupps und Wompscut ohne zu Stolpern aufzusagen. "Auch was Deutsches?" "Klar: Deine Lakaien und Franz-Josef Degenhardt ". Man nickte wissend und anerkennend. Na also, geht doch...


Nächstes Jahr will ich wieder hin - in den Wilden Osten."

Und dann, liebe Schwester, hören resp. lesen wir hoffentlich wieder mit angenehmen Gruseln einen Bericht.