Sonntag, 31. Oktober 2010

Alarm!

Es schickt sich an, ein ganz normaler Freitag zu werden. Müde Gestalten, die wie ich zu unchristlicher Zeit das Büro betreten, die ersten Liter Kaffee ins System kippen und sich und ihre Computer langsam auf online schalten. Plötzlich zerreißt ein lautes Jaulen die Stille. Neugierig stecke ich meine Nase auf den Flur. Höllenlärm. Ich rufe nach dem Kollegen, der sonst immer alles weiß. Nein, der hat auch keine Ahnung, bedeutet er mir durch den Krach. Klingt schwer nach Alarm. Wir rotten uns zusammen und beratschlagen. Von einer Feuerübung ist nichts bekannt, also könnte es ernst sein. Leider ist unser Brandschutzbeauftragter noch nicht da, also müssen wir selber denken. Wir kommen zu dem Schluss, dass es vielleicht keine dumme Idee wäre, das Haus zu verlassen. Gut, noch schnell die Tasse Kaffee geleert, das wärmende Jäckchen aus dem Schrank geholt, gemütlich die wichtigen Dinge eingesteckt und in aller Ruhe vor die Tür gelaufen. Panik sieht definitv anders aus. Wir sind kaum draußen, da rauscht auch schon die Feuerwehr heran, die die Sache wohl etwas ernster nimmt als wir, die wir nur doofe Witzchen machen ("wo ist denn das Feuer? Ich hätte da ein paar Akten..."). Es stellt sich heraus, es brennt tatsächlich, allerdings keine größere Sache, nach einer halben Stunde können wir wieder an den Arbeitsplatz.

Ein bisschen nachdenklich bin ich schon. Sind wir schon so träge und abgestumpft, dass wir ohne Vorankündigung nicht in der Lage sind, eine möglicherweise lebensbedrohliche Situation zu erkennen und entsprechend zu handeln? Was tun?? More coffee please!

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Genial...

...was der liebe Giorgione da ausgebuddelt hat - muss ich einfach klauen:

Sonntag, 17. Oktober 2010

Next Exit: Shanghai

Am Vortag hatte mir mein Privat-Fahrer noch das Angebot gemacht, mich für 150 RMB zum Flughafen zu fahren. Da es mir in Wuhan noch nie gelungen ist, ein offizielles Taxi mit einem Fahrer, der das Taxameter auch eingeschaltet lässt, zu ergattern, habe ich keine rechte Vorstellung über die hiesigen Tarife. Zum Flughafen ist es ein gutes Stück, mehr weiß ich aber nicht. Ich habe das großzügige Angebot abgelehnt, ich will es nun endlich mal wissen und morgens um 6 h vor dem Hotel steht die Chance für ein Privatangebot nicht sehr gut. Als ich am Morgen vom 19. Stock hinunter auf den strömenden Regen schaue, frage ich mich, ob ich nicht doch besser den bequemen Weg gewählt hätte. Nun ist's egal ich trete vor die Pforten, ein Fahrer fährt unmittelbar vor, er stellt mir nur eine einzige Frage nach dem ich ihm den Zielort genannt habe und lässt mich danach einfach in Ruhe. Traumhaft. Am Flughafen stellt sich dann heraus, dass er wissen wollte ob Inland- oder Auslandsflug und dass ich die Frage falsch beantwortet habe. Auch nun murrt er nicht groß herum, macht einige verbotene Schlenker und schon sind wir vor dem richtigen Terminal. Und das für 70 RMB inklusive der Straßengebühr. Das schreibe ich nun auf, um es nie wieder zu vergessen. Den Preis werde ich dem nächsten Privatfahrer um die Ohren schlagen.

Nach einem etwas unruhigen Flug steige ich in Shanghai aus. Auch hier ist die Aussicht eher trübe, wenigstens regnet es aber nicht. Den Weg zum Flughafenbus, der mich zum LuXun-Park in Hongkou bringen wird, kenne ich mittlerweile im Schlaf, auf dem Weg dorthin habe ich nun Zeit, die Straßen, die ich dem Taxi-Fahrer nennen muss, vorzusagen: Quyang Lu-Shifeng Lu-Zhongshan Bei Er Lu. Immer wieder, damit ich nicht so arg ins stottern komme und am Ende klappt es auch ganz gut. Unterwegs erreicht mich eine SMS von einer Shanghaier Freundin, die mich auf Erlebnisse auf dem heiligen Berg anspricht – wir schaffen es, noch für den Nachmittag eine Verabredung zu treffen, denn sonst wird es wieder viele Monate dauern, bis wir uns wiedersehen und so lange kann manches natürlich nicht warten. Wie immer genieße ich das „Heimkommen“ in Bats Wohnung, sie hat mir zur Begrüßung meine Lieblings-Schokoladenküchlein und den von mir so geschätzten Walnussjoghurt bereit gestellt, Bier steht auch schon kalt – ich bin gerührt. Nun aber ab in die Stadt, letzte Erledigungen machen und dann noch ein schöner letzter Abend mit Freundinnen im Vegetarian Lifestyle und abschließendem Absacker in der Captain's Bar mit einem grandiosen Ausblick auf den Bund und die aufgeregt glitzernde Kulisse von Pudong und die bunt beleuchteten Ausflugsschiffchen auf dem Huangpu.

Heute könnte ich eigentlich ausschlafen, ich bin erst um die Mittagszeit zu einem letzten gemeinsamen Mahl mit Bat verabredet, döse entsprechend um 8 noch friedlich vor mich hin. Auf einmal wird die Tür aufgeschlossen und eine mir unbekannte Frau begrüßt mich mit einem mehrfach entschuldigenden „Bu hao yisi“. Ich vermute die Ayi, die hier zum putzen kommt, auch wenn die erst für den frühen Nachmittag angekündigt war. Nein, klärt sich schnell es ist die Vermieterin mit zwei Handwerkern im Abschlepptau. Diese führen gefährlich aussehende und krachversprechende Werkzeuge mit sich, sie wollen sich dem verstopften Abfluss widmen, wie mir die Vermieterin erklärt. Dahin die friedliche Morgenruh. Zwei Stunden schätzt die Frau werden die Arbeiten dauern. Da sie eh beaufsichtigen muss und nicht einfach gehen kann oder will, werde ich nun einer genaueren Prüfung unterzogen. Meine Chinesisch-Kenntnisse werden getestet und für gut befunden. Besser als Bats behauptet die Frau frech – na, das ist eine dreiste Lüge und kurze Zeit später scheitere ich auch grandios an ihrem Shanhaineese – ich erkläre, dass ich heute zurück nach Deutschland fliege, „oh, da hast du bestimmt eine Menge zu tun“. Stimmt. Bloggen. Und so werde ich dann doch in Ruhe gelassen und nach einer Stunde kehrt wieder Ruhe ein. Nun aber schnell die Zeit genutzt und geduscht bevor die Ayi in der Tür steht.

Bat hat mir noch die U-Bahnstation, an der ich aussteigen muss um zu dem Labyrinth, in dem sie arbeitet zu gelangen, genannt. Ich war ja schonmal da, als der Bürokater Sida gefüttert wurde, also alles kein Problem. Ich habe noch abgespeichert, dass ich durch einen originell verbauten Eingang muss...aber dann...ich habe noch grob in Erinnung, dass das Büro in unmittelbarer Nähe eines größeren Kaufhauses liegt, in das steige ich jetzt einfach mal ein. In China ist es üblich, dass Händler einer bestimmten Zunft meist geballt an einem Ort hausen. So ist dieses Kaufhaus auf Schreibwaren spezialisiert und so reiht sich Lädchen neben Lädchen auf riesiger Fläche, kein Tageslicht es dauert nicht lange und ich habe völlig die Orientierung verloren. Vor vielen Jahren habe ich einen Bericht über „Walled City“, einen Wohn-Lebe-und-Arbeits-Komplex in Hongkong, der in den 80iger abgerissen wurde, gesehen. Eine bizarre Welt wurde dort gezeigt, Menschen ohne Sonne, das ganze Leben spielt sich in dieser Stadt in der Stadt ab, wie in einem düsteren Science Fiction. So ähnlich fühle ich mich hier, wenn ich nicht bald hier herausfinde, werde ich mir wohl einen Karton suchen müssen, auf dem ich schlafen kann...endlich finde ich jemanden, der sich nicht gleichgültig wegdreht als, ich ihm hilflos die Visitenkarte des Büros hinhalte. Liebevoll nimmt er mich bei der Hand und führt mich zum Notausgang und erklärt mir noch, dass das Gebäude das ich suche, einen Eingang weiter ist. Dort erkenne ich auch sofort alles wieder und stehe auf die Minute pünktlich wie vereinbart im Büro. Bat ist schwer beeindruckt. Na, da will ich sie mit der Vorgeschichte nicht langweilen; die liest sie ja jetzt...

Mit ihren Kollegen geht es gemeinsam eine Straße weiter zu einer Straßen-Garküche. Bat hat mir schon von dem dortigen Tofu und den sauren Kartoffelstreifchen vorgeschwärmt und nun bin ich sehr gespannt. Die Küche weicht von den üblichen hygienischen Bedingungen nicht ab, aber daran bin ich ja gewöhnt. Lustig finde ich die weiße Kochmütze des Maître, das habe ich allerdings so noch nicht gesehen. Nun wird aufgetischt und ich muss sagen, Bat hat nicht zuviel versprochen, das Essen ist wirklich köstlich. So gut habe ich in Shanghai nur selten gegessen und wieder einmal frage ich mich, warum es nicht gelingt, in Deutschland ein Lokal mit wirklich guter einfacher chinesicher Küche zu etablieren. Ein Mysterium. Und so werden wir hierzulande weiterhin mit sojasaucenertränktem weichgekochten Gemüse gefüttert und finden es ganz toll exotisch. Und wundern uns dann sehr, was in China wirklich gegessen wird und wie selten man das leckere Chop Sui dort findet...

Nun habe ich noch etwas Zeit und beschließe, zum historischen Postgebäude zu laufen, um dort in dem riesigen Prachtbau aus längst vergangenen Tage noch zwei Briefmarken für meine Postkarten zu erstehen. Die Transaktion gelingt und auf dem Weg am Flüsschen entlang habe ich in diesem Grenzgebiet zwischen Alt- und Neu-Shanghai noch einiges an alter Pracht entdeckt, das noch verloren zwischen Schrottimmobilien steht und dort auf den sicheren Abbruch wartet.



Ich wandere weiter, verabschiede mich vom Bund und laufe bis zum Renmin-Gongyuan, dem riesigen Volkspark. Dort befindet sich das MoCa, ein kleines Museum, in dem gerade eine neue Ausstellung eröffnet wird, Legacy and Creation - Art vs Art - ein vielversprechender Titel, leider fehlt mir die Zeit, mir die Ausstellung anzuschauen. Draußen vor der Tür sind aber auch einige Installationen zu sehen und tief beeindruckt stehe ich vor einer Skulptur, herstellt aus Klappliegen. Respekt. Ich schaffe es noch nicht einmal, so ein Ding einfach auseinander zu falten, ohne mir die Finger zu klemmen. Gerne würde ich mir von dem Künstler mal seinen Trick verraten lassen.

Nun wird es langsam Zeit, mich zum Flughafen zu begeben. Ein kurzer Schweißausbruch beim Einchecken, die magische 20 kg-Grenze wird nur knapp überschritten; mein Handgepäck wiegt fast genauso viel aber es gelingt mir, so zu tun als sei es federleicht. Bei meiner letzten Reise wurde tatsächlich mit einer Personenwaage nachgewogen, wenn das Personal misstrauisch wurde. Ich glaube, 5 kg sind erlaubt und ich weiss, meines wiegt einen Hauch mehr. Aber auf keines meiner Schätze möchte ich verzichten. Ich werde spät abends in Beijing ankommen, mein Anschlussflug geht um 1.20 h, auch nicht gerade Happy Hour, ich hoffe, ich schlafe in den drei Stunden Transit nicht ein, ganz schön lang. Das dachte man sich wohl auch in höheren Spähren, jedenfalls will der Flugsaurier der Firma Airchina partout nicht abheben und wir rollen eine geschlagene Dreiviertelstunde zwecks Flughafenrundfahrt auf dem Rollfeld herum, bis man sich endlich ein Herz fast und abhebt. Nun wird es tatsächlich etwas lebhafter im Transit, schnell noch den zollfreien Einkauf erledigt, bevor die nächste Etappe kommt.

Und nun geht’s wieder heim nach Fa-Lan-Ke-Fu, zu Federweißer und Zwiebelkuchen. Ist ja auch was Feines.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

好人去天下雨

Der Morgen begrüßt mich weinend und so wie die Lage momentan ist, kann ich mit dem Trennungsschmerz, den ich beim Verlassen des heiligen Berges empfinde, ganz gut leben. Der Herbst hat Einzug gehalten und zeigt sich von seiner ekligsten Seite. Im altehrwürdigen Zixiaogong-Tempel herrscht Mupptes-Show in freudiger Erwartung auf den Double-Nine-Day, der Daoyuan ist voll von Selbstdarstellern, die sich auf die große Competition, bei der sich alle zwei Jahre die weltbesten Wushu-Spieler (oder die, die sich dafür halten) messen, vorbereiten.




Ich denke, das ist ein guter Zeitpunkt, um zu gehen.

Ursprünglich wollte ich wie immer den Nachtzug Richtung Wuhan nehmen, gerädert morgens um 5 ankommen und direkt weiter zum Flughafen ziehen, um nach Shanghai zu fliegen. Soweit der Plan und auch meine Flugbuchung. Nun überraschte mit die Mitarbeiterin der Akademie mit den „good news“, dass der klapprige alte Bummelzug, der die Strecke von immerhin knapp 500 Kilometern in stolzen 8 Stunden zurücklegte, wohl ausrangiert wurde. Nun flitzt zwischen Shiyan und Wuhan die chinesische ICE-Variante hin und her und die bewältigt die Distanz in exakt 3 Stunden. Das ist zwar grundsätzlich ganz ganz toll, nun versäume ich aber nicht nur einen halben Trainingstag und einen letzten Ausflug ins Ort um meine bestellten Klamotten abzuholen, weil der Zug schon um Mittagszeit losfährt, nein, ich muss auch noch eine Übernachtung in Wuhan einschieben weil eine Umbuchung meines Billigflugs ziemlich teuer gekommen wäre.

Egal, es ist wie es ist, ich kann mich zwar darüber ärgern, ich kann es aber auch sein lassen – am Ergebnis ändert sich nichts.

Und so besorgt mir die Verwaltungsfee nicht nur ein Zugticket sondern auf meinen Wunsch hin auch noch einen Transport in die nächstgrößere Kreisstadt Shiyan. Der soll erst kurz beim Schneider halten, damit ich meine Bluse abholen kann. Es stellt sich heraus, dass der Fahrer ein Schulfreund von ihr ist, der das kleine Zubrot bestimmt gerne angenommen hat. Der Wagen der Schule wäre teurer gekommen, raunt sie mir zu und so haben wir alle was davon. Guanxi – Guanxi. Zur Begrüßung überreicht mir der Fahrer erst einmal ein paar warme gefüllte Baozi – wunderbar, genau das richtige nach meinem frugalen Frühstück. Viel besser als in der Schule, flüstert meine Begleiterin. Kann man wohl sagen, schreiben und mit Blut unterzeichnen. Ich würde den Mann sofort einstellen. Bald verlässt die junge Dame uns, sie muss noch weitere Schulgäste abholen. Zwischenzeitlich wurde noch die Ehefrau nebst Kind des Fahrers eingeladen, die wohl die bezahlte Fahrt in die Stadt gerne nutzt. Warum auch nicht. Meine Hoffnung, nun keine Konversation im Hubei-Dialekt führen zu müssen, erfüllt sich allerdings nicht. Mutti kümmert sich ausschließlich um ihr Junges und ich radebreche derweil mit dem geselligen Fahrer zum Thema „Europäische Autos in China“. Wir einigen uns schnell, dass deutsche Autos die besten sind und bevor wir noch auf die sozialpolitische Komponente im Spätwerk Franz Kafkas näher eingehen können, sind wir schon am Bahnhof.





Ich steige also in den „Kuai-Che“. Erstaunlich, obwohl der Preisunterschied zu dem alten Bummler gerade mal 20 RMB ausmacht, ist das Publikum hier ein ganz anderes. Junge und höchstens mittelalte Leute sind nun überwiegend unterwegs, wenig Landvolk. Fröhlich schnatternd steigt die Meute ein, umgehend setzt das landesübliche Knabbern, Knurpsen und bald auch Schnarchen ein.

Ich betrachte ein wenig die verregnete Landschaft. Nein, schön ist wirklich anders. Dafür ist der Zug wirklich sehr bequem, viel Platz für die Beine, weiche Polstersessel und so döse ich vor mich hin, bis wir auf die Minute pünktlich drei Stunden später in Wuhan einlaufen. Mittlerweile hat es sich eingeregnet und irgendwann habe ich keine Lust mehr, unbedingt auf ein offizielles Taxi zu bestehen und steige dann doch in ein „privates“ ein. Auch dieser Fahrer ist mehr als gesprächig, dass ich kaum antworten kann, nutzt er hemmungslos – er richtet eine Frage an mich, die ich nicht verstehe. Schweigen wertet er wohl als Zustimmung, jedenfalls bemüht er sich nun, weitere Fahrgäste für die Route einzufangen, weil ihm wohl die vereinbarten 40 Kuai für die Fahrt zum Hotel zu wenig sind. Hämisch registriere ich, dass niemand Lust hat, auf das Angebot einzugehen und so kommen wir doch recht zügig beim Hotel an.

Dort stelle ich fest, dass es doch einen erheblichen Unterschied macht, ob mein Freund Pei mir ein Zimmer reserviert oder die Schule. Ich zahle 20 RMB mehr für ein deutlich weniger komfortableres Zimmers, aber das registriere ich einfach völlig wertungsfrei. Mir ist nicht nach Luxus sondern einfach nur nach Entspannung und so husche ich bei strömenden Regen in den gegenüberliegenden Supermarkt, der ein unfassbares Angebot hat. Besonders in einer europäisch anmutenden Bäckerei bleibe ich lange hängen, bis es mir endlich gelingt mich davon zu überzeugen, dass ich bald echtes Brot und auch Pizza zwischen den Zähnen haben werde und so hole ich mir einfach die üblichen Aufgieß-Nudeln, den von mir mittlerweile hochgeschätzten Dattel-Joghurt und noch eine Dose chinesisches Stout-Bier und ziehe mich in mein Hotel zurück. Und morgen geht’s weiter nach Shanghai.