Dienstag, 13. September 2011

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Ein Jahr ist vergangen, seit ich das letzte Mal die Reise in den Osten angetreten habe – durch den Aufenthalt von Meister Guan in Mainz habe ich ziemlich viel Urlaub verbraucht, so dass mein traditioneller Frühjahrsaufenthalt ausgefallen ist.
Am Vorabend meiner Abreise konnte ich noch meine Freundin Bat, die zu einer Stippvisite nach Deutschland gekommen ist, begrüßen. Wir werden uns in etwa 3 Wochen wieder sehen, dann sind wir beide wieder in Shanghai. So ist das im Jetset.
Nun haben wir erstmal den chinesischen Immigranten Mike Sieder in Deutschland willkommen geheißen, den kleinen roten Katzenfreund, den Bat zur Übersiedlung mitgebracht hat. Das Tier ist von der Aufregung noch etwas durch den Wind, ich habe aber den Eindruck, er hat den Trubel gelassener ertragen als sein Frauchen.
Als ich mich mit meinem neuen, stolze 124 Liter fassenden Koffer auf den Weg mache, werde ich natürlich gefragt, was ich alles wieder mit nach Hause bringen werde. Der Koffer ist trotz einiger Mitbringsel längst nicht voll und kommt nicht einmal annähernd an die magische 30-kg-Grenze, die China Eastern gebietet. Ach, eigentlich habe ich alles – besonders was elektronisches Spielzeug angeht...das laute Gelächter, das mir entgegenschallt, überhöre ich etwas beleidigt.

Da Bat ja in Mainz weilt, hat mir diesmal Tory Unterschlupf gewährt. Sie wohnt mit ihrer Familie etwas außerhalb Shanghais in einem Compound, einer parkähnlichen und gut bewachten Anlage. Für Kinder sicher nicht die schlechteste Gegend. Ich freue mich sehr auf ein Wiedersehen, denn die Familie habe ich vor zwei Jahren das letzte Mal gesehen, die Jungs müssen nun fast erwachsen sein, auf jeden Fall heftigst am Pubertieren; mal schauen, wie Tory so damit umgeht.

Für den langen Flug habe ich mir ein Reiseset von einem Kaffeeröster besorgt: schrill-pink-farbene Ohrstöpsel, eine ebensolche Schlafmaske und noch einen plüschigen, aufblasbaren Echsenkragen komplettieren das Ensemble. Zu Hause habe ich erst einmal den Praxistest gemacht und stelle fest, dass der Kragen wegen des Plüschs auch ohne Luft noch ungebührlich viel Platz in Anspruch nimmt.Unglücklich betrachte ich meine Reisebegleiter, da kommt mir eine Idee: vor Jahren hatte man mir nach einem Unfall eine Cervicalstütze verpasst – eigentlich eines der überflüssigsten Hilfsmittel, die man sich nach einem HWS-Schleuertrauma vorstellen kann, aber nun vielleicht dessen Sternstunde. Ausprobiert: passt! Wie vermutet, stützt das Ding mindestens genauso gut wie der Echsenkragen und sieht drapiert mit einem Halstuch auch nicht halb so schlimm aus. Vielleicht lässt sich sogar mit dem zu erwartenden Mitleidseffekt noch was anfangen – ja, du kommst mit!

In Shanghai angekommen, besteige ich routiniert den Flughafenbus, der mich von Pudong zum alten Flughafen nach Hongqiao bringt, von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung mit dem Taxi zu Tori. Die Aussprache der Adresse habe ich zwar fleißig geübt, als der Sifu aber sehr ungläubig das gesagte wiederholt, lege ich ihm doch lieber zur Sicherheit nochmal den Zettel hin– das hilft weiter. Naja, bin wohl doch etwas aus der Übung...
An dem Gelände angekommen, kommt mir Tori schon entgegen – der Dunst ist so stark, dass sie mir wie eine Nebelerscheinung vorkommt. Nachdem wir ein paar Meter gelaufen sind, bin ich gottfroh, dass hierzulande fast jedes Haus mit einer Klimaanlage ausgestattet ist. Und sie funktioniert sogar. Herrlich. Aber natürlich freue ich mich, nach dem missratenen deutschen Sommer endlich mal wieder Tropenklima um die Nase zu haben. Für Wudang wurde mir feucht-kühles Wetter angekündigt. Nichts neues, ich genieße also die Stunden hier. Tory hat mir die Zugfahrkarte besorgt – ein nicht ganz einfaches Unterfangen, da sich die Chinesische Staatsbahn wieder einmal ein neues lustiges Ticket-Verteilungssystem hat einfallen lassen, das wohl in erster Linie darauf abzielt, Ausländer vom Reisen abzuhalten. Glücklicherweise konnte Torys Mann auf die Hilfe seines Büros zurückgreifen, so dass ich für eine handvoll Kuai trotz des hohen Feiertags – es ist Mittherbstfest – am nächsten Tag weiterreisen kann.

Tory hat mich schon sehnsüchtig erwartet, weil mir – aus Gründen, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann – der Ruf vorauseilt, eine gewisse Begeisterung für alle elektronischen kleinen Spielgeräte zu hegen. Bei meinem letzten Aufenthalt hatte ich mir ein kleines Übersetzungsgerät , das natürlich viiiel besser als mein Altes war, gekauft. Das besondere an dem Gerät war, dass man Schriftzeichen mit der Hand eingeben kann. Erkennt sogar meine Sauklaue. Feine Sache das, allerdings auch nicht völlig makellos. Dafür war es auch nicht sehr teuer. Nun hat Tory sich ein Mamut-Projekt aufgehalst, das mir tiefsten Respekt abnötigt: sie hat begonnen, Chinesisch zu studieren. Und zwar so richtig, mit jedem Tag sechs Stunden Unterricht an der Fudang-Universität, zu der sie täglich einige Stunden unterwegs ist. Als sie mir ihre Lehrbücher zeigt und das Pensum, dass den Studenten abverlangt wird, fühle ich mich sehr klein. Nein, ich glaube, den Biss hätte ich vielleicht dann doch nicht. Aber wenn man schonmal da ist....
Jedenfalls braucht sie jetzt natürlich auch so ein Ding und wer könnte da wohl besser beraten? Nach der langen Reise sollte man bloß dem Jetlag nicht nachgeben, also kippe ich eine Tasse Kaffee ins System, der Gedanke an die kommende Aufgabe hat meine Lebensgeister eh schon aufzucken lassen – und los geht’s in die Stadt.
Unterwegs erwerbe ich noch ein paar lebensnotwendige Dinge und natürlich kann ich auch wieder einmal nicht am Foreign Book Store vorbeigehen, ohne ein paar wunderbare Werke zu erstehen. Aber mal im Ernst: wie kann man zu einem Buch, das mit dem herrlichen Titel „Chinesische Humore“ wirbt, schon nein sagen? Ich jedenfalls nicht.



Wir landen in der Elektronik-Abteilung, ich packe meinen Übersetzer, den ich auch dort erstanden habe, aus. So was wollen wir haben. Etwas mitleidig betrachtet der junge Verkäufer das kleine Ding. Klar, es ist ein Jahr alt und damit technisch völlig veraltet. Tut aber im großen und ganzen was es soll. Widerwillig packt der Herr das Nachfolgemodell aus und zeigt etwas lustlos, was es kann. Nüchtern betrachten wir das Gerät. Ja, tut schon, sexy ist aber definitiv anders. Der junge Herr holt Luft „nun zeige ich euch aber mal ganz was tolles!“ Ich ahne furchtbares, kann mich aber natürlich nicht entziehen. Fasziniert schaue ich, wie er mit flinken Fingen die Möglichkeiten eines nagelneuen Geräts präsentiert. Natürlich: es ist dreimal so groß (und auch dreimal so teuer) wie das ursprünglich anvisierte Gerät, aber was es alles kann! Ich bin begeistert, der Verkäufer ist es sichtlich auch, nur als er sich darin versteigt, den Übersetzer als „das beste Gerät der Welt“ zu preisen, wird es etwas viel. Nun müssen wir ihn einfach auslachen. Naja, die Marke ist „Besta“, da liegt es ja nahe....wir verbringen fast eine Stunde damit, immer wieder zu vergleichen, was das eine Gerät kann und das andere nicht und nachdem ich – um Tory die Entscheidung zu erleichtern – anbiete, auch eines zu erstehen, um einen günstigeren Preis auszuhandeln, kriegen wir dann endlich die Kurve. Mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen, das war ein sinnvoller Kauf. Nun habe ich den Übersetzer mit der Tastatur, der immer im Auto liegt, das kleine Gerät mit Handschrifterkennung für unterwegs und nun den König der Übersetzer für meine Studien zu Hause. Was für ein Glück, dass auch dieser Mangel endlich beseitigt ist.

Mittlerweile knurrt der Magen, nach diesem anstrengenden Nachmittag haben wir uns einen köstlichen Abschluss verdient. Ich bin nicht sehr zuversichtlich, was die aktuelle Küche in WudangShan angeht und freue mich, heute nochmal in köstlichen Auberginen, kurzgebratenen süß-saueren Kartoffelstreifchen, Seidentofu, gebratenem Blumenkohl, Rindfleischstreifen mit viel Chili und weiteren Leckereien zu schwelgen. Auf dem Rückweg stolpern wir noch über einen Klamottenladen, der sehr witzige T-Shirts und Jacken für Leute, die um einiges jünger sind als wir, verkauft. Ein Shanghaier Designer-Label, wie sie in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen. Auf einem Wühltisch ziehen wir zwei besonders farbenfrohe Jacken unter lautem Gackern hervor. Die jungen Verkäufer, die locker unsere Söhne sein könnten, beraten uns mit viel Spaß „aber natürlich passt euch das, klar steht euch das“ - mit allen Mitteln versuchen sie, uns noch eine Kleinigkeit aufzuschwätzen, damit wir eine bestimmte Preisgrenze überschreiten – dann gibt’s nämlich einen Gratis-Regenschirm. Aber wir bleiben hart. Die zwei Jacken und gut ist. Wir wissen ja schließlich, wo die Grenze ist...

Am abend sitze ich noch stundenlang mit Tory und wir brüten über die Geheimnisse des kleinen Geräts. Torys Mann betritt kurz den Think-Tank, verabschiedet sich aber schnell wieder, nachdem er seine Freude darüber zum Ausdruck gebracht hat, dass ich mir das gleiche Gerät gekauft habe und nun ich mit Tory gemeinsam in die Schlacht ziehe und nicht er.
Nach ein paar Stunden fallen mir aber endgültig die Augen zu – ein gelungener Start!

124-Liter-Koffer – 30 Kilo Freigepäck. Vielleicht doch nicht so schlecht.

Am nächsten Tag lasse ich mich zum Südbahnhof chauffieren. Schon von weitem ist der riesige Rundbau zu sehen. Ich bin angenehm überrascht, wie übersichtlich der Bahnhof aufgebaut ist, keine große Hektik, ob trotz oder wegen des Feiertags, kann ich nicht erkennen. Ich entdecke eine abgeschlossene Wartehalle, auf Englisch steht an „First Class Waiting Room“. Ich bin irritiert – erste Klasse? Ich übersetze mühsam die Chinesische Aufschrift – da steht nun „Weiche Sitze“. Aha. Mein Weltbild stimmt weiter, weiche Klasse habe ich mir für 20 Stunden Zugfahrt auch gegönnt, also hinein. Als mein Zug aufgerufen wird, kommt die Hüterin direkt zu mir gelaufen, geleitet mich zu einem noch abgesperrten Bereich, vor dem schon Passagiere warten, sie lupft die Absperrung und lässt mich als Erste zum Zug vorgehen. Die Leute schauen zwar, aber bevor die Langnase den ganzen Verkehr aufhält, weil sie nix lesen kann und nix versteht...besser so!

Die ersten 6 Stunden verbringe ich allein in meinem Abteil, liebevoll umsorgt von den Damen in Uniform, die mir gestenreich erklären, wo ich was finde, um die nächsten 20 Stunden zu überleben. Dann öffnet sich die Abteiltür: 4 lustige und laute mittelalte Herren. Der erste tritt ein, prallt zurück – Oh! Mh. Ich begrüße die Leutchen freundlich, während ich meine Nudelsuppe muffele. Sie bleiben erstmal draußen und beratschlagen sich. Bis sich einer ein Herz fast: „Wir sind zu viert.“ Das sehe ich. „Und wir wollten fragen, ob du vielleicht mit einem von uns den Platz tauschen kannst, damit wir zusammen sitzen können.“ Da brauch ich nicht lange nachdenken: die Aussicht, die Nacht mit grölenden, Karten spielenden und Zoten reißenden Männer, deren angestrebter Aggregatzustand nicht allzuschwer zu erraten ist – ich habe die mitgebrachten Schnapsflaschen sehr wohl bemerkt – macht mir die Entscheidung leicht. Ich zeige auf meine Nudeln. Erst essen, dann könnt ihr den Platz haben. Erleichterung macht sich breit, vor Freude wollen sie jetzt erstmal mit mir Schnaps trinken. Leider lässt das meine Religion nicht zu.

Nun trennen mich nur noch wenige Stunden von meinem Ziel Wudang Shan, ich sitze und liege mit einer jungen, ruhigen Familie zusammen, im Nebenzimmer balgen sich hörbar die jungen Herren. Alles fein.

Samstag, 10. September 2011

Ist dann wieder mal weg...

Mein Blog habe ich in letzter Zeit auf das sträflichste vernachlässigt - allerdings gibt es da noch ein paar Geschichtchen, die ich unbedingt mal erzählen will - ist ja bald Advent, die Zeit der Muße und Einkehr und da werde ich bestimmt die Zeit finden, sie endlich mal zu Rechner zu bringen.

Heute melde ich mich zu Wort, um mal wieder für das Wudang-Blog zu werben - so ab Dienstag müsste es wieder losgehen mit kleinen Geschichten aus einem großen Land.

Bis dahin - gehabt euch wohl!

Montag, 11. Juli 2011

Alles neu

Und wieder einmal lasse ich faulheitshalber meine Ghostwriterin zu Wort kommen und freue mich, dass ich in meinem hohen Alter nicht mehr selber schreiben muss, sondern schreiben lasse - das Wort hat Schwester Gabi:


So ein Tag – Rückblick auf ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung


Spätestens beim Titel weiß jeder, daß der vorliegende Text nur dem Umzug des legendären FSV Mainz 05 vom Bruchweg-Stadion in die neue Arena gewidmet sein kann. Nun denn:
Der Erwerb der Eintrittskarten war allein schon eine höchst unterhaltsame Angelegenheit: Als ich aus der Tiefe Rheinhessens kommend das altehrwürdige Bruchweg-Stadion erreichte, bemerkte ich eine Menschenschlange, die sich auf dem Gelände des Bruchwegs liebevoll um die Außenwände des Stadions schmiegte; der Legende zufolge sollen einige Fans die Nacht vor dem Verkauf im Schlafsack vor den Kassen verbracht haben. Jedenfalls beschloß ich, den Kartenerwerbsversuch auf ein paar Stunden später zu verschieben und derweil einige andere Dinge zu erledigen. Stunden später 2.Versuch: Die erwähnte Anaconda hatte inzwischen eher die Länge einer Blindschleiche; geschätzte Wartezeit: Eine Zigarette. Womit ich richtig lag, und es gab sogar noch Karten für den S-Block...
Am Sonntag, den 3.Juli – dieses Datum wird keiner je vergessen! - zog ich dann mit Lilo auf den Bruchweg, zum letzten Spiel. Dieses war Dimo Wache gewidmet, beide Mannschaften – die Weißen und die Roten – rekrutierten sich aus altgedienten 05er-Fossilien, die schon in den 80er Jahren der vorigen Jahrhunderts unserm FSV zu Ruhm und Ehre verhalfen. Stadionsprecher Hafner und Sven Hieronimus kommentierten auch mit angemessenem Ernst das Spiel: „Do hinne des is de Janz – frieher uffm Schulhof hot er mir als uff die Fratz gehaache, heit isser moin Hausarzt.“
Und Hieronimus selbst konnte es nicht lassen und wechselte sich schließlich selbst ein, angetan mit einem Hemdchen mit der Aufschrift „Fehleinkauf“. Hafner:“Der Bewehschungslegastheniker! Der is jo wien Maikäfer: Wann er uff de Buggel fällt, brischt er sisch die Flühschel.“ Wir, das Publikum, besangen derweil die Schönheit seiner Haare...
Schließlich die Vorbereitung auf den Umzug, der von den üblichen Bedenkenträgern im Vorfeld dann doch nicht verhindert werden konnte, aber Hafner richtete doch noch mahnende Worte ans Volk: „ Bidde nit de Leit in de Vorgaade pisse, un Ihr duht Eich aach nit sonstwo übbergebbe, wann mir jetz enübber laafe. Also Ihr, isch net, isch muß misch schone!“
Und so latschten wir mit etwa 20.000 anderen Fans im Umzug mit. Natürlich gabs Schwellköpp, Garde, Fassenachtslieder – das Übliche halt. Und dann das neue Stadion: Schööööön!
Im Eingangsbereich gabs für jeden einen neuen Fanschal (davon kann man nie genug haben!), und wir suchten dann unsre Plätze im neuen S-Block. Nachdem das erledigt war, sagte ich zu Lilo: „ So, ich hol uns jetzt was zu essen.“ Nun, bei der Organisation der Verpflegung ist durchaus noch Luft nach oben; jedenfalls dauerte es schon ein bischen, bis ich unsre Feuerwürste hatte. Die dann aber in der gebührenden Andacht von uns gekaut wurden: Die erste Feierworschd im neie Schdadion!!!
Danach erfolgte das Absingen von Fassenachtsliedern; es kamen, wurden ausgebuht und laberten trotzdem: OB Beutel und König Kurt, letzterer mit einem 05er Schal um den Hals...



Zwischendurch hatte ich Anlaß, die sanitären Anlagen aufzusuchen, und konnte bei dieser Gelegenheit feststellen, daß die Anzahl der Damentoiletten endlich mal an den Anteil der Zuschauerinnen angepaßt worden ist; für Meßfremde: Wir stellen inzwischen etwas mehr als die Hälfte! So! Das hatte aufm Bruchweg u.a. zur Folge, daß ein Klobesuch weit im Voraus geplant werden mußte...
Das Eröffnungsprogramm war durchaus unterhaltsam, auch wenn die Stadtauswahl sich nicht so mit Ruhm bekleckert hatte: Achtmal Narrhallamarsch! Zwischendurch unser Hafner:“Achso ja: 's steht 4:0.“
Und Choreographie, Feuerzauber, Gesänge vom Domchor und den Mainzer Hofsängern, ein ums andre Mal „You'll never walk alone“; gegen 23.00Uhr war auch an diesem denkwürdigen Tag Feierabend und wir zogen uns geordnet zurück, glücklich, an diesem historischen Ereignis, von dem noch die nächsten Generationen sprechen werden, mit dabei gewesen zu sein!

Dienstag, 28. Juni 2011

...und wieder mal: Fremdpost

Alle Jahre wieder macht sich meine holde große Schwester auf in die weite, weite Welt und zieht zu den Metropolen um von dort den staunenden Zurückgebliebenen wahrlich abenteuerliches zu berichten. Hier ein Frontbericht aus dem wilden Osten - Tatort Leipzig:

"Gabi aufm WGT – auf ein Neues!

Hier, wie angedroht, mein Bericht: Hinfahrt absolut problemlos in 5 Stunden abgenudelt, und Dank des neulich bei Aldi erworbenen Navis punktgenaue Landung aufm Agra-Gelände, welches sich etwas außerhalb der Innenstadt befindet. Ich wollte wieder denselben Parkplatz wie im letzten Jahr aufsuchen; dieser hatte sich schon deshalb bewährt, weil nur wenig Leute im Auto schlafen und daher das unschöne Erlebnis, morgens um 4.30Uhr noch im Fallen die Ohnmacht zu nehmen und um 5.00Uhr durch Jalla-Jalla ausm Nachbarzelt geweckt zu werden, entfällt. In meinem Alter muß ich das nicht mehr haben! Ich fand wieder ein lauschiges Plätzchen, kochte noch einen Kaffee und weihte bei dieser Gelegenheit meinen neuen Gaskocher ein, der mir dankenswerterweise nicht um die Ohren flog: Koreanische Wertarbeit! Sodann machte ich mich auf den Weg in die Halle, um die ersten Konzerte zu hören. Bei der Eingangskontrolle dann eine etwas peinliche Begebenheit: Seit Wochen, ach was, seit Monaten will ich schon meine Handtasche ausräumen; ich hab seit längerem den Verdacht, daß ein großer Teil deren Einwohner, na sagen wir mal, nicht zwingend dabei sein muß.... auf jeden Fall zeigte ich unbedarft besagte Handtasche vor, die von der diensthabenden Securityfrau zielsicher umgegraben wurde. Und sie fand sofort meine „Argumentationsverstärker“ und „Zwischenfallöser“....“Scheiße,“ sprach ich,“ da hab ich wirklich nicht mehr dran gedacht! Ich bring das Zeug zurück ins Auto, und gut ist.“ Das fand sie gut. Ich hatte früher selbst ein paar Jährchen als Security gearbeitet und kann mich noch sehr gut an die lästigen Endlos-Diskussionen erinnern, die vor allem den Sinn haben, entsetzlich zu nerven. Nebenbei: Damals gabs 17 DM pro Stunde, heute 5 € - und die Leute sind hauptberuflich tätig....Konzert war recht nett, es spielte Age of heaven, und nach 2 Bier hatte ich auch eine angenehme Bettschwere. Und pennte bis morgens um 10.00. Und beschloß am nächsten Morgen, mal einen auf Kultur zu machen. Also Völkerschlachtdenkmal, fürs Erste. Im Anschluß gönnte ich mir ne kleine Stadtrundfahrt; klein deshalb, weil außer mir nur noch 2 Leute mitfuhren. Daß die Veranstalter dabei großartig verdient haben, darf bezweifelt werden. So konnte ich aber ein paar Fragen loswerden und bekam ausführlich Antwort.
Abends dann ein paar richtig geile Konzerte: Covenent, Deine Lakaien...bis zum Abwinken.
Den Samstag nutzte ich, um noch ein paar Dinge zu erwerben, von denen ich erst jetzt feststellte, wie dringend ich sie benötigte; u.a. ein kleines Hütchen mit Schleier, eine schwarze Krawatte mit niedlichen Fledermäuschen für meinen Liebsten, je einen Spitzenfächer für meine Freundin und für mich usw.usw.usw.
Und abends dann mal wieder Party, diesmal in der Innenstadt. Die Hinfahrt mit der Tram war schon sehr unterhaltsam, da man während der Fahrt schon Bekanntschaften schloß; ich selbst befand mich auf einmal in Gesellschaft sehr junger Leute, ca. 20 Jahre alt. Wir plauderten sehr angeregt, und als wir umsteigen mußten, stiegen wir schon in die richtige Tram ein – aaaaber einer Eingebung folgend, fragte ich doch noch mal bei der Schaffnerin nach, ob auch die Richtung stimmt? Bingo – genau falsch! Ich brüllte also in den Waggon: „Alles, was auf die Party will – raus! Wir sind falsch!“ Dies hatte zur Folge, das die Tram nun gut geleert war, und zum anderen, daß die ganze Meute mir nun an den Fersen hing wie eine Entengroßfamilie. Damit kann ich ja leben, aaaaber als einer der Jünglinge „Maaaami“ brüllte und MICH damit meinte, gabs doch eine freundliche (aber deutliche) Ermahnung....Irgendwann waren wir auch vor dem Volkspalast. Die Schlange war gigantisch. Eigentlich hatte ich bei diesem Anblick keinen Bock mehr, stellte dann aber fest, daß es doch ganz zügig vorwärts ging. So hatten wir noch Gelegenheit, nett zu plaudern. Und ich bekam ein wunderschönes Kompliment von einem der jungen Mädchen: „Wenn ich mal so alt bin wie Du, bin ich hoffentlich auch noch so cool drauf!“ Zum Dahinschmelzen schön, oder? Als wir dann alle drin waren und die erste und auch zweite Runde gedreht war und es immer voller, lauter und heißer wurde, mochte ich dann aber nicht mehr und verdrückte mich. Das war übrigens die einzige Veranstaltung, die mir nicht gefallen hat. Auf der Straße zurück zur Haltestelle erblickte ich einen alten Armeelaster, der mein Interesse weckte. „Könnte ein Saurer sein...“ dachte ich noch. Da der Laster vom Inhaber, dessen Freundin und deren Schwester bevölkert war – alle drei schon ein bischen angeschickert – hatte ich Gelegenheit mal nachzufragen. Stimmt, isses. Da ich früher auch mal einen Armeelaster hatte, konnten wir uns prima die technischen Eckdaten gegenseitig aufsagen und dabei gemütlich noch eine Pulle Sekt schlürfen. Mit der abschließenden Bemerkung meinerseits „aber die saufen wie die Wikinger auf Landgang“ wandten wir uns wieder allgemeineren Themen zu, babbelten angeregt und soffen noch ne Pulle Sekt. War auch Party, nur halt anders.
Montags beschloß ich, heimzufahren, um noch ein paar Stunden mit meinem Liebsten zu verbringen. Ich wurde mit einem extrem leckeren Essen erwartet, und im Anschluß gabs noch einen Tatort – ein gelungener Abschluß."

Montag, 6. Juni 2011

Der Meister vom Wudang Shan III

Für Meister Guan ist dies die erste Reise in ein so exotisches Land wie Deutschland und natürlich nehmen seine vielen Verwandten und Bekannten regen Anteil an diesem Abenteuer. Über den chinesischen Messenger QQ unterhält er sich bei mir zu Hause via Internet mit den Zuhause gebliebenen und per Video-Chat habe ich auch schon einige Familienmitglieder aus der Ferne kennen lernen dürfen. Dass so eine Reise für den normalsterblichen Chinesischen Bürger kein leichtes Unterfangen ist, weiß ich nun; kaum einer aus Guans Umfeld wird wohl so schnell die Möglichkeit haben, das Land, dessen Bilder schon längst in Guans QQ-Galerie stehen und dort bewundert werden, zu besuchen. So ist es natürlich klar, dass jeder zumindest ein kleines Mitbringsel erwarten kann. Diese hat Guan ja schon soweit abgearbeitet, was ihm aber ein wenig Stress bereitet, ist die werte Gemahlin: es steht Nachwuchs an und gegen die bösen Schwangerschaftsstreifen soll der Meister ein Mittelchen aus dem Reich der Tugend mitbringen. Achja, und wer schon da ist, kann er doch mal nach Trockenmilch schauen – der letzte Skandal ist nicht vergessen. Und von (hier kommt Guan ins Trudeln)...dieser Firma mit den beiden „C“, so Rücken an Rücken...ja, ich verstehe schon. Das wird teuer.

Nachdem er die letzten Anweisungen entgegengenommen hat, ziehen wir gemeinsam los in Richtung Stadt. Guan sieht aus, als würde er einen Zahnarztbesuch diesem Unternehmen deutlich vorziehen. Aber was hilfts – ich kenne seine junge Frau und werde mir alle Mühe geben, damit Guan ihre Aufträge zur vollsten Zufriedenheit erfüllen kann.

Ich schaue mir die Auftragsliste an und beschließe, dass wir mit dem Schwierigsten anfangen. Die Geschichte mit den C...also auf geht’s in die größte Parfümerie am Platze. Da herrscht erst einmal atemlose Stille, als der daoistische Mönch mit mir den Laden betritt. Der junge, in modisches Schwarz gekleidete, gut gegelte Verkäufer kommt neugierig auf uns zu. Ich gebe wieder, was ich von Guans Angaben verstanden habe: ein leichtes, neues Parfum aus dem Hause Chanel. Diensteifrig führt der Verkäufer uns vor das Regal und lädt uns ein, auszuprobieren. Ratlos sucht Guan das Regal ab. Derweil will der Verkäufer es jetzt aber ganz genau wissen – und die umstehenden Kunden, die sich unauffällig um uns herum drapiert haben, natürlich auch. Geduldig erkläre ich, wer Guan ist und was er hier macht. Und auch, was er jetzt gerade in diesem Moment hier macht. Die staunende Menge lernt, dass es verschiedene Lebensarten der daoistischen Nonnen und Mönche gibt, und dass man sogar eine Familie gründen kann, wenn einem danach ist. Allerdings macht Guan gerade den Eindruck, als gingen ihm langsam die Vorteile zölibatären Lebens auf. Schließlich finden wir mit mit Hilfe des freundlichen Verkäufers das passende Duftwässerchen für die Gemahlin und verlassen das Geschäft. Jetzt müssen wir aber erstmal richtig durchatmen.

Der richtige Moment, vor der Hitze zu flüchten und die berühmten Chagall-Fenster in der Stephanskirche zu betrachten. Den Dom haben wir schon abgehakt; mir selbst ist die überladene Pracht einfach zu viel und auch Guan hat sich mit seinem Urteil höflich zurück gehalten. Nun bin ich sehr gespannt. Die Sonne strahlt durch die Fenster, unglaubliche Schattierungen von Blau erhellen die Kirche. Staunend schaut Guan nach oben „Tian!“ - Himmel!. Er ist sehr beeindruckt. In der eher zurückhaltenden Dekoration erlebt er die Stimmung viel stärker als in den Bombast-Bauten, die wir schon besucht haben. Guan erklärt mir, dass er nicht viel über das Christentum weiß und deshalb voller Neugier den Schlüssel unseres Glaubens sucht. Hier in diesem Gotteshaus glaubt er, Spuren davon zu erkennen. Ehrfürchtig betrachtet er die Bilder und Statuen und natürlich immer wieder die grandiosen Fenster. Ich erkläre ihm, dass dieses Werk auch Ausdruck der Versöhnung, hier stellvertretend durch den Juden Marc Chagall und den Katholiken Monsignore Klaus Mayer ist. Das gefällt ihm. Wie so oft, ist der Meister auf der Suche nach Dingen, die uns verbinden, nicht nach denen, die uns trennen. Und so ist er ganz entzückt, als er ein Abbild eines besonders gruseligen Teufels entdeckt. „Genau wie bei uns!“

Wir beenden unsere Shopping-Runde erfolgreich, allerdings habe ich einige Aufträge passend gemacht, aber das wird wohl hoffentlich keiner merken. Die bestellte Trockenmilch, die Frau Chenchen unbedingt wegen ihrer Schwangerschaftsübelkeit haben wollte, finde ich beim besten Willen nicht und beschließe, dass Baby-Milch ab 12 Monate ja auch irgendwie zutreffend ist. Guan möchte seinem künftigen Nachwuchs unbedingt etwas aus dem Land der Tugend mitbringen und so streunen wir durch das Kinderparadies auf der Suche nach Spielsachen, die nicht „Made in China“ sind. Nahezu aussichtslos. Als ich nach langem Suchen endlich eine Spieluhr, die wenigstens aus Sri Lanka stammt, entdecke, verberge ich das Herkunftsschild und weise nur stolz auf den Markennamen hin, mich darauf verlassend, dass Guans Schriftkunde nicht ausreicht, um den kleinen Betrug zu entlarven.

Nun ist der Meister auch ein wenig erschöpft. Im Teeladen einer Bekannten sind seine Lebengeister aber schnell wieder erwacht. Die junge Chinesin begrüßt mich voller Freude; sie fühlt sich sehr geehrt, dass ich mit dem Meister bei ihr vorbeischaue. Tee wird ausgeschenkt, aber nicht der aus den Dosen, sondern etwas ganz besonders feines aus den Privatbeständen, zu Ehren des hohen Gasts. Guan lehnt sich zurück, genießt, lächelt mich an „zu Hause habe ich ich schon ewig nicht mehr in Ruhe Tee trinken können!“ Ich stutze. Klar, an der Akademie in Wudang Shan ist er ja der hauptverantwortliche Lehrer, irgendetwas ist immer zu besprechen, das Training läuft fast den ganzen Tag und dann ist da noch die Familie – in Ruhe Tee trinken? Vergiss' es! Da zieht jemand also auf den heiligen Berg um sein Leben dem Daoismus zu weihen, zu lernen und lehren – ich hätte gedacht, dass so ein Leben in Kontemplation statt findet. So kann man sich täuschen. Hatte er sich vielleicht auch mal anders vorgestellt.
Neben der Inhaberin des Teeladens ist auch noch ihr chinesischer Freund anwesend, es steht demnach Drei gegen Eine. Also Amtssprache Chinesisch. Ich stottere mich mühsam durch das Gespräch und werde jetzt statt nur von Guan von mehreren Seiten examiniert. Frage: was ist Dao? Ich radebreche, dass wenn man's erklären oder benennen könne, es kein Dao sein könne, weil jede Erklärung eine Begrenzung darstellen würde. Verblüfftes Staunen, drei Daumenpaare gehen hoch. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, erleichtert, aber auch etwas unangenehm berührt darüber, dass man den Insassen unseres Landes nicht einmal das kleine Einmaleins zuzutrauen scheint. Nicht, dass ich sehr viel mehr wüsste, aber trotzdem...

Am nächsten Tag sind wir bei der vorherigen Besitzerin des kleinen Teeladens eingeladen, mir ihr gemeinsam Jaozi zu bereiten. Eine Tradition, die ich aus Wudang Shan kenne, wo wir alle paar Wochen mit den Schülern aus aller Welt einen fröhlichen internationalen Jaozi-Konvent veranstalten. Diese kleinen Teigtaschen sind wohl überall bekannt, aber natürlich ist jedem Chinesen klar, dass es auf die Frage „wer hat's erfunden?“ nur eine Antwort geben kann. Egal, ob die Dinger nun Tortellini, Uszka, Haluschki, Maultaschen oder eben Jaozi heißen.






Den Abend beschließen wir mit einem gemütlichen Feierabendbier auf meiner Terrasse. Ich erkenne, dass es in Guan arbeitet. Er hat noch eine Lektion zu erteilen. Der Wunderschlosser trainiert schon seit einer Weile mit Kettlebells, also Kugelhanteln, an denen ich auch meinen Spaß habe. Er hat Guan schon zu Beginn seines Aufenthalts ein paar Übungen gezeigt und nun fragt ihn der Meister „glaubst du, dass du stark bist?“ Betretenes Schweigen. Der Wunderschlosser ist nicht gerade mikrig und trainiert mittlerweile mit 26-Kilo-Kugelhanteln. Mühsam presst er ein „naja, also, schon irgendwie...“ heraus. „Steh' auf!“ Nun steht der eher schmächtig-drahtige Chinese vor dem germanischen Hünen. „Gib' mir deine Hand!“ Widerstrebend tut's der Wunderschlosser. Ein Griff und der Hüne geht leise wimmernd in die Knie. Teil 1.
„Pass auf, ich zeig dir, wo ich gerade draufgedrückt habe – nun mach' das bei mir!“ Trotz Bemühens passiert nichts. Guan steht völlig entspannt da. Teil 2.
„So, und jetzt versuch' mal, mich wegzuschieben“. Wird versucht, nichts passiert. Nun schubst der kleine Mann den Großen – ich bringe mich gerade noch in Sicherheit. Teil 3.

Was haben wir gelernt? Muskelstärke bringt grad mal gar nix, innere Kraft und das Bewusstsein, was sich da gerade wo in deinem Körper tut, ist der Schlüssel zum Erfolg. Dann kann man auch die Energie dort hinschicken wo man sie hinhaben will und alles ist ganz einfach. Und natürlich – hier wird er ernst „only one!“ - immer nur bei einer Sache bleiben. Den Satz haben wir in den letzten 3 Wochen so oft gehört (genauso wie „it's all natural – just soften – it's easy“), dass wir schon darüber nachgedacht haben, ihm ein T-Shirt mit diesen Weisheiten drucken zu lassen. Aber recht hat er. Die Dinge sind so einfach.

Ich bin von einer Schülerin gefragt worden, ob Guan eigentlich ein Aussteiger ist, der unsere komplizierte und reizüberflutete Welt bewusst verabschiedet hat. Nein. Er ist einfach nicht eingestiegen sondern dort geblieben, wo er war. So wie er mir erklärt hat: die Welt staunend wie ein Kind betrachten, jeden Tag auf's Neue – so hat er auch kein Problem mit den täglich neuen Eindrücken, die wir ihm zumuten. Er wacht morgens völlig unbelastet auf und schaut, was der Tag so bringt. Und stellt fest, dass hier doch vieles gleich oder zumindest ähnlich ist. Die Bäume, die Flüsse, die Menschen. It's all natural.

Samstag, 4. Juni 2011

Der Meister vom Wudang Shan II


Am nächsten Morgen ist Guan rasch eingekleidet, der Klang der Harley wärmt mein Herz und weckt Jugenderinnerungen. Der Oster und ich schauen den beiden Helden nach und wir machen uns mit dem Zug auf nach Köln, wo wir uns treffen wollen. Im verabredeten Kaffee fangen wir an zu rechnen, wie lange die beiden wohl brauchen. Zwei Stunden oder eher drei? Das Wetter hat sich zugezogen, nichts mehr von dem strahlenden Sonnenschein, den wir bisher hatten. Nach drei Stunden werden wir ein wenig nervös, der Oster überlegt dass – hätte er Guan sein iPhone gegeben – wir nun per GPS hätten orten können, wo die zwei sind. Ja, hätte man machen können. Ist jetzt aber ein bisschen spät. Irgendwann erscheinen sie dann doch, Guan ist im wahrsten Sinne des Wortes völlig durch den Wind und sagt erstmal ziemlich wenig. Zumindest weiß er nun, warum ich ihm die schweren Klamotten aufgezwungen habe. Die werden jetzt aber schleunigst abgeworfen und er verwandelt sich wieder in einen daoistischen Mönch. So fühlt er sich gleich viel wohler und jetzt kann er auch erzählen. Mit seinem Jet-Helm hat er den Wind natürlich sehr hautnah gespürt und beschreibt sehr plastisch, wie sein Gesicht Falten geschlagen hat. Jede Kurve mit dem ganzen Körper gespürt – ich frage ihn, ob er Angst hatte: selbstverständlich nicht! Allerdings würde er es das nächste Mal vorziehen, selbst zu fahren. Das kann ich sehr gut verstehen, als Beifahrerin war ich auch immer ziemlich feige.




Nach kurzer Erholung gehen wir auf Erkundung und besichtigen erst einmal eine düstere Wirtsstube, um Guan dort mit dem ortsüblichen Kölsch vertraut zu machen. Ist fast wie chinesisches Bier, erkläre ich ihm. Ja, findet er auch. Da kann man ruhig auch ein zweites nehmen, das der Köbes unaufgefordert vor ihn hinstellt. Nach der langen Fahrt genießt er auch das Jägerschnitzel mit Pommes. Jetzt geht es schon viel besser. Nun steht für Guan der erste europäische Sakralbau auf dem Besichtigungsprogramm. Auch für mich der erste Besuch des Kölner Doms. Der Oster ist ganz in seinem Element, in seiner Heimatstadt kennt er sich gut aus und kann uns einige Details erklären. Ich muss einräumen, dass mir die klare Architektur des Doms tatsächlich gefällt. Unser Haus-Dom scheint ja – genauso wie mein Haus – mehr nach dem Motto „fehlt dir Platz so bau' halt an“ geschaffen zu sein.
Mit Interesse beobachte ich, wie sich der Meister als Besucher in dem fremden Gotteshaus bewegt. Respektvoll verneigt er sich vor den Heiligenbildern und betrachtet sich die Details genau. Dummerweise muss ich bei einigen Detailfragen passen, meine Bibelfestigkeit lässt doch arg zu wünschen übrig. Wird zu Hause nachgelesen.




Die Rückfahrt tritt Guan dann lieber gemeinsam mit uns per Zug an und wir durchfahren noch einmal das wundervolle Mittelrheintal. Als die Germania in Sichtweite kommt, denke ich laut über einen Besuch mit anschließender Tour durch die Drosselgasse nach – vernichtender Blick vom Oster. Dann halt nicht. Der Meister hatte ja auch schon weise bemerkt, dass er nicht alle Attraktionen auf einmal sehen muss. Das können wir ja auch noch bei seinem nächsten Besuch erledigen. Ich freue mich darüber, dass er in den letzten Tagen öfter vom „nächsten Mal“ spricht und nehme dankbar gedanklich noch Schloss Neuschwanstein auf in die Programmliste.




Nach dem langen Ausflug lächelt Guan, als wir auf meinen Hof fahren. „Home!“ Ungefragt versichert er mir, dass er sich hier sehr wohl fühlt und da das Wetter mittlerweile wieder besser ist, stimmt er begeistert zu, als ich einen Absacker auf der Terrasse vorschlage. Er lässt seinen Blick über die Höfe und den Bambus, den ich vor kurzem gepflanzt habe, schweifen. „Hen shufu“ - das ist schwer zu übersetzen, drückt jedenfalls Wohlbefinden aus. Dadamao setzt sich auch dazu und nach kurzer Zeit sind die beiden in ein intensives Gespräch vertieft, bei dem mir nur noch eine Statistenrolle zukommt. Des Wunderschlossers Hobby ist das Bauen von Taschenmessern. Ausführlich beschreibt er die einzelnen Arbeitsgänge und führt vor, auf welche Weise er die Klinge bearbeitet. Und wie der ganze Körper bei dieser Arbeit beteiligt ist. Und was das für ein Unterschied ist, wenn so ein Messer Stück für Stück in Handarbeit gebaut wird. Guan ist begeistert. Er erinnert sich meiner Anwesenheit: „da fährst du jedes Jahr nach Wudang Shan, dabei hast du einen Daoisten zu Hause!“

Nun steht das Wochenende mit Seminar „Grundlagen Schwert“ an. Viele bekannte Gesichter, die meisten Teilnehmer waren schon in Oberwesel dabei und freuen sich schon sehr auf die Fortsetzung des Trainings. Für die Neuankömmlinge sind die leichten Aufwärmübungen in Form von Kicks zunächst etwas ungewohnt. Unser Muskelkater ist aber schon längst abgeheilt und wir sind bereit für neuen. Nun geht es also an die Armmuskulatur, nachdem die Beine schon deutlich kräftiger geworden sind. Guan übt mit uns Basis-Bewegungen. Erst im Stehen, dann im Gehen, rechter Arm, linker Arm. Autsch.

In einer Pause unterhalte ich mich mit Guan. Für ihn ist es ein Mysterium, dass ihm niemand Fragen stellt, obwohl doch so offensichtlich ist, dass wir vieles nicht verstehen. Ja, es ist allerdings merkwürdig: wir sitzen in einer Runde, Guan bietet an, Fragen zu beantworten. Totenstille. Dann kommen Verlegenheitsfragen wie „schmeckt dir das Essen hier?“. Das verstört Guan schon ziemlich, er ärgert sich über diese verschwendete Zeit. Ich versuche ihm zu erklären, dass wir eine solche Frage- und Diskussionskultur während des Unterrichts nicht pflegen. Einer der Schüler hat mir sogar erklärt, dass er sich nicht traue, Fragen zu stellen weil dies ein schlechtes Licht auf seinen Lehrer werfe. Guan ist verblüfft. Er erklärt mir, dass Taiji sich keineswegs auf Leibesübungen beschränkt, vielmehr soll das Bewusstsein für das Dao die gesamte Lebenseinstellung, das ganze Dasein umfassen. Das ist es, was er zu vermitteln versucht. Ich fürchte, da sind wir noch ganz am Anfang. Aber da ja bekanntlich jede lange Reise mit einem ersten Schritt beginnt, wollen wir diesen nun tun. Auch Guan hat die Erkenntnis gewonnen, dass zu Hause auf dem Berg sich der Unterricht viel zu sehr auf äußere Bewegung konzentriert, aber die Frage nach dem Grund doch eher zu kurz kommt. Er berichtet von Schülern, die kommen und verlangen, in 3 Tagen eine Taiji-Form beigebracht zu bekommen. Natürlich geht das, allerdings hat das Ergebnis mehr mit gymnastischer Übung zu tun als mit Taiji. Sehr ermüdend.

Am darauffolgenden Tag ist mein Geburtstag und Elli hat zur Feier des Tages wieder einmal einen wunderbaren Kuchen gebacken, diesmal in Form des Yin-Yang-Symbols. Guan ist hin und weg. Zumindest, bis er den Kuchen anschneiden soll. Das ist nun nicht ganz einfach. Wir beschließen, uns kreisförmig der Mitte zu nähern. Mal anders rum. Sonst geht’s ja meist in Zöhkeln nach außen.




Da heute auch der letzte Trainingstag ist, wir uns also nun offiziell von dem Lehrer Guan verabschieden, treffen wir uns zu einer Abschluss- und Geburtstagsfeier im Garten von Stefanie. Nun haben auch Freunde und Familie die Gelegenheit, endlich einmal den Meister, über den ich schon so viel geschrieben habe, persönlich kennen zu lernen. Auch meinen Chinesisch-Lehrer habe ich eingeladen. Nicht nur, damit Guan jemand zum reden hat sondern auch, damit ich vielleicht ein paar Botschaften entschlüsseln kann, die er mir in Nebensätzen hat zukommen lassen.

Es hat sich zwanglos ergeben, dass ich den Meister auf Chinesisch anspreche und er mir auf Englisch antwortet. Somit bewegt sich jeder in einem begrenzten Wortschatzreich, von dem anzunehmen ist, dass das Gegenüber etwas fülliger ausgestattet ist. Das klappt eigentlich ganz gut und außerdem zwingt uns unser sprachliches Unvermögen, Dinge jenseits rhetorischen Geschwurbels einfach auf den Punkt zu bringen. So klappt es eigentlich ganz gut. Und für die Details ist ja jetzt mein Lehrer da. Interessant, dass Guan mir später rückmeldet, dass man schon deutlich merkt, dass er schon seit 15 Jahren in Deutschland lebt. Er sei völlig entspannt und stehe längst nicht so unter Strom, wie seine Volksgenossen.
Und was Guan auch prima gefällt: Spießbraten und Kartoffelsalat von meiner Mutter – endlich mal deutsche Hausmannskost!

Nun steht für den Meister noch die größte Prüfung an: Shopping!

wird fortgesetzt

Freitag, 3. Juni 2011

Der Meister vom Wudang Shan oder: Ein Alien in Mainz

Der Eine oder Andere weiß es: seit 3 Jahren läuft das spannende Projekt „Wir laden Meister Guan ein“. Die Irrungen und Wirrungen zu beschreiben, würde ein ganzes Buch füllen – hier will ich aber nur über das Ergebnis berichten. Es blieb jedenfalls spannend bis zum Schluss, nun ist er aber da. Oder besser: war, denn nach 3 erlebnisreichen Wochen funkt er mir gerade das erfolgreiche Eintreffen in Wuhan. Nun kann ich mich endlich entspannt zurück lehnen und berichten.

Geplant war, dass der Meister gemeinsam mit dem Oster anreist, da der Frankfurter Flughafen ja nun nicht gerade für seine Übersichtlichkeit bekannt ist und Reisende, die unsere Schrift vielleicht nicht ganz beherrschen, vor echte Herausforderungen stellt. Guan Shifu ist zum ersten Mal allein unterwegs und wir möchten natürlich, dass alles so glatt wie möglich läuft – schließlich hoffen wir, dass er eines Tages wieder kommt. Da die Reisegruppe aber getrennt wurde, hole ich nun in aller Herrgottsfrühe zusammen mit dem Oster den hohen Besuch ab. Unterwegs gesteht mir der Oster, dass nicht nur die Gruppe von der Trennung betroffen war, sondern auch der Meister und die für die Einreise wichtigen Papiere. Die hat nämlich der Oster. Wunderbar, das gibt bestimmt einen tollen Einstieg! Glücklicherweise ist Guan nicht – wie ich zunächst dachte – ganz allein, sondern mit der Rumpfgruppe unterwegs. Bei der ist eine Chinesin, die in Berlin lebt und sehr gut Deutsch spricht. Die rettet am Ende die Situation, als Guan erwartungsgemäß wegen der fehlenden Verpflichtungserklärung gestoppt wird und der Beamte sich auf einmal einer Horde aufgeregt auf ihn einschnatternder Damen ausgesetzt sieht. Er kommt schnell zu dem Ergebnis, dass Guans Visum echt ist und winkt durch. Nun kann ich ihn endlich in die Arme schließen. Nach 3 Jahren schier endloser Verhandlungen. Huanying zai Deguo!

Ich nehme den Weg nach Mainz über die Theodor-Heuss-Brücke, damit Guan gleich einen schönen Eindruck von der Stadt bekommt. „Lai-Yin-He“ - Rhein – mit großen Augen wird der mächtige Strom, auf den er sich so gefreut hat, bewundert. Bei mir zu Hause wollen wir erst einmal frühstücken, bevor wir ihm die Stadt zeigen wollen. Bloß keine Chance dem Jetlag – jetzt heißt es wach bleiben! Aber Guan ist viel zu neugierig auf die neuen Eindrücke, um an Schlaf zu denken. Oster bemächtigt sich des Kochlöffels, da meine hausfraulichen Fähigkeiten bekanntermaßen eher nicht so ausgeprägt sind. Gewohnt gallig kommentiert er die Ausstattung meiner Küche, ja, es mag schon sein, dass möglicherweise Gegenstände herumstehen und -liegen, die man vielleicht nicht unbedingt zum überleben braucht. Dennoch gelingt es ihm, einen essbaren Reisbrei und Rührei zu bereiten, damit der Meister auf das gewohnte warme Mahl nicht verzichten muss. Um die Verpflegung mache ich mir schon meine Gedanken; ich kann nicht kochen und habe mir von meinem Chinesisch-Lehrer eine Schnellbleiche verpassen lassen, damit ich wenigstens die Frühstücksreissuppe bereiten kann. Naja, wir werden sehen, wie kritisch mein Gast meine Bemühungen bewerten wird. Nun geht es aber erst einmal zum Oster und Guan erfährt nun das volle Kontrastprogramm: erst mein vollgestopftes Nest, dann das karge Zuhause in des Osters Schuppen. Die Frage „wie leben die Deutschen?“ ist jetzt natürlich schwierig zu beantworten.

Wir ziehen gemeinsam in den Rosengarten und Guan kann sich gar nicht sattsehen von der Blumenpracht und dem traumhaften Blick auf den Rhein. Nun wird aber erst einmal trainiert. Schließlich ist der Meister nicht zum Spaß hier und nach wie vor gibt es viel zu tun an unseren Bewegungen.




Nach getaner Arbeit üben wir ein wenig „Chillen am Rheinufer“. Nun hat sich auch meine Freundin Stefanie hinzugesellt. Guan lernt das Getränk „Apfelsaftschorle“ kennen, das ihm auf jeden Fall besser schmeckt als die mittlerweile auch in China sehr verbreitete Besatzerbrause. „Hen hao“! Gut, das gibt’s jetzt immer, wenn er sich gegen Bier zu sehr wehrt. Aber hier haben wir einiges zu tun: zu mir nach Hause zurückgekehrt, lernt der Meister erst einmal den Wunderschlosser, den er kurzerhand in „Dadamo“ umtauft, kennen. Mit meinen Vierbeinern Damo und Xiaomo hat er sich schon angefreundet; selbst Xiaomo, der nicht eben für seine Tapferkeit berühmt ist, hat keine Scheu vor unserem Gast. Das Tier spürt wohl, dass es hier nichts zu befürchten hat. Ja, Guan ist schon ein Guter. Und deshalb kriegt er jetzt auch ein gutes Bier. Maibock. Prost.

Den nächsten Morgen läute ich mit fader Reissuppe ein; zusammen mit Fertig-Nan aus dem Toaster und lecker Müsli-Joghurt eine angemessene Einstimmung auf das Essen in unserem Land, wie ich finde. Der Meister lässt sich getreu dem Motto „When in Rome, do as the Romans do“ auch einen Kaffee schmecken. Gemeinsam mit dem Oster gehen wir nun die Stadt erobern und beginnen damit auf dem Wochenmarkt im Schatten des Doms. Ich bin schon sehr gespannt auf die Reaktionen, denn Guan lässt es sich nicht nehmen, ganz selbstverständlich in Tracht zu gehen, die Haare ordentlich zum Dutt gebunden. Und einen Daoisten in traditionellem Gewand – das sieht man auch in unserer kleinen Großstadt nicht alle Tage. Gleichwohl tun alle so als ob, Guan wird überall freundlich behandelt, allerdings wird immer mal wieder an meinem Ärmel gezuppelt „was ist denn das für einer, wo kommt der denn her?“ und – ein Vater im Auftrag seines Sohns „kann der fliegen, so wie im Film?“ Klar kann er das, er weigert sich nur, es mir beizubringen.




Nachdem die Lebensmittel eingekauft sind, folgt der erste Kultur-Input. Im Gutenberg-Museum (wir üben, bis Guan akzentfrei den Namen und wir einigermaßen die chinesische Bezeichnung für Museum aussprechen können), findet Guan schnell einen neuen Freund in der Asia-Ecke – dort sind auch alte buddhistische Schriften ausgestellt, wie uns ein Angestellter voller Stolz erzählt, nachdem auch er sich eingehend über den Meister erkundigt hat. Hier bekommt Guan von mir das kleinste Buch der Welt, das er mit großer Freude entgegen nimmt. Bei Kaffee und Kuchen versucht er, die winzige Schrift zu entziffern. Da kann ich mit meiner Sehstärke leider nicht helfen, da muss er schon selbst dahinter kommen.
Gestärkt geht es dann für Guan an die Pflicht: Mitbringsel für die Daheimgebliebenen. Eine schwierige Aufgabe. Wir stehen vor einem Raucherfachgeschäft. Da will er hinein. In zähen Verhandlungen gelingt es uns, repräsentative Zigarren und Zigarillos zu kaufen. Die eselsgeduldige Verkäuferin versteht schnell, um was es geht und am Ende hat Guan einige sehr hübsche Päckchen, nett anzusehen und auch nicht zu teuer. Fein. Nächste Runde. Vieles wird vom Meister als zu teuer, doof oder beides betrachtet. In einem Kaufhaus werden wir endlich fündig: der Traum eines jeden Chinesen – ein deutsches Auto! Lachend sortieren wir Modellautochen hin und her; Guan hat überhaupt keine Ahnung, also suche ich weisungsgemäß Modelle, die besonders schnittig und teuer sind, für ihn heraus. Mit leuchtenden Augen werden „Baoma“, „Benche“ und „Baoche“ eingepackt. Zu hause schauen wir nach, was die Fahrzeuge im Original kosten. Da staunt er nicht schlecht, wieviel Geld manche Leute für Autos ausgeben. Ja, ich würde auch eher ein Haus dafür kaufen.

Zum Kochen ziehen wir weiter zum Oster, der als Kochstelle lediglich einen Elektro-Wok besitzt. Aber auch darin lassen sich Spargel mit Kartoffeln irgendwie garen und stoisch isst der Meister wie eigentlich immer alles, was ihm serviert wird. Das Spargel hier eine seltene Spezialität ist, kann er zunächst gar nicht glauben, in China gibt es ihn das ganze Jahr über. Komisches Land.

Am nächsten Tag wollen wir unseren Gast mal eine echte Großstadt zeigen, selbst wenn Frankfurt im Verhältnis zu chinesischen Städten auch nur ein winziges Nest ist. Die für uns recht beeindruckende Skyline wirkt doch nur wie ein Produkt aus dem Hause Märklin, wenn man einmal in Shanghai gewesen ist. Wir beginnen, unser Land nun mit den Augen des Fremden zu sehen. Eigentlich recht hübsch hier, so viel Grün bekommt man in China nicht zu sehen. Immer wenn ich von dort zurück komme, fällt mir auf, wie klar hier die Farben plötzlich sind. Keine verwaschene Staubschicht über allem, nicht überall der beißende Smog. Wir führen Guan durch den Palmengarten; viele exotische Pflanzen, die nun wohl als typisch deutsche Vegetation den staunenden Freunden zu Hause präsentiert werden. Verwunderung über die frei umherstapfenden Enten, riesige Karpfen in den Teichen, massenweise sich sonnende Schildkröten...das macht natürlich Appetit und es gibt erst einmal eine Frankfurter Wurst. Auch die wird ohne zu murren verzehrt. Tapferer Meister. Dafür hat er sich zu Hause ein leckeres Schwarzbier verdient.

Nun geht es langsam richtig los. Höchste Zeit, Guan wird allmählich unruhig, schon so lange nicht richtig trainiert und unterrichtet. Für unser Seminar haben wir uns einen wunderbaren Platz im Mittelrheintal,
direkt neben der Schönburg in Oberwesel ausgesucht. Wir nehmen die Route direkt am Rhein entlang und Guan ist schwer beeindruckt. Das ist ja fast wie am Yangtsekiang! Leicht irritiert schweige ich. Ich bin noch vor dem Bau des großen Staudamms durch die 3 Schluchten gefahren, war auch toll – aber unser Mittelrheintal ist ja wohl wirklich was anderes! Naja, das muss er dann auch einräumen, aber letztlich: großer Fluss ist großer Fluss. Unser Weinbau am Rhein ist aber auf jeden Fall erfolgreicher und das lasse ich mir auch nicht ausreden! Wer mal die chinesischen Standardmarken „Great Wall“ und „Dynasty“ gekostet hat, weiß, warum ich dort lieber Bier trinke.

Wir erreichen die Jugendherberge und Guan genießt den tollen Ausblick ins Tal, den er von seinem Zimmer aus hat. Die Kursteilnehmer sind auch schon da und so kann es endlich losgehen. Elli, die gute Seele unseres Vereins, hat zur Begrüßung einen Kuchen gebacken. Der Meister ist gerührt.
Die Truppe ist bunt zusammengewürfelt; Anfänger und Fortgeschrittene und solche, die sich dafür halten. Guan schaut sich seine Schüler an. Durchatmen. Los geht’s.




Was wir nun in den nächsten Tagen erleben, ist einfach nur toll: Guan gelingt es, die Möglichkeiten der Gruppe und auch der einzelnen Schüler jeden Tag ein Stück weiter zu bringen. Wenn die Erschöpfung zu groß ist, vermittelt er theoretische Grundlagen, für die allein sich das Kommen gelohnt hätte. Wo die Sprache nicht reicht, setzt er Pantomime ein und das ist so saukomisch aber auch zugleich derart einleuchtend, was er erzählt und erklärt, dass wir jede „Dao-Lesson“ als großes Geschenk betrachten (im Gegensatz du den manchmal etwas schleppenden Veranstaltungen in Wudang Shan). Hier hat der Meister endlich einmal die Gelegenheit, sich auf seine Schüler wirklich einzulassen, da wir nicht nur den Unterricht miteinander verbringen, sondern auch die Mahlzeiten zusammen einnehmen und auch noch am Abend beisammen sitzen. So lernt auch er viel und wie er mir in einem der häufigen Gespräche, dich ich während seines Aufenthalts mit ihm allein führen kann, wird er einige Erfahrungen, die er hier machen konnte, auch in Wudang umsetzen. Er betont stets, dass er nicht nur hier ist, um zu lehren, sondern auch er lernt von seinen Schülern. Und wenn wir etwas nicht verstehen, muss er sich überlegen, was er beim Unterrichten falsch gemacht hat.






Die erste Woche verfliegt und am Samstag nutzen wir den freien Tag, um eine Wanderung zu unternehmen. Wir wählen eine Tour auf der Höhe, von der man einen schönen Blick in die Weiten des Rheintals hat. Ein junge Chinesin begleitet uns, damit unser Gast endlich mal wieder Gelegenheit hat, sich frei zu unterhalten. Die Dame ist schwer beeindruckt: ihr erster Kontakt mit dem Daoismus, von dem sie bisher ziemlich wenig gehört hat. Die Beiden unterhalten sich und ich kann mich etwas entspannen. Zwischendurch erklärt mir Guan das Tal: welches die Yin- und welches die Yang-Seite ist, interpretiert die einzelnen Felsformationen; der Rhein ist ein trinkender Drache; die Ausläufer Sehnen und Muskeln...spannend.




In St. Goar angekommen, machen wir einen kurzen Ausflug über die Touristenmeile; ich halte kurz den Atem an, als Guan bewundernd vor einer Auslage mit Kuckucksuhren und Bierseideln stehen bleibt – glücklicherweise sind ihm die hübschen Sachen dann doch zu sperrig.
Den Abend lassen wir in der Historischen Weinschenke in Oberwesel ausklingen; hier beenden wir jedes Jahr unseren Vereinswandertag. Es gibt sehr lecker zubereitete Kleinigkeiten und nach einer Woche Jugendherbergskost sind wir alle für die Abwechselung sehr dankbar. Als ich wie immer besorgt nachfrage, ob es mundet, erzählt mir Guan davon, wie es war, damals in Shaolin: jeden Tag nur Reis. Von Abwechselung dort überhaupt keine Spur. Alle Schüler haben unter dem eintönigen Essen gelitten. Dann hat Guan angefangen sich einzureden, dass es kein einfacher Reis ist, den er da zu sich nimmt, sondern knuspriges Hühnchen. Und mit diesem Trick ging es dann. Sehr nachdenklich trinke ich mein Bier...

Nachdem auch das zweite Seminar in Oberwesel, in dem wir uns in der hohen Kunst des „Tuishou“, des „Händeschiebens“ geübt haben, beendet ist, wartet eine Herausforderung auf Guan. Bei der letzten Gruppe, mit der der Oster in Wudang war, war ein Teilnehmer, der früher ein Mitglied der „Bandits“ war und heute noch begeisterter Biker ist. Und der hat Guan versprochen, dass er ihn mitnimmt zu einer Tour auf seiner Harley-Davidson, wenn er in Deutschland ist. Nun ist es soweit, am Freitag beginnt die Reise von Mainz nach Köln. Guan hat keinerlei Erfahrung mit dem Motorradfahren; der Gedanke, freiwillig nur aus Spaß Rad- oder Motorrad zu fahren, ist dem Chinesen eher fremd. Die Straßen sind dort oft von einer Qualität, dass man einfach nur froh ist, heil von A nach B gekommen zu sein; auf den Gedanken, sich aus Spaß fortzubewegen nur der Bewegung wegen und um den Weg zu genießen – darauf käme dort niemand.

Ich bin selbst viele Jahre lang Motorrad gefahren und habe noch die entsprechende Ausrüstung. Am Abend zuvor hole ich also schonmal die dicke Lederjacke raus. Guan schaut mich verständnislos an. Ich bedeute ihm, dass eine Fahrt von 200 Kilometern in seiner dünnen Kluft mit Schläppchen überhaupt nicht in Frage kommt. Er murrt leise, nimmt mir die Jacke aus der Hand, auf das Gewicht ist er nicht gefasst. Entsetzter Blick – nein, sowas trägt er nicht! Ich schaue ihn streng an: Doch! - Nein – Doch – Nein...bei „doch“ bleiben wir stehen. Gewonnen. Er schlüpft hinein. Passt. Ich beschließe, den waidwunden Blick zu ignorieren. Nächste Hürde: Motorradstiefel. Nein! (noch entsetzter)-Doch-Nein-Doch!!! Er gibt nach. Passt auch. Ich sehe ihm an, dass er den Moment verflucht, als er dieses kleine Abenteuer zugesagt hat. Zu spät. Noch die Hose für drüber – der Widerstand ist aber schon gebrochen, das Geplänkel nur noch pro forma, er hat sich in das Schicksal ergeben. Nur eines noch: „make foto!!!




wird fortgesetzt

Freitag, 29. April 2011

Lebenshilfe

Und wieder einmal aus der Kategorie "Fremdpost" ein paar nützliche kleine Hinweise von meiner holden Schwester. Zur Nachahmung empfohlen:

Frühjahrsausputz
Seit Menschengedenken pflege ich im Frühjahr und nochmal im Herbst mein Auto zu, na, sagen wir, entrümpeln. Ich weiß, politisch korrekt is anders, aber ich fahr gerne lustige Dinge spazieren. Hintergrund ist folgender: Ich lebte als junge Frau gerne in interessanten Gegenden. Genauer, in solchen, die der Volksmund als Apatschenviertel, der Soziologe als sozialer Brennpunkt bezeichnet. Die männliche Jugend hat nun die etwas lästige Angewohnheit, sich sehr für das Innenleben fremder Autos zu interessieren. Nun gibts ja Alarmanlagen, aaaaber die Bewohner besagter Viertel reagieren darauf etwas ungehalten: Von Angeboten, im Falle des Weiterblökens der Alarmanlage gleich die Fresse poliert zu kriegen bis zum Werfen von leeren Bierdosen is alles drin. Auf keinen Fall aber werden die Bullen geholt! Ich hab mich vor Autoeinbrüchen auf eine absolut zuverlässige Weise geschützt. So: Man lege auf den Rücksitz einen alten BW-Schlafsack, am liebsten eine Gummisau ( die taugt nämlich garnix und wird deshalb bestimmt nicht geklaut), Thermoskanne dazu, und - zwingend vorgeschrieben! - eine volle Rolle Klopapier. Dazu gießen wir eine beliebige Menge leerer Bierdosen ( ich empfehle Hansapils) oder Weinkartons oder beides sowie das eine oder andere leere Fläschchen Zinn40, fügen leere Tabaksbeutel hinzu ( mein Tip: Landewyck Silber), zerlesene Bildzeitung und / oder Kicker gibt schon ein ganz gutes Bild. Wer ganz sicher gehen will: Die frankfurterbahnhofsvierteltaugliche Extendet-Version sieht vor, dieses stilvolle Ensemble mit 2-3 gebrauchten Parisern zu vollenden. Bitte nicht an den Rückspiegel hängen! Einfach reinschmeißen, soll schließlich überzeugend wirken. So. Jetzt kann man im Prinzip sogar den Schlüssel stecken lassen...

Sonntag, 27. März 2011

Wahlzeit!

Endlich ist es wieder so weit - nach wochenlanger Stadtverschönerung durch bildhübsche Verzierungen fast aller Laternenpfähle, Zäune und was man sonst noch so gefunden hat zum Plakatieren, ist mal wieder Schluss. Heute nacht werden wieder ein paar hilfreiche Geisterlein durch die Stadt huschen und die Plakate ihrer Partei mit "Danke schön" (für was auch immer) bekleistern, dann sind sie wieder weg. Bis zum nächsten Mal. Nun pendle ich ja zwischen den zwei Ländern, die heute wählen hin und her und sehe daher die feinen Unterschiede im Wahlkampf. Was hat der arme Herr Mappus alles einstecken müssen, obwohl er doch sein bestes gibt! Dagegen geht es ja bei uns wie immer ganz unaufgeregt und sachlich zu.

Die einen so:



Die anderen so:



Irgendwie geht es bei uns immer um's Essen, resp. um die Wurst. Tja, erst kommt halt das Fressen, dann kommt die Moral.
Wie jedes Mal frage ich mich, warum ich überhaupt noch mitspiele; zu oft ist mein Vertrauen in diese Demokratie schon angekratzt worden. Andererseits kann ich mir wenigstens meine Diktatoren selber wählen und das habe ich als treue Staatsbürgerin auch brav gemacht. So, und nun werde ich mich mit Weck, Worscht und Woi wappnen und schauen, was dabei rausgekommen ist!

Dienstag, 15. März 2011

Jetzt aber: ABSCHALTEN!



Nun sind ein paar Tage vergangen seit der Katastrophe in Japan. Meine Freunde dort haben sich gemeldet und konnten bestätigen, dass sie unverletzt überlebt haben. Bis jetzt. Und obwohl sie dort an den Umgang mit Naturereignissen gewöhnt sind – was jetzt auf sie zukommt ist hausgemacht und die Menschen haben Angst. Große Angst. Die habe ich auch. Und ich bin wütend. Sehr wütend.

Vor vielen Jahren – es muss so in der 8. oder 9. Klasse gewesen sein – habe ich mal ein längeres Referat zum Thema „Atomkraft“ gehalten. Mein Lehrer meinte damals (nicht ganz zu unrecht), dass ich vielleicht mit meinen 14/15 Jahren nicht alle kernphysikalischen Abläufe komplett verstanden hatte. Ein bisschen was ist aber doch hängen geblieben: ich hatte die verschiedenen Reaktortypen Siedewasser- und Druckwasserreaktor sowie Schneller Brüter vorgestellt. Schon damals – wohlgemerkt in den späten 70igern/frühen 80igern – galt der Siedewasserreaktor als unsicherster und am wenigsten effektiver Typ, ein Auslaufmodell. So hatte ich das verstanden. Zur Funktionsweise hatte ich gelernt, dass man zwei unkritische Massen radioaktiven Materials zusammenfügt und dann – ohne das weiteres Zutun erforderlich wäre – setzt eine Kernspaltung ein (jetzt mal seeehr stark vereinfacht), die dann die Energie erzeugt. Der feine Unterschied zu einer Atombombe ist die kontrollierte Spaltung. Ein Moderator dient dazu, freie Neutronen, die bei ihrer Freisetzung meist relativ energiereich, also "schnell" sind, abzubremsen. Als Moderator wird meist Wasser eingesetzt (wir erinnern uns, wie hektisch im Moment Wasser in Fukushima eingeleitet wird? – Genau!).

Ich weiß nicht, ob ich das alles so korrekt wiedergegeben habe, aber im Prinzip müsst’s passen.

Und mit diesem Höllenspielzeug wird nun seit über 40 Jahren rumgefummelt – gut, hin und wieder kracht’s mal, aber in der Ukraine, da leben ja nicht so viele Leute und überhaupt, das war ja eh alter Schrott, in einem High-Tech-Land, da kann so was nicht passieren.
Zurück nach Japan. Nicht gerade für seine technologische Rückständigkeit bekannt. Zumindest nicht nach meiner Erinnerung. Erdbebengeprüft, man weiß dort genau, dass es öfter mal scheppert und baut entsprechend. Und dieses Land steht nun vor dem Super-GAU. Fukushima hat Siedewasserreaktoren. Und die sind auch nicht gerade auf dem neuesten Stand. Genauso wie bei uns.

Und nun höre und lese ich, dass unsere Kanzlerin beschlossen hat, 3 Monate lang die Dinger zu überprüfen – und Herr Westerwelle murmelt im Hintergrund „MoratoriumMoratoriumMoratorium…“ – ja verdammt noch mal, verstehe ich das richtig, dass ihr die Laufzeitverlängerung im Herbst beschlossen habt, OHNE EUCH DEN SCHROTT MAL ANZUSCHAUEN?

Also, ich fange jetzt mal selber an auszusteigen. Ich habe zwar seit Jahr und Tag den „Ökotarif“ bei meinem Anbieter gewählt, aber ganz ehrlich: diese Firma hat auch ganz andere Sachen im Angebot und das weiß ich auch. Konsequenz kann also nur heißen: weg vom Gemischtwarenladen und hin zu den Echten! Wer kommt mit?

Sonntag, 27. Februar 2011

Fremdpost

Soeben erreicht mich von meiner Nicht-Bloggenden Schwester ein weiterer Bericht aus der beliebten Reihe "Ein Landei geht auf Reisen". Den stelle ich mal ungefiltert ein und bin schwer gespannt, ob es ihr gelingt, rheinhessische Lebensart in die Welt zu tragen. Schließlich bin ich ja auch täglich in dieser Mission unterwegs. Und das im wilden Schwabistan!

" Einmal Berlin und retour
Die Hinfahrt gestaltete sich als weitgehend ereignislos, obwohl ich mit der Bahn fuhr. Das tue ich so selten wie möglich, daher fielen mir sofort die Durchsagen auf, daß der nächste Halt pünktlich erreicht werden und daher - mit triumphierender Stimme! - auch die Abfahrt mit dem geplanten Anschlußzug funtionieren würde. Mein Mißtrauen war geweckt. Zu Recht: Schon 2 Stationen weiter wußte man mit diesmal weinerlichen Tonfall zu verkünden, daß wegen der Verspätung von ..Minuten der Zug nach XYZ nicht mehr erreicht wird, was sämtlichen Verantwortlichen natürlich eine weitere schlaflose Nacht bereiten wird. Jaja.
Von Berlin Hauptbahnhof suchte ich mir die U-Bahn zum Hotel aus, war mir aber - umgeschultes Landei...- über die Fahrtrichtung nicht so ganz sicher. Und erkundigte mich daher bei einem älteren Herrn, der mir bereitwillig Auskunft gab und mich ab der Ausstiegshaltestelle ein Stück begleitete " damit Se ooch richtig loofen. Nee, nich am Tauentsien, da kann ick Ihnen nich langschicken." Wir plauderten dann noch ein wenig, und ich erfuhr, daß der ältere Herr nicht so ganz direkt aus Berlin ist, sondern vor 50 Jahren hierher kam. Und zwar aus Belgrad- ob ich von diesem Örtchen schonmal was gehört hätte?
Hotel gefunden, eingecheckt, Dusche, Klamotten gewechselt - und ab dafür. Ein Aufenthalt im KaDeWe und der direkten Konfrontation mit Preisen um die 80€ - für ein Paar Strumpfhosen -
erinnerten mich dann doch direkt an den eigentlichen Grund meines Aufenthalts hier: Psychiatriekongress...egal, raus hier, ist eindeutig nicht meine Welt, ich will Bier! Jetzt! Und fand ne Schwulen - und Lesbenkneipe, deren sehr nette Inhaber den Tresenbereich sowie sämtliche Tische liebevoll mit Aschenbechern dekoriert hatten. Das sehen und die Kneipe entern war eins...
Möchte jemand Details über den Kongress erfahren? Dacht ich mirs doch.Ich hab mir natürlich auch ein bischen was angeguckt, u.a. das Medizinhistorische Museum der Charité, welches ich zartbesaiteten Seelchen wärmstens empfehle, nicht zu besuchen.
Rückfahrt war alles im grünen Bereich, aber der letzte Teil der Fahrt, von Mannheim nach Alzey, wurde dann doch ausgesprochen kurzweilig: Der Regionalzug war eigentlich leer bis auf 5 Schülerinnen von vielleicht 16Jahren, als kurz vor der Abfahrt ein ziemlich großes Rudel FC Köln -Fans sich in sämtliche Abteile ergoß. Die jungen Herren in jedem Aggregatzustand, vor allem aber gasförmig. Sie tranken viel Bier und sangen lustige Lieder, außerdem beschlossen sie mit überwiegender Mehrheit (ohne Gegenstimmen, mit wenigen Enthaltungen) kurzerhand das allgemein geltende Rauchverbot vorübergehend außer Kraft zu setzen. Ich war sehr amüsiert. Im Gegensatz zu den jungen Mädchen, die sich in dieser besoffenen Gesellschaft offensichtlich nicht wohl fühlten. Die Jungs waren aber nur besoffen und ansonsten gut drauf, auch wenn keiner mehr in der Lage war, zu erzählen, gegen wen Köln gespielt hat und mit welchem Ergebnis.Aber wer will sich schon mit solchen unwichtigen Kleinigkeiten aufhalten. Die Schülerinnen hatten einen jungen Gastschüler aus Madrid im Schlepptau, der auch sehr besorgt guckte. Ich babbelte ein wenig mit ihm in seiner Muttersprache, und die Mädchen wollten wissen, warum ich so gut Spanisch spreche: "Weil ichs gelernt habe". Ja. Vokabeln pauken ist nicht spaßig, und manchmal muß man sich halt anstrengen, Ihr Lieben.(Das hab ich aber nur gedacht!). Kurz vorm Ziel schaffte ich mich mit meinem Ziehköfferchen Richtung Ausgang und wurde dort mit einem Ständchen der grad in Köln beliebten Schmähgesänge besonders begrüßt. Man gröhlte voller Inbrunst. Ich grinste. Und als der Zug anhielt, trug mit einer der Jungs den Koffer raus!"

Na, Schwester - Koffer raustragen...wir werden alle nicht jünger. Haben sie dir auch wenigstens einen Platz angeboten?

**frägt besorgt die auch nicht jünger werdene Xiaomaus

Freitag, 14. Januar 2011

Der Neue

Es ist kein allzugut gehütetes Geheimnis, dass ich eine gewisse Affinität zu technischen Spielzeugen habe. Gerade wenn man öfter mal mit der Bahn unterwegs ist, ist es kein Fehler, so ein Gerät zu therapeutischen Zwecken mit sich führen um vielleicht direkt vom Tatort zu berichten. So entsteht auch der eine oder andere Post dieses Blogs.

Nun kommt mein kleines Netbook langsam in die Jahre (die Halbwertzeit von elektronischen Geräten ist ja mittlerweile fast in Minuten zu messen...) und ich habe dem treuen Freund nun eine andere Aufgabe in meinem Haushalt zugewiesen. Wer mich kennt, wird überrascht gewesen sein, wieviel Zeit ich habe verstreichen lassen, bis ich eines dieser niedlichen kleinen Mini-Surfbretter ohne Tastatur, nur zum draufrumtatschen, Tablet oder Slate genannt, nach Hause geholt habe. Nun war es endlich so weit. Dass mir kein angefressenes Obst ins Haus kommt, war ja klar, also war erstmal Geduld angesagt, bis ich wirklich alles Für und Wider abgewogen und schließlich eine Entscheidung getroffen habe. Ich verrat jetzt nicht, was es ist, nur so viel: dass Gerät gilt zur Zeit als d e r Konkurrent des ersten Versuchsballons, das den Markt letztes Jahr überrollt hat. Es ist etwas kleiner, hat einen 7-Zoll-Bildschirm und passt damit bequem ins Handtäschchen. Am Samstag habe ich's bekommen und ehrfüchtig ausgepackt: so niedlich klein und will schon ein Computer sein! Und das Benutzerhandbuch verfügt über immerhin 51 Seiten, bzw. "Seitchen", denn das Büchlein misst gerade mal 6 x 15 cm. Nicht gerade viel für dass, was das Ding alles können soll.

Das Gerät verfügt über 16 GB und kann über Speicherkarten um 32 Gig erweitert werden. Der Prozessor taktet mit gemütlichen 1 GHz, der Arbeitsspeicher hat 512 MB.
Als Android wird er mir aber bestimmt dennoch Freude bereiten und tun was er soll, denke ich mal großzügig.

Da fällt mir zufällig die Rechnung über den Ankauf meines ersten PCs in die Hand: am 01.03.1993 (damals wurden die Postleitzahlen noch 4-stellig geschrieben!) habe ich zum ersten Mal einen eigenen Rechner angeschafft (vorher nur bei Freunden auf dem Commodore rumgespielt). Ich lese mir die Details so durch: es handelte sich um einen damals brandaktuellen 486 sx, der mit stolzen 25 MHz taktete und über einen Arbeitsspeicher von immerhin 4 MB RAM verfügte. Die Speicherkapazität von 170 MB war damals schon fast berauschend; kein Mensch glaubte, dass eine Privatperson jemals soviel Speicherplatz brauchen würde. Und da dieses Wunderwerk der Technik damals für wohlfeile DM 3.006,18 (unter Berücksichtigung von 10 % Rabatt, weil die Firma, die das Ding zusammenbaute, dem Vater eines Arbeitskollegen gehörte) zu haben war, habe ich mir dann noch einen Tintenstrahldrucker für 800 DM dazu spendiert. Zum Vergleich: in dem Jahr habe ich im Monat DM 3.103,70 verdient.

Tja, damals: das war noch etwas wirklich besonderes! Nicht nur, dass man richtig viel Knete für so ein Ding los wurde, das Gerät verlangte auch einiges an Aufmerksamkeit. Von wegen 50-Seiten-Handbuch! Ich kann mich zwar nicht mehr genau daran erinnern, wie umfangreich das DOS-Handbuch war, aber um eine Ratte zu erschlagen hätts locker gereicht. Wie gesagt: da gings nur und ausschließlich um den Umgang mit dem Betriebssystem. Mehr nicht. Aber wie stolz war man, wenn man mit zitternden Schwitzefingern die Konfiguration geändert hatte und am Ende lief das neue Programm! Und die Programmierer machten sich noch die Mühe, ihre Produkte so klein wie möglich zu halten, einfach weil die Kapazitäten sonst gesprengt worden wären. Das waren noch echte Könner!

So, und jetzt will ich doch mal schauen, wie Technik heute so funzt. Ich werde berichten.

Sonntag, 2. Januar 2011

Ein frohes neues Jahr...

...wünsche ich nicht nur dir, mein liebes Tagebuch nebst Lesern, sondern auch ganz speziell der Deutschen Bahn, auf dass wir auch in diesem Jahr viele spannende Erlebnisse miteinander teilen können.

Und weil kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, möchte ich dir hier eine Kleinigkeit überreichen mit der Hoffnung, dass deine Vorhersagen über ankommende und wegfahrende Züge vielleicht noch einen Hauch treffsicherer werden:



Diese kleine Kristallkugel hat mir über viele Jahre hin zur Ermittlung von Sach- und Rechtslage beste Dienste geleistet - möge sie nun uns allen dienen!