Sonntag, 27. Februar 2011

Fremdpost

Soeben erreicht mich von meiner Nicht-Bloggenden Schwester ein weiterer Bericht aus der beliebten Reihe "Ein Landei geht auf Reisen". Den stelle ich mal ungefiltert ein und bin schwer gespannt, ob es ihr gelingt, rheinhessische Lebensart in die Welt zu tragen. Schließlich bin ich ja auch täglich in dieser Mission unterwegs. Und das im wilden Schwabistan!

" Einmal Berlin und retour
Die Hinfahrt gestaltete sich als weitgehend ereignislos, obwohl ich mit der Bahn fuhr. Das tue ich so selten wie möglich, daher fielen mir sofort die Durchsagen auf, daß der nächste Halt pünktlich erreicht werden und daher - mit triumphierender Stimme! - auch die Abfahrt mit dem geplanten Anschlußzug funtionieren würde. Mein Mißtrauen war geweckt. Zu Recht: Schon 2 Stationen weiter wußte man mit diesmal weinerlichen Tonfall zu verkünden, daß wegen der Verspätung von ..Minuten der Zug nach XYZ nicht mehr erreicht wird, was sämtlichen Verantwortlichen natürlich eine weitere schlaflose Nacht bereiten wird. Jaja.
Von Berlin Hauptbahnhof suchte ich mir die U-Bahn zum Hotel aus, war mir aber - umgeschultes Landei...- über die Fahrtrichtung nicht so ganz sicher. Und erkundigte mich daher bei einem älteren Herrn, der mir bereitwillig Auskunft gab und mich ab der Ausstiegshaltestelle ein Stück begleitete " damit Se ooch richtig loofen. Nee, nich am Tauentsien, da kann ick Ihnen nich langschicken." Wir plauderten dann noch ein wenig, und ich erfuhr, daß der ältere Herr nicht so ganz direkt aus Berlin ist, sondern vor 50 Jahren hierher kam. Und zwar aus Belgrad- ob ich von diesem Örtchen schonmal was gehört hätte?
Hotel gefunden, eingecheckt, Dusche, Klamotten gewechselt - und ab dafür. Ein Aufenthalt im KaDeWe und der direkten Konfrontation mit Preisen um die 80€ - für ein Paar Strumpfhosen -
erinnerten mich dann doch direkt an den eigentlichen Grund meines Aufenthalts hier: Psychiatriekongress...egal, raus hier, ist eindeutig nicht meine Welt, ich will Bier! Jetzt! Und fand ne Schwulen - und Lesbenkneipe, deren sehr nette Inhaber den Tresenbereich sowie sämtliche Tische liebevoll mit Aschenbechern dekoriert hatten. Das sehen und die Kneipe entern war eins...
Möchte jemand Details über den Kongress erfahren? Dacht ich mirs doch.Ich hab mir natürlich auch ein bischen was angeguckt, u.a. das Medizinhistorische Museum der Charité, welches ich zartbesaiteten Seelchen wärmstens empfehle, nicht zu besuchen.
Rückfahrt war alles im grünen Bereich, aber der letzte Teil der Fahrt, von Mannheim nach Alzey, wurde dann doch ausgesprochen kurzweilig: Der Regionalzug war eigentlich leer bis auf 5 Schülerinnen von vielleicht 16Jahren, als kurz vor der Abfahrt ein ziemlich großes Rudel FC Köln -Fans sich in sämtliche Abteile ergoß. Die jungen Herren in jedem Aggregatzustand, vor allem aber gasförmig. Sie tranken viel Bier und sangen lustige Lieder, außerdem beschlossen sie mit überwiegender Mehrheit (ohne Gegenstimmen, mit wenigen Enthaltungen) kurzerhand das allgemein geltende Rauchverbot vorübergehend außer Kraft zu setzen. Ich war sehr amüsiert. Im Gegensatz zu den jungen Mädchen, die sich in dieser besoffenen Gesellschaft offensichtlich nicht wohl fühlten. Die Jungs waren aber nur besoffen und ansonsten gut drauf, auch wenn keiner mehr in der Lage war, zu erzählen, gegen wen Köln gespielt hat und mit welchem Ergebnis.Aber wer will sich schon mit solchen unwichtigen Kleinigkeiten aufhalten. Die Schülerinnen hatten einen jungen Gastschüler aus Madrid im Schlepptau, der auch sehr besorgt guckte. Ich babbelte ein wenig mit ihm in seiner Muttersprache, und die Mädchen wollten wissen, warum ich so gut Spanisch spreche: "Weil ichs gelernt habe". Ja. Vokabeln pauken ist nicht spaßig, und manchmal muß man sich halt anstrengen, Ihr Lieben.(Das hab ich aber nur gedacht!). Kurz vorm Ziel schaffte ich mich mit meinem Ziehköfferchen Richtung Ausgang und wurde dort mit einem Ständchen der grad in Köln beliebten Schmähgesänge besonders begrüßt. Man gröhlte voller Inbrunst. Ich grinste. Und als der Zug anhielt, trug mit einer der Jungs den Koffer raus!"

Na, Schwester - Koffer raustragen...wir werden alle nicht jünger. Haben sie dir auch wenigstens einen Platz angeboten?

**frägt besorgt die auch nicht jünger werdene Xiaomaus