Dienstag, 28. Juni 2011

...und wieder mal: Fremdpost

Alle Jahre wieder macht sich meine holde große Schwester auf in die weite, weite Welt und zieht zu den Metropolen um von dort den staunenden Zurückgebliebenen wahrlich abenteuerliches zu berichten. Hier ein Frontbericht aus dem wilden Osten - Tatort Leipzig:

"Gabi aufm WGT – auf ein Neues!

Hier, wie angedroht, mein Bericht: Hinfahrt absolut problemlos in 5 Stunden abgenudelt, und Dank des neulich bei Aldi erworbenen Navis punktgenaue Landung aufm Agra-Gelände, welches sich etwas außerhalb der Innenstadt befindet. Ich wollte wieder denselben Parkplatz wie im letzten Jahr aufsuchen; dieser hatte sich schon deshalb bewährt, weil nur wenig Leute im Auto schlafen und daher das unschöne Erlebnis, morgens um 4.30Uhr noch im Fallen die Ohnmacht zu nehmen und um 5.00Uhr durch Jalla-Jalla ausm Nachbarzelt geweckt zu werden, entfällt. In meinem Alter muß ich das nicht mehr haben! Ich fand wieder ein lauschiges Plätzchen, kochte noch einen Kaffee und weihte bei dieser Gelegenheit meinen neuen Gaskocher ein, der mir dankenswerterweise nicht um die Ohren flog: Koreanische Wertarbeit! Sodann machte ich mich auf den Weg in die Halle, um die ersten Konzerte zu hören. Bei der Eingangskontrolle dann eine etwas peinliche Begebenheit: Seit Wochen, ach was, seit Monaten will ich schon meine Handtasche ausräumen; ich hab seit längerem den Verdacht, daß ein großer Teil deren Einwohner, na sagen wir mal, nicht zwingend dabei sein muß.... auf jeden Fall zeigte ich unbedarft besagte Handtasche vor, die von der diensthabenden Securityfrau zielsicher umgegraben wurde. Und sie fand sofort meine „Argumentationsverstärker“ und „Zwischenfallöser“....“Scheiße,“ sprach ich,“ da hab ich wirklich nicht mehr dran gedacht! Ich bring das Zeug zurück ins Auto, und gut ist.“ Das fand sie gut. Ich hatte früher selbst ein paar Jährchen als Security gearbeitet und kann mich noch sehr gut an die lästigen Endlos-Diskussionen erinnern, die vor allem den Sinn haben, entsetzlich zu nerven. Nebenbei: Damals gabs 17 DM pro Stunde, heute 5 € - und die Leute sind hauptberuflich tätig....Konzert war recht nett, es spielte Age of heaven, und nach 2 Bier hatte ich auch eine angenehme Bettschwere. Und pennte bis morgens um 10.00. Und beschloß am nächsten Morgen, mal einen auf Kultur zu machen. Also Völkerschlachtdenkmal, fürs Erste. Im Anschluß gönnte ich mir ne kleine Stadtrundfahrt; klein deshalb, weil außer mir nur noch 2 Leute mitfuhren. Daß die Veranstalter dabei großartig verdient haben, darf bezweifelt werden. So konnte ich aber ein paar Fragen loswerden und bekam ausführlich Antwort.
Abends dann ein paar richtig geile Konzerte: Covenent, Deine Lakaien...bis zum Abwinken.
Den Samstag nutzte ich, um noch ein paar Dinge zu erwerben, von denen ich erst jetzt feststellte, wie dringend ich sie benötigte; u.a. ein kleines Hütchen mit Schleier, eine schwarze Krawatte mit niedlichen Fledermäuschen für meinen Liebsten, je einen Spitzenfächer für meine Freundin und für mich usw.usw.usw.
Und abends dann mal wieder Party, diesmal in der Innenstadt. Die Hinfahrt mit der Tram war schon sehr unterhaltsam, da man während der Fahrt schon Bekanntschaften schloß; ich selbst befand mich auf einmal in Gesellschaft sehr junger Leute, ca. 20 Jahre alt. Wir plauderten sehr angeregt, und als wir umsteigen mußten, stiegen wir schon in die richtige Tram ein – aaaaber einer Eingebung folgend, fragte ich doch noch mal bei der Schaffnerin nach, ob auch die Richtung stimmt? Bingo – genau falsch! Ich brüllte also in den Waggon: „Alles, was auf die Party will – raus! Wir sind falsch!“ Dies hatte zur Folge, das die Tram nun gut geleert war, und zum anderen, daß die ganze Meute mir nun an den Fersen hing wie eine Entengroßfamilie. Damit kann ich ja leben, aaaaber als einer der Jünglinge „Maaaami“ brüllte und MICH damit meinte, gabs doch eine freundliche (aber deutliche) Ermahnung....Irgendwann waren wir auch vor dem Volkspalast. Die Schlange war gigantisch. Eigentlich hatte ich bei diesem Anblick keinen Bock mehr, stellte dann aber fest, daß es doch ganz zügig vorwärts ging. So hatten wir noch Gelegenheit, nett zu plaudern. Und ich bekam ein wunderschönes Kompliment von einem der jungen Mädchen: „Wenn ich mal so alt bin wie Du, bin ich hoffentlich auch noch so cool drauf!“ Zum Dahinschmelzen schön, oder? Als wir dann alle drin waren und die erste und auch zweite Runde gedreht war und es immer voller, lauter und heißer wurde, mochte ich dann aber nicht mehr und verdrückte mich. Das war übrigens die einzige Veranstaltung, die mir nicht gefallen hat. Auf der Straße zurück zur Haltestelle erblickte ich einen alten Armeelaster, der mein Interesse weckte. „Könnte ein Saurer sein...“ dachte ich noch. Da der Laster vom Inhaber, dessen Freundin und deren Schwester bevölkert war – alle drei schon ein bischen angeschickert – hatte ich Gelegenheit mal nachzufragen. Stimmt, isses. Da ich früher auch mal einen Armeelaster hatte, konnten wir uns prima die technischen Eckdaten gegenseitig aufsagen und dabei gemütlich noch eine Pulle Sekt schlürfen. Mit der abschließenden Bemerkung meinerseits „aber die saufen wie die Wikinger auf Landgang“ wandten wir uns wieder allgemeineren Themen zu, babbelten angeregt und soffen noch ne Pulle Sekt. War auch Party, nur halt anders.
Montags beschloß ich, heimzufahren, um noch ein paar Stunden mit meinem Liebsten zu verbringen. Ich wurde mit einem extrem leckeren Essen erwartet, und im Anschluß gabs noch einen Tatort – ein gelungener Abschluß."

Montag, 6. Juni 2011

Der Meister vom Wudang Shan III

Für Meister Guan ist dies die erste Reise in ein so exotisches Land wie Deutschland und natürlich nehmen seine vielen Verwandten und Bekannten regen Anteil an diesem Abenteuer. Über den chinesischen Messenger QQ unterhält er sich bei mir zu Hause via Internet mit den Zuhause gebliebenen und per Video-Chat habe ich auch schon einige Familienmitglieder aus der Ferne kennen lernen dürfen. Dass so eine Reise für den normalsterblichen Chinesischen Bürger kein leichtes Unterfangen ist, weiß ich nun; kaum einer aus Guans Umfeld wird wohl so schnell die Möglichkeit haben, das Land, dessen Bilder schon längst in Guans QQ-Galerie stehen und dort bewundert werden, zu besuchen. So ist es natürlich klar, dass jeder zumindest ein kleines Mitbringsel erwarten kann. Diese hat Guan ja schon soweit abgearbeitet, was ihm aber ein wenig Stress bereitet, ist die werte Gemahlin: es steht Nachwuchs an und gegen die bösen Schwangerschaftsstreifen soll der Meister ein Mittelchen aus dem Reich der Tugend mitbringen. Achja, und wer schon da ist, kann er doch mal nach Trockenmilch schauen – der letzte Skandal ist nicht vergessen. Und von (hier kommt Guan ins Trudeln)...dieser Firma mit den beiden „C“, so Rücken an Rücken...ja, ich verstehe schon. Das wird teuer.

Nachdem er die letzten Anweisungen entgegengenommen hat, ziehen wir gemeinsam los in Richtung Stadt. Guan sieht aus, als würde er einen Zahnarztbesuch diesem Unternehmen deutlich vorziehen. Aber was hilfts – ich kenne seine junge Frau und werde mir alle Mühe geben, damit Guan ihre Aufträge zur vollsten Zufriedenheit erfüllen kann.

Ich schaue mir die Auftragsliste an und beschließe, dass wir mit dem Schwierigsten anfangen. Die Geschichte mit den C...also auf geht’s in die größte Parfümerie am Platze. Da herrscht erst einmal atemlose Stille, als der daoistische Mönch mit mir den Laden betritt. Der junge, in modisches Schwarz gekleidete, gut gegelte Verkäufer kommt neugierig auf uns zu. Ich gebe wieder, was ich von Guans Angaben verstanden habe: ein leichtes, neues Parfum aus dem Hause Chanel. Diensteifrig führt der Verkäufer uns vor das Regal und lädt uns ein, auszuprobieren. Ratlos sucht Guan das Regal ab. Derweil will der Verkäufer es jetzt aber ganz genau wissen – und die umstehenden Kunden, die sich unauffällig um uns herum drapiert haben, natürlich auch. Geduldig erkläre ich, wer Guan ist und was er hier macht. Und auch, was er jetzt gerade in diesem Moment hier macht. Die staunende Menge lernt, dass es verschiedene Lebensarten der daoistischen Nonnen und Mönche gibt, und dass man sogar eine Familie gründen kann, wenn einem danach ist. Allerdings macht Guan gerade den Eindruck, als gingen ihm langsam die Vorteile zölibatären Lebens auf. Schließlich finden wir mit mit Hilfe des freundlichen Verkäufers das passende Duftwässerchen für die Gemahlin und verlassen das Geschäft. Jetzt müssen wir aber erstmal richtig durchatmen.

Der richtige Moment, vor der Hitze zu flüchten und die berühmten Chagall-Fenster in der Stephanskirche zu betrachten. Den Dom haben wir schon abgehakt; mir selbst ist die überladene Pracht einfach zu viel und auch Guan hat sich mit seinem Urteil höflich zurück gehalten. Nun bin ich sehr gespannt. Die Sonne strahlt durch die Fenster, unglaubliche Schattierungen von Blau erhellen die Kirche. Staunend schaut Guan nach oben „Tian!“ - Himmel!. Er ist sehr beeindruckt. In der eher zurückhaltenden Dekoration erlebt er die Stimmung viel stärker als in den Bombast-Bauten, die wir schon besucht haben. Guan erklärt mir, dass er nicht viel über das Christentum weiß und deshalb voller Neugier den Schlüssel unseres Glaubens sucht. Hier in diesem Gotteshaus glaubt er, Spuren davon zu erkennen. Ehrfürchtig betrachtet er die Bilder und Statuen und natürlich immer wieder die grandiosen Fenster. Ich erkläre ihm, dass dieses Werk auch Ausdruck der Versöhnung, hier stellvertretend durch den Juden Marc Chagall und den Katholiken Monsignore Klaus Mayer ist. Das gefällt ihm. Wie so oft, ist der Meister auf der Suche nach Dingen, die uns verbinden, nicht nach denen, die uns trennen. Und so ist er ganz entzückt, als er ein Abbild eines besonders gruseligen Teufels entdeckt. „Genau wie bei uns!“

Wir beenden unsere Shopping-Runde erfolgreich, allerdings habe ich einige Aufträge passend gemacht, aber das wird wohl hoffentlich keiner merken. Die bestellte Trockenmilch, die Frau Chenchen unbedingt wegen ihrer Schwangerschaftsübelkeit haben wollte, finde ich beim besten Willen nicht und beschließe, dass Baby-Milch ab 12 Monate ja auch irgendwie zutreffend ist. Guan möchte seinem künftigen Nachwuchs unbedingt etwas aus dem Land der Tugend mitbringen und so streunen wir durch das Kinderparadies auf der Suche nach Spielsachen, die nicht „Made in China“ sind. Nahezu aussichtslos. Als ich nach langem Suchen endlich eine Spieluhr, die wenigstens aus Sri Lanka stammt, entdecke, verberge ich das Herkunftsschild und weise nur stolz auf den Markennamen hin, mich darauf verlassend, dass Guans Schriftkunde nicht ausreicht, um den kleinen Betrug zu entlarven.

Nun ist der Meister auch ein wenig erschöpft. Im Teeladen einer Bekannten sind seine Lebengeister aber schnell wieder erwacht. Die junge Chinesin begrüßt mich voller Freude; sie fühlt sich sehr geehrt, dass ich mit dem Meister bei ihr vorbeischaue. Tee wird ausgeschenkt, aber nicht der aus den Dosen, sondern etwas ganz besonders feines aus den Privatbeständen, zu Ehren des hohen Gasts. Guan lehnt sich zurück, genießt, lächelt mich an „zu Hause habe ich ich schon ewig nicht mehr in Ruhe Tee trinken können!“ Ich stutze. Klar, an der Akademie in Wudang Shan ist er ja der hauptverantwortliche Lehrer, irgendetwas ist immer zu besprechen, das Training läuft fast den ganzen Tag und dann ist da noch die Familie – in Ruhe Tee trinken? Vergiss' es! Da zieht jemand also auf den heiligen Berg um sein Leben dem Daoismus zu weihen, zu lernen und lehren – ich hätte gedacht, dass so ein Leben in Kontemplation statt findet. So kann man sich täuschen. Hatte er sich vielleicht auch mal anders vorgestellt.
Neben der Inhaberin des Teeladens ist auch noch ihr chinesischer Freund anwesend, es steht demnach Drei gegen Eine. Also Amtssprache Chinesisch. Ich stottere mich mühsam durch das Gespräch und werde jetzt statt nur von Guan von mehreren Seiten examiniert. Frage: was ist Dao? Ich radebreche, dass wenn man's erklären oder benennen könne, es kein Dao sein könne, weil jede Erklärung eine Begrenzung darstellen würde. Verblüfftes Staunen, drei Daumenpaare gehen hoch. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, erleichtert, aber auch etwas unangenehm berührt darüber, dass man den Insassen unseres Landes nicht einmal das kleine Einmaleins zuzutrauen scheint. Nicht, dass ich sehr viel mehr wüsste, aber trotzdem...

Am nächsten Tag sind wir bei der vorherigen Besitzerin des kleinen Teeladens eingeladen, mir ihr gemeinsam Jaozi zu bereiten. Eine Tradition, die ich aus Wudang Shan kenne, wo wir alle paar Wochen mit den Schülern aus aller Welt einen fröhlichen internationalen Jaozi-Konvent veranstalten. Diese kleinen Teigtaschen sind wohl überall bekannt, aber natürlich ist jedem Chinesen klar, dass es auf die Frage „wer hat's erfunden?“ nur eine Antwort geben kann. Egal, ob die Dinger nun Tortellini, Uszka, Haluschki, Maultaschen oder eben Jaozi heißen.






Den Abend beschließen wir mit einem gemütlichen Feierabendbier auf meiner Terrasse. Ich erkenne, dass es in Guan arbeitet. Er hat noch eine Lektion zu erteilen. Der Wunderschlosser trainiert schon seit einer Weile mit Kettlebells, also Kugelhanteln, an denen ich auch meinen Spaß habe. Er hat Guan schon zu Beginn seines Aufenthalts ein paar Übungen gezeigt und nun fragt ihn der Meister „glaubst du, dass du stark bist?“ Betretenes Schweigen. Der Wunderschlosser ist nicht gerade mikrig und trainiert mittlerweile mit 26-Kilo-Kugelhanteln. Mühsam presst er ein „naja, also, schon irgendwie...“ heraus. „Steh' auf!“ Nun steht der eher schmächtig-drahtige Chinese vor dem germanischen Hünen. „Gib' mir deine Hand!“ Widerstrebend tut's der Wunderschlosser. Ein Griff und der Hüne geht leise wimmernd in die Knie. Teil 1.
„Pass auf, ich zeig dir, wo ich gerade draufgedrückt habe – nun mach' das bei mir!“ Trotz Bemühens passiert nichts. Guan steht völlig entspannt da. Teil 2.
„So, und jetzt versuch' mal, mich wegzuschieben“. Wird versucht, nichts passiert. Nun schubst der kleine Mann den Großen – ich bringe mich gerade noch in Sicherheit. Teil 3.

Was haben wir gelernt? Muskelstärke bringt grad mal gar nix, innere Kraft und das Bewusstsein, was sich da gerade wo in deinem Körper tut, ist der Schlüssel zum Erfolg. Dann kann man auch die Energie dort hinschicken wo man sie hinhaben will und alles ist ganz einfach. Und natürlich – hier wird er ernst „only one!“ - immer nur bei einer Sache bleiben. Den Satz haben wir in den letzten 3 Wochen so oft gehört (genauso wie „it's all natural – just soften – it's easy“), dass wir schon darüber nachgedacht haben, ihm ein T-Shirt mit diesen Weisheiten drucken zu lassen. Aber recht hat er. Die Dinge sind so einfach.

Ich bin von einer Schülerin gefragt worden, ob Guan eigentlich ein Aussteiger ist, der unsere komplizierte und reizüberflutete Welt bewusst verabschiedet hat. Nein. Er ist einfach nicht eingestiegen sondern dort geblieben, wo er war. So wie er mir erklärt hat: die Welt staunend wie ein Kind betrachten, jeden Tag auf's Neue – so hat er auch kein Problem mit den täglich neuen Eindrücken, die wir ihm zumuten. Er wacht morgens völlig unbelastet auf und schaut, was der Tag so bringt. Und stellt fest, dass hier doch vieles gleich oder zumindest ähnlich ist. Die Bäume, die Flüsse, die Menschen. It's all natural.

Samstag, 4. Juni 2011

Der Meister vom Wudang Shan II


Am nächsten Morgen ist Guan rasch eingekleidet, der Klang der Harley wärmt mein Herz und weckt Jugenderinnerungen. Der Oster und ich schauen den beiden Helden nach und wir machen uns mit dem Zug auf nach Köln, wo wir uns treffen wollen. Im verabredeten Kaffee fangen wir an zu rechnen, wie lange die beiden wohl brauchen. Zwei Stunden oder eher drei? Das Wetter hat sich zugezogen, nichts mehr von dem strahlenden Sonnenschein, den wir bisher hatten. Nach drei Stunden werden wir ein wenig nervös, der Oster überlegt dass – hätte er Guan sein iPhone gegeben – wir nun per GPS hätten orten können, wo die zwei sind. Ja, hätte man machen können. Ist jetzt aber ein bisschen spät. Irgendwann erscheinen sie dann doch, Guan ist im wahrsten Sinne des Wortes völlig durch den Wind und sagt erstmal ziemlich wenig. Zumindest weiß er nun, warum ich ihm die schweren Klamotten aufgezwungen habe. Die werden jetzt aber schleunigst abgeworfen und er verwandelt sich wieder in einen daoistischen Mönch. So fühlt er sich gleich viel wohler und jetzt kann er auch erzählen. Mit seinem Jet-Helm hat er den Wind natürlich sehr hautnah gespürt und beschreibt sehr plastisch, wie sein Gesicht Falten geschlagen hat. Jede Kurve mit dem ganzen Körper gespürt – ich frage ihn, ob er Angst hatte: selbstverständlich nicht! Allerdings würde er es das nächste Mal vorziehen, selbst zu fahren. Das kann ich sehr gut verstehen, als Beifahrerin war ich auch immer ziemlich feige.




Nach kurzer Erholung gehen wir auf Erkundung und besichtigen erst einmal eine düstere Wirtsstube, um Guan dort mit dem ortsüblichen Kölsch vertraut zu machen. Ist fast wie chinesisches Bier, erkläre ich ihm. Ja, findet er auch. Da kann man ruhig auch ein zweites nehmen, das der Köbes unaufgefordert vor ihn hinstellt. Nach der langen Fahrt genießt er auch das Jägerschnitzel mit Pommes. Jetzt geht es schon viel besser. Nun steht für Guan der erste europäische Sakralbau auf dem Besichtigungsprogramm. Auch für mich der erste Besuch des Kölner Doms. Der Oster ist ganz in seinem Element, in seiner Heimatstadt kennt er sich gut aus und kann uns einige Details erklären. Ich muss einräumen, dass mir die klare Architektur des Doms tatsächlich gefällt. Unser Haus-Dom scheint ja – genauso wie mein Haus – mehr nach dem Motto „fehlt dir Platz so bau' halt an“ geschaffen zu sein.
Mit Interesse beobachte ich, wie sich der Meister als Besucher in dem fremden Gotteshaus bewegt. Respektvoll verneigt er sich vor den Heiligenbildern und betrachtet sich die Details genau. Dummerweise muss ich bei einigen Detailfragen passen, meine Bibelfestigkeit lässt doch arg zu wünschen übrig. Wird zu Hause nachgelesen.




Die Rückfahrt tritt Guan dann lieber gemeinsam mit uns per Zug an und wir durchfahren noch einmal das wundervolle Mittelrheintal. Als die Germania in Sichtweite kommt, denke ich laut über einen Besuch mit anschließender Tour durch die Drosselgasse nach – vernichtender Blick vom Oster. Dann halt nicht. Der Meister hatte ja auch schon weise bemerkt, dass er nicht alle Attraktionen auf einmal sehen muss. Das können wir ja auch noch bei seinem nächsten Besuch erledigen. Ich freue mich darüber, dass er in den letzten Tagen öfter vom „nächsten Mal“ spricht und nehme dankbar gedanklich noch Schloss Neuschwanstein auf in die Programmliste.




Nach dem langen Ausflug lächelt Guan, als wir auf meinen Hof fahren. „Home!“ Ungefragt versichert er mir, dass er sich hier sehr wohl fühlt und da das Wetter mittlerweile wieder besser ist, stimmt er begeistert zu, als ich einen Absacker auf der Terrasse vorschlage. Er lässt seinen Blick über die Höfe und den Bambus, den ich vor kurzem gepflanzt habe, schweifen. „Hen shufu“ - das ist schwer zu übersetzen, drückt jedenfalls Wohlbefinden aus. Dadamao setzt sich auch dazu und nach kurzer Zeit sind die beiden in ein intensives Gespräch vertieft, bei dem mir nur noch eine Statistenrolle zukommt. Des Wunderschlossers Hobby ist das Bauen von Taschenmessern. Ausführlich beschreibt er die einzelnen Arbeitsgänge und führt vor, auf welche Weise er die Klinge bearbeitet. Und wie der ganze Körper bei dieser Arbeit beteiligt ist. Und was das für ein Unterschied ist, wenn so ein Messer Stück für Stück in Handarbeit gebaut wird. Guan ist begeistert. Er erinnert sich meiner Anwesenheit: „da fährst du jedes Jahr nach Wudang Shan, dabei hast du einen Daoisten zu Hause!“

Nun steht das Wochenende mit Seminar „Grundlagen Schwert“ an. Viele bekannte Gesichter, die meisten Teilnehmer waren schon in Oberwesel dabei und freuen sich schon sehr auf die Fortsetzung des Trainings. Für die Neuankömmlinge sind die leichten Aufwärmübungen in Form von Kicks zunächst etwas ungewohnt. Unser Muskelkater ist aber schon längst abgeheilt und wir sind bereit für neuen. Nun geht es also an die Armmuskulatur, nachdem die Beine schon deutlich kräftiger geworden sind. Guan übt mit uns Basis-Bewegungen. Erst im Stehen, dann im Gehen, rechter Arm, linker Arm. Autsch.

In einer Pause unterhalte ich mich mit Guan. Für ihn ist es ein Mysterium, dass ihm niemand Fragen stellt, obwohl doch so offensichtlich ist, dass wir vieles nicht verstehen. Ja, es ist allerdings merkwürdig: wir sitzen in einer Runde, Guan bietet an, Fragen zu beantworten. Totenstille. Dann kommen Verlegenheitsfragen wie „schmeckt dir das Essen hier?“. Das verstört Guan schon ziemlich, er ärgert sich über diese verschwendete Zeit. Ich versuche ihm zu erklären, dass wir eine solche Frage- und Diskussionskultur während des Unterrichts nicht pflegen. Einer der Schüler hat mir sogar erklärt, dass er sich nicht traue, Fragen zu stellen weil dies ein schlechtes Licht auf seinen Lehrer werfe. Guan ist verblüfft. Er erklärt mir, dass Taiji sich keineswegs auf Leibesübungen beschränkt, vielmehr soll das Bewusstsein für das Dao die gesamte Lebenseinstellung, das ganze Dasein umfassen. Das ist es, was er zu vermitteln versucht. Ich fürchte, da sind wir noch ganz am Anfang. Aber da ja bekanntlich jede lange Reise mit einem ersten Schritt beginnt, wollen wir diesen nun tun. Auch Guan hat die Erkenntnis gewonnen, dass zu Hause auf dem Berg sich der Unterricht viel zu sehr auf äußere Bewegung konzentriert, aber die Frage nach dem Grund doch eher zu kurz kommt. Er berichtet von Schülern, die kommen und verlangen, in 3 Tagen eine Taiji-Form beigebracht zu bekommen. Natürlich geht das, allerdings hat das Ergebnis mehr mit gymnastischer Übung zu tun als mit Taiji. Sehr ermüdend.

Am darauffolgenden Tag ist mein Geburtstag und Elli hat zur Feier des Tages wieder einmal einen wunderbaren Kuchen gebacken, diesmal in Form des Yin-Yang-Symbols. Guan ist hin und weg. Zumindest, bis er den Kuchen anschneiden soll. Das ist nun nicht ganz einfach. Wir beschließen, uns kreisförmig der Mitte zu nähern. Mal anders rum. Sonst geht’s ja meist in Zöhkeln nach außen.




Da heute auch der letzte Trainingstag ist, wir uns also nun offiziell von dem Lehrer Guan verabschieden, treffen wir uns zu einer Abschluss- und Geburtstagsfeier im Garten von Stefanie. Nun haben auch Freunde und Familie die Gelegenheit, endlich einmal den Meister, über den ich schon so viel geschrieben habe, persönlich kennen zu lernen. Auch meinen Chinesisch-Lehrer habe ich eingeladen. Nicht nur, damit Guan jemand zum reden hat sondern auch, damit ich vielleicht ein paar Botschaften entschlüsseln kann, die er mir in Nebensätzen hat zukommen lassen.

Es hat sich zwanglos ergeben, dass ich den Meister auf Chinesisch anspreche und er mir auf Englisch antwortet. Somit bewegt sich jeder in einem begrenzten Wortschatzreich, von dem anzunehmen ist, dass das Gegenüber etwas fülliger ausgestattet ist. Das klappt eigentlich ganz gut und außerdem zwingt uns unser sprachliches Unvermögen, Dinge jenseits rhetorischen Geschwurbels einfach auf den Punkt zu bringen. So klappt es eigentlich ganz gut. Und für die Details ist ja jetzt mein Lehrer da. Interessant, dass Guan mir später rückmeldet, dass man schon deutlich merkt, dass er schon seit 15 Jahren in Deutschland lebt. Er sei völlig entspannt und stehe längst nicht so unter Strom, wie seine Volksgenossen.
Und was Guan auch prima gefällt: Spießbraten und Kartoffelsalat von meiner Mutter – endlich mal deutsche Hausmannskost!

Nun steht für den Meister noch die größte Prüfung an: Shopping!

wird fortgesetzt

Freitag, 3. Juni 2011

Der Meister vom Wudang Shan oder: Ein Alien in Mainz

Der Eine oder Andere weiß es: seit 3 Jahren läuft das spannende Projekt „Wir laden Meister Guan ein“. Die Irrungen und Wirrungen zu beschreiben, würde ein ganzes Buch füllen – hier will ich aber nur über das Ergebnis berichten. Es blieb jedenfalls spannend bis zum Schluss, nun ist er aber da. Oder besser: war, denn nach 3 erlebnisreichen Wochen funkt er mir gerade das erfolgreiche Eintreffen in Wuhan. Nun kann ich mich endlich entspannt zurück lehnen und berichten.

Geplant war, dass der Meister gemeinsam mit dem Oster anreist, da der Frankfurter Flughafen ja nun nicht gerade für seine Übersichtlichkeit bekannt ist und Reisende, die unsere Schrift vielleicht nicht ganz beherrschen, vor echte Herausforderungen stellt. Guan Shifu ist zum ersten Mal allein unterwegs und wir möchten natürlich, dass alles so glatt wie möglich läuft – schließlich hoffen wir, dass er eines Tages wieder kommt. Da die Reisegruppe aber getrennt wurde, hole ich nun in aller Herrgottsfrühe zusammen mit dem Oster den hohen Besuch ab. Unterwegs gesteht mir der Oster, dass nicht nur die Gruppe von der Trennung betroffen war, sondern auch der Meister und die für die Einreise wichtigen Papiere. Die hat nämlich der Oster. Wunderbar, das gibt bestimmt einen tollen Einstieg! Glücklicherweise ist Guan nicht – wie ich zunächst dachte – ganz allein, sondern mit der Rumpfgruppe unterwegs. Bei der ist eine Chinesin, die in Berlin lebt und sehr gut Deutsch spricht. Die rettet am Ende die Situation, als Guan erwartungsgemäß wegen der fehlenden Verpflichtungserklärung gestoppt wird und der Beamte sich auf einmal einer Horde aufgeregt auf ihn einschnatternder Damen ausgesetzt sieht. Er kommt schnell zu dem Ergebnis, dass Guans Visum echt ist und winkt durch. Nun kann ich ihn endlich in die Arme schließen. Nach 3 Jahren schier endloser Verhandlungen. Huanying zai Deguo!

Ich nehme den Weg nach Mainz über die Theodor-Heuss-Brücke, damit Guan gleich einen schönen Eindruck von der Stadt bekommt. „Lai-Yin-He“ - Rhein – mit großen Augen wird der mächtige Strom, auf den er sich so gefreut hat, bewundert. Bei mir zu Hause wollen wir erst einmal frühstücken, bevor wir ihm die Stadt zeigen wollen. Bloß keine Chance dem Jetlag – jetzt heißt es wach bleiben! Aber Guan ist viel zu neugierig auf die neuen Eindrücke, um an Schlaf zu denken. Oster bemächtigt sich des Kochlöffels, da meine hausfraulichen Fähigkeiten bekanntermaßen eher nicht so ausgeprägt sind. Gewohnt gallig kommentiert er die Ausstattung meiner Küche, ja, es mag schon sein, dass möglicherweise Gegenstände herumstehen und -liegen, die man vielleicht nicht unbedingt zum überleben braucht. Dennoch gelingt es ihm, einen essbaren Reisbrei und Rührei zu bereiten, damit der Meister auf das gewohnte warme Mahl nicht verzichten muss. Um die Verpflegung mache ich mir schon meine Gedanken; ich kann nicht kochen und habe mir von meinem Chinesisch-Lehrer eine Schnellbleiche verpassen lassen, damit ich wenigstens die Frühstücksreissuppe bereiten kann. Naja, wir werden sehen, wie kritisch mein Gast meine Bemühungen bewerten wird. Nun geht es aber erst einmal zum Oster und Guan erfährt nun das volle Kontrastprogramm: erst mein vollgestopftes Nest, dann das karge Zuhause in des Osters Schuppen. Die Frage „wie leben die Deutschen?“ ist jetzt natürlich schwierig zu beantworten.

Wir ziehen gemeinsam in den Rosengarten und Guan kann sich gar nicht sattsehen von der Blumenpracht und dem traumhaften Blick auf den Rhein. Nun wird aber erst einmal trainiert. Schließlich ist der Meister nicht zum Spaß hier und nach wie vor gibt es viel zu tun an unseren Bewegungen.




Nach getaner Arbeit üben wir ein wenig „Chillen am Rheinufer“. Nun hat sich auch meine Freundin Stefanie hinzugesellt. Guan lernt das Getränk „Apfelsaftschorle“ kennen, das ihm auf jeden Fall besser schmeckt als die mittlerweile auch in China sehr verbreitete Besatzerbrause. „Hen hao“! Gut, das gibt’s jetzt immer, wenn er sich gegen Bier zu sehr wehrt. Aber hier haben wir einiges zu tun: zu mir nach Hause zurückgekehrt, lernt der Meister erst einmal den Wunderschlosser, den er kurzerhand in „Dadamo“ umtauft, kennen. Mit meinen Vierbeinern Damo und Xiaomo hat er sich schon angefreundet; selbst Xiaomo, der nicht eben für seine Tapferkeit berühmt ist, hat keine Scheu vor unserem Gast. Das Tier spürt wohl, dass es hier nichts zu befürchten hat. Ja, Guan ist schon ein Guter. Und deshalb kriegt er jetzt auch ein gutes Bier. Maibock. Prost.

Den nächsten Morgen läute ich mit fader Reissuppe ein; zusammen mit Fertig-Nan aus dem Toaster und lecker Müsli-Joghurt eine angemessene Einstimmung auf das Essen in unserem Land, wie ich finde. Der Meister lässt sich getreu dem Motto „When in Rome, do as the Romans do“ auch einen Kaffee schmecken. Gemeinsam mit dem Oster gehen wir nun die Stadt erobern und beginnen damit auf dem Wochenmarkt im Schatten des Doms. Ich bin schon sehr gespannt auf die Reaktionen, denn Guan lässt es sich nicht nehmen, ganz selbstverständlich in Tracht zu gehen, die Haare ordentlich zum Dutt gebunden. Und einen Daoisten in traditionellem Gewand – das sieht man auch in unserer kleinen Großstadt nicht alle Tage. Gleichwohl tun alle so als ob, Guan wird überall freundlich behandelt, allerdings wird immer mal wieder an meinem Ärmel gezuppelt „was ist denn das für einer, wo kommt der denn her?“ und – ein Vater im Auftrag seines Sohns „kann der fliegen, so wie im Film?“ Klar kann er das, er weigert sich nur, es mir beizubringen.




Nachdem die Lebensmittel eingekauft sind, folgt der erste Kultur-Input. Im Gutenberg-Museum (wir üben, bis Guan akzentfrei den Namen und wir einigermaßen die chinesische Bezeichnung für Museum aussprechen können), findet Guan schnell einen neuen Freund in der Asia-Ecke – dort sind auch alte buddhistische Schriften ausgestellt, wie uns ein Angestellter voller Stolz erzählt, nachdem auch er sich eingehend über den Meister erkundigt hat. Hier bekommt Guan von mir das kleinste Buch der Welt, das er mit großer Freude entgegen nimmt. Bei Kaffee und Kuchen versucht er, die winzige Schrift zu entziffern. Da kann ich mit meiner Sehstärke leider nicht helfen, da muss er schon selbst dahinter kommen.
Gestärkt geht es dann für Guan an die Pflicht: Mitbringsel für die Daheimgebliebenen. Eine schwierige Aufgabe. Wir stehen vor einem Raucherfachgeschäft. Da will er hinein. In zähen Verhandlungen gelingt es uns, repräsentative Zigarren und Zigarillos zu kaufen. Die eselsgeduldige Verkäuferin versteht schnell, um was es geht und am Ende hat Guan einige sehr hübsche Päckchen, nett anzusehen und auch nicht zu teuer. Fein. Nächste Runde. Vieles wird vom Meister als zu teuer, doof oder beides betrachtet. In einem Kaufhaus werden wir endlich fündig: der Traum eines jeden Chinesen – ein deutsches Auto! Lachend sortieren wir Modellautochen hin und her; Guan hat überhaupt keine Ahnung, also suche ich weisungsgemäß Modelle, die besonders schnittig und teuer sind, für ihn heraus. Mit leuchtenden Augen werden „Baoma“, „Benche“ und „Baoche“ eingepackt. Zu hause schauen wir nach, was die Fahrzeuge im Original kosten. Da staunt er nicht schlecht, wieviel Geld manche Leute für Autos ausgeben. Ja, ich würde auch eher ein Haus dafür kaufen.

Zum Kochen ziehen wir weiter zum Oster, der als Kochstelle lediglich einen Elektro-Wok besitzt. Aber auch darin lassen sich Spargel mit Kartoffeln irgendwie garen und stoisch isst der Meister wie eigentlich immer alles, was ihm serviert wird. Das Spargel hier eine seltene Spezialität ist, kann er zunächst gar nicht glauben, in China gibt es ihn das ganze Jahr über. Komisches Land.

Am nächsten Tag wollen wir unseren Gast mal eine echte Großstadt zeigen, selbst wenn Frankfurt im Verhältnis zu chinesischen Städten auch nur ein winziges Nest ist. Die für uns recht beeindruckende Skyline wirkt doch nur wie ein Produkt aus dem Hause Märklin, wenn man einmal in Shanghai gewesen ist. Wir beginnen, unser Land nun mit den Augen des Fremden zu sehen. Eigentlich recht hübsch hier, so viel Grün bekommt man in China nicht zu sehen. Immer wenn ich von dort zurück komme, fällt mir auf, wie klar hier die Farben plötzlich sind. Keine verwaschene Staubschicht über allem, nicht überall der beißende Smog. Wir führen Guan durch den Palmengarten; viele exotische Pflanzen, die nun wohl als typisch deutsche Vegetation den staunenden Freunden zu Hause präsentiert werden. Verwunderung über die frei umherstapfenden Enten, riesige Karpfen in den Teichen, massenweise sich sonnende Schildkröten...das macht natürlich Appetit und es gibt erst einmal eine Frankfurter Wurst. Auch die wird ohne zu murren verzehrt. Tapferer Meister. Dafür hat er sich zu Hause ein leckeres Schwarzbier verdient.

Nun geht es langsam richtig los. Höchste Zeit, Guan wird allmählich unruhig, schon so lange nicht richtig trainiert und unterrichtet. Für unser Seminar haben wir uns einen wunderbaren Platz im Mittelrheintal,
direkt neben der Schönburg in Oberwesel ausgesucht. Wir nehmen die Route direkt am Rhein entlang und Guan ist schwer beeindruckt. Das ist ja fast wie am Yangtsekiang! Leicht irritiert schweige ich. Ich bin noch vor dem Bau des großen Staudamms durch die 3 Schluchten gefahren, war auch toll – aber unser Mittelrheintal ist ja wohl wirklich was anderes! Naja, das muss er dann auch einräumen, aber letztlich: großer Fluss ist großer Fluss. Unser Weinbau am Rhein ist aber auf jeden Fall erfolgreicher und das lasse ich mir auch nicht ausreden! Wer mal die chinesischen Standardmarken „Great Wall“ und „Dynasty“ gekostet hat, weiß, warum ich dort lieber Bier trinke.

Wir erreichen die Jugendherberge und Guan genießt den tollen Ausblick ins Tal, den er von seinem Zimmer aus hat. Die Kursteilnehmer sind auch schon da und so kann es endlich losgehen. Elli, die gute Seele unseres Vereins, hat zur Begrüßung einen Kuchen gebacken. Der Meister ist gerührt.
Die Truppe ist bunt zusammengewürfelt; Anfänger und Fortgeschrittene und solche, die sich dafür halten. Guan schaut sich seine Schüler an. Durchatmen. Los geht’s.




Was wir nun in den nächsten Tagen erleben, ist einfach nur toll: Guan gelingt es, die Möglichkeiten der Gruppe und auch der einzelnen Schüler jeden Tag ein Stück weiter zu bringen. Wenn die Erschöpfung zu groß ist, vermittelt er theoretische Grundlagen, für die allein sich das Kommen gelohnt hätte. Wo die Sprache nicht reicht, setzt er Pantomime ein und das ist so saukomisch aber auch zugleich derart einleuchtend, was er erzählt und erklärt, dass wir jede „Dao-Lesson“ als großes Geschenk betrachten (im Gegensatz du den manchmal etwas schleppenden Veranstaltungen in Wudang Shan). Hier hat der Meister endlich einmal die Gelegenheit, sich auf seine Schüler wirklich einzulassen, da wir nicht nur den Unterricht miteinander verbringen, sondern auch die Mahlzeiten zusammen einnehmen und auch noch am Abend beisammen sitzen. So lernt auch er viel und wie er mir in einem der häufigen Gespräche, dich ich während seines Aufenthalts mit ihm allein führen kann, wird er einige Erfahrungen, die er hier machen konnte, auch in Wudang umsetzen. Er betont stets, dass er nicht nur hier ist, um zu lehren, sondern auch er lernt von seinen Schülern. Und wenn wir etwas nicht verstehen, muss er sich überlegen, was er beim Unterrichten falsch gemacht hat.






Die erste Woche verfliegt und am Samstag nutzen wir den freien Tag, um eine Wanderung zu unternehmen. Wir wählen eine Tour auf der Höhe, von der man einen schönen Blick in die Weiten des Rheintals hat. Ein junge Chinesin begleitet uns, damit unser Gast endlich mal wieder Gelegenheit hat, sich frei zu unterhalten. Die Dame ist schwer beeindruckt: ihr erster Kontakt mit dem Daoismus, von dem sie bisher ziemlich wenig gehört hat. Die Beiden unterhalten sich und ich kann mich etwas entspannen. Zwischendurch erklärt mir Guan das Tal: welches die Yin- und welches die Yang-Seite ist, interpretiert die einzelnen Felsformationen; der Rhein ist ein trinkender Drache; die Ausläufer Sehnen und Muskeln...spannend.




In St. Goar angekommen, machen wir einen kurzen Ausflug über die Touristenmeile; ich halte kurz den Atem an, als Guan bewundernd vor einer Auslage mit Kuckucksuhren und Bierseideln stehen bleibt – glücklicherweise sind ihm die hübschen Sachen dann doch zu sperrig.
Den Abend lassen wir in der Historischen Weinschenke in Oberwesel ausklingen; hier beenden wir jedes Jahr unseren Vereinswandertag. Es gibt sehr lecker zubereitete Kleinigkeiten und nach einer Woche Jugendherbergskost sind wir alle für die Abwechselung sehr dankbar. Als ich wie immer besorgt nachfrage, ob es mundet, erzählt mir Guan davon, wie es war, damals in Shaolin: jeden Tag nur Reis. Von Abwechselung dort überhaupt keine Spur. Alle Schüler haben unter dem eintönigen Essen gelitten. Dann hat Guan angefangen sich einzureden, dass es kein einfacher Reis ist, den er da zu sich nimmt, sondern knuspriges Hühnchen. Und mit diesem Trick ging es dann. Sehr nachdenklich trinke ich mein Bier...

Nachdem auch das zweite Seminar in Oberwesel, in dem wir uns in der hohen Kunst des „Tuishou“, des „Händeschiebens“ geübt haben, beendet ist, wartet eine Herausforderung auf Guan. Bei der letzten Gruppe, mit der der Oster in Wudang war, war ein Teilnehmer, der früher ein Mitglied der „Bandits“ war und heute noch begeisterter Biker ist. Und der hat Guan versprochen, dass er ihn mitnimmt zu einer Tour auf seiner Harley-Davidson, wenn er in Deutschland ist. Nun ist es soweit, am Freitag beginnt die Reise von Mainz nach Köln. Guan hat keinerlei Erfahrung mit dem Motorradfahren; der Gedanke, freiwillig nur aus Spaß Rad- oder Motorrad zu fahren, ist dem Chinesen eher fremd. Die Straßen sind dort oft von einer Qualität, dass man einfach nur froh ist, heil von A nach B gekommen zu sein; auf den Gedanken, sich aus Spaß fortzubewegen nur der Bewegung wegen und um den Weg zu genießen – darauf käme dort niemand.

Ich bin selbst viele Jahre lang Motorrad gefahren und habe noch die entsprechende Ausrüstung. Am Abend zuvor hole ich also schonmal die dicke Lederjacke raus. Guan schaut mich verständnislos an. Ich bedeute ihm, dass eine Fahrt von 200 Kilometern in seiner dünnen Kluft mit Schläppchen überhaupt nicht in Frage kommt. Er murrt leise, nimmt mir die Jacke aus der Hand, auf das Gewicht ist er nicht gefasst. Entsetzter Blick – nein, sowas trägt er nicht! Ich schaue ihn streng an: Doch! - Nein – Doch – Nein...bei „doch“ bleiben wir stehen. Gewonnen. Er schlüpft hinein. Passt. Ich beschließe, den waidwunden Blick zu ignorieren. Nächste Hürde: Motorradstiefel. Nein! (noch entsetzter)-Doch-Nein-Doch!!! Er gibt nach. Passt auch. Ich sehe ihm an, dass er den Moment verflucht, als er dieses kleine Abenteuer zugesagt hat. Zu spät. Noch die Hose für drüber – der Widerstand ist aber schon gebrochen, das Geplänkel nur noch pro forma, er hat sich in das Schicksal ergeben. Nur eines noch: „make foto!!!




wird fortgesetzt