Dienstag, 13. September 2011

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Ein Jahr ist vergangen, seit ich das letzte Mal die Reise in den Osten angetreten habe – durch den Aufenthalt von Meister Guan in Mainz habe ich ziemlich viel Urlaub verbraucht, so dass mein traditioneller Frühjahrsaufenthalt ausgefallen ist.
Am Vorabend meiner Abreise konnte ich noch meine Freundin Bat, die zu einer Stippvisite nach Deutschland gekommen ist, begrüßen. Wir werden uns in etwa 3 Wochen wieder sehen, dann sind wir beide wieder in Shanghai. So ist das im Jetset.
Nun haben wir erstmal den chinesischen Immigranten Mike Sieder in Deutschland willkommen geheißen, den kleinen roten Katzenfreund, den Bat zur Übersiedlung mitgebracht hat. Das Tier ist von der Aufregung noch etwas durch den Wind, ich habe aber den Eindruck, er hat den Trubel gelassener ertragen als sein Frauchen.
Als ich mich mit meinem neuen, stolze 124 Liter fassenden Koffer auf den Weg mache, werde ich natürlich gefragt, was ich alles wieder mit nach Hause bringen werde. Der Koffer ist trotz einiger Mitbringsel längst nicht voll und kommt nicht einmal annähernd an die magische 30-kg-Grenze, die China Eastern gebietet. Ach, eigentlich habe ich alles – besonders was elektronisches Spielzeug angeht...das laute Gelächter, das mir entgegenschallt, überhöre ich etwas beleidigt.

Da Bat ja in Mainz weilt, hat mir diesmal Tory Unterschlupf gewährt. Sie wohnt mit ihrer Familie etwas außerhalb Shanghais in einem Compound, einer parkähnlichen und gut bewachten Anlage. Für Kinder sicher nicht die schlechteste Gegend. Ich freue mich sehr auf ein Wiedersehen, denn die Familie habe ich vor zwei Jahren das letzte Mal gesehen, die Jungs müssen nun fast erwachsen sein, auf jeden Fall heftigst am Pubertieren; mal schauen, wie Tory so damit umgeht.

Für den langen Flug habe ich mir ein Reiseset von einem Kaffeeröster besorgt: schrill-pink-farbene Ohrstöpsel, eine ebensolche Schlafmaske und noch einen plüschigen, aufblasbaren Echsenkragen komplettieren das Ensemble. Zu Hause habe ich erst einmal den Praxistest gemacht und stelle fest, dass der Kragen wegen des Plüschs auch ohne Luft noch ungebührlich viel Platz in Anspruch nimmt.Unglücklich betrachte ich meine Reisebegleiter, da kommt mir eine Idee: vor Jahren hatte man mir nach einem Unfall eine Cervicalstütze verpasst – eigentlich eines der überflüssigsten Hilfsmittel, die man sich nach einem HWS-Schleuertrauma vorstellen kann, aber nun vielleicht dessen Sternstunde. Ausprobiert: passt! Wie vermutet, stützt das Ding mindestens genauso gut wie der Echsenkragen und sieht drapiert mit einem Halstuch auch nicht halb so schlimm aus. Vielleicht lässt sich sogar mit dem zu erwartenden Mitleidseffekt noch was anfangen – ja, du kommst mit!

In Shanghai angekommen, besteige ich routiniert den Flughafenbus, der mich von Pudong zum alten Flughafen nach Hongqiao bringt, von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung mit dem Taxi zu Tori. Die Aussprache der Adresse habe ich zwar fleißig geübt, als der Sifu aber sehr ungläubig das gesagte wiederholt, lege ich ihm doch lieber zur Sicherheit nochmal den Zettel hin– das hilft weiter. Naja, bin wohl doch etwas aus der Übung...
An dem Gelände angekommen, kommt mir Tori schon entgegen – der Dunst ist so stark, dass sie mir wie eine Nebelerscheinung vorkommt. Nachdem wir ein paar Meter gelaufen sind, bin ich gottfroh, dass hierzulande fast jedes Haus mit einer Klimaanlage ausgestattet ist. Und sie funktioniert sogar. Herrlich. Aber natürlich freue ich mich, nach dem missratenen deutschen Sommer endlich mal wieder Tropenklima um die Nase zu haben. Für Wudang wurde mir feucht-kühles Wetter angekündigt. Nichts neues, ich genieße also die Stunden hier. Tory hat mir die Zugfahrkarte besorgt – ein nicht ganz einfaches Unterfangen, da sich die Chinesische Staatsbahn wieder einmal ein neues lustiges Ticket-Verteilungssystem hat einfallen lassen, das wohl in erster Linie darauf abzielt, Ausländer vom Reisen abzuhalten. Glücklicherweise konnte Torys Mann auf die Hilfe seines Büros zurückgreifen, so dass ich für eine handvoll Kuai trotz des hohen Feiertags – es ist Mittherbstfest – am nächsten Tag weiterreisen kann.

Tory hat mich schon sehnsüchtig erwartet, weil mir – aus Gründen, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann – der Ruf vorauseilt, eine gewisse Begeisterung für alle elektronischen kleinen Spielgeräte zu hegen. Bei meinem letzten Aufenthalt hatte ich mir ein kleines Übersetzungsgerät , das natürlich viiiel besser als mein Altes war, gekauft. Das besondere an dem Gerät war, dass man Schriftzeichen mit der Hand eingeben kann. Erkennt sogar meine Sauklaue. Feine Sache das, allerdings auch nicht völlig makellos. Dafür war es auch nicht sehr teuer. Nun hat Tory sich ein Mamut-Projekt aufgehalst, das mir tiefsten Respekt abnötigt: sie hat begonnen, Chinesisch zu studieren. Und zwar so richtig, mit jedem Tag sechs Stunden Unterricht an der Fudang-Universität, zu der sie täglich einige Stunden unterwegs ist. Als sie mir ihre Lehrbücher zeigt und das Pensum, dass den Studenten abverlangt wird, fühle ich mich sehr klein. Nein, ich glaube, den Biss hätte ich vielleicht dann doch nicht. Aber wenn man schonmal da ist....
Jedenfalls braucht sie jetzt natürlich auch so ein Ding und wer könnte da wohl besser beraten? Nach der langen Reise sollte man bloß dem Jetlag nicht nachgeben, also kippe ich eine Tasse Kaffee ins System, der Gedanke an die kommende Aufgabe hat meine Lebensgeister eh schon aufzucken lassen – und los geht’s in die Stadt.
Unterwegs erwerbe ich noch ein paar lebensnotwendige Dinge und natürlich kann ich auch wieder einmal nicht am Foreign Book Store vorbeigehen, ohne ein paar wunderbare Werke zu erstehen. Aber mal im Ernst: wie kann man zu einem Buch, das mit dem herrlichen Titel „Chinesische Humore“ wirbt, schon nein sagen? Ich jedenfalls nicht.



Wir landen in der Elektronik-Abteilung, ich packe meinen Übersetzer, den ich auch dort erstanden habe, aus. So was wollen wir haben. Etwas mitleidig betrachtet der junge Verkäufer das kleine Ding. Klar, es ist ein Jahr alt und damit technisch völlig veraltet. Tut aber im großen und ganzen was es soll. Widerwillig packt der Herr das Nachfolgemodell aus und zeigt etwas lustlos, was es kann. Nüchtern betrachten wir das Gerät. Ja, tut schon, sexy ist aber definitiv anders. Der junge Herr holt Luft „nun zeige ich euch aber mal ganz was tolles!“ Ich ahne furchtbares, kann mich aber natürlich nicht entziehen. Fasziniert schaue ich, wie er mit flinken Fingen die Möglichkeiten eines nagelneuen Geräts präsentiert. Natürlich: es ist dreimal so groß (und auch dreimal so teuer) wie das ursprünglich anvisierte Gerät, aber was es alles kann! Ich bin begeistert, der Verkäufer ist es sichtlich auch, nur als er sich darin versteigt, den Übersetzer als „das beste Gerät der Welt“ zu preisen, wird es etwas viel. Nun müssen wir ihn einfach auslachen. Naja, die Marke ist „Besta“, da liegt es ja nahe....wir verbringen fast eine Stunde damit, immer wieder zu vergleichen, was das eine Gerät kann und das andere nicht und nachdem ich – um Tory die Entscheidung zu erleichtern – anbiete, auch eines zu erstehen, um einen günstigeren Preis auszuhandeln, kriegen wir dann endlich die Kurve. Mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen, das war ein sinnvoller Kauf. Nun habe ich den Übersetzer mit der Tastatur, der immer im Auto liegt, das kleine Gerät mit Handschrifterkennung für unterwegs und nun den König der Übersetzer für meine Studien zu Hause. Was für ein Glück, dass auch dieser Mangel endlich beseitigt ist.

Mittlerweile knurrt der Magen, nach diesem anstrengenden Nachmittag haben wir uns einen köstlichen Abschluss verdient. Ich bin nicht sehr zuversichtlich, was die aktuelle Küche in WudangShan angeht und freue mich, heute nochmal in köstlichen Auberginen, kurzgebratenen süß-saueren Kartoffelstreifchen, Seidentofu, gebratenem Blumenkohl, Rindfleischstreifen mit viel Chili und weiteren Leckereien zu schwelgen. Auf dem Rückweg stolpern wir noch über einen Klamottenladen, der sehr witzige T-Shirts und Jacken für Leute, die um einiges jünger sind als wir, verkauft. Ein Shanghaier Designer-Label, wie sie in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen. Auf einem Wühltisch ziehen wir zwei besonders farbenfrohe Jacken unter lautem Gackern hervor. Die jungen Verkäufer, die locker unsere Söhne sein könnten, beraten uns mit viel Spaß „aber natürlich passt euch das, klar steht euch das“ - mit allen Mitteln versuchen sie, uns noch eine Kleinigkeit aufzuschwätzen, damit wir eine bestimmte Preisgrenze überschreiten – dann gibt’s nämlich einen Gratis-Regenschirm. Aber wir bleiben hart. Die zwei Jacken und gut ist. Wir wissen ja schließlich, wo die Grenze ist...

Am abend sitze ich noch stundenlang mit Tory und wir brüten über die Geheimnisse des kleinen Geräts. Torys Mann betritt kurz den Think-Tank, verabschiedet sich aber schnell wieder, nachdem er seine Freude darüber zum Ausdruck gebracht hat, dass ich mir das gleiche Gerät gekauft habe und nun ich mit Tory gemeinsam in die Schlacht ziehe und nicht er.
Nach ein paar Stunden fallen mir aber endgültig die Augen zu – ein gelungener Start!

124-Liter-Koffer – 30 Kilo Freigepäck. Vielleicht doch nicht so schlecht.

Am nächsten Tag lasse ich mich zum Südbahnhof chauffieren. Schon von weitem ist der riesige Rundbau zu sehen. Ich bin angenehm überrascht, wie übersichtlich der Bahnhof aufgebaut ist, keine große Hektik, ob trotz oder wegen des Feiertags, kann ich nicht erkennen. Ich entdecke eine abgeschlossene Wartehalle, auf Englisch steht an „First Class Waiting Room“. Ich bin irritiert – erste Klasse? Ich übersetze mühsam die Chinesische Aufschrift – da steht nun „Weiche Sitze“. Aha. Mein Weltbild stimmt weiter, weiche Klasse habe ich mir für 20 Stunden Zugfahrt auch gegönnt, also hinein. Als mein Zug aufgerufen wird, kommt die Hüterin direkt zu mir gelaufen, geleitet mich zu einem noch abgesperrten Bereich, vor dem schon Passagiere warten, sie lupft die Absperrung und lässt mich als Erste zum Zug vorgehen. Die Leute schauen zwar, aber bevor die Langnase den ganzen Verkehr aufhält, weil sie nix lesen kann und nix versteht...besser so!

Die ersten 6 Stunden verbringe ich allein in meinem Abteil, liebevoll umsorgt von den Damen in Uniform, die mir gestenreich erklären, wo ich was finde, um die nächsten 20 Stunden zu überleben. Dann öffnet sich die Abteiltür: 4 lustige und laute mittelalte Herren. Der erste tritt ein, prallt zurück – Oh! Mh. Ich begrüße die Leutchen freundlich, während ich meine Nudelsuppe muffele. Sie bleiben erstmal draußen und beratschlagen sich. Bis sich einer ein Herz fast: „Wir sind zu viert.“ Das sehe ich. „Und wir wollten fragen, ob du vielleicht mit einem von uns den Platz tauschen kannst, damit wir zusammen sitzen können.“ Da brauch ich nicht lange nachdenken: die Aussicht, die Nacht mit grölenden, Karten spielenden und Zoten reißenden Männer, deren angestrebter Aggregatzustand nicht allzuschwer zu erraten ist – ich habe die mitgebrachten Schnapsflaschen sehr wohl bemerkt – macht mir die Entscheidung leicht. Ich zeige auf meine Nudeln. Erst essen, dann könnt ihr den Platz haben. Erleichterung macht sich breit, vor Freude wollen sie jetzt erstmal mit mir Schnaps trinken. Leider lässt das meine Religion nicht zu.

Nun trennen mich nur noch wenige Stunden von meinem Ziel Wudang Shan, ich sitze und liege mit einer jungen, ruhigen Familie zusammen, im Nebenzimmer balgen sich hörbar die jungen Herren. Alles fein.

Samstag, 10. September 2011

Ist dann wieder mal weg...

Mein Blog habe ich in letzter Zeit auf das sträflichste vernachlässigt - allerdings gibt es da noch ein paar Geschichtchen, die ich unbedingt mal erzählen will - ist ja bald Advent, die Zeit der Muße und Einkehr und da werde ich bestimmt die Zeit finden, sie endlich mal zu Rechner zu bringen.

Heute melde ich mich zu Wort, um mal wieder für das Wudang-Blog zu werben - so ab Dienstag müsste es wieder losgehen mit kleinen Geschichten aus einem großen Land.

Bis dahin - gehabt euch wohl!