Freitag, 23. August 2013


Mittlerweile schreibt meine Schwester ja fast mehr als ich, deshalb kriegt sie jetzt ein eigenes Label mit dem hübschen Namen "Fremdpost" - so können ihre gesammelten Werke dann auch gefunden werden

"Gabi aufm WGT – Auf ein Neues!



Von der Klassenfahrt kommend, feuerte ich die Dreckwäsche in die Maschine, packte die WGT-Klamotten zusammen, goß mir noch einen Liter Mädchenkaffee ins System und fuhr weiter nach Leipzig. Und kam mitten in der Nacht an. Alles in mir schrie nach Bier, und mit dem deutlichen Gefühl, dem nachgeben zu sollen, latschte ich vom Parkplatz, auf dem ich üblicherweise übernachte, zur Agrahalle. Und es gab noch Bier und ne leckere Currywurst – was will man mehr! In Gedanken versunken trat ich den Rückweg an, stand auf einmal vor einem schwarzen Kangoo und wunderte mich, dass dieser erstens offen stand und zweitens von mehreren Leuten auf der Ladefläche bevölkert war. "Häh? Ich hab die Karre doch ganz bestimmt abgeschlossen! Was geht denn hier ab???" So dachte ich. Und fragte dann auch höflich, aber bestimmt nach. "Nö, das ist nicht Deiner – der steht weiter vorne, und Du bist schon dran vorbeigelaufen…." Na, klasse!



Am nächsten Vormittag saß ich gemütlich und sehr entspannt neben meinem Fahrzeug, trank Kaffee und rauchte und überlegte, was ich mir heute so angucken und anhören will, als eine der jungen Frauen aus dem anderen Kangoo vorbeikam. Ich begrüßte sie freundlich. Und das war ein Fehler: Sie blieb stehen, fing an zu reden, erzählte die Geschichte ihres Lebens und sabbelte ohne Punkt, Komma und Rücksicht auf meine Nerven in einer Tour weiter. "Himmel, wie komm ich nur raus aus der Nummer?" Und betätigte unauffällig eine bestimmte Taste meines Handys, welches sehr brav dann auch klingelte. Gerettet! Und dabei gibt es sooo gute Medikamente…..



Nach diesem etwas nervigen Beginn des Tages beschloß ich, mir mal den Zoo und vor allem das Gondwanaland anzusehen, fuhr mit der Straßenbahn hin und ging rein. Der Zoo ist schon klasse, aber Gondwanaland der absolute Hammer! Das ist ein geradezu gigantischer Glaskuppelbau, in dem tropische Landschaften nachgebaut wurden, ein kleiner Flusslauf mit Booten und Viehzeug inklusive. Und das Klima ist auch tropisch: Feucht und heiß, das muß man schon mögen. Im Zoo konnte ich mal wieder feststellen, wie herzlos und gemein manche Menschen zu Tieren sind: Wie kann man nur so putzigen Tierchen mit so häßlichen Namen versehen????









Abends spielten zuerst Velvet Acid Christ, auf die ich schon Tage vorher ganz hibbelig vor Vorfreude war, aber die waren leider nicht so doll, jedenfalls kaum besser als "ganz nett". Aber dann spielten Suicide Commando und vor allem Leather Strip, und beide waren einfach grandios!

Und dann kam der echte Hammer: Eine Band namens Abney Park, hatte ich vorher weder gehört noch konnte die Richtung – Steam Punk – irgendwie einordnen, aber ich dachte mir: "Jetzt biste schon mal da, dann kannstes auch mal anhören." Und die waren – überraschend !




Von Leather Strip und Suicide Commando gibt’s keine Links – wer auf EBM steht, kennt die sowieso, alle anderen werden es eh nicht mögen. Oder guckt selber bei Youtube.





Nach dem Erwachen am nächsten Tag hatte ich den Einfall, mir in der Innenstadt ein Museum zu betrachten und entschied mich fürs Grassi-Museum für Völkerkunde. War schon interessant, viel spannender aber noch die Beobachtung, daß eine andere WGT-Besucherin ihren Partner am Halsband mit Leine durchs Museum zog und dieser Anblick aber wirklich niemanden sonderlich zu interessieren schien.

Auch dieser schräge Vogel kommt in meine Absurditätensammlung: Ich saß abends zwischen zwei Konzerten vor der Agrahalle an einem Biertisch, als ein Mann – sah garnicht schlecht aus, eigentlich so ein leckeres Kerlchen – sich zu mir setzte und fragte, ob ich auch später auf die Obsession - Bizarr – Party gehen wolle; er selbst sei sadistisch-dominant und würde auch keine Grenzen kennen; also: "Wollen wir nachher zusammen hin?" - "Danke für das freundliche Angebot, ich würde Dir dann ggf. den Arsch versohlen wollen!“ Das wiederum wollte er nicht. Schade!



Auffallend auch in diesem Jahr, daß sich ganz Leipzig fein gemacht hat, extra für das schwarze Volk:











Einen Nachteil hat es immer wieder: Ist viel zu schnell rum! Aber nächstes Jahr isses ja wieder!"















Freitag, 16. August 2013

Fremdpost

Damit auch dieses Blog mal wieder ein wenig Leben erfährt, hier mal wieder ein Frontbericht meiner holden Schwester, der mich daran zweifeln lässt, dass es so etwas wie "mit Würde altern" gibt. Warum auch.



"Klassenfahrt

Einleitende Bemerkung:
Im Moment darf ich mich mit noch 19 anderen Krankenschwestern und – pflegern weiterbilden. Fachpflege Psychiatrie, also zuständig für lockere Schrauben und Sockenschuß…
Dauert 2 Jahre. Und wir waren auf Klassenfahrt. In Saarbrücken, das liegt mitten im Saarland. Und dort in der Jugendherberge.
Auf der Fahrt dorthin gingen mir Bilder durch den Kopf von Waschbeckenreihen, Gemeinschaftsduschen, kleinkarierte Jugendherbergsbettwäsche und den stets übellaunigen Herbergseltern. Und dieser ganz eigene Geruch, nach – Jugendherberge. Hagebuttentee in riesigen Blechkannen, Küchen – und Speiseraumdienst, vor dem sich jeder nach Kräften drückte. Kennen wir ja alle noch. Abends dann das obligatorische Besäufnis mit einem Sechserpack Bier, von dem wir zu zehnt dann auch reichlich bedient waren….
Ins Hier und Jetzt wurde ich jäh katapultiert, als ich bei der Ankunft furchtbare Schreie hörte, von der Art, die in jedem amerikanischen Filmchen auf Anweisung des Regisseurs von mindestens einer weiblichen Protagonistin im höchsten Diskant vorgetragen werden muß: Zwei Kolleginnen verkündeten mit vor Entsetzen geweiteten Augen, die auf das Smartphone gerichtet waren: "Ich komm nicht ins Internet!". "Auch nicht bei Facebook, was mach ich jetzt bloß?", so die andere. Was sich da breitmachte, war echte Panik. Um es vorweg zu nehmen: Wir haben überlebt. Alle.
Nach dem Auspacken besorgten wir uns in angemessenem Umfang Getränke für den Abend; "Mer brauche Madrial fer zum Veschaffe!!" , vertrieben uns die Zeit mit Unterricht und zogen im Anschluß durch Saarbrücken, gingen essen und begannen schon mal, uns den Arsch zuzusaufen. Also alles, wie sich's gehört. Das Ganze endete auf dem Parkplatz vor der Jugendherberge, wo wir auf der Bordsteinkante hockten, noch das eine oder andere Kaltgetränk nahmen und tiefsinnige Gespräche führten. Ein Kollege wollte dieses nette Beisammensein noch musikalisch untermalen lassen, fuhr zu diesem Zwecke mit seinem Auto rückwärts ran, klappte das Heck auf, ließ Musik laufen und nutzte die Ablage, um noch eine Zigarette zu drehen. Also so eine etwas dickere…
In diesem Moment kam der Nachtwächter langsam auf uns zu. Ich hab ihn auch rechtzeitig gesehen, stand auf und deckte das begonnene Bauwerk des Kollegen mit meinem Tabaksbeutel ab. Der Nachtwächter erzählte das Übliche von "Ruhestörung" und "ab 22.00Uhr Nachtruhe" und schlug vor, daß wir einfach an einem nahegelegenen Weiher weitertagen sollten. "Aber nicht mitm Auto, Ihr seid ja total besoffen". Ganz falsch lag er damit ja nicht. Nur, daß der Kollege völlig ungerührt währenddessen meinen Tabak auf die Seite räumte, um sein Werk zu vollenden, brachte uns schon ein bischen in Atemnot. Der Nachtwächter: "Und dann auch noch mitm Joint im System, nee, also fahren könnt Ihr nich mehr!!" Das haben wir dann auch gelassen.
Am nächsten Tag gingen wir nach dem Unterricht noch mal die Materialvorräte durch und kamen zu dem Ergebnis, daß diese zwar noch ausreichen würden, wir aber – zur Sicherheit – lieber nochmal in den ca.50 Meter entfernten Netto-Markt laufen sollten, um wenigstens noch einen Kasten Bier zu erwerben. Wir waren zu fünft, liefen los, kauften den Kasten und stellten ihn erstmal auf dem Parkplatz vorm Netto ab. Nun sind wir, wie bereits erwähnt, alles Krankenschwestern und auch – pfleger und alle deutlich über 20; eine Eigenschaft, die auf mich in ganz besonderem Maße zutrifft. Warum ich das so betone? Darum: Wir standen also auf dem Netto-Parkplatz zu fünft um den Kasten Bier herum, als der erste Kollege sorgenvoll auf diesen blickte und erklärte: "Mer misse Gewischd reduziern!". "So isses! Alla dann!" So standen wir also auf dem Netto-Parkplatz, jeder in der einen Hand ein Bier und in der anderen die Kippe, babbelten wirres Zeug und es ging uns gut.
Alles in allem Klassenfahrt wie früher. Naja, fast…"

Montag, 13. Mai 2013

Abschied


Tatsächlich ist schon wieder der letzte Tag angebrochen. Am Abend wurden Yürgen, Szusza und ich nochmal von Meister Guan zu einem wunderbaren Essen eingeladen und wir konnten gemeinsam im Kreise der Familie noch einmal das Zusammensein bei lauen Temperaturen unter klarem Sternenhimmel genießen. Etwas wehmütig haben wir auf dem Heimweg noch einmal die „Sieben Sterne" am Himmel und die typischen Bergzüge bewundert.
Wie war es diesmal? Es war wie so oft und doch anders. Also wie immer. Ich bin in einem ziemlich desolaten Zustand angereist. Berufliche Turbulenzen hatten mich sehr viel Kraft und Nerven gekostet und der Berg hat eine gute Woche gebraucht, um mich wieder in die Bahn zu schubsen. Lange aufgeschobenes habe ich endlich nachholt und neben dem Tai Yi Wuxing-Qigong regelmäßig Meditation geübt (was mir nicht wirklich liegt) und stelle fest: es funktioniert Auch wenn man nicht dran glaubt. Obwohl sich das Training sehr verändert hat und nach meinem Gefühl nicht mehr so körperlich herausfordernd ist, wie ich es von vergangenen Aufenthalten kenne, so fühle ich mich dennoch erheblich gestärkt und viel beweglicher als bei meiner Ankunft. Da hat natürlich auch der Zauberer mit seinen Nadeln und den magischen Händen einiges dazu beigetragen. Ich verspreche mir, dass die Mühe nicht umsonst gewesen sein soll. Ich werde versuchen, so viel wie möglich zu Hause zu konservieren. Schließlich will ich Guan, der im September wieder nach Deutschland kommt, keine Schande bereiten.



Was mich etwas irritiert sind die vielen „neuen" Formen, die nun gelehrt werden. Diese sind zum Teil noch nicht einmal den Lehrern wirklich vertraut und so habe ich ein paarmal beobachtet, wie die Ausführung bestimmter Bewegungen im Kollegium heftig diskutiert und dann wohl laut Mehrheitsbeschluss abgesegnet wurden. Die „alten" Formen, wie ich sie noch gelernt habe, werden kaum noch – nur auf ausdrücklichen Wunsch hin – unterrichtet. Man sieht seltener Taiji-Übende, vielmehr wird Taiyi, Xingyi und Bagua trainiert. Wie mag sich Meister Guan dabei fühlen, der so viel Herzblut nicht nur in die Ausbildung der Schüler sondern auch der jungen Lehrer gesteckt hat? Nun dreht sich vieles um die Lehrinhalte, die Meister Yang mitgebracht hat. Sicherlich ein großer Könner, auch wenn ich ihn beim Unterrichten des Qigongs mehr als „Vorzeiger" denn als Lehrer erlebt habe.
Ich frage vorsichtig bei Guan nach. Er lacht zwar und antwortet, dass er ja immer noch da sei und seine Formen ja nicht verlernt hat, sie also weiter unterrichten kann. Aber ein Hauch Bitterkeit ist schon dabei. Vielleicht meint er auch, dass er schon einige Lehrer hat kommen und gehen gesehen.
Es bleibt auf jeden Fall spannend auf dem heiligen Berg, von Stillstand ist hier nichts zu spüren.
Und so machen wir uns morgen auf die Reise Richtung Beijing, weg von der Stille und Klarheit der Berge, hinein in den Moloch – der Kontrast könnte kaum größer sein.
Ein leises „Zaijian" unseren Freunden in Wudang Shan. Wir sehen uns im nächsten Jahr.


Samstag, 11. Mai 2013

Pflugscharen zu Schwertern


Als wir gerade angekommen waren, wurde uns angeboten, „customized" Schwerter, also Waffen die auf unsere Körpergröße genau abgestimmt und mit unserem Namen versehen sind, zu erwerben.
Meister Yang hat beim Lehrplan der Akademie ziemlich auf- und umgeräumt, so dass wir nun ziemlich viel Tai Yi, Xing Yi und Bagua beigebracht bekommen, das Tai Yi Wu Xing-Qigong wurde auch „zurück zum Ursprung" gebracht und ja, auch eine neue Schwertform war dabei, bestehend aus stolzen 72 Einzelbewegungen. Das war mir für einen Monat einfach zu stramm, mir sollen erst einmal meine 36 Bewegungen genügen; ich habe noch eine weitere Schwertform gelernt, die nicht aus Wudang stammt und weder kurz noch anspruchslos ist. Da habe ich noch viel dran zu arbeiten.
So bin ich halt nicht wie Yürgen und Szusza jeden Abend nach dem Abendessen nochmal hoch in den Tempel getrottet um mir da noch mehr Lernstoff druckzubetanken. War auch so schon genug, was ich dann lieber abends alleine in der Akademie nachzuackern hatte.
Aber so ein Schwert...auch wenn ich nicht zur Gruppe gehöre...muss!
Uns wurde zunächst verheißen, dass wir die guten Stücke innerhalb einer Woche hätten. Nach der dritten Wochen mochten wir auch nicht mehr fragen, aber etwas unglücklich waren wir schon: der Tag der Abreise rückt immer näher und ich hätte schon gerne in der verbliebenen Zeit noch ein wenig an meiner Form gefeilt.
Gestern Abend zu schon fast nachtschlafender Zeit klopfte es dann plötzlich: strahlend stand der junge Mann, der die Abwicklung gemanagt hatte und uns schon kaum noch in die Augen schauen mochte, vor der Tür: die Schwerter sind da. Das ist wie Weihnachten, ein größeres Paket steht bei ihm im Zimmer bereit. Schnell finde ich mein Schwert, das zwar nicht Excalibur heißt, sondern Xiaomo und bin sehr angetan von der guten Verarbeitung. Das ist schon etwas ganz anderes als mein altes Übungsschwert, das ich zwar sehr schätze, aber leider Rost ansetzt. Wir haben Glück, unsere drei Schwerter sind alle so geworden wie bestellt – im Gegensatz zu einigen anderen: da wurden munter Nachnamen und Vornamen durcheinandergebracht, die Maße vertauscht. Ganz schlecht: die Besteller sind schon wieder zu Hause und haben wenig Chancen, die Fehler zu reklamieren.
Heute habe ich nun zum ersten Mal die neue Waffe in der Hand. Etwas schwerer als mein altes, auch länger – sehr ungewohnt. Probeweise übe ich ein paar Schnitte und Stiche. Mmh. Egal. Mal schauen, was nach fast sechs Wochen Trainingspause noch von meiner Schwertform übrig ist. Es gab da ein paar Ecken, die mir auf einmal Schwierigkeiten bereitet haben, aber jetzt kann ich ja wenigstens fragen. Ich setze an und beginne langsam die Form zu laufen. Hui, das geht aber gut! Auch über die Holperstücke komme ich – vielleicht nicht ganz korrekt aber auf jeden Fall fließend – hinweg. Toll, ich bin begeistert. Aber es ist ja auch ein Xiaomo-Schwert.


Donnerstag, 9. Mai 2013

Folterkammer


Schon wieder rückt das Wochenende näher. In den letzten Tagen hat es kräftig geregnet, so dass ein Training im Tempel nicht möglich war und wir kaum aus der Akademie herausgekommen sind. Langsam macht sich leichter Lagerkoller breit, höchste Zeit, mal wenigstens in die Stadt zu flüchten, wo ich – neben dem obligaten Besuch des Massage-Akupunkteurs – auch eine Lehrerin unseres Vereins treffen will. Sie wurde letztes Jahr als Meisterschülerin von Tian Liyang, der sich in Deutschland seit einem Fernsehbericht mit dem Titel „Der Meister von Wudang Shan" hoher Bekanntheit erfreut, anerkannt. Dieses Jahr wird er sie zum ersten Mal zu Hause in Kiedrich besuchen und dort unterrichten. Ich hoffe, dass ich auch Gelegenheit habe, ihn kennen zu lernen. Wenn ich es schon nicht hier schaffe, mal in der Schule, die etwa 10 Minuten Busfahrt von der Stadt aus liegt, vorbeizuschauen...



Ich rechne kurz den Zeitbedarf durch: mit Birte essen, Massage und Akupunktur, Einkaufen...das wird ziemlich knapp, da wir ja zumindest den letzten Bus in die Berge bekommen müssen und der fährt gegen 18.00 Uhr. Eigentlich habe ich auch keine große Lust, im Regen in den Wandelgängen herumzupatschen, die morgendlichen Kräftigungsübungen im Meditationsraum haben meinen Bedarf gedeckt. Ich beschließe, die letzte Stunde zu schwänzen und auch meine kniegeschädigte Begleiterin ist nicht schwer zu überzeugen und so huschen wir davon – kurz angehalten beim Lehrer: „wo wollt ihr denn hin?" - Leidensmiene, mimische Darstellung von Nadeln ins Knie – alles klar, wir dürfen verschwinden.
Nachdem wir alle Besorgungen erledigt haben, können wir ganz entspannt die hervorragenden Jiaozi in der Wudang-Lu genießen. Wie lecker die hier sind, hat sich wohl herumgesprochen. Letztes Jahr kannte diesen kleinen Laden noch niemand; wir sind hier von unserem Meister Guan eingeführt worden. Ich habe ihn Birte vorgestellt (und sie mir dafür den Masseur) und ja, so dauert es nur wenige Minuten und der Laden ist voller Laowais. Und zwar nur Deutsche aus den unterschiedlichsten Schulen. Faszinierend. Wir sitzen im Tisch zusammen mit einem Schüler von Ismet Himet, einem Deutschen aus Berlin, der meines Wissens der einzige Ausländer hier ist, der selbst eine Schule hat. Ich habe ihn kürzlich im Bus gesehen – allerdings am anderen Ende, so dass ich ihn nicht sprechen konnte. Auch eine Schule, die ich eigentlich besuchen wollte. Aber die Zeit hier ist halt so verdammt knapp...



Gestärkt begeben wir uns zum Mann mit den goldenen Händen. Einer unserer Mitschüler, der sich gestern bei den Kicks eine ziemlich fiese Zerrung eingefangen hat, liegt schon da und stöhnt leise. Ich lasse mich erst einmal von der Gattin des Meisters durchkneten. Unglaublich, wieviel Kraft in diesen niedlichen kleinen Mausepfötchen steckt. Und wie sie mit den spitzen Fingerchen immer kräftig in jede Verspannung bohren kann. Traumhaft. Aber gejammert wird hier nicht. Nach fast einer Stunde darf ich mich dann umdrehen, damit der Meister Löcher bohren kann. Jetzt habe ich einen tollen Ausblick und sehe, wie zwei Mädchen auf meinem Mitschüler herumturnen. Er trägt's stoisch. Dass ich einen Lacher ernte, als ich auf chinesisch nachfrage, ob er schon weint, kriegt er glücklicherweise nicht mit. Als der Chef aber dann die Akupunkturnadeln für ihn auspackt, vergeht mir die Spottlust: gute 15 Zentimeter sind die Folterinstrumente lang, die für ihn bestimmt sind. Als er meine schreckensweiten Augen sieht, erklärt der Meister, dass er sich durch dicke Muskeln bohren muss. Auch das versteht Niels nicht und sehen kann er die Nadeln auch nicht. Ich schlucke trocken, als ich sehe, wie die Nadeln bis zum Ansatz im weichen Fleisch der Hinterbacken verschwinden. Hoffentlich habe ich niemals eine Verletzung, die so einen Einsatz erfordert. Auch will ich mich nie mehr beklagen, dass es manchmal etwas ziept, wenn meine Nädelchen ins Scharnier gesetzt werden. Auch keine hübscher Anblick, wie meine Nachbarin versichert. Und so warten wir drei Igel nun gespickt und unter Strom gesetzt, bis die Marter beendet ist. Aber der Lohn folgt bald – beinah schmerzfrei schweben wir aus der Praxis. Auf zu neuen Herausforderungen!


Montag, 6. Mai 2013

Acht Schätze à la Renato



Vor vielen Jahren habe ich hier einmal eine Teespezialität kennengelernt, die aus acht ausgewählten Früchten, Kräutern und sonstigem besteht. Mittlerweile sind die „Acht Schätze" auch in Deutschland erhältlich – natürlich zu einem horrendem Preis. Außerdem sind die einzeln abgepackten Tütchen auch mit Zucker verseucht, was ich nun überhaupt nicht mag.
Im letzten Jahr hatte mir Renato erzählt, dass er sich hier immer seine eigene Mischung zusammenstellt – nach seinem eigenen Geschmack und ungeheuer gesund. Schon damals wollte ich von ihm Zusammenstellung und Quelle wissen, hat aber aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt.
Ich hatte schon bedauert, dass er nicht hier ist um mir sein Geheimnis zu verraten. Wie so oft hier: kaum gedacht, schon taucht er auf. Und jetzt ist aber fällig: er gibt mir eine Tüte, in der die geheimnisvollen Ingredienzen enthalten sind und schickt mich mit genauen Anweisungen einkaufen. Und hier ist das Rezept (auf dem Foto im Uhrzeigersinn):


1. 桂圆 Gui Yuan (auch 龍眼 lóngyǎn)– Longan Dimocarpus longan , Frucht aus der Familie der Seifenbaumgewächse
2.  絞股藍 / 绞股蓝 Jiǎogǔlán, „Rankende Indigopflanze“,(Gynostemma pentaphyllum) Kürbisgewächs, Wirkweise wie Ginseng
3. 菊花 Jü Hua – Chrysanthemen (Chrysanthemum)Wissenschaftliche Versuche ergaben eine antibiotische Wirkung. Ebenfalls bestätigt ist eine Blutdruck senkende Wirkung.
4.  玉蝴蝶 (auch - 木蝴蝶) Yu bzw. Mu Hudie – Jade- bzw. Holzschmetterling: Samen der indischen Trompetenblume (Oroxylum indicum ); auch bekannt in der ayurvedischen Medizin
5. 银杏 Yinxing – Gingkoblätter (Ginkgo biloba) – Soll die Durchblutung und die Fließfähigkeit des Blutes verbessern
6. 红枣 Hongzao – Rote Dattel (Ziziphus jujuba). Im getrockneten Zustand gegen Erkältung
7. 猓杞子Guoqizi - Gojibeeren
8. 干柠檬 Gan ninmeng - Getrocknete Zitrone

绿茶 Lü Cha – Grüner Tee und Zucker - so sagte mir eine chinesischer Doktor - gehören auch noch zur klassischen Mischung. Ich schätze beides nicht und verzichte darauf. -
Anstatt Jiǎogǔlán kann auch Ginseng verwendet werden. Die Wirkungsweise soll die Gleiche sein.


Und wieder ein Schritt näher zur Unsterblichkeit...

Freitag, 3. Mai 2013

Alte Bekannte




Nach einem anstrengenden Ausflug in die Stadt, bei dem ich noch erfolgreich letzte Mängel beseitigen (noch ein paar dringend benötigte Trainingsschuhe, Notfallfutter für schlechte Zeiten, Kaffee und Süßwaren) und auch nochmal ein wohlschmeckendes Essen zu mir nehmen konnte, neigt sich der Tag zu Ende.


Ich hatte mich von der Gruppe getrennt, um noch mit einer Leidensgenossin gemeinsam eine Massage zu genießen und Akupunktur zu erleiden. Der Meister mochte uns gar nicht gehen lassen und als wir nach 2 Stunden das Etablissement verlassen, ist der Jiaozi-Laden schon zu. Es bleibt noch das Lokal im Supermarkt. Großes Hallo begrüßt uns: ohne es verabredet zu haben, treffen wir wieder auf den Rest der Gruppe. Die Damen sind erleichtert, weil die Hürde „Essensbestellung" doch nicht so leicht zu überwinden war. Ich lasse mich von der Fuwuyuan auf den Stand bringen. Ungewöhnliche Zusammenstellung. Ob das wohl wirklich alles so gewollt war? Ich bestelle zur Sicherheit noch ein paar Gerichte, die sich einer pantomimischen Darstellung gerne entziehen. Das stellt sich als kluge Idee heraus. Heiße Tomaten ohne irgendwas und der beliebte Ming-Kohl sind ja nicht wirklich magenfüllend. Die nachbestellten gebratenen Nudeln und lecker Auberginen haben da schon etwas mehr Substanz.


Gesättigt beobachten wir, wie ein sehr interessant aussehendes Gericht durch das Lokal getragen wird. Sieht sehr lecker aus und steht sicher nicht in meinem klugen Heftchen, in dem ich alle Gerichte, die ich gerne mag, eintrage um im Restaurant bestellen zu können, wenn ich die Speisekarte nicht lesen kann. Ich spreche eine der Bedienungen an und frage, was das denn Feines sei. Sie sagt es mir und zeigt auf die Speisekarte, wobei sie auf einen ganzen Block von Gerichten weist. Ist wohl so ein Themenkreis mit verschiedenen Varianten. Ich bitte sie darum, mir doch den Namen in mein Heft einzutragen. Dann kann ich oben jemand fragen was das ist und wie es ausgesprochen wird und beim nächsten Mal bestellen. So der Plan. Ich erkläre es ihr und sie nimmt das Heft an sich (das ist jetzt eine stark gekürzte Wiedergabe eines ziemlich langen Palavers). Nachdem lange erstmal nichts passiert, befürchte ich, sie hat mich missverstanden und lässt jetzt nochmal für uns kochen. Leicht hektisch bestelle ich die Rechnung und frage nach der jungen Frau mit meinem Heft. Ich werde an die Theke gewiesen. Da sitzt sie und malt. Ja, so muss man das nennen: in absolut sauberen, liebevoll gezeichneten Schriftzeichen wird die Speisekarte kopiert und mit Pinyin versehen, damit ich es auch aussprechen kann. Ich bin erschrocken und gerührt: so war es doch nicht gemeint – nur EIN Gericht wollte ich aufgeschrieben haben! Aber so ist es natürlich auch toll. Nun habe ich wieder einige Varianten mehr, wenn ich mal wieder für eine Tafelrunde bestellen muss. Ich bedanke mich überschwänglich und verlasse mit meinem nun noch etwas kostbareren Gerichte-Schatz das Lokal.


Oben auf dem Berg erwartet mich eine Überraschung: Anjing ist plötzlich aufgetaucht. Auch so ein kuriose Geschichte: Sie hatte früher einen Teeladen in unserer kleinen Stadt und immer wenn ich meinen Tee dort gekauft habe, haben wir uns lange über Taiji und natürlich auch über Wudang Shan unterhalten. Irgendwann wollte sie dann auch mal dorthin, zur Geburtsstätte der inneren Kampfkünste. Sie – die Chinesin – ließ sich also von mir genau erklären, wie man am besten dorthin kommt und wie da alles funktioniert. Sie ist jetzt auch schon zum zweiten Mal hier und wenn Meister Guan nach Mainz kommt und die hiesigen Speisen über ist, stehen bei Anjing immer ein paar Jiaozi und lecker Hühnerfüßchen zum Abknabbern für ihn bereit.

Ganz schön klein, so ne Welt...



Mittwoch, 1. Mai 2013

Aufbau





Ein sonniger Tag. Trotz Touristenrummel geht es wieder zum Zixiaogong-Tempel zum Trainieren. Unser entkräfteter Lehrer, der bisher die Airobic-Stunde mit uns abgehalten hat, hat sich ablösen lassen. Einer, den ich als Mitglied der Showtruppe, die im Land umherreist und Kampfkunstvorführungen zeigt, kenne, ersetzt ihn. Eigentlich ein fittes Kerlchen, wie alle hier. Beim Dehnen verzerrt er aber das Gesicht. „Jirou Tengtong" - Muskelkater? frage ich ihn teilnahmsvoll. Er bestätigt und neben mir kichert es. Einer der Jungmänner, mit denen ich auch schon Krafttraining gemacht habe. Sie haben auch ihn eingefangen.Und weil er da wohl den starken Mann spielen musste, hat er sich wohl ein wenig übernommen. Schadenfreude? Aber nicht doch!


Am Abend entschließe ich mich spontan mit ein paar Kumpels, das Essen im nahegelegenen Tianlu-Hotel einzunehmen. Das Essen in der Akademie hat einen neuen Tiefpunkt erreicht, es sind bereits einige Leute erkrankt. Die Verwaltung fühlte sich bemüßigt, die Schüler zur Vorsicht anzuhalten: kein ungewaschenes Obst essen und Vorsicht mit kalten Speisen! Ein Zusammenhang mit der Küche? Niemals!

Ich habe da eine etwas andere Auffassung. Seit Tagen nehme ich von der Schulspeisung nur Reis mit Suppe zu mir und verzichte auf die obskuren Hauptgerichte. Bisher bekommt mir das ganz gut, jetzt ist aber höchste Zeit, mal wieder etwas gescheites zu essen. Und im Tianlu gibt es neben vielen anderen Leckereien auch Pommes frites à la chinoise und auch ein gepflegtes Bier. Dafür hat das Personal auch so seine Eigenarten. Ich bekomme zwar die Bestellung für die Gruppe einigermaßen unfallfrei über die Bühne, bis ich dann noch gebratene Nudeln - „Chao mian" bestellen will. Ich versuche es in mehreren Tonhöhen. Nichts zu machen. Ich vergewissere mich im Wörterbuch – doch, alles richtig gemacht. Ich zeige auf den Eintrag. Ach so! Und nun werde ich solange gnadenlos abgehört, bis ich es richtig ausspreche. Und zwar im Hubei-Dialekt. Schließlich sind wir hier nicht in Peking!


Nun beginnt wieder das Wochenende. Am Vormittag ist noch Training und jetzt rächt es sich, dass ich unseren Vorturner ausgelacht habe. Auf dem Programm steht Krafttraining und wir müssen uns nun wirklich die freie Zeit ordentlich verdienen. Fast eineinhalb Stunden werden wir mit Liegestütz, Situps und noch jeder Menge mehr an lustigen Übungen, die Muskelkater 2.0 versprechen, versorgt. Wie schön, dass wir am zweiten Tag, wenn der Schmerz am schlimmsten ist, wieder trainieren dürfen. Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier.



Dienstag, 30. April 2013

Einstürzende Altbauten



Das derzeitige Zuhause der Akademie ist ja ein ehemaliges Pilgerheim. Nachdem man den maroden Bau – direkt nachdem man die oberste Etage luxussaniert hatte – der „alten" Akademie dem Erdboden gleich gemacht hatte, um Platz für für ein 5-Sterne-Hotel zu schaffen, hatte man hier ein paar Zimmer belegt und den Schulbetrieb aufgenommen. Tür an Tür mit den Pilgern. Das Pilgergeschäft wurde von einer resoluten Nonne abgewickelt, die Akademie von der Schulverwaltung. Auf Dauer konnte das nicht gut gehen; zu widersprüchlich waren dann doch die Erwartungen und Lebensweisen.

Nachdem man die Pilger hinauskomplimentiert hatte – mutmaßlich in die Neubauten, die rund um den Zixiaogong aus dem Boden gestampft werden – fing man an, auch hier alles aufzuhübschen und dem zahlenden Gast komfortabel herzurichten. Dort, wo früher 20 Pilger Platz fanden, ist jetzt ordentlich Raum für ein bis zwei Personen mit Dusche und WC. Das Ganze hübsch möbliert, ganz wie aus dem Ikea-Katalog in hellem Holz gehalten (wobei ich dort noch nie einen blanken Holzrahmen mit -platte, auf dem nur eine dünne Rosshaar-Matte die Härte „dämpft" gesehen habe...). Man hat gewiss eine Menge Geld in die Hand genommen, um hier ein attraktives Zuhause auf Zeit zu schaffen.

Was man dabei möglicherweise übersehen haben könnte, ist die Instandhaltung des älteren Gebäudes an sich. Nein, ich mäkele jetzt nicht an den originellen Wasserinstallationen herum, auch dass ich nur in einer bestimmten Ecke meines Zimmers Internet habe, und auch das nur zu bestimmten Zeiten – sei's drum, das ist wirklich nicht so wichtig.


Was die Sache aber wirklich spannend macht ist die Substanz des Hauses: zu Beginn unseres Aufenthalts haben wir eine kleine Ansprache bekommen über die Spielregeln an der Akademie verbunden mit der Bitte, sich bei Verlassen in einer Liste einzutragen und die voraussichtliche Heimkehr anzugeben. Dies wurde damit erklärt, dass es halt gefährlich sei in den Bergen und man sich ja schließlich verantwortlich fühlt für die unbeholfenen Gäste (nein, so haben sie das nicht gesagt, höchstens gedacht).

Der trockene Kommentar eines Briten, der schon länger hier ist: „das gefährlichste in den Bergen ist das Dach dieses Hauses!" Ein Blick nach oben: wo er Recht hat, hat er Recht. Die pittoresken Dachabschlüsse sind schon reichlich marode und je näher ich hinschaue, desto unangenehmer ist das Gefühl, direkt darunter zu stehen. Unwillkürlich mache ich einen Schritt zurück. Nicht sehr vertrauenserweckend, das.

Heute Mittag während der Meditation dann lautes Scheppern. Bei dem Lärm ist das mit der Versenkung so eine Sache. Ich verlasse den Raum und sehe wie – vergleichbar mit den Grabsteinrüttlern – jemand mit einer langen Stange an den Dachabschlüssen entlangfährt. Und da kommt einiges runter! Nun wird erst einmal die Gefahrenzone mit einem Flatterband versehen. Alles weitere wird sich fügen. Irgendwie.


Es regnet mal wieder und stürmt auch leicht. Nein, für heute ist das Training für mich beendet. Und morgen scheint hoffentlich die Sonne wieder und wir finden ein Plätzchen, wo wir gefahrlos trainieren können. Selbst wenn es im Tempel ist, wo schon die Touristen lauern.



Montag, 29. April 2013

Familientreffen



Guan Shifu hatte sich für ein paar Tage nach Hause begeben und kommt jetzt in Begleitung seiner Lieben wieder zurück auf den Berg. Neben Gemahlin und Söhnchen Yu Yang sind auch seine Schwester und Mutti mit dabei. Am Abend fragt er spontan an, ob ich Zeit hätte, essen zu gehen. Ein kurzer Check des Terminkalenders: aber natürlich! Und für endlich mal wieder etwas Gescheites zwischen die Zähne allemal! Die Küche bietet nach meinem Gefühl immer weniger Abwechslung und von dem tranigen Geschmack vieler Speisen haben ich gründlich die Nase voll. Von den Speckschwarten, die man an den überraschendsten Stellen findet, gar nicht erst zu reden. Selbstverständlich wird da jede Chance genutzt, nach draußen zu flüchten.

Gemeinsam mit Yürgen und Susanna geht es also mit der Familie Guan zu einem der umliegenden kleinen Küchen. Der kleine Sohn ist der Star des Abends. Mutter Chenchen berichtet voller Stolz, dass der Kleine schon angefangen hat, die Nachbarskinder zu verhauen. Die haben alle Angst vor ihm, obwohl der mit seinen eineinhalb Jahren der Jüngste ist. Ein Videobeweis wird vorgelegt, auf dem zu erkennen ist, wie Klein-Guan mit einer Papp-Platte ein deutlich größeres Kind verdrischt. Ganz der Pappa.


Den Abend nicht in der Akademie zu verbringen, kommt mir noch aus einem anderen Grund sehr zu pass: nachdem ich mich langsam wieder etwas fitter und beweglicher fühle, nutze ich die unterrichtsfreie Zeit, um an den Formen herumzuüben, damit ich offene Fragen klären kann. Bei dieser Gelegenheit hatte ich ein paar Jungmänner beobachtet, wie sie Matten auf das Spielfeld vor dem Gebäude herausgeschleppt haben. Neugierig habe ich gefragt, was sie da anstellen: Krafttraining. Und ob ich nicht mitmachen will. In meinem Übermut habe ich dann mal einfach ja gesagt – dummerweise ohne vorher nach den Spielregeln gefragt zu haben. Die gingen so: 30 Sekunden Liegestütz, dann 30 Sekunden Klappmesser, dann 30 Sekunden eine Rotation der Wirbelsäule, bei der ein Fuß über den Rücken zur gegenüberliegenen Hand gebracht werden soll, der sogenannte „Skorpion". Diese Abfolge wird dann wiederholt, bis 30 Minuten voll sind.

Nach der Hälfte der Zeit ist für mich Schicht im Schacht, ich trolle mich von der Matte, nass geschwitzt und zitternd vor Anstrengung. Ich bin einfach zu alt für sowas. Aber die Herren zollen mir Respekt, dass ich überhaupt mitgemacht habe. Was für ein Trostpflaster, jetzt, wo der Muskelkater an allen Ecken und Enden zubeisst.



Familientreffen



Guan Shifu hatte sich für ein paar Tage nach Hause begeben und kommt jetzt in Begleitung seiner Lieben wieder zurück auf den Berg. Neben Gemahlin und Söhnchen Yu Yang sind auch seine Schwester und Mutti mit dabei. Am Abend fragt er spontan an, ob ich Zeit hätte, essen zu gehen. Ein kurzer Check des Terminkalenders: aber natürlich! Und für endlich mal wieder etwas Gescheites zwischen die Zähne allemal! Die Küche bietet nach meinem Gefühl immer weniger Abwechslung und von dem tranigen Geschmack vieler Speisen haben ich gründlich die Nase voll. Von den Speckschwarten, die man an den überraschendsten Stellen findet, gar nicht erst zu reden. Selbstverständlich wird da jede Chance genutzt, nach draußen zu flüchten.

Gemeinsam mit Yürgen und Susanna geht es also mit der Familie Guan zu einem der umliegenden kleinen Küchen. Der kleine Sohn ist der Star des Abends. Mutter Chenchen berichtet voller Stolz, dass der Kleine schon angefangen hat, die Nachbarskinder zu verhauen. Die haben alle Angst vor ihm, obwohl der mit seinen eineinhalb Jahren der Jüngste ist. Ein Videobeweis wird vorgelegt, auf dem zu erkennen ist, wie Klein-Guan mit einer Papp-Platte ein deutlich größeres Kind verdrischt. Ganz der Pappa.


Den Abend nicht in der Akademie zu verbringen, kommt mir noch aus einem anderen Grund sehr zu pass: nachdem ich mich langsam wieder etwas fitter und beweglicher fühle, nutze ich die unterrichtsfreie Zeit, um an den Formen herumzuüben, damit ich offene Fragen klären kann. Bei dieser Gelegenheit hatte ich ein paar Jungmänner beobachtet, wie sie Matten auf das Spielfeld vor dem Gebäude herausgeschleppt haben. Neugierig habe ich gefragt, was sie da anstellen: Krafttraining. Und ob ich nicht mitmachen will. In meinem Übermut habe ich dann mal einfach ja gesagt – dummerweise ohne vorher nach den Spielregeln gefragt zu haben. Die gingen so: 30 Sekunden Liegestütz, dann 30 Sekunden Klappmesser, dann 30 Sekunden eine Rotation der Wirbelsäule, bei der ein Fuß über den Rücken zur gegenüberliegenen Hand gebracht werden soll, der sogenannte „Skorpion". Diese Abfolge wird dann wiederholt, bis 30 Minuten voll sind.

Nach der Hälfte der Zeit ist für mich Schicht im Schacht, ich trolle mich von der Matte, nass geschwitzt und zitternd vor Anstrengung. Ich bin einfach zu alt für sowas. Aber die Herren zollen mir Respekt, dass ich überhaupt mitgemacht habe. Was für ein Trostpflaster, jetzt, wo der Muskelkater an allen Ecken und Enden zubeisst.



Freitag, 26. April 2013

Von Kröten und anderem Getier



Wieder ist eine sehr unterhaltsame Trainingswoche beendet, gekrönt vom Wochenende mit lecker Essen in der Stadt, Massage und Akupunktur. Der Meister der Nadeln, der mir letzte Woche schon sehr dringlich angekündigt hatte, sich bei meinem nächsten Besuch mal ausgiebig meiner Schulter widmen zu wollen, ist sehr überrascht: gar nicht mehr so schlimm wie letzte Woche oder gar letztes Jahr, als ich zum ersten Mal zu ihm kam. Auch die Nadeln setzt er deutlich weiter entfernt vom Kniegelenk, nachdem er erst einmal ausgiebig getestet hat – ja, es tut sich etwas! Zwei meiner Mitreisenden haben schon Knie-OPs hinter sich, offensichtlich mit mäßigem Erfolg. Meine Entscheidung, mich nicht unters Messer zu begeben sondern lieber zu schauen, was die eigentliche Ursache der Schmerzen ist, scheint nicht dumm gewesen zu sein. Wie so oft sind wohl Fehlhaltungen und -stellungen der Quell des Übels und da muss man halt massiv dran arbeiten. Und da bin ich jetzt dabei.


Ich habe mich jahrelang lieber mit schnellen Bewegungsformen hier befasst und mich immer vor dem Erlernen des hiesigen Qigongs gedrückt. Ist ja auch was für ältere Leute. Jetzt habe ich die schlimmsten Fehler der gelernten Formen ausgemerzt und schaue neugierig zu, wenn das Qigong der Fünf Tiere unterrichtet wird. Da Meister Guan im September wieder nach Mainz kommen wird und es sein ausdrücklicher Wunsch war, diese Form des Qigongs zu lehren, steige ich jetzt einfach mal ein. Diese spezielle Form des Taiyi Wuxing wird vom großen Meister Yang unterrichtet.

Er zeigt die erste Bewegung, die Schildkröte. Wunderbar, wie er das langsame Trotten des Tieres nachahmt, das typische Herausstrecken des Kopfes aus dem Panzer – ja, das hat viel mit meiner Haltung zu tun, da kann ich mich prima hineinfühlen.


Das zweite Tier, die Schlange, ist da schon deutlich komplizerter – aber als im Jahr der Schlange Geborene nehme ich auch diese Herausforderung gerne an. Sie beschäftigt uns den ganzen Tag und ich verabschiede mich leise von allen Vorurteilen, die ich gegenüber dem Qigong gepflegt hatte. Als der Meister korrigieren kommt knurrt er als erstes, weil ich nicht tief hinunter in die Knie beuge. Ja, das geht halt noch nicht. Aber es wird, Yang Shifu, es wird...





Dienstag, 23. April 2013

Auch mit Göttern kann man feilschen



Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass hier draußen trainiert wird? Und dass es auch keine Heizung gibt, so dass man sich auch nicht in ein warmes Zimmer flüchten könnte, wenn es dann doch etwas arg schattig wird?

Nein, das ist nichts für Warmduscher hier oben – wobei: immerhin die Dusche bekommt man brühheiß, wenn man das mag. Man muss sich nur erst einmal überwinden, sich nackig zu machen um drunter zu gelangen. Und nach dem Duschen steht man dann pudelnass in der Kälte. Auch etwas gewöhnungsbedürftig. Deswegen verbringe ich den Abend auch am liebsten in meinem Bett, das ich mir mit ein paar Flaschen mit heißem Wasser gefüllt, kuschelig gemacht habe. Das ist auch meine persönliche neue Kälteeinheit: gestern war eindeutig eine Drei-Flaschen-Nacht, die ich da gemütlich mit einem spannenden Film auf dem Rechner verbracht habe. Hoffentlich wird's bald wärmer, so wird das nix mit dem gesellschaftlichen Leben hier...


Yürgen hatte mich nochmals höflich, aber bestimmt, aufgefordert, endlich Zhenwu meinen Tribut zu zollen. Da haben wir schon einen ordentlichen Vorschuss an schönem Wetter bekommen und ich habe mich nicht zügig bedankt – jetzt haben wir das Sauwetter, schilt er mich. Ich gehe einen stillschweigenden Deal mit dem alten Wassergott ein: wenn er uns etwas Sonne und Wärme schenkt, gehe ich sofort ohne schuldhaftes Zögern hinauf in den Tempel und spende ein Bündel Räucherstäbchen. Versprochen!

Und nachdem ich heute morgen ungläubig blinzelnd in die Sonne geschaut habe, habe ich dann auch brav den weißen Kittel übergeworfen und mein Versprechen eingelöst. Wenn's jetzt nochmal schaurig wird, bin wenigstens nicht ich daran schuld.



Montag, 22. April 2013

1. Etappe


Die erste Woche ist bereits vergangen und sie war wirklich gut ausgefüllt. So langsam aber sicher sind die gröbsten Fehler aus der Fuchen-Form ausgemerzt und es wird Zeit, an die Überarbeitung der nächsten Formen zu gehen. Guan Shifu wird uns nun für ein paar Tage verlassen um seine Familie abzuholen. Ich freue mich schon auf den kleinen Sohn, den ich bisher noch nicht gesehen haben. Ich habe dem Kleinen politisch korrektes biologisch einwandfreies Spielzeug mitgebracht. Hoffentlich hat er etwas mehr Spaß daran als meine wählerischen Kater, die grundsätzlich alles, was gut und teuer war, mit tiefster Verachtung strafen.

Bevor Guan geht, hat er noch mein kommendes Trainingsprogramm abgesprochen. Der geduldige junge Mann, der mich bisher betreut hat, soll sich weiter um mich kümmern. Nein, wahres Glück sieht anders aus, aber jeder Job hat nunmal seine Licht- und Schattenseiten.


Nach der ersten Trainingsstunde – wieder bei bitterer Kälte – nein, ich war immer noch nicht bei Zhenwu meinen Obolus leisten – betritt Meister Yang das Übungsgelände. Yürgen hatte ihn schon einmal angesprochen und um Lehrstunden gebeten. Da hat er sich noch etwas geziert, Einzelunterricht möchte er nicht geben, aber eine Gruppe würde er schon in die Geheimnisse seines speziellen „Fünf-Tiere"-Qigongs einweihen. Dieses weicht etwas ab von der Art des Hauses. Yürgen hatte Meister Guan dazu befragt: natürlich ist seines besser, besonders für die Hüfte. Aber das Gras auf der anderen Seite ist ja bekanntlich immer grüner und als sich dann ein Grüppchen zusammenfindet, um vom großen Meister Yang zu lernen, stehe ich auch dabei.

Guan trainiert derweil – möglicherweise leicht verschnupft – mit den übrig gebliebenen Dreien, die nicht mitmachen. Haben die wenigstens Intensiv-Training.


Achja, um noch eine Frage zu beantworten: natürlich haben wir mitbekommen, dass es ein schweres Erdbeben in Sichuan gegeben hat. Wir sind davon glücklicherweise nicht betroffen. Ich bin bereits von der Deutsch-Chinesischen Freundschaftsgesellschaft angesprochen worden. Wer hier direkt etwas spenden möchte, kann sich bei mir per E-Mail melden. Ich vermittle gern.



Sonntag, 21. April 2013

Tauwetter


Nach zwei eisigen Tagen, bei denen ich feststellen konnte, dass es gar nicht so einfach ist sich zu bewegen, wenn man gekleidet ist wie ein Michelin-Männchen (die älteren werden sich erinnern...), zeigt sich endlich wieder die Sonne. Dank deren Kraft kommen die Temperaturen endlich wieder in schüchternen zweistelligen Bereich. Endlich. Ich hatte mir glücklicherweise ein paar Wollstulpen für die Beine mitgenommen, die mir hier als Handschuh-Ersatz hervorragende Dienste geleistet haben. Nun schälen wir uns im Laufe des Tage von fast allen Schichten. Da geht das Training doch gleich viel besser. Für die Vorübungen haben sich die jungen Leute wieder viel Neues einfallen lassen, um uns nicht zu langweilen: Elemente aus dem Tai Yi und Xing Yi bringen bei uns die Synapsen zum feuern. Ganz schön kompliziert, das! Macht aber auch viel Spaß, endlich mal etwas anderes als immer nur die Kicks zu trainieren. Für unsere Newbies echte Herausforderungen – wer zuvor noch nicht einmal ordentlich Taiji gelernt hat, dem schwirrt jetzt schon der Schädel. Als die ersten der Mut verliert, können wir nur trösten: jeder von uns hat seine Lieblingsprobleme, deren Lösung unsere natürliche Lebensspanne entgegensteht.Ist halt so. Das muss man annehmen und trotzdem weiter üben. Der Weg ist das Ziel.






Samstag, 20. April 2013

Wetterumschwung




Bei unserer Ankunft war strahlender Sonnenschein und die Hitze hat uns den langen, kalten deutschen Winter ganz schnell vergessen lassen. Hatte ich nicht erwähnt, weil nicht gemeckert ist ja auch schon gelobt. Nun die Rache dafür (und natürlich auch für mein Versäumnis, mich gleich bei Zhenwu wieder zurückzumelden und Räucherstäbchen anzuzünden – wie der Oster gleich bemerkt hat): Wudangwetter wie wir es kennen und verabscheuen (ich zumindest). Der Berg ist wolkenverhangen es ist feucht, kühl und unangenehm. Der angekündigte kleine Ausflug ist wg. Schlechtwetter abgesagt und ich beschließe, den freien Tag zu nutzen, um noch einmal in die Stadt zu fahren und den Akupunkteur aufzusuchen. Als dieses Vorhaben ruchbar wird, schließen sich gleich eine Handvoll Leute an und sehe mich mal wieder als Reiseleiterin. Allerdings sehe ich ein, dass der Mann mit den goldenen Händen für ein Newbie ebenso schwer zu finden ist wie die kleine Küche, in der es die köstlichen Jiaozi gibt. Ich war – und bin – ja auch immer froh, wenn mir jemand auf meiner Reise hilft und so schleppe ich die Schäfchen geduldig mit. Mutig lassen sie sich erst füttern, dann mit Nadeln stechen und anschließend von mir in ein Taxi setzen, damit sie nach Hause finden.


Für den Abend hat Yürgen bei Lao Wang, dem „kleinen Mann" Essen in seiner Restaurant-Garage bestellt. Wie der Mann sich freut, uns wieder zu sehen! Besonders einen Mitreisenden, der hier nur „Ma-Ke-Si" genannt, weil er mit seinem weißen Rauschebart eine gewisse Ähnlichkeit mit Triers berühmtesten Sohn hat. Der war auch schon mal vor 2 Jahren hier und ist allen im Gedächtnis geblieben.

Wie immer weichen die dargereichten Speisen leicht von der Bestellung ab, was aber völlig egal ist. Wir essen gut und reichlich und dann wird der berühmte aufgesetzte Schnaps des kleinen Mannes gereicht. Und auch hiervon nicht gerade wenig. Lao Wang betont bei jedem „Gan Bei" wie gut diese Medizin für Geist, Körper und Seele sei und verspricht uns für den nächsten Tag ein ungeahntes Trainingserlebnis. Daran zweifele ich keine Sekunde, schon eher an den vorhergesagten Bärenkräften, die Lao Wang uns mimisch prophezeit.


Entgegen meinen schlimmsten Befürchtungen wache ich am nächsten Morgen ohne Kopfschmerzen und Übelkeit auf. Ich preise das unverdiente Glück, auch bei den Mitzechern sind keine Ausfallerscheinungen zu beklagen. Er kann halt schon was, unser kleiner Mann. Besonders Schnaps aufsetzen.

Was weniger erfreulich ist, ist die Entwicklung des Wetters: wenn es gestern schon etwas unangenehm war, so ist es heute einfach nur eklig: es regnet und das Thermometer weigert sich, die 4 Grad-Anzeige zu überschreiten. Immerhin noch plus. Wir trainieren also wieder einmal auf den Gängen und schauen auf den lustig dahin pladdernden Regen. Wohl dem, der wie ich eine Reisedaunendecke besitzt und zusammen mit zwei mit heißem Wasser aufgefüllten Flaschen ein warmes Nest bauen kann. Dumm nur, dass man irgendwann wieder aufstehen muss. Heute morgen regnet es zwar nicht, dafür ist die Temperatur noch ein wenig gesunken. In Shanghai schneit es angeblich. In Deutschland soll es 15 Grad haben. Ach....



Mittwoch, 17. April 2013

Trainingsbeginn



Wieder einmal versucht Guan mich dazu zu animieren, doch zu unterrichten. Nach dem üblichen „No!-Yes!-No!-Yes!!"-Geplänkel, schlage ich ihm einen Deal vor: er lernt Motorrad fahren und ich werde wieder unterrichten. Da lacht der Meister und Achim, der mit Guan eine kleine Spitztour auf seiner Harley von Mainz nach Köln gemacht hat, lacht noch lauter mit. Und wieder einmal ist das Thema vertagt. Nun ist Zeit für ein Geständnis: alles, was ich je über den Puschel „Fuzhen", die Rosshaarpeitsche, und deren Handhabung gelernt habe, ist zurück zur Natur gegangen. So blumig umschreiben Chinesen der Vorgang, den wir so trocken als „Festplatte gelöscht" beschreiben. Guan glaubt es nicht und überzeugt sich. Doch, nicht gelogen. Ich besorge mir erstmal einen neuen Puschel, einige Mitstreiterinnen zu Hause wollen auch lernen und so werde ich mir diesmal Mühe geben, nicht wieder alles zu vergessen. Versprochen. Das Handwerkszeug ist schon besorgt, es kann also los gehen, wenn ich wieder da bin, Mädels!


Nach einem Trainingstag beginnt das gute alte Körpergedächtnis doch noch, sich an längst Verschüttetes zu erinnern. Am Ende bekomme ich zumindest grob die Reihenfolge der Form wieder hin – nicht schön und auch längst nicht korrekt, aber ein Anfang!.


Das schöne an einer Anreise montags ist, dass pünktlich zum Eintreffen des ersten Muskelkaters das Wochenende naht. Dieses wurde hier auf Mittwoch und Donnerstag gelegt und so wie früher bei uns auch, wird am „Samstag"-Morgen noch gearbeitet und dann ist Feierabend. Und ab geht's in die Stadt. Bis auf Achim und Niels sind in der Gruppe nur Newbies, die zum ersten Mal in China sind. Hat man auf der Fahrt hierher schon gemerkt. Wir anderen reagieren mittlerweile doch sehr stoisch auf gewagte Überholmanöver, Wenden mitten auf der Kreuzung und was sonst noch so des Landes Sitte ist. Jetzt also erstmal downtown, shoppen gehen. Die Einkaufszettel sind lang und als ich erwähne, dass ich zum Akkupunktieren gehen will habe ich schnell ein Grüppchen um mich herum, das dabei sein will. Leider kommt es anders, jede geplante Aktion dauert eine halbe Ewigkeit, der Bus kommt der spät, die Jahrestickets können nicht ausgestellt werden, das Kleiderbestellen bei der tapferen Schneiderin wird zur Oper in acht Aufzügen...nichts zu machen, heute keine Körperpflege. Glücklicherweise sind wir noch ein paar Tage hier...




Wudang Shan, 17.04.2013



Ja, auch wenn ausnahmsweise mal nicht großartig angekündigt, ohne Countdown und Posaunenbegleitung: ich habe mich mal wieder aufgemacht auf den heiligen Berg. Und von dort werde ich nun ein wenig berichten. Yürgen, mit dem ich lange Zeit das Wudang-Blog bestückt habe, schreibt nun lieber auf seiner eigenen Seite weiter, so dass ich nun mal wieder mein Blog zum Leben erwecke. Mal schauen, ob ich noch weiß, wie es geht...


Dieses Mal habe ich mich entschlossen, gemeinsam mit Yürgen und seiner Gruppe zu reisen – die Reise allein durchs ganze Land ist zwar immer sehr kurzweilig aber auch ziemlich anstrengend und so habe mal den bequemeren Weg gewählt. Die Strecke ist sehr komfortabel über Beijing gerade mal 3 Stunden Transit, dann geht es weiter nach Xiangyan, aka Xiangfan, von dort holt uns ein altersschwacher Bus, dem unterwegs beinahe die Puste ausgeht, ab und wir fahren die letzten rund 120 Kilometer bis ins Ort. Dort werden wir bereits von Judy, dem guten Geist der Akademy und ihrem Freund Niko, der sein Heimatland Österreich mittlerweile wohl eher als zweiten Wohnsitz betrachtet, erwartet. Alles funktioniert reibungslos und nach einem guten Mittagessen kommt Judy mit der drängenden Frage: „habt ihr Milchpulver dabei?"

Dazu muss ich erzählen, dass Meister Guans Knabe gerade einmal 15 Monate alt ist und auch einige uns seit langem bekannter Damen mittlerweile gesegneten Leibes oder gar schon Mütter sind. Auch daran merken wir das Alter: alles noch halbe Kinder, als wir sie kennengelernt haben...


Guan Shifu hatte mich kurz vor meiner Abreise angefunkt und darum gebeten, ihm Milchpulver mitzubringen. Kurz danach meldete sich Judy nochmal mit dem selben Begehren für eine frühere Kollegin, die ich auch noch kenne.

Vor ein paar Jahren hat es einen schlimmen Lebensmittelskandal wegen vergiftetem Milchpulver gegeben, bei dem auch einige Kinder zu Tode gekommen sind. Seit dem versuchen alle Eltern, insbesondere aus Deutschland, das Pulver von Bekannten mitgebracht zu bekommen. Dies hat bei uns schon zu Engpässen geführt – ich stand auch schon vor leeren Regalen und bin froh, doch noch ein paar Pakete ergattert zu haben. So hat jeder von unserer Gruppe zugepackt was in die Koffer ging und jetzt hat stapelt sich in Judys Büro eine ordentliche Menge des begehrten Stoffs. Wenn Guan und Coco es nicht mehr brauchen, können sie auf jeden Fall in einen schwunghaften Handel einsteigen.