Dienstag, 30. April 2013

Einstürzende Altbauten



Das derzeitige Zuhause der Akademie ist ja ein ehemaliges Pilgerheim. Nachdem man den maroden Bau – direkt nachdem man die oberste Etage luxussaniert hatte – der „alten" Akademie dem Erdboden gleich gemacht hatte, um Platz für für ein 5-Sterne-Hotel zu schaffen, hatte man hier ein paar Zimmer belegt und den Schulbetrieb aufgenommen. Tür an Tür mit den Pilgern. Das Pilgergeschäft wurde von einer resoluten Nonne abgewickelt, die Akademie von der Schulverwaltung. Auf Dauer konnte das nicht gut gehen; zu widersprüchlich waren dann doch die Erwartungen und Lebensweisen.

Nachdem man die Pilger hinauskomplimentiert hatte – mutmaßlich in die Neubauten, die rund um den Zixiaogong aus dem Boden gestampft werden – fing man an, auch hier alles aufzuhübschen und dem zahlenden Gast komfortabel herzurichten. Dort, wo früher 20 Pilger Platz fanden, ist jetzt ordentlich Raum für ein bis zwei Personen mit Dusche und WC. Das Ganze hübsch möbliert, ganz wie aus dem Ikea-Katalog in hellem Holz gehalten (wobei ich dort noch nie einen blanken Holzrahmen mit -platte, auf dem nur eine dünne Rosshaar-Matte die Härte „dämpft" gesehen habe...). Man hat gewiss eine Menge Geld in die Hand genommen, um hier ein attraktives Zuhause auf Zeit zu schaffen.

Was man dabei möglicherweise übersehen haben könnte, ist die Instandhaltung des älteren Gebäudes an sich. Nein, ich mäkele jetzt nicht an den originellen Wasserinstallationen herum, auch dass ich nur in einer bestimmten Ecke meines Zimmers Internet habe, und auch das nur zu bestimmten Zeiten – sei's drum, das ist wirklich nicht so wichtig.


Was die Sache aber wirklich spannend macht ist die Substanz des Hauses: zu Beginn unseres Aufenthalts haben wir eine kleine Ansprache bekommen über die Spielregeln an der Akademie verbunden mit der Bitte, sich bei Verlassen in einer Liste einzutragen und die voraussichtliche Heimkehr anzugeben. Dies wurde damit erklärt, dass es halt gefährlich sei in den Bergen und man sich ja schließlich verantwortlich fühlt für die unbeholfenen Gäste (nein, so haben sie das nicht gesagt, höchstens gedacht).

Der trockene Kommentar eines Briten, der schon länger hier ist: „das gefährlichste in den Bergen ist das Dach dieses Hauses!" Ein Blick nach oben: wo er Recht hat, hat er Recht. Die pittoresken Dachabschlüsse sind schon reichlich marode und je näher ich hinschaue, desto unangenehmer ist das Gefühl, direkt darunter zu stehen. Unwillkürlich mache ich einen Schritt zurück. Nicht sehr vertrauenserweckend, das.

Heute Mittag während der Meditation dann lautes Scheppern. Bei dem Lärm ist das mit der Versenkung so eine Sache. Ich verlasse den Raum und sehe wie – vergleichbar mit den Grabsteinrüttlern – jemand mit einer langen Stange an den Dachabschlüssen entlangfährt. Und da kommt einiges runter! Nun wird erst einmal die Gefahrenzone mit einem Flatterband versehen. Alles weitere wird sich fügen. Irgendwie.


Es regnet mal wieder und stürmt auch leicht. Nein, für heute ist das Training für mich beendet. Und morgen scheint hoffentlich die Sonne wieder und wir finden ein Plätzchen, wo wir gefahrlos trainieren können. Selbst wenn es im Tempel ist, wo schon die Touristen lauern.



Montag, 29. April 2013

Familientreffen



Guan Shifu hatte sich für ein paar Tage nach Hause begeben und kommt jetzt in Begleitung seiner Lieben wieder zurück auf den Berg. Neben Gemahlin und Söhnchen Yu Yang sind auch seine Schwester und Mutti mit dabei. Am Abend fragt er spontan an, ob ich Zeit hätte, essen zu gehen. Ein kurzer Check des Terminkalenders: aber natürlich! Und für endlich mal wieder etwas Gescheites zwischen die Zähne allemal! Die Küche bietet nach meinem Gefühl immer weniger Abwechslung und von dem tranigen Geschmack vieler Speisen haben ich gründlich die Nase voll. Von den Speckschwarten, die man an den überraschendsten Stellen findet, gar nicht erst zu reden. Selbstverständlich wird da jede Chance genutzt, nach draußen zu flüchten.

Gemeinsam mit Yürgen und Susanna geht es also mit der Familie Guan zu einem der umliegenden kleinen Küchen. Der kleine Sohn ist der Star des Abends. Mutter Chenchen berichtet voller Stolz, dass der Kleine schon angefangen hat, die Nachbarskinder zu verhauen. Die haben alle Angst vor ihm, obwohl der mit seinen eineinhalb Jahren der Jüngste ist. Ein Videobeweis wird vorgelegt, auf dem zu erkennen ist, wie Klein-Guan mit einer Papp-Platte ein deutlich größeres Kind verdrischt. Ganz der Pappa.


Den Abend nicht in der Akademie zu verbringen, kommt mir noch aus einem anderen Grund sehr zu pass: nachdem ich mich langsam wieder etwas fitter und beweglicher fühle, nutze ich die unterrichtsfreie Zeit, um an den Formen herumzuüben, damit ich offene Fragen klären kann. Bei dieser Gelegenheit hatte ich ein paar Jungmänner beobachtet, wie sie Matten auf das Spielfeld vor dem Gebäude herausgeschleppt haben. Neugierig habe ich gefragt, was sie da anstellen: Krafttraining. Und ob ich nicht mitmachen will. In meinem Übermut habe ich dann mal einfach ja gesagt – dummerweise ohne vorher nach den Spielregeln gefragt zu haben. Die gingen so: 30 Sekunden Liegestütz, dann 30 Sekunden Klappmesser, dann 30 Sekunden eine Rotation der Wirbelsäule, bei der ein Fuß über den Rücken zur gegenüberliegenen Hand gebracht werden soll, der sogenannte „Skorpion". Diese Abfolge wird dann wiederholt, bis 30 Minuten voll sind.

Nach der Hälfte der Zeit ist für mich Schicht im Schacht, ich trolle mich von der Matte, nass geschwitzt und zitternd vor Anstrengung. Ich bin einfach zu alt für sowas. Aber die Herren zollen mir Respekt, dass ich überhaupt mitgemacht habe. Was für ein Trostpflaster, jetzt, wo der Muskelkater an allen Ecken und Enden zubeisst.



Familientreffen



Guan Shifu hatte sich für ein paar Tage nach Hause begeben und kommt jetzt in Begleitung seiner Lieben wieder zurück auf den Berg. Neben Gemahlin und Söhnchen Yu Yang sind auch seine Schwester und Mutti mit dabei. Am Abend fragt er spontan an, ob ich Zeit hätte, essen zu gehen. Ein kurzer Check des Terminkalenders: aber natürlich! Und für endlich mal wieder etwas Gescheites zwischen die Zähne allemal! Die Küche bietet nach meinem Gefühl immer weniger Abwechslung und von dem tranigen Geschmack vieler Speisen haben ich gründlich die Nase voll. Von den Speckschwarten, die man an den überraschendsten Stellen findet, gar nicht erst zu reden. Selbstverständlich wird da jede Chance genutzt, nach draußen zu flüchten.

Gemeinsam mit Yürgen und Susanna geht es also mit der Familie Guan zu einem der umliegenden kleinen Küchen. Der kleine Sohn ist der Star des Abends. Mutter Chenchen berichtet voller Stolz, dass der Kleine schon angefangen hat, die Nachbarskinder zu verhauen. Die haben alle Angst vor ihm, obwohl der mit seinen eineinhalb Jahren der Jüngste ist. Ein Videobeweis wird vorgelegt, auf dem zu erkennen ist, wie Klein-Guan mit einer Papp-Platte ein deutlich größeres Kind verdrischt. Ganz der Pappa.


Den Abend nicht in der Akademie zu verbringen, kommt mir noch aus einem anderen Grund sehr zu pass: nachdem ich mich langsam wieder etwas fitter und beweglicher fühle, nutze ich die unterrichtsfreie Zeit, um an den Formen herumzuüben, damit ich offene Fragen klären kann. Bei dieser Gelegenheit hatte ich ein paar Jungmänner beobachtet, wie sie Matten auf das Spielfeld vor dem Gebäude herausgeschleppt haben. Neugierig habe ich gefragt, was sie da anstellen: Krafttraining. Und ob ich nicht mitmachen will. In meinem Übermut habe ich dann mal einfach ja gesagt – dummerweise ohne vorher nach den Spielregeln gefragt zu haben. Die gingen so: 30 Sekunden Liegestütz, dann 30 Sekunden Klappmesser, dann 30 Sekunden eine Rotation der Wirbelsäule, bei der ein Fuß über den Rücken zur gegenüberliegenen Hand gebracht werden soll, der sogenannte „Skorpion". Diese Abfolge wird dann wiederholt, bis 30 Minuten voll sind.

Nach der Hälfte der Zeit ist für mich Schicht im Schacht, ich trolle mich von der Matte, nass geschwitzt und zitternd vor Anstrengung. Ich bin einfach zu alt für sowas. Aber die Herren zollen mir Respekt, dass ich überhaupt mitgemacht habe. Was für ein Trostpflaster, jetzt, wo der Muskelkater an allen Ecken und Enden zubeisst.



Freitag, 26. April 2013

Von Kröten und anderem Getier



Wieder ist eine sehr unterhaltsame Trainingswoche beendet, gekrönt vom Wochenende mit lecker Essen in der Stadt, Massage und Akupunktur. Der Meister der Nadeln, der mir letzte Woche schon sehr dringlich angekündigt hatte, sich bei meinem nächsten Besuch mal ausgiebig meiner Schulter widmen zu wollen, ist sehr überrascht: gar nicht mehr so schlimm wie letzte Woche oder gar letztes Jahr, als ich zum ersten Mal zu ihm kam. Auch die Nadeln setzt er deutlich weiter entfernt vom Kniegelenk, nachdem er erst einmal ausgiebig getestet hat – ja, es tut sich etwas! Zwei meiner Mitreisenden haben schon Knie-OPs hinter sich, offensichtlich mit mäßigem Erfolg. Meine Entscheidung, mich nicht unters Messer zu begeben sondern lieber zu schauen, was die eigentliche Ursache der Schmerzen ist, scheint nicht dumm gewesen zu sein. Wie so oft sind wohl Fehlhaltungen und -stellungen der Quell des Übels und da muss man halt massiv dran arbeiten. Und da bin ich jetzt dabei.


Ich habe mich jahrelang lieber mit schnellen Bewegungsformen hier befasst und mich immer vor dem Erlernen des hiesigen Qigongs gedrückt. Ist ja auch was für ältere Leute. Jetzt habe ich die schlimmsten Fehler der gelernten Formen ausgemerzt und schaue neugierig zu, wenn das Qigong der Fünf Tiere unterrichtet wird. Da Meister Guan im September wieder nach Mainz kommen wird und es sein ausdrücklicher Wunsch war, diese Form des Qigongs zu lehren, steige ich jetzt einfach mal ein. Diese spezielle Form des Taiyi Wuxing wird vom großen Meister Yang unterrichtet.

Er zeigt die erste Bewegung, die Schildkröte. Wunderbar, wie er das langsame Trotten des Tieres nachahmt, das typische Herausstrecken des Kopfes aus dem Panzer – ja, das hat viel mit meiner Haltung zu tun, da kann ich mich prima hineinfühlen.


Das zweite Tier, die Schlange, ist da schon deutlich komplizerter – aber als im Jahr der Schlange Geborene nehme ich auch diese Herausforderung gerne an. Sie beschäftigt uns den ganzen Tag und ich verabschiede mich leise von allen Vorurteilen, die ich gegenüber dem Qigong gepflegt hatte. Als der Meister korrigieren kommt knurrt er als erstes, weil ich nicht tief hinunter in die Knie beuge. Ja, das geht halt noch nicht. Aber es wird, Yang Shifu, es wird...





Dienstag, 23. April 2013

Auch mit Göttern kann man feilschen



Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass hier draußen trainiert wird? Und dass es auch keine Heizung gibt, so dass man sich auch nicht in ein warmes Zimmer flüchten könnte, wenn es dann doch etwas arg schattig wird?

Nein, das ist nichts für Warmduscher hier oben – wobei: immerhin die Dusche bekommt man brühheiß, wenn man das mag. Man muss sich nur erst einmal überwinden, sich nackig zu machen um drunter zu gelangen. Und nach dem Duschen steht man dann pudelnass in der Kälte. Auch etwas gewöhnungsbedürftig. Deswegen verbringe ich den Abend auch am liebsten in meinem Bett, das ich mir mit ein paar Flaschen mit heißem Wasser gefüllt, kuschelig gemacht habe. Das ist auch meine persönliche neue Kälteeinheit: gestern war eindeutig eine Drei-Flaschen-Nacht, die ich da gemütlich mit einem spannenden Film auf dem Rechner verbracht habe. Hoffentlich wird's bald wärmer, so wird das nix mit dem gesellschaftlichen Leben hier...


Yürgen hatte mich nochmals höflich, aber bestimmt, aufgefordert, endlich Zhenwu meinen Tribut zu zollen. Da haben wir schon einen ordentlichen Vorschuss an schönem Wetter bekommen und ich habe mich nicht zügig bedankt – jetzt haben wir das Sauwetter, schilt er mich. Ich gehe einen stillschweigenden Deal mit dem alten Wassergott ein: wenn er uns etwas Sonne und Wärme schenkt, gehe ich sofort ohne schuldhaftes Zögern hinauf in den Tempel und spende ein Bündel Räucherstäbchen. Versprochen!

Und nachdem ich heute morgen ungläubig blinzelnd in die Sonne geschaut habe, habe ich dann auch brav den weißen Kittel übergeworfen und mein Versprechen eingelöst. Wenn's jetzt nochmal schaurig wird, bin wenigstens nicht ich daran schuld.



Montag, 22. April 2013

1. Etappe


Die erste Woche ist bereits vergangen und sie war wirklich gut ausgefüllt. So langsam aber sicher sind die gröbsten Fehler aus der Fuchen-Form ausgemerzt und es wird Zeit, an die Überarbeitung der nächsten Formen zu gehen. Guan Shifu wird uns nun für ein paar Tage verlassen um seine Familie abzuholen. Ich freue mich schon auf den kleinen Sohn, den ich bisher noch nicht gesehen haben. Ich habe dem Kleinen politisch korrektes biologisch einwandfreies Spielzeug mitgebracht. Hoffentlich hat er etwas mehr Spaß daran als meine wählerischen Kater, die grundsätzlich alles, was gut und teuer war, mit tiefster Verachtung strafen.

Bevor Guan geht, hat er noch mein kommendes Trainingsprogramm abgesprochen. Der geduldige junge Mann, der mich bisher betreut hat, soll sich weiter um mich kümmern. Nein, wahres Glück sieht anders aus, aber jeder Job hat nunmal seine Licht- und Schattenseiten.


Nach der ersten Trainingsstunde – wieder bei bitterer Kälte – nein, ich war immer noch nicht bei Zhenwu meinen Obolus leisten – betritt Meister Yang das Übungsgelände. Yürgen hatte ihn schon einmal angesprochen und um Lehrstunden gebeten. Da hat er sich noch etwas geziert, Einzelunterricht möchte er nicht geben, aber eine Gruppe würde er schon in die Geheimnisse seines speziellen „Fünf-Tiere"-Qigongs einweihen. Dieses weicht etwas ab von der Art des Hauses. Yürgen hatte Meister Guan dazu befragt: natürlich ist seines besser, besonders für die Hüfte. Aber das Gras auf der anderen Seite ist ja bekanntlich immer grüner und als sich dann ein Grüppchen zusammenfindet, um vom großen Meister Yang zu lernen, stehe ich auch dabei.

Guan trainiert derweil – möglicherweise leicht verschnupft – mit den übrig gebliebenen Dreien, die nicht mitmachen. Haben die wenigstens Intensiv-Training.


Achja, um noch eine Frage zu beantworten: natürlich haben wir mitbekommen, dass es ein schweres Erdbeben in Sichuan gegeben hat. Wir sind davon glücklicherweise nicht betroffen. Ich bin bereits von der Deutsch-Chinesischen Freundschaftsgesellschaft angesprochen worden. Wer hier direkt etwas spenden möchte, kann sich bei mir per E-Mail melden. Ich vermittle gern.



Sonntag, 21. April 2013

Tauwetter


Nach zwei eisigen Tagen, bei denen ich feststellen konnte, dass es gar nicht so einfach ist sich zu bewegen, wenn man gekleidet ist wie ein Michelin-Männchen (die älteren werden sich erinnern...), zeigt sich endlich wieder die Sonne. Dank deren Kraft kommen die Temperaturen endlich wieder in schüchternen zweistelligen Bereich. Endlich. Ich hatte mir glücklicherweise ein paar Wollstulpen für die Beine mitgenommen, die mir hier als Handschuh-Ersatz hervorragende Dienste geleistet haben. Nun schälen wir uns im Laufe des Tage von fast allen Schichten. Da geht das Training doch gleich viel besser. Für die Vorübungen haben sich die jungen Leute wieder viel Neues einfallen lassen, um uns nicht zu langweilen: Elemente aus dem Tai Yi und Xing Yi bringen bei uns die Synapsen zum feuern. Ganz schön kompliziert, das! Macht aber auch viel Spaß, endlich mal etwas anderes als immer nur die Kicks zu trainieren. Für unsere Newbies echte Herausforderungen – wer zuvor noch nicht einmal ordentlich Taiji gelernt hat, dem schwirrt jetzt schon der Schädel. Als die ersten der Mut verliert, können wir nur trösten: jeder von uns hat seine Lieblingsprobleme, deren Lösung unsere natürliche Lebensspanne entgegensteht.Ist halt so. Das muss man annehmen und trotzdem weiter üben. Der Weg ist das Ziel.






Samstag, 20. April 2013

Wetterumschwung




Bei unserer Ankunft war strahlender Sonnenschein und die Hitze hat uns den langen, kalten deutschen Winter ganz schnell vergessen lassen. Hatte ich nicht erwähnt, weil nicht gemeckert ist ja auch schon gelobt. Nun die Rache dafür (und natürlich auch für mein Versäumnis, mich gleich bei Zhenwu wieder zurückzumelden und Räucherstäbchen anzuzünden – wie der Oster gleich bemerkt hat): Wudangwetter wie wir es kennen und verabscheuen (ich zumindest). Der Berg ist wolkenverhangen es ist feucht, kühl und unangenehm. Der angekündigte kleine Ausflug ist wg. Schlechtwetter abgesagt und ich beschließe, den freien Tag zu nutzen, um noch einmal in die Stadt zu fahren und den Akupunkteur aufzusuchen. Als dieses Vorhaben ruchbar wird, schließen sich gleich eine Handvoll Leute an und sehe mich mal wieder als Reiseleiterin. Allerdings sehe ich ein, dass der Mann mit den goldenen Händen für ein Newbie ebenso schwer zu finden ist wie die kleine Küche, in der es die köstlichen Jiaozi gibt. Ich war – und bin – ja auch immer froh, wenn mir jemand auf meiner Reise hilft und so schleppe ich die Schäfchen geduldig mit. Mutig lassen sie sich erst füttern, dann mit Nadeln stechen und anschließend von mir in ein Taxi setzen, damit sie nach Hause finden.


Für den Abend hat Yürgen bei Lao Wang, dem „kleinen Mann" Essen in seiner Restaurant-Garage bestellt. Wie der Mann sich freut, uns wieder zu sehen! Besonders einen Mitreisenden, der hier nur „Ma-Ke-Si" genannt, weil er mit seinem weißen Rauschebart eine gewisse Ähnlichkeit mit Triers berühmtesten Sohn hat. Der war auch schon mal vor 2 Jahren hier und ist allen im Gedächtnis geblieben.

Wie immer weichen die dargereichten Speisen leicht von der Bestellung ab, was aber völlig egal ist. Wir essen gut und reichlich und dann wird der berühmte aufgesetzte Schnaps des kleinen Mannes gereicht. Und auch hiervon nicht gerade wenig. Lao Wang betont bei jedem „Gan Bei" wie gut diese Medizin für Geist, Körper und Seele sei und verspricht uns für den nächsten Tag ein ungeahntes Trainingserlebnis. Daran zweifele ich keine Sekunde, schon eher an den vorhergesagten Bärenkräften, die Lao Wang uns mimisch prophezeit.


Entgegen meinen schlimmsten Befürchtungen wache ich am nächsten Morgen ohne Kopfschmerzen und Übelkeit auf. Ich preise das unverdiente Glück, auch bei den Mitzechern sind keine Ausfallerscheinungen zu beklagen. Er kann halt schon was, unser kleiner Mann. Besonders Schnaps aufsetzen.

Was weniger erfreulich ist, ist die Entwicklung des Wetters: wenn es gestern schon etwas unangenehm war, so ist es heute einfach nur eklig: es regnet und das Thermometer weigert sich, die 4 Grad-Anzeige zu überschreiten. Immerhin noch plus. Wir trainieren also wieder einmal auf den Gängen und schauen auf den lustig dahin pladdernden Regen. Wohl dem, der wie ich eine Reisedaunendecke besitzt und zusammen mit zwei mit heißem Wasser aufgefüllten Flaschen ein warmes Nest bauen kann. Dumm nur, dass man irgendwann wieder aufstehen muss. Heute morgen regnet es zwar nicht, dafür ist die Temperatur noch ein wenig gesunken. In Shanghai schneit es angeblich. In Deutschland soll es 15 Grad haben. Ach....



Mittwoch, 17. April 2013

Trainingsbeginn



Wieder einmal versucht Guan mich dazu zu animieren, doch zu unterrichten. Nach dem üblichen „No!-Yes!-No!-Yes!!"-Geplänkel, schlage ich ihm einen Deal vor: er lernt Motorrad fahren und ich werde wieder unterrichten. Da lacht der Meister und Achim, der mit Guan eine kleine Spitztour auf seiner Harley von Mainz nach Köln gemacht hat, lacht noch lauter mit. Und wieder einmal ist das Thema vertagt. Nun ist Zeit für ein Geständnis: alles, was ich je über den Puschel „Fuzhen", die Rosshaarpeitsche, und deren Handhabung gelernt habe, ist zurück zur Natur gegangen. So blumig umschreiben Chinesen der Vorgang, den wir so trocken als „Festplatte gelöscht" beschreiben. Guan glaubt es nicht und überzeugt sich. Doch, nicht gelogen. Ich besorge mir erstmal einen neuen Puschel, einige Mitstreiterinnen zu Hause wollen auch lernen und so werde ich mir diesmal Mühe geben, nicht wieder alles zu vergessen. Versprochen. Das Handwerkszeug ist schon besorgt, es kann also los gehen, wenn ich wieder da bin, Mädels!


Nach einem Trainingstag beginnt das gute alte Körpergedächtnis doch noch, sich an längst Verschüttetes zu erinnern. Am Ende bekomme ich zumindest grob die Reihenfolge der Form wieder hin – nicht schön und auch längst nicht korrekt, aber ein Anfang!.


Das schöne an einer Anreise montags ist, dass pünktlich zum Eintreffen des ersten Muskelkaters das Wochenende naht. Dieses wurde hier auf Mittwoch und Donnerstag gelegt und so wie früher bei uns auch, wird am „Samstag"-Morgen noch gearbeitet und dann ist Feierabend. Und ab geht's in die Stadt. Bis auf Achim und Niels sind in der Gruppe nur Newbies, die zum ersten Mal in China sind. Hat man auf der Fahrt hierher schon gemerkt. Wir anderen reagieren mittlerweile doch sehr stoisch auf gewagte Überholmanöver, Wenden mitten auf der Kreuzung und was sonst noch so des Landes Sitte ist. Jetzt also erstmal downtown, shoppen gehen. Die Einkaufszettel sind lang und als ich erwähne, dass ich zum Akkupunktieren gehen will habe ich schnell ein Grüppchen um mich herum, das dabei sein will. Leider kommt es anders, jede geplante Aktion dauert eine halbe Ewigkeit, der Bus kommt der spät, die Jahrestickets können nicht ausgestellt werden, das Kleiderbestellen bei der tapferen Schneiderin wird zur Oper in acht Aufzügen...nichts zu machen, heute keine Körperpflege. Glücklicherweise sind wir noch ein paar Tage hier...




Wudang Shan, 17.04.2013



Ja, auch wenn ausnahmsweise mal nicht großartig angekündigt, ohne Countdown und Posaunenbegleitung: ich habe mich mal wieder aufgemacht auf den heiligen Berg. Und von dort werde ich nun ein wenig berichten. Yürgen, mit dem ich lange Zeit das Wudang-Blog bestückt habe, schreibt nun lieber auf seiner eigenen Seite weiter, so dass ich nun mal wieder mein Blog zum Leben erwecke. Mal schauen, ob ich noch weiß, wie es geht...


Dieses Mal habe ich mich entschlossen, gemeinsam mit Yürgen und seiner Gruppe zu reisen – die Reise allein durchs ganze Land ist zwar immer sehr kurzweilig aber auch ziemlich anstrengend und so habe mal den bequemeren Weg gewählt. Die Strecke ist sehr komfortabel über Beijing gerade mal 3 Stunden Transit, dann geht es weiter nach Xiangyan, aka Xiangfan, von dort holt uns ein altersschwacher Bus, dem unterwegs beinahe die Puste ausgeht, ab und wir fahren die letzten rund 120 Kilometer bis ins Ort. Dort werden wir bereits von Judy, dem guten Geist der Akademy und ihrem Freund Niko, der sein Heimatland Österreich mittlerweile wohl eher als zweiten Wohnsitz betrachtet, erwartet. Alles funktioniert reibungslos und nach einem guten Mittagessen kommt Judy mit der drängenden Frage: „habt ihr Milchpulver dabei?"

Dazu muss ich erzählen, dass Meister Guans Knabe gerade einmal 15 Monate alt ist und auch einige uns seit langem bekannter Damen mittlerweile gesegneten Leibes oder gar schon Mütter sind. Auch daran merken wir das Alter: alles noch halbe Kinder, als wir sie kennengelernt haben...


Guan Shifu hatte mich kurz vor meiner Abreise angefunkt und darum gebeten, ihm Milchpulver mitzubringen. Kurz danach meldete sich Judy nochmal mit dem selben Begehren für eine frühere Kollegin, die ich auch noch kenne.

Vor ein paar Jahren hat es einen schlimmen Lebensmittelskandal wegen vergiftetem Milchpulver gegeben, bei dem auch einige Kinder zu Tode gekommen sind. Seit dem versuchen alle Eltern, insbesondere aus Deutschland, das Pulver von Bekannten mitgebracht zu bekommen. Dies hat bei uns schon zu Engpässen geführt – ich stand auch schon vor leeren Regalen und bin froh, doch noch ein paar Pakete ergattert zu haben. So hat jeder von unserer Gruppe zugepackt was in die Koffer ging und jetzt hat stapelt sich in Judys Büro eine ordentliche Menge des begehrten Stoffs. Wenn Guan und Coco es nicht mehr brauchen, können sie auf jeden Fall in einen schwunghaften Handel einsteigen.