Montag, 13. Mai 2013

Abschied


Tatsächlich ist schon wieder der letzte Tag angebrochen. Am Abend wurden Yürgen, Szusza und ich nochmal von Meister Guan zu einem wunderbaren Essen eingeladen und wir konnten gemeinsam im Kreise der Familie noch einmal das Zusammensein bei lauen Temperaturen unter klarem Sternenhimmel genießen. Etwas wehmütig haben wir auf dem Heimweg noch einmal die „Sieben Sterne" am Himmel und die typischen Bergzüge bewundert.
Wie war es diesmal? Es war wie so oft und doch anders. Also wie immer. Ich bin in einem ziemlich desolaten Zustand angereist. Berufliche Turbulenzen hatten mich sehr viel Kraft und Nerven gekostet und der Berg hat eine gute Woche gebraucht, um mich wieder in die Bahn zu schubsen. Lange aufgeschobenes habe ich endlich nachholt und neben dem Tai Yi Wuxing-Qigong regelmäßig Meditation geübt (was mir nicht wirklich liegt) und stelle fest: es funktioniert Auch wenn man nicht dran glaubt. Obwohl sich das Training sehr verändert hat und nach meinem Gefühl nicht mehr so körperlich herausfordernd ist, wie ich es von vergangenen Aufenthalten kenne, so fühle ich mich dennoch erheblich gestärkt und viel beweglicher als bei meiner Ankunft. Da hat natürlich auch der Zauberer mit seinen Nadeln und den magischen Händen einiges dazu beigetragen. Ich verspreche mir, dass die Mühe nicht umsonst gewesen sein soll. Ich werde versuchen, so viel wie möglich zu Hause zu konservieren. Schließlich will ich Guan, der im September wieder nach Deutschland kommt, keine Schande bereiten.



Was mich etwas irritiert sind die vielen „neuen" Formen, die nun gelehrt werden. Diese sind zum Teil noch nicht einmal den Lehrern wirklich vertraut und so habe ich ein paarmal beobachtet, wie die Ausführung bestimmter Bewegungen im Kollegium heftig diskutiert und dann wohl laut Mehrheitsbeschluss abgesegnet wurden. Die „alten" Formen, wie ich sie noch gelernt habe, werden kaum noch – nur auf ausdrücklichen Wunsch hin – unterrichtet. Man sieht seltener Taiji-Übende, vielmehr wird Taiyi, Xingyi und Bagua trainiert. Wie mag sich Meister Guan dabei fühlen, der so viel Herzblut nicht nur in die Ausbildung der Schüler sondern auch der jungen Lehrer gesteckt hat? Nun dreht sich vieles um die Lehrinhalte, die Meister Yang mitgebracht hat. Sicherlich ein großer Könner, auch wenn ich ihn beim Unterrichten des Qigongs mehr als „Vorzeiger" denn als Lehrer erlebt habe.
Ich frage vorsichtig bei Guan nach. Er lacht zwar und antwortet, dass er ja immer noch da sei und seine Formen ja nicht verlernt hat, sie also weiter unterrichten kann. Aber ein Hauch Bitterkeit ist schon dabei. Vielleicht meint er auch, dass er schon einige Lehrer hat kommen und gehen gesehen.
Es bleibt auf jeden Fall spannend auf dem heiligen Berg, von Stillstand ist hier nichts zu spüren.
Und so machen wir uns morgen auf die Reise Richtung Beijing, weg von der Stille und Klarheit der Berge, hinein in den Moloch – der Kontrast könnte kaum größer sein.
Ein leises „Zaijian" unseren Freunden in Wudang Shan. Wir sehen uns im nächsten Jahr.


Samstag, 11. Mai 2013

Pflugscharen zu Schwertern


Als wir gerade angekommen waren, wurde uns angeboten, „customized" Schwerter, also Waffen die auf unsere Körpergröße genau abgestimmt und mit unserem Namen versehen sind, zu erwerben.
Meister Yang hat beim Lehrplan der Akademie ziemlich auf- und umgeräumt, so dass wir nun ziemlich viel Tai Yi, Xing Yi und Bagua beigebracht bekommen, das Tai Yi Wu Xing-Qigong wurde auch „zurück zum Ursprung" gebracht und ja, auch eine neue Schwertform war dabei, bestehend aus stolzen 72 Einzelbewegungen. Das war mir für einen Monat einfach zu stramm, mir sollen erst einmal meine 36 Bewegungen genügen; ich habe noch eine weitere Schwertform gelernt, die nicht aus Wudang stammt und weder kurz noch anspruchslos ist. Da habe ich noch viel dran zu arbeiten.
So bin ich halt nicht wie Yürgen und Szusza jeden Abend nach dem Abendessen nochmal hoch in den Tempel getrottet um mir da noch mehr Lernstoff druckzubetanken. War auch so schon genug, was ich dann lieber abends alleine in der Akademie nachzuackern hatte.
Aber so ein Schwert...auch wenn ich nicht zur Gruppe gehöre...muss!
Uns wurde zunächst verheißen, dass wir die guten Stücke innerhalb einer Woche hätten. Nach der dritten Wochen mochten wir auch nicht mehr fragen, aber etwas unglücklich waren wir schon: der Tag der Abreise rückt immer näher und ich hätte schon gerne in der verbliebenen Zeit noch ein wenig an meiner Form gefeilt.
Gestern Abend zu schon fast nachtschlafender Zeit klopfte es dann plötzlich: strahlend stand der junge Mann, der die Abwicklung gemanagt hatte und uns schon kaum noch in die Augen schauen mochte, vor der Tür: die Schwerter sind da. Das ist wie Weihnachten, ein größeres Paket steht bei ihm im Zimmer bereit. Schnell finde ich mein Schwert, das zwar nicht Excalibur heißt, sondern Xiaomo und bin sehr angetan von der guten Verarbeitung. Das ist schon etwas ganz anderes als mein altes Übungsschwert, das ich zwar sehr schätze, aber leider Rost ansetzt. Wir haben Glück, unsere drei Schwerter sind alle so geworden wie bestellt – im Gegensatz zu einigen anderen: da wurden munter Nachnamen und Vornamen durcheinandergebracht, die Maße vertauscht. Ganz schlecht: die Besteller sind schon wieder zu Hause und haben wenig Chancen, die Fehler zu reklamieren.
Heute habe ich nun zum ersten Mal die neue Waffe in der Hand. Etwas schwerer als mein altes, auch länger – sehr ungewohnt. Probeweise übe ich ein paar Schnitte und Stiche. Mmh. Egal. Mal schauen, was nach fast sechs Wochen Trainingspause noch von meiner Schwertform übrig ist. Es gab da ein paar Ecken, die mir auf einmal Schwierigkeiten bereitet haben, aber jetzt kann ich ja wenigstens fragen. Ich setze an und beginne langsam die Form zu laufen. Hui, das geht aber gut! Auch über die Holperstücke komme ich – vielleicht nicht ganz korrekt aber auf jeden Fall fließend – hinweg. Toll, ich bin begeistert. Aber es ist ja auch ein Xiaomo-Schwert.


Donnerstag, 9. Mai 2013

Folterkammer


Schon wieder rückt das Wochenende näher. In den letzten Tagen hat es kräftig geregnet, so dass ein Training im Tempel nicht möglich war und wir kaum aus der Akademie herausgekommen sind. Langsam macht sich leichter Lagerkoller breit, höchste Zeit, mal wenigstens in die Stadt zu flüchten, wo ich – neben dem obligaten Besuch des Massage-Akupunkteurs – auch eine Lehrerin unseres Vereins treffen will. Sie wurde letztes Jahr als Meisterschülerin von Tian Liyang, der sich in Deutschland seit einem Fernsehbericht mit dem Titel „Der Meister von Wudang Shan" hoher Bekanntheit erfreut, anerkannt. Dieses Jahr wird er sie zum ersten Mal zu Hause in Kiedrich besuchen und dort unterrichten. Ich hoffe, dass ich auch Gelegenheit habe, ihn kennen zu lernen. Wenn ich es schon nicht hier schaffe, mal in der Schule, die etwa 10 Minuten Busfahrt von der Stadt aus liegt, vorbeizuschauen...



Ich rechne kurz den Zeitbedarf durch: mit Birte essen, Massage und Akupunktur, Einkaufen...das wird ziemlich knapp, da wir ja zumindest den letzten Bus in die Berge bekommen müssen und der fährt gegen 18.00 Uhr. Eigentlich habe ich auch keine große Lust, im Regen in den Wandelgängen herumzupatschen, die morgendlichen Kräftigungsübungen im Meditationsraum haben meinen Bedarf gedeckt. Ich beschließe, die letzte Stunde zu schwänzen und auch meine kniegeschädigte Begleiterin ist nicht schwer zu überzeugen und so huschen wir davon – kurz angehalten beim Lehrer: „wo wollt ihr denn hin?" - Leidensmiene, mimische Darstellung von Nadeln ins Knie – alles klar, wir dürfen verschwinden.
Nachdem wir alle Besorgungen erledigt haben, können wir ganz entspannt die hervorragenden Jiaozi in der Wudang-Lu genießen. Wie lecker die hier sind, hat sich wohl herumgesprochen. Letztes Jahr kannte diesen kleinen Laden noch niemand; wir sind hier von unserem Meister Guan eingeführt worden. Ich habe ihn Birte vorgestellt (und sie mir dafür den Masseur) und ja, so dauert es nur wenige Minuten und der Laden ist voller Laowais. Und zwar nur Deutsche aus den unterschiedlichsten Schulen. Faszinierend. Wir sitzen im Tisch zusammen mit einem Schüler von Ismet Himet, einem Deutschen aus Berlin, der meines Wissens der einzige Ausländer hier ist, der selbst eine Schule hat. Ich habe ihn kürzlich im Bus gesehen – allerdings am anderen Ende, so dass ich ihn nicht sprechen konnte. Auch eine Schule, die ich eigentlich besuchen wollte. Aber die Zeit hier ist halt so verdammt knapp...



Gestärkt begeben wir uns zum Mann mit den goldenen Händen. Einer unserer Mitschüler, der sich gestern bei den Kicks eine ziemlich fiese Zerrung eingefangen hat, liegt schon da und stöhnt leise. Ich lasse mich erst einmal von der Gattin des Meisters durchkneten. Unglaublich, wieviel Kraft in diesen niedlichen kleinen Mausepfötchen steckt. Und wie sie mit den spitzen Fingerchen immer kräftig in jede Verspannung bohren kann. Traumhaft. Aber gejammert wird hier nicht. Nach fast einer Stunde darf ich mich dann umdrehen, damit der Meister Löcher bohren kann. Jetzt habe ich einen tollen Ausblick und sehe, wie zwei Mädchen auf meinem Mitschüler herumturnen. Er trägt's stoisch. Dass ich einen Lacher ernte, als ich auf chinesisch nachfrage, ob er schon weint, kriegt er glücklicherweise nicht mit. Als der Chef aber dann die Akupunkturnadeln für ihn auspackt, vergeht mir die Spottlust: gute 15 Zentimeter sind die Folterinstrumente lang, die für ihn bestimmt sind. Als er meine schreckensweiten Augen sieht, erklärt der Meister, dass er sich durch dicke Muskeln bohren muss. Auch das versteht Niels nicht und sehen kann er die Nadeln auch nicht. Ich schlucke trocken, als ich sehe, wie die Nadeln bis zum Ansatz im weichen Fleisch der Hinterbacken verschwinden. Hoffentlich habe ich niemals eine Verletzung, die so einen Einsatz erfordert. Auch will ich mich nie mehr beklagen, dass es manchmal etwas ziept, wenn meine Nädelchen ins Scharnier gesetzt werden. Auch keine hübscher Anblick, wie meine Nachbarin versichert. Und so warten wir drei Igel nun gespickt und unter Strom gesetzt, bis die Marter beendet ist. Aber der Lohn folgt bald – beinah schmerzfrei schweben wir aus der Praxis. Auf zu neuen Herausforderungen!


Montag, 6. Mai 2013

Acht Schätze à la Renato



Vor vielen Jahren habe ich hier einmal eine Teespezialität kennengelernt, die aus acht ausgewählten Früchten, Kräutern und sonstigem besteht. Mittlerweile sind die „Acht Schätze" auch in Deutschland erhältlich – natürlich zu einem horrendem Preis. Außerdem sind die einzeln abgepackten Tütchen auch mit Zucker verseucht, was ich nun überhaupt nicht mag.
Im letzten Jahr hatte mir Renato erzählt, dass er sich hier immer seine eigene Mischung zusammenstellt – nach seinem eigenen Geschmack und ungeheuer gesund. Schon damals wollte ich von ihm Zusammenstellung und Quelle wissen, hat aber aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt.
Ich hatte schon bedauert, dass er nicht hier ist um mir sein Geheimnis zu verraten. Wie so oft hier: kaum gedacht, schon taucht er auf. Und jetzt ist aber fällig: er gibt mir eine Tüte, in der die geheimnisvollen Ingredienzen enthalten sind und schickt mich mit genauen Anweisungen einkaufen. Und hier ist das Rezept (auf dem Foto im Uhrzeigersinn):


1. 桂圆 Gui Yuan (auch 龍眼 lóngyǎn)– Longan Dimocarpus longan , Frucht aus der Familie der Seifenbaumgewächse
2.  絞股藍 / 绞股蓝 Jiǎogǔlán, „Rankende Indigopflanze“,(Gynostemma pentaphyllum) Kürbisgewächs, Wirkweise wie Ginseng
3. 菊花 Jü Hua – Chrysanthemen (Chrysanthemum)Wissenschaftliche Versuche ergaben eine antibiotische Wirkung. Ebenfalls bestätigt ist eine Blutdruck senkende Wirkung.
4.  玉蝴蝶 (auch - 木蝴蝶) Yu bzw. Mu Hudie – Jade- bzw. Holzschmetterling: Samen der indischen Trompetenblume (Oroxylum indicum ); auch bekannt in der ayurvedischen Medizin
5. 银杏 Yinxing – Gingkoblätter (Ginkgo biloba) – Soll die Durchblutung und die Fließfähigkeit des Blutes verbessern
6. 红枣 Hongzao – Rote Dattel (Ziziphus jujuba). Im getrockneten Zustand gegen Erkältung
7. 猓杞子Guoqizi - Gojibeeren
8. 干柠檬 Gan ninmeng - Getrocknete Zitrone

绿茶 Lü Cha – Grüner Tee und Zucker - so sagte mir eine chinesischer Doktor - gehören auch noch zur klassischen Mischung. Ich schätze beides nicht und verzichte darauf. -
Anstatt Jiǎogǔlán kann auch Ginseng verwendet werden. Die Wirkungsweise soll die Gleiche sein.


Und wieder ein Schritt näher zur Unsterblichkeit...

Freitag, 3. Mai 2013

Alte Bekannte




Nach einem anstrengenden Ausflug in die Stadt, bei dem ich noch erfolgreich letzte Mängel beseitigen (noch ein paar dringend benötigte Trainingsschuhe, Notfallfutter für schlechte Zeiten, Kaffee und Süßwaren) und auch nochmal ein wohlschmeckendes Essen zu mir nehmen konnte, neigt sich der Tag zu Ende.


Ich hatte mich von der Gruppe getrennt, um noch mit einer Leidensgenossin gemeinsam eine Massage zu genießen und Akupunktur zu erleiden. Der Meister mochte uns gar nicht gehen lassen und als wir nach 2 Stunden das Etablissement verlassen, ist der Jiaozi-Laden schon zu. Es bleibt noch das Lokal im Supermarkt. Großes Hallo begrüßt uns: ohne es verabredet zu haben, treffen wir wieder auf den Rest der Gruppe. Die Damen sind erleichtert, weil die Hürde „Essensbestellung" doch nicht so leicht zu überwinden war. Ich lasse mich von der Fuwuyuan auf den Stand bringen. Ungewöhnliche Zusammenstellung. Ob das wohl wirklich alles so gewollt war? Ich bestelle zur Sicherheit noch ein paar Gerichte, die sich einer pantomimischen Darstellung gerne entziehen. Das stellt sich als kluge Idee heraus. Heiße Tomaten ohne irgendwas und der beliebte Ming-Kohl sind ja nicht wirklich magenfüllend. Die nachbestellten gebratenen Nudeln und lecker Auberginen haben da schon etwas mehr Substanz.


Gesättigt beobachten wir, wie ein sehr interessant aussehendes Gericht durch das Lokal getragen wird. Sieht sehr lecker aus und steht sicher nicht in meinem klugen Heftchen, in dem ich alle Gerichte, die ich gerne mag, eintrage um im Restaurant bestellen zu können, wenn ich die Speisekarte nicht lesen kann. Ich spreche eine der Bedienungen an und frage, was das denn Feines sei. Sie sagt es mir und zeigt auf die Speisekarte, wobei sie auf einen ganzen Block von Gerichten weist. Ist wohl so ein Themenkreis mit verschiedenen Varianten. Ich bitte sie darum, mir doch den Namen in mein Heft einzutragen. Dann kann ich oben jemand fragen was das ist und wie es ausgesprochen wird und beim nächsten Mal bestellen. So der Plan. Ich erkläre es ihr und sie nimmt das Heft an sich (das ist jetzt eine stark gekürzte Wiedergabe eines ziemlich langen Palavers). Nachdem lange erstmal nichts passiert, befürchte ich, sie hat mich missverstanden und lässt jetzt nochmal für uns kochen. Leicht hektisch bestelle ich die Rechnung und frage nach der jungen Frau mit meinem Heft. Ich werde an die Theke gewiesen. Da sitzt sie und malt. Ja, so muss man das nennen: in absolut sauberen, liebevoll gezeichneten Schriftzeichen wird die Speisekarte kopiert und mit Pinyin versehen, damit ich es auch aussprechen kann. Ich bin erschrocken und gerührt: so war es doch nicht gemeint – nur EIN Gericht wollte ich aufgeschrieben haben! Aber so ist es natürlich auch toll. Nun habe ich wieder einige Varianten mehr, wenn ich mal wieder für eine Tafelrunde bestellen muss. Ich bedanke mich überschwänglich und verlasse mit meinem nun noch etwas kostbareren Gerichte-Schatz das Lokal.


Oben auf dem Berg erwartet mich eine Überraschung: Anjing ist plötzlich aufgetaucht. Auch so ein kuriose Geschichte: Sie hatte früher einen Teeladen in unserer kleinen Stadt und immer wenn ich meinen Tee dort gekauft habe, haben wir uns lange über Taiji und natürlich auch über Wudang Shan unterhalten. Irgendwann wollte sie dann auch mal dorthin, zur Geburtsstätte der inneren Kampfkünste. Sie – die Chinesin – ließ sich also von mir genau erklären, wie man am besten dorthin kommt und wie da alles funktioniert. Sie ist jetzt auch schon zum zweiten Mal hier und wenn Meister Guan nach Mainz kommt und die hiesigen Speisen über ist, stehen bei Anjing immer ein paar Jiaozi und lecker Hühnerfüßchen zum Abknabbern für ihn bereit.

Ganz schön klein, so ne Welt...



Mittwoch, 1. Mai 2013

Aufbau





Ein sonniger Tag. Trotz Touristenrummel geht es wieder zum Zixiaogong-Tempel zum Trainieren. Unser entkräfteter Lehrer, der bisher die Airobic-Stunde mit uns abgehalten hat, hat sich ablösen lassen. Einer, den ich als Mitglied der Showtruppe, die im Land umherreist und Kampfkunstvorführungen zeigt, kenne, ersetzt ihn. Eigentlich ein fittes Kerlchen, wie alle hier. Beim Dehnen verzerrt er aber das Gesicht. „Jirou Tengtong" - Muskelkater? frage ich ihn teilnahmsvoll. Er bestätigt und neben mir kichert es. Einer der Jungmänner, mit denen ich auch schon Krafttraining gemacht habe. Sie haben auch ihn eingefangen.Und weil er da wohl den starken Mann spielen musste, hat er sich wohl ein wenig übernommen. Schadenfreude? Aber nicht doch!


Am Abend entschließe ich mich spontan mit ein paar Kumpels, das Essen im nahegelegenen Tianlu-Hotel einzunehmen. Das Essen in der Akademie hat einen neuen Tiefpunkt erreicht, es sind bereits einige Leute erkrankt. Die Verwaltung fühlte sich bemüßigt, die Schüler zur Vorsicht anzuhalten: kein ungewaschenes Obst essen und Vorsicht mit kalten Speisen! Ein Zusammenhang mit der Küche? Niemals!

Ich habe da eine etwas andere Auffassung. Seit Tagen nehme ich von der Schulspeisung nur Reis mit Suppe zu mir und verzichte auf die obskuren Hauptgerichte. Bisher bekommt mir das ganz gut, jetzt ist aber höchste Zeit, mal wieder etwas gescheites zu essen. Und im Tianlu gibt es neben vielen anderen Leckereien auch Pommes frites à la chinoise und auch ein gepflegtes Bier. Dafür hat das Personal auch so seine Eigenarten. Ich bekomme zwar die Bestellung für die Gruppe einigermaßen unfallfrei über die Bühne, bis ich dann noch gebratene Nudeln - „Chao mian" bestellen will. Ich versuche es in mehreren Tonhöhen. Nichts zu machen. Ich vergewissere mich im Wörterbuch – doch, alles richtig gemacht. Ich zeige auf den Eintrag. Ach so! Und nun werde ich solange gnadenlos abgehört, bis ich es richtig ausspreche. Und zwar im Hubei-Dialekt. Schließlich sind wir hier nicht in Peking!


Nun beginnt wieder das Wochenende. Am Vormittag ist noch Training und jetzt rächt es sich, dass ich unseren Vorturner ausgelacht habe. Auf dem Programm steht Krafttraining und wir müssen uns nun wirklich die freie Zeit ordentlich verdienen. Fast eineinhalb Stunden werden wir mit Liegestütz, Situps und noch jeder Menge mehr an lustigen Übungen, die Muskelkater 2.0 versprechen, versorgt. Wie schön, dass wir am zweiten Tag, wenn der Schmerz am schlimmsten ist, wieder trainieren dürfen. Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier.