Samstag, 10. Mai 2014

Sorglos

An unserem zweiten komplett freien Tag (wir können es immer noch nicht
fassen) treffen wir uns zunächst zur ordnungsgemäßen Meditation, die
uns langsam schon etwas leichter fällt. Mittlerweile ist die halbe
Stunde schon fast voll und es ist tatsächlich noch etwas „Luft nach
oben" - morgen wieder eine Minute länger. Es soll ein sehr heißer Tag
werden, so dass wir uns beeilen, unsere weiteren morgendlichen
Verrichtungen abzuarbeiten. Um kurz nach 8, bei angenehmer
Morgenfrische, ziehen wir los, alle Zutaten für ein kleines Picknick
„an der Frau", meine vorgekochte medizinische Suppe ist auch dabei.
Nun wird sich zeigen, ob die Parkverwaltung es tatsächlich in der
kurzen Zeit geschafft hat, den ganzen Weg zum Mitteltempel komplett
neu anzulegen, oder ob nur der erste Abschnitt, in dem die meisten
Touristen unterwegs sind, auf Vordermann gebracht wurde.

Um die frühe Zeit sind auch die Affen noch mit ihrer Morgentoilette
beschäftigt – wir sehen Massen in den Bäumen, auf den Wegen, im Gras –
ganze Rudel und sehr viele Jungtiere. Ich bin erleichtert, dass die
Tiere trotz des üblichen Anfütterns mit Nüsschen – was ich mir aus
gutem Grund erspart habe – nicht sehr zutraulich sind. Und so trollen
sie sich schnellstens, als wir näher kommen. Angesichts des
beachtlichen Gebisses, dass mir eines der größeren Exemplare beim
Fotografieren zeigt, bin ich da auch sehr froh drum.

Außer uns und den Affen ist bisher niemand unterwegs und so haben wir
dieses wunderschöne Tal ganz für uns. Elli kommt aus dem Fotografieren
gar nicht heraus – alle paar Minuten verkündet sie „jetzt pack' ich
aber die Kamera ein, das sind jetzt wirklich genug Wasserfälle!" um
sie dann kurze Zeit später wieder herauszuholen. Ja, schon traumhaft
hier. Und das sanfte Gurgeln des Flüsschens wirkt auch wirklich sehr
beruhigend, ja fast kühlend bei der beginnenden Hitze. Könnte ich
diese Atmosphäre doch mit nach Hause nehmen – das würde mir die
verordnete abendliche Meditation wirklich erleichtern...warum
eigentlich nicht? Ich stelle mich ans Ufer und mache kurzerhand eine
Tonaufnahme mit all dem Vogelgezwitscher und Wasserplätschern. Klingt
toll. Da mache ich jetzt eine Endlosschlaufe draus und wenn ich dann
die „Stehende Säule" gebe, bilde ich mir ein, ich wäre hier. So könnte
es gehen.


Letzter Tag

Und wieder ist die Zeit gekommen, ein letztes Mal ein riesiges Bündel
an Empfehlungen von Guan dankbar entgegenzukommen, der noch einmal die
Gelegenheit nutzt, sich ganz genau anzuschauen, was Elli und ich so
treiben. Er ist sehr angetan von den Verbesserungen, obwohl natürlich
klar ist, dass es noch jede Menge zu tun gibt. Das erklärt er am
Beispiel eines Hausbaus: zunächst die Grundmauern, dann das Dach, ganz
zum Schluss die Inneneinrichtung. Und irgendwo mittendrin wir. Wieder
einmal gibt Guan mir auf, zu unterrichten. Wieder einmal bekunde ich
höflich, es in Erwägung zu ziehen. Wieder einmal glauben weder er noch
ich, dass es dazu kommen wird.

Gegen Mittag klingelt das Telefon: mein alter Freund Pei erzählt, dass
kurz die 500 Kilometer von Wuhan hergekommen ist, nur um mich zu
treffen. Klar, lache ich, und lade ihn freudig zu unserem heutigen
Abschiedsessen ein. Damit wollen wir uns bei allen Lehrern für ihre
unendliche Geduld und Freundlichkeit bedanken. Das kenne ich von
anderen Lehrern ganz anders.
Pei spricht hervorragend deutsch und meistert auch Ellis...nun
ja...doch sehr stark regional geprägte Ansprache tadellos, so dass
endlich mal Gelegenheit ist, Dinge auszusprechen, die sonst gerne
„lost in translation" bleiben.

Am nächsten morgen, unserem letzten Training, bevor es ans
Kofferpacken geht, werden ich von Schmerzensschreien aufgeschreckt.
Eilig laufe ich in den Hof – etwas passiert?
Wie man's nimmt: hier finden die ärztlichen Konsultationen ja in aller
Öffentlichkeit und unter – angesichts der reizarmen Umgebung –
höchstem Interesse aller Insassen statt. Heute sitzt nun einer unserer
chinesischen Mitschüler auf einem Plastikhocker vor dem
Medikamentenlager und wird dort von der jungen Ärztin akupunktiert. In
den Fußrücken stecken schon zwei beachtliche Nadeln und gerade geht es
an den Kopf. Jeder Nadelstich wird mit einem lauten Schrei quittiert,
bis die Ärztin empört schimpft, dass sie doch noch gar keine Nadel
gesetzt hat. Da ist es natürlich vorbei mit dem – schon vorher nur
spärlich vorhandenem – Mitgefühl. Jetzt wird er gnadenlos ausgelacht
und als Weichei beschimpft.

Erheitert betrete ich das Büro. Wir haben unsere Zugtickets immer noch
nicht, sind aber völlig entspannt, der Zug geht ja erst heute Abend.
Ja klar, meint die junge Verwaltungsdame, alles da und händigt sie uns
aus. Na also. Ich plaudere kurz mit einer japanischen Kollegin, die
hat noch nie ein ein solches Ticket gesehen, betrachtet es - „ich
dachte ihr wolltet heute fahren?" Stille. Ungläubig starre ich auf das
Datum. Es verändert sich leider nicht unter meinem Blick. Es bleibt
bei dem morgigen Tag. Ich atme dreimal tief durch, bevor mich mit
zuckersüßer Stimme die kleine Wendy auf den winzigen Fehler aufmerksam
mache. „Oh, Mh,....könnt ihr nicht morgen fahren"? Einen Hauch
schriller erkläre ich ihr, dass das nicht so günstig wäre – das Hotel
in Beijing ist gebucht und Verabredungen sind getroffen – nein, HEUTE
wollen wir fahren. Nun setzt Hektik ein, auch wenn Guan immer wieder
vorbeischwebt und mantrahaft wiederholt „no problem". Der Schnellzug
für den Abend ist ausgebucht, endlich findet sie noch einen, der zwar
nicht ganz so flott ist, aber dafür noch zwei Schlafplätze für uns
bereit hält. Nun müssen die Tickets nur noch am Bahnhof von Shiyan
umgetauscht werden, und zwar von uns persönlich unter Vorlage der
Pässe. Darauf freue ich mich schon und das sieht Wendy mir auch an.
Bemüht, die Scharte wieder auszumerzen, wird uns ein Schüler
beigeordnet, der die Verhandlungen am Schalter übernehmen soll.

Nun ist es Zeit, zu gehen – die Koffer sind im Auto, eine letzte
Umarmung, ein letztes Winken. Aber man ist es ja schon gewohnt:
nächstes Jahr, selbe Zeit, selber Ort? Vielleicht...aber wiedersehen
werden wir uns. Zaijian, Wudang Shan!

Dienstag, 6. Mai 2014

Feiertag...

...ist heute zwar keiner, aber es fühlt sich ganz so an. Kein
Training. Den ganzen Tag lang. DIE Gelegenheit, endlich mal meinen
Haus-Masseur aufzusuchen, den ich bisher sträflich vernachlässigt habe
(bzw. mich, weil ich nicht hingegangen bin). Wir werden erfreut
begrüßt – obwohl es schon ein Jahr her ist (auch daran kann er sich
erinnern), weiß er noch in welcher Schule ich trainiere und wer mein
Lehrer ist. Und – er kramt ein wenig – meine Visitenkarte hat er auch
noch und weiß, dass sie zu mir gehört. Respekt! Ich erkläre ihm, dass
der Zeitplan in der Schule umgestellt wurde und wir nun am Sonntag den
ganzen Tag frei haben – und da arbeitet er ja sich nicht. Aber doch,
meint er fast empört – er arbeitet immer. Außer...es folgt sein ganzer
Wochenplan, wann er welchen Unterricht hat, denn er ist mittlerweile
Schüler von Meister Yuan und lernt auch Taiji. Finde ich toll, letztes
Jahr hatte er gerade mal mit ersten Qigong-Übungen angefangen und
konnte bestätigen, dass das ganz schön in die Beine gehen kann, wenn
man falsch steht. Da geht es den gestandenen Physiotherapeuten wie den
bewegungsfernen Versicherungsangestellten.
Jetzt kann er natürlich viel besser verstehen, wenn ich ihm sage, bei
welchen Schritten und Ständen ich Probleme habe. Und er findet jeden
verbogenen Muskel. Auch bei Elli, der die Frau des Meisters ihre
spitzen Finger ins Fleisch bohrt.

Nach einer Stunde verlassen wir entspannt das Studio. Ich verspreche
mir, nächstes Jahr wirklich öfter hierher zu kommen. Und dann darf er
mir auch wieder Nadeln setzen. Und unter Strom setzen. Und schröpfen
darf er auch.

Leider steht das „Jiaozi"-Projekt unter einem sehr ungünstigen Stern.
Der kleine Laden, der noch geöffnet hatte, bevor wir zur Massage
gegangen sind, hat die Rolläden schon wieder unten. Es soll wohl
dieses Mal einfach nicht sein. Dabei hatte ich mich schon so auf die
kräutergefüllten leckeren Teigtaschen gefreut. Mir fällt noch ein
weiterer Laden ein – aber es ist leider schon halb eins, und da hat
der ordentliche Chinese halt schon längst gegessen. Deshalb gibt es
auch dort keine Jiaozi mehr, nur noch Baozi, wie uns der Koch
bedauernd erzählt. Egal, jetzt haben wir Hunger, frische Nudeln hat er
auch und er zaubert uns blitzschnell eine gute nahrhafte Suppe mit
Eiern und Tomaten, die so viel Geschmack haben, wie ich es selten
erlebt habe. Ich kenne zu hause mehr so das schnittfeste Wasser,
während diese hier fast so intensiv wie Tomatenmark schmecken und
duften. Zwar keine Jiaozi aber sehr, sehr lecker.

So gesättigt sind wir auch milde gestimmt und tragen es mit Fassung,
dass die Bestellung bei der Schneiderin...nun ja...nicht ganz so
ausgefallen ist, wie wir uns das gedacht haben: die Hosen haben keine
Taschen aber dafür unten Gummibünde; der Chasuble ist nicht grau,
sondern schwarz – also alles bitte nochmal nacharbeiten. Aber die
Kranich-Stickereien sind sehr schön geworden, dafür loben wir die
tapfere Schneiderin sehr und wenn sie es jetzt noch schafft, bis
Donnerstag alles in Ordnung zu bringen und auch noch schnell ein
last-minute-Blüschen für Elli zu zaubern – weil wir dann weg sind, wie
wir ihr drei mal sagen - , dann ist alles in Ordnung.

Sonntag, 4. Mai 2014

Veränderungen


Heute letzter Trainingsvormittag vor dem langen Wochenende – da hat der eine oder andere sich gedacht, dass man sich's auch gleich schenken kann und ist weggeblieben. Die Neuen sind natürlich ordnungsgemäß angetreten, die werden auch nicht misstrauisch als es schon wieder heißt „Matten ausbreiten". Da freuen wir uns aber, denn der Muskelkater hat sich gerade in voller Pracht entfaltet. Und was hilft da am besten? Genau! Das allseits beliebte Extrem-Stretching. Wir „Erfahrenen" wurschteln uns so durch aber für den einen oder anderen Neuling ist dieses Erlebnis gleich ein ordentlicher Schreck. Ob das so weitergeht? Achwas, dabei sein ist alles und ihr gewöhnt euch auch noch dran!

Am Nachmittag ziehen wir dann los Richtung Taizi Po, der „Abhang des Prinzen" - eine wunderschöne Anlage, die wir erstmals 2005 gemeinsam besichtigt haben. Elli erinnert sich noch: es hat geregnet. Stimmt. Kommt ja hier gerne mal vor. Wir haben viel Zeit und schauen uns alles genau an. Damals wirkten die Bauwerke noch ziemlich vernachlässigt, heute sieht es hier ganz anders aus. Schade nur, dass im Tee-Laden keine Bilder und Kaligrafien mehr verkauft werden. Mir war schon vor zwei Jahren erzählt worden, dass der Maler weitergezogen ist. Und kein Maler keine Bilder. Da bin ich wirklich froh, dass ich noch eines der sehr aufwändig gestalteten „Neijing Tu"-Bilder dieses Künstlers ergattert habe.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass jenseits des Besucher-Trampelpfades noch ein weiterer, etwas verborgener Weg durch eine Art botanischer Garten führt. Ich suche und finde den Einstieg. Er führt erstmal an der Außenmauer der Gebäude entlang und da zeigt sich, dass man zunächst einmal darauf geachtet hat, dass der Touri-Bereich nett aussieht. Die Mauer von draußen dagegen...naja, sehr bedenklich. Hoffentlich lehnt sich da mal niemand dagegen. 


Wir folgen einer Treppe, die durch einen dichten Bambuswald an einer kleinen Tee-Terrasse vorbei auf eine Lichtung führt – ein wunderschöner Platz mit einem herrlichen Aussicht in die Berge. Wir sind ganz alleine hier, nur die Vögel bieten uns ein fröhliches Konzert. Das Schnattern der Touristen hinter den Mauern ist nur noch als Murmeln zu hören. Wie friedlich, obwohl die Meute doch in greifbarer Nähe ist. Hat aber den Einstieg nicht gefunden. So ein Pech.
Wir wandeln weiter durch diesen Paradiesgarten und bewundern die exotischen Bäume und duftenden Sträucher. Uralte Mauern, die in einem kunstfertigen Fischgrätmuster ohne jedes Bindemittel errichtet wurden, säumen unseren Weg.
Was für ein schauriges Erwachen, als wir wieder in der Hektik und dem Lärm des Bus-Parkplatzes ankommen.

Als wir zurück zur Schule kommen, fällt uns eine rotbemützte Gruppe auf. Rote Jäckchen haben sie auch an. So weit, so normal – chinesische Touristengruppen tragen häufig eine Einheitsbekleidung oder Kopfbedeckung, damit sie sich nicht verlieren oder wenn, dann schnell wiedergefunden werden. Aber dass sich so eine Gruppe die 206 Stufen nach unten zur Akademie bemüht, ist doch eher ungewöhnlich. In dieser Gruppe entdecke ich ein bekanntes Gesicht. Lehrer Du. Ohne rote Jacke und Mütze, einfach nur mittendrin. Am Abend spaziert diese Gruppe an uns, die wir in der Abendsonne unsere Mahlzeit auf dem Hof genießen, vorbei. Merkwürdig. Unser Sino-neuseeländischer Freund, der ein großartiger Ermittler ist, weiß aber schon Bescheid: das ist die Familie von Lehrer Du, die sich aus dem hohen Norden aufgemacht hat, um mal nachzuschauen, ob es dem Sohn, Enkel, Neffen, Cousin 15. Grades... hier auch gut geht. Und da hat die Familie wohl richtig mobil gemacht, hübsche Kleider nähen lasse, Käppchen gekauft, einen Flieger gechartert und los ging's ins f
erne Wudang Shan. Etwas erschöpft wirkte er, unser Lehrer Du. Den ganzen Tag Schüler scheuchen ist bestimmt nicht ganz so anstrengend wie die liebe Familie. So ist das wohl auf der ganzen Welt.

Samstag, 3. Mai 2014

(Doch kein) Wochenende

Während bei unserer Ankunft das Training eher gemäßigt und die Schülerzahl sehr gering war, ist nun langsam Normalität eingetreten. Es sind noch neue Gäste aus Japan und China eingetroffen, der Hof hat sich gefüllt und es wurde noch ein weiterer Lehrer abgestellt, der sich um die Schüler kümmert. Wie immer, beginnt das Training mit einer einstündigen Aufwärmphase, angeleitet jeweils im wöchentlichen Schichtwechsel von einem Lehrer. Diese Woche ist Lehrer Zhang Qi an der Reihe, der gerne Mal Grenzen austestet. Viel Bufa, also Schrittübungen, kombiniert mit Fauststößen, immer schön in tiefer Stellung. Ich erhalte Dispens für einzelne Übungen, versuche aber, soweit wie möglich mitzukommen – ist dann halt eine Light-Version, aber immerhin.

In unregelmäßigen Abständen gibt es immer hübsche Sonderstunden, in denen die Matten ausgepackt werden. Die Kenner fangen schon immer an zu stöhnen bei der bloßen Ankündigung, da ist noch gar kein Schweißtropfen geronnen. Ich tippe heute auf „extrem-Stretching" mit Spagat und allem, was den jungen Leuten noch so einfällt. Nein, falsch geraten: Krafttraining ist angesagt. Also geht's in Zweierteams an all' die wunderbaren Sachen, die man als Kind schon so im Sportunterricht geliebt hat: Situps, Liegestütz und, ja, so ein bißchen Dehnung, wenn man schon mal da unten ist...ein ordentlicher Muskelkater ist uns gewiss. Prophezeit auch der nette Lehrer Zhang mit einem Lächeln.


Wir hatten uns ja schon darauf eingestellt, heute nur einen halben Tag zu trainieren, dann Wochenende, runter in die Stadt, noch schnell ein Dutzend Dinge erledigen, ausruhen – aber das war – wieder einmal – ein Irrtum: wegen des Feiertags wird erst mal weitergemacht. Samstag volles Training, Sonntag ein halber Tag aber dann: zwei ganze Tage frei! Wir jammern zwar etwas, weil die Muskeln schon bitte gern jetzt mal Pause gehabt hätten, aber die Aussicht auf einen ganzen Tag für die Stadt – da können wir ja endlich mal zur Massage gehen. Dafür hat bisher immer die Zeit gefehlt und weil wir eigentlich den vollen Tag nicht für die dreckige Stadt verplempern wollten, sondern lieber den Ganztags-Spaziergang vom Affental zum Mitteltempel unternehmen würden, freuen wir uns, dass nun beides funktionieren könnte. Da muss die Muskulatur jetzt halt mal durch. Schaffen wir schon - Jia You!



Freitag, 2. Mai 2014

Alles fließt

Als ich am morgen Elli zur Meditation abhole, wirkt sie etwas
übernächtigt. Auf vorsichtige Nachfrage hin bestätigt sie, dass die
ersten vom Doktor angekündigten Folgen nun eingetreten sind. Naja, wir
bleiben ja auf dem Schulgelände. Während wir so friedlich stehen, höre
ich Schritte und Murmeln – Guan wird doch nicht den Weg zu uns
gefunden haben? Nach der Meditation erkenne ich, dass es Lehrer Du
war, der - selbst am Trainieren - dringenden Handlungsbedarf bei
meiner Nachbarin gesehen hat – im Stehen geschlafen hätte sie!
Nanana...

Beim späteren Trainieren kommt es noch schlimmer, Elli kommt mit
feuerroten Augen an – das Wasser fließt aus allen Kanälen; sie muss
abbrechen. Ratlosigkeit herrscht. Kurzes Konzil zwischen Guan und der
Arzthelferin, die sich die Symptome beschreiben lässt, sie freut sich:
endlich passiert etwas, und zwar genau was es soll! Interessiert
stelle ich für mich fest, dass das Erscheinungsbild, dass zuhause
einen sofortigen ärztlichen Marschbefehl ins Bett zur Folge hätte,
hier zu „Tschaka" und „high five" sorgt. Spannend. Ich gehe schnell
hoch zur Patientin und gebe kurz Entwarnung, alles so, wie es sein
soll. Kurz Ausruhen und heute mittag geht's zum Doc zur Kontrolle.

Zum Nachmittagstraining ist sie dann auch wieder fit und nach
Feierabend wird sie von Guan ins zum Sprechzimmer umfunktionierten
Tee- und Empfangsraum gebeten. Ich werde dazu gebeten, falls es
sprachliche Probleme gibt. Es dauert nicht lange, dann läuft auch
unser sino-neuseeländischer Freund vorbei, der möchte natürlich auch
gern helfen. Und gucken, wie da behandelt wird. Chenchen schneit auch
vorbei und schnell ist eine lustig schwatzende Meute versammelt,
während der Arzt hochkonzentriert und sich von dem Palaver nicht aus
der Ruhe bringen lassend den Puls misst. Er ist hochzufrieden mit dem,
was er da fühlt. Schüler Guan darf auch mal tasten und ist ganz
begeistert, wie kräftig der Puls, der noch vor zwei Tagen kaum zu
fühlen war, nun schlägt. Nun geht's an eingemachte, der Arzt möchte
sehr detaillierte Angaben über ...nun...innere Abläufe. Der Dialog
wird von allen Anwesenden aufmerksam verfolgt und kommentiert. Jeder
will helfen und weiß etwas dazu zu sagen und zu erklären.Am Ende geht
die Patientin mit der Empfehlung, Zucker, Kaltes und milchiges zu
meiden sowie der Ankündigung auf Pillen, die morgen für sie gedreht
werden, nach Hause. Ach, was geht es in unseren Sprechzimmern so
langweilig zu!

Donnerstag, 1. Mai 2014

Xia Ke – Training

Nach dem Gewaltmarsch gestern spüre ich meine Knochen mehr als mir lieb ist. Ich erinnere mich daran, wie ich mit dem Orthopäden über die geplante Reise gesprochen habe und er noch meinte „so kurz nach der OP sollten Sie auf jeden Fall Kletterpartien meiden – aber das haben Sie ja sicher nicht vor!" Nee, hatte ich nicht. Hat sich aber so ergeben. An tiefere Stände ist heute überhaupt nicht zu denken, sogar der junge Lehrer Zhang – ein ungemein liebenswürdiger, freundlicher aber auch unerbittlicher junger Mann – ist etwas gnädiger als sonst. Natürlich nicht ganz: also so ein bisschen höher geht das Bein ja schon beim Kicken und beim Kreistritt „Waibai" stellt er sich direkt vor mich, damit ich über seinen Kopf trete. Glücklicherweise ist er nicht ganz so groß, aber heftig ist es schon. Der Schweiß fließt in Strömen, aber dafür sind wir ja auch da.


Als wir uns leicht außer Atem ausruhen, kommt die nette Helferin des Arztes zu uns und fragt nach dem Befinden. Ich erzähle, dass ich seit Einnahme der Medikamente morgens pünktlich um 4.00 h glockenhellwach und schweißgebadet über dem Bett stehe. Aha. Sie fragt noch nach, ob der Schweiß kalt ist, ja, ist er. Zufrieden nickt sie. Alles im grünen Bereich. Es wirkt also. Die Frage an Elli: keinerlei Veränderung zu vorher. Sie runzelt die Stirn – nach dem Mittagessen bitte nochmal vorbeikommen, es wird noch eine Portion gekocht. Elli freut sich.


Nach der Pause stellt Lehrer Zhang sich vor mich, will die 13er Form sehen, an der ich zusammen mit Guan gewaltig gebastelt habe. Extrem langsam setze ich an, memoriere, „Haltung-Haltung-Haltung-Öffnen-Schließen-FußzehenEinrollen-Ablauf der Form nicht vergessen...", die tiefen Stellen deute ich nur an, dennoch: kurzer Applaus. Das gab's noch nie von ihm! Bevor ich mich freuen kann: „aber das Gesicht musst du auch entspannen – und nochmal!" Gesicht entspannen...mmmh...ich denke an Geschichten von Zuhause aus dem Märchenwald mit einem Troll darin. Und lächle.


 

Mittwoch, 30. April 2014

Crosstraining oder „Die Gemsen vom Wudangshan“

Ich hatte ja schon frohlockt, dass ich diesmal keine undefinierbare Brühe zu Trinken habe, sondern mit ein paar Pillen, die es zu schlucken gilt, davon komme. Als die Medikamente fertig bereitet sind, dann doch die kleine Überraschung: morgens und abends je 20 Pillen, aber Mittags, da gibt es dann doch lecker Getränk. Ergeben nehme ich die Monatsration mit liebevoll einzeln verpackten Pulversäckchen, die ich nun jeden Tag aufbrühen und vor dem Essen genießen soll. Ich trags mit Fassung. Wenn's schee macht. Elli erhält ihre Brühe; stundenlang haben die Ingredienzen geköchelt, „sieht aus wie Blaubeersaft!", sie hält die Nase drüber. Riecht wohl aber nicht ganz so. Ich nehme auch eine Nase voll. „Ach bestimmt schmeckt es nicht so schlimm", versuche ich, Mut zu machen. So ganz glaubhaft ist meine Versicherung wohl nicht, ergeben wird der Trank entgegen genommen.


Der erste Test: die Pillen sind völlig harmlos, tun nicht weh und verursachen keine Übelkeit. Das ist schonmal was. Elli trinkt mit Todesverachtung, der Geruch war wohl noch eher harmlos. Aber nach all den eher unleckeren Substanzen, die Elli schon wg. Gesundheit getestet hat, geht auch der gute Blaubeersaft. Als der Mittag naht, bei mir nun der Getränketest: riecht erstmal nach...Staub, würde ich sagen, mit einer kleine Note Moder. Wasser drauf. Abwarten. Ich darf mit Honig süßen, wenn es gar zu schlimm schmeckt, sagte der gute Doktor. Der erste Schluck: mh, ja, a bisserl süß, a bisserl bitter, ziemlich scharf im Abgang, etwas lakritzig das Ganze – auf jeden Fall trinkbar. Ich bin erleichtert. So ein Monat kann sich ganz schön ziehen.


Damit wir die Qualität dieser Medizin und natürlich auch die Mühe, die hinter ihrer Herstellung steckt, wirklich zu schätzen wissen und verstehen, warum das Zeug so teuer ist, hatte Guan ja angeregt, dass wir mal mitmarschieren und beim Sammeln und Ausbuddeln helfen. Und weil das ja für alle interessant ist, wurde der Doktor dazu verdonnert, die ganze Horde mitzunehmen, auf die geheimen Pfade. Um 14.30 h ist Abmarsch. Ich stelle mich auf locker Blümchen pflücken ein und trage nur leichte Trainingskleidung. Schon halb die Treppe herunter, fällt mir noch ein, was üblicherweise auf solche Ankündigungen wie „Spazierengehen" folgte. Man weiß ja nie, hat aber seine Erfahrungen, denke ich mir und nehme doch lieber mal den Minirucksack mit den Stöcken mit. Und eine leichte Bandage ums Knie, damit die kostbaren Kräuter-Teerpflaster, die mir der Druide gestern noch aufgeklebt hat, nicht abfallen, falls ich wider Erwarten ins Schwitzen kommen sollte. Und los geht's.


Zunächst täuscht der Doktor geschickt an und geht erstmal Richtung Treppe. Dann aber kehrt um, direkt in das Gestrüpp direkt neben dem Haus. Ganz schön steil, ein Weg ist nicht erkennbar, wir müssen erstmal über Äste und Unrat klettern, über Stock und Stein wieseln – hätte ich so ganz privat jetzt nicht gemacht, aber es ist ja oft so, dass man sich zunächst in die Büsche schlagen muss, um zum Pfad zu kommen. Und der kommt ja bestimmt gleich. Ganz bestimmt. Ganz gleich. Weiter geht die Klettertour nach oben, über Baumstämme, rutschige Steilstellen – Blick zu Elli, nee, dass glauben wir jetzt nicht, dass das so weiter geht. Als wir endlich den Bergrücken erreicht haben – Elli ziemlich außer Atem, ich noch guten Mutes – sind wir uns im Klaren darüber: da wird kein Pfad kommen, es geht weiter so, mitten durch den Wald. Und zwar ab jetzt abwärts. Für Elli kein Problem, während ich nun anfange zu pienzen. Die ersten landen auf ihrem Hosenboden, weil es so steil nach unten geht, die älteren Schüler helfen uns an kritischen Stellen, die ersten Stöcke werden geschnitzt – der große Moment für meine Falt-Stöcke. Die Rettung. Unter den neidischen Blicken meiner Klassenkollegen gelingt es mir, mich soweit zu stützen, dass ich nicht ständig auf dem Hintern lande. Passiert natürlich trotzdem oft genug, wir sehen bald aus wie Schweine, aber die Stimmung ist gut. Elli stimmt sogar Wanderlieder an – ob Thüringer Wald oder Wudang-Berge bleibt sich ja letztlich gleich.

Zwischendurch werden immer mal wieder Wurzeln ausgebuddelt, das betrifft uns aber eher nicht, wir sind mit unserem Überlebenskampf beschäftigt. Mit dickem Hals sehen wir zu, wie der ältere Doktor völlig ungerührt voranschreitet. Allerdings ist er ja auch von hier. Genauso wie die Kleinen, die wie die Äffchen durch den Wald springen und nicht einmal einen Blick für den Abhang, der ziemlich steil nach unten geht, haben.

Als endlich der Rückweg eingeleitet wird, erkennen wir bald bekannte Stellen wieder: hier hatten Elli und ich zum fünften Mal beschlossen, dass wir umkehren, da habe ich in die Dornen gegriffen, dort haben wir uns beide blaue Flecken am Hintern geholt...und da, ja, die heimische Müllhalde – nie war der Anblick so willkommen!


Als wir im Hof Guan treffen, der uns ob unseren desolaten Zustands herzhaft auslacht und auch noch fragt, was wir denn schönes an Kräutern mitgebracht haben, erhält er von mir eine längere Antwort, die ich vorsichtshalber auf Deutsch mit vielen schwäbischen Kraftausdrücken garniert, formuliere. Wenn wir gewusst hätten, was auf uns zukommt, hätten wir uns nie auf diese abenteuerliche Tour eingelassen. Eben, meint Guan. Und ihr hättet nie festgestellt, dass ihr das schafft. Wo er recht hat, hat er recht.



Dienstag, 29. April 2014

Der Wunderheiler

Der heutige Morgen startete wie angedroht mit einer Meditation unter den strengen Blicken von Meister Guan. Er stellt uns neben einen plätschernden Brunnen und weist uns an, erstmal auf das Wasser zu lauschen und dann uns vorzustellen, wie das Wasser über den Baihui-Punkt auf dem Kopf in uns hineinfließt und reinigt. Meditative Morgendusche also. Wir geben unser bestes, schaffen es aber beide nicht, die vorgegebene Zeit abzuleisten. Guan ist etwas enttäuscht und gibt uns noch weitere Ratschläge, wie es uns morgen gelingen soll, die Geräusche von außen wahrzunehmen und an ihren Platz zu verweisen. Draußen bleiben. Und außerdem hat er fest vor, bei seinem Seminar in Deutschland ausgiebig meditieren zu lassen. Gut, wenn er es denn will. Ich beschließe, morgen mit Freude an die Sache heranzugehen. Machen muss ich es ja sowieso. Da kann ich es auch freudig tun. Wird dann vielleicht sogar einfacher.


Am Mittag reisen wir nochmal kurz nach Nanyan, um dort ein letztes Päckchen Jiaogulan vor der Abreise zu besorgen. Mittlerweile bin ich „hao pengyou", also guter Freund, des Händlers. Er knöpft mir zwar sicherlich immer noch viel zu viel ab, aber er tut es mit einem strahlenden Lächeln und drückt uns beiden noch je eine Flasche Wasser in die Hand. Als Wegzehrung für die lange Reise. Mindestens 7 Minuten mit dem Bus.

Die Busse sind hier alle mit ordentlich Technik ausgestattet; kein chinesischer Bus ohne Video-Entertainment. Normalerweise läuft eine Endlosschlaufe mit Aufnahmen der Berge und von irgendwelchen Taiji-Vorführungen. Heute mal Kontrastprogramm: mir war schon aufgefallen, dass seit neuestem die Busse mit Sicherheitsgurten ausgestattet sind. Legt natürlich keiner an. Da dachte man sich, es wäre doch nett, wenn man die Passagiere mal ordentlich zum Thema einstimmt. Es fängt ganz harmlos an mit einem putzigen kleinen Bären, der einen Gurt um den kugelrunden Bauch trägt und – wahrscheinlich – erzählt, wie toll Sicherheitsgurte sind und welch schrecklichen Folgen sie verhindern können.Dann wird eine Schippe draufgeworfen: jetzt wird eine attraktive junge Dame gezeigt, die - natürlich nicht angeschnallt - einen Auffahrunfall erlebt. In Zeitlupe wird der Moment des Anstoßes gezeigt und wie das Leben vor dem inneren Auge der Dame vorbeizieht. Kurz vor Schluss dann Abbruch, sie legt den Gurt an, erleichtert, wie einfach solch ein Schicksal zu verhindern ist. Aber dann wir es richtig krass: die Busse sind alle mit Innenkameras ausgestattet und was wir nun zu sehen bekommen, sind offensichtlich Original-Aufnahmen, verwackelt und mit verpixelten Gesichtern, die echte Unfälle zeigen. Schön, solche Abstürze zu betrachten, während man gerade eine Serpentinen-Strecke mit steilen Abhängen betrachtet! Denken auch die anderen Passagiere, die gebannt und mit Aufstöhnen die grausamen Bilder betrachten. Ziemlich verstört verlassen wir den Bus am Zixiaogong. Nochmal gutgegangen. Wir sind da.


Für den Abend ist die angekündigte Einweisung des klugen Doktors, wie man verstopfte Meridiane wieder frei und das Qi zum Laufen kriegt. Und damit sich die Mühe auch lohnt, wurde da flugs eine Veranstaltung für Alle drausgemacht. Wir treffen uns im Klassenraum, der bis zum letzten Platz besetzt ist. Auch viele der jungen Schüler sind da. Scheint ein seltenes Ereignis zu sein, dass der Doktor referiert. Die spannende Frage ist, wieviel wir von alledem verstehen werden. Denn Guan führt nur kurz in die Veranstaltung ein und ist dann wieder verschwunden. Es werden Zettel ausgeteilt, denen ich nur entnehmen kann, dass es um Meridiane geht. Das zu erkennen, ist ja auch einfach, denn die sind aufgezeichnet. Dann wird es aber auch schon eng. Die einleitenden Erklärungen gehen leider völlig an mir vorbei, aber dann wir es glücklicherweise praktisch. Und das verstehen dann auch wir. Jetzt wird geklopft und gebohrt, gehandkantet, gekniffen und gestrichen dass es nur so eine Freude ist. Nach mehreren Durchgängen haben wir es verstanden, die Zahlen auf den Zetteln können auch wir lesen um zu wissen, was wir wie oft an welcher Stelle machen sollen. Tolle Sache, genau das Richtige für morgens im Büro. Ich bin jetzt so wach, ich glaube, ich schreibe noch ein paar Zeilen...

Montag, 28. April 2014

Kan Yisheng – Besuch beim Doc

Beim morgigen Training herrscht spürbare Unruhe: die jungen Schüler, die auch gerne mal etwas lax gekleidet ihren Turnunterricht absolvieren, sind alle bestens gekleidet, heute mal nicht in schwarz sondern in jungfräulichem Weiß, die ausgesprochen hübsche junge Dame, der ich insgeheim den Namen „Sorgenbringer" gegeben habe, trägt einen rosanen Überwurf und deklamiert von einem Zettel, offensichtlich eine Rede oder Moderation. Riecht nach Auftritt. Richtig, nach der ersten Hälfte des Trainings kommt Guan zu uns und fragt, ob wir oben im Tempel zuschauen wollen.

Klar, immer ein Erlebnis. Diese junge Garde habe ich auch noch nicht in Aktion beim Vorführen gesehen; ich kenne nur die „alte" Generation, die nun eher für die Choreo zuständig ist und bei Gruppenauftritten die Eckpfeiler bildet, an der sich das Ensemble orientiert. Generationswechsel.

Noch sitzt nicht alles 100%ig, wirklich synchron sind die Paar-Auftritte auch noch nicht – das Publikum ist aber wenig anspruchsvoll, irgendeine superwichtige Delegation, die sich am Ende noch mit den Aktiven und dem Abt und einem Spruchband fotografieren lässt – alles fein und jeder Auftritt verbessert die Performance. In spätestens einem Jahr wird auch diese junge Truppe das Programm wie im Schlaf abspulen.


Zur Schule zurückgekehrt entdecke ich auf der Mitte des Hofs zahlreiche Kräuter, Rinden, Undefinierbares auf Matten zum Trocknen ausgelegt. Da hat der gute Kräutergeist unsere Abwesenheit gleich genutzt, um Zutaten für neue Medikamente vorzubereiten. Der ganze Hof duftet nun wie eine Apotheke. Mittlerweile ist der Lagerraum fast vollständig eingeräumt und die Wurzeln, Blätter, Kräuter, Mulche und Molche stapeln sich. Neugierig spaziere ich hinein. Der Medizinmann ist da. Ich frage ihn, was hier nun als nächstes passiert, ob er hier behandelt oder lehrt? Leider finden wir sprachlich nicht zusammen, wir probieren ein paar Leute aus, bis sich Guan als bester Übersetzer herausstellt. Was immer ich eigentlich wissen wollte: am Ende kommt ein Termin für eine Konsultation – zusammen mit Elli – am Nachmittag heraus. Außerdem hält Guan es für eine tolle Idee, dass wir morgen mit ins Gebüsch ziehen, um Kräuter zu sammeln. Klar, gerne, mit meinen hervorragenden botanischen Kenntnissen bin ich bestimmt eine große Hilfe.


Am Nachmittag finden wir uns vereinbarungsgemäß ein und der Doktor beginnt, mich zu examinieren. Die Fingernägel. Hm, zu viel...Unrat – darauf einigen wir uns schließlich mit Guan, der übersetzt. Sieht er an den Monden. Hat Guan auch. Bei mir nur am Daumen ausgeprägt, an den anderen Fingern nicht erkennbar. Nützt mir nichts. Das Urteil steht. Weiter geht's: Zungenoberfläche und Unterseite. Guan bekommt etwas erklärt. Ich nicht. Nun das Eingemachte: Pulsdiagnose. Links und rechts, mit vier Fingern wird gefühlt und getastet, auch von Guan, der es ja lernen will. Im Ergebnis kommt dann heraus, dass „oben" sehr viel Hitze sei, alles unausgeglichen – Guan freut sich, so etwas ähnliches hatte er bei mir schon im Herbst diagnostiziert, er hat meine Knieprobleme auf Kälte zurückgeführt, da fließt kein Qi durch – aber das ist nichts, was sich nicht mit etwa 20 Kräutlein beheben ließe. In welcher Dareichungsform?, frage ich bange in stillem Gedenken an den stinkenden Sud, den ich vor Jahren schonmal 10 Tage langen schlucken musste. Glück gehabt, diesmal werden Pillen gedreht, morgen sind sie fertig. Prima, so einfach. Ich will schon aufstehen – nein, so einfach geht es nicht. Übungen muss ich natürlich auch machen, um die Kanäle frei zu bekommen, morgen Abend geht der Unterricht los. Und Guan nutzt natürlich die Gelegenheit, mich mal wieder mit Ernst und Strenge auf die notwendige tägliche Meditation hinzuweisen. Eine Stunde! Er sieht meine geweiteten Augen, versteht, dass wenn er die Latte zu hoch legt, ich gleich mal gar nicht springe und wir einigen uns auf 20 Minuten. Und um mir den Einstieg zu erleichtern, machen wir das ab morgen, 7.00 h, zusammen. Xiexie, Shifu.


Dann ist Elli dran, das selbe Procedere. Bei ihr kommt der Druide zu dem Ergebnis, dass der Magen eiskalt sei und deshalb außen so viel Hitze herrscht. Sie hat weniger Glück: erstmal drei Tage lang lecker Brühe trinken. Mit einem Lächeln empfiehlt der Arzt noch, sich in den nächsten Tagen nicht allzuweit vom stillen Örtchen zu entfernen.Danach werde man weitersehen.

Prost, kann ich da nur sagen. Aber immerhin: wenn wir so gestählt und in völligem Einklang von Yin, Yang, Hitze und Kälte wieder nach Hause schweben, dann soll es die Sache doch wert sein.

Sonntag, 27. April 2014

Sonntagsspaziergang

Heute wollen wir endlich unseren kleinen Spaziergang in das „Affental" nachholen. Es sind etwa 10-12 Kilometer dorthin und obwohl wir uns lieber nicht auf meinen Orientierungssinn verlassen wollen und deshalb auf der Straße gehen, wird es eine sehr schöne kleine Wanderung an einer Vielzahl kleiner Wasserfälle und malerischen Teeterrassen vorbei, durchbrochen immer wieder von grandiosen Ausblicken in die Berge. Das Vogelgezwitscher wird nur selten von den Bussen übertönt. Erstaunlicherweise ist trotz Sonntag wenig los auf der Gass' und wir genießen den Marsch hinab ins Tal. Ellis kleine Plastikente, die schon viel gereist ist und noch mehr fotografiert wurde, kommt mehrfach auf dem Weg zum Einsatz.


Gegen Mittag erreichen wir unser Ziel. Das dortige Restaurant hat ordentlich aufgerüstet: waren früher nur ein paar Plastiktische und Klappstühle zusammengewürfelt worden, so sind jetzt in dem kleinen sonnigen Innenhof einige Pavillon-Zelte aufgebaut und liebevoll dekoriert worden. Geschäftige Damen in Livree huschen zwischen den Gästen umher, eine animiert vorbeilaufende Touristen zur Einkehr. Wäre eigentlich nicht nötig, denn es ist voll, sehr voll. Aber zwei ausländische Gäste möchte man auch nicht im Regen stehen lassen, besonders wenn sie so hungrig aussehen wie wir. Man komplimentiert uns in den Innenraum. Da wollen wir aber nicht hin, wir wollen natürlich raus bei dem strahlenden Sonnenschein. Wer weiß, wie lange es hält. Also wird ein „Innentisch", der eigentlich aus einem Scherengestell, auf dem ein großes Spielbrett aufgelegt ist, besteht und zwei „feine" Stühle herausgestellt. Das ist prima, denn draußen gibt's zwar hier keine Kännchen aber dafür diese niedrigen Bambushocker, auf die ich mich immer höchst unelegant fallen lasse und dann kaum wieder hoch komme. Nun thronen wir über den anderen Gästen und harren der Leckereien, die da kommen.


Nach dem Essen ziehen wir weiter, ein Stückchen an dem Flusslauf entlang. Ich erzähle, dass ich zuletzt vor zwei Jahren diesem Pfad gefolgt bin, der bis zum Mitteltempel führt und nach meiner Erinnerung über 20 Kilometer lang ist. Jetzt also ein bisschen zu spät, alles abzulaufen. Außerdem war die Anlage bereits damals derart baufällig, dass manche Abschnitte zu erklettern und durchlöcherte Brücken zu überqueren eine echte Mutprobe für mich waren. Jetzt die Gemse zu geben, dafür fühle ich mich einfach noch nicht fit genug. Aber wir können ja mal sehen, wie es hier mittlerweile ausschaut – hat man die Holzplanken endgültig der Verwesung preisgegeben, da eh kaum ein Chinese diesen langen Weg zu Fuß macht? Und auch noch ohne, dass unterwegs Erfrischungen und Futter angeboten wird. Geht gar nicht.


Ich werde überrascht: der Pfad wurde tatsächlich von Grund auf saniert. Aus den gemachten Erfahrungen lernend, diesmal aber nicht mehr aus Holz, sondern in Beton und Kunststoff, liebevoll der Natur nachempfunden. Ich denke an die merkwürdige Riesenpilz-Sitzgruppe, die ich am Ende des Pfades am Mitteltempel gesehen habe und mir liegen schon wieder despektierliche Bemerkungen auf der Zunge. Je mehr ich aber sehe, mit wieviel Liebe und Detailversessenheit hier gearbeitet wurde – die Abfalleimer haben die Form eines Baumstumpfes, dessen Wurzeln elegant über den Weg geführt werden (wohl als Wasserabfluss), jede einzelne Betonbohle trägt Holzmaserung, die Handläufe sind echte Kunstwerke, kein Abschnitt gleicht dem anderen – da schweigt meine Lästerzunge dann doch still. Ich denke an meinen letzten Ausflug in die Breitachklamm im Allgäu. Wie roh und kunstlos kommen mir da die lieblosen Stangen und Gitter zur Sicherung und der bare Beton dort dagegen vor. Sollten mal hierherkommen, die Leute, die sowas machen. Mal gucken, wie man sowas auch machen kann.


Samstag, 26. April 2014

Gan Mian an Ente





Veränderungen

Das heutige Training haben wir voller Vorfreude auf den anschließenden Shopping-Ausflug in die Großstadt absolviert. Ich merke auch langsam, das meine lädierten Knie nun dringend eine Pause brauchen. Auch wenn das Training längst nicht so anstrengend ist, wie ich es gewohnt bin. Da bin ich aber überhaupt nicht böse drum. Heute widmet sich Guan sehr intensiv meiner Interpretation der 13er Form. Es sei ja schon alles ganz schön – im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten...aber es ist doch noch einiges Herauszuholen. Nicht zum ersten Mal erklärt er mir das abwechselnde Öffnen und Schließen, übt mit mir am lebenden Objekt die ganze Form durch, wieder und wieder. Langsam verstehe ich. Jetzt muss ich nur noch machen...


Endlich habe ich auch mal die Gelegenheit, die augenfälligen Veränderungen hier im Haus anzusprechen: ein Arzt ist hier, Zimmer werden hergerichtet, im Speiseraum stehen seit unserer Ankunft riesige Holzkisten mit – laut Übersetzung eines sino-neuseeländischen Mitschülers – der Aufschrift „daoistische Medizin", schon seit Tagen werden ständig Säcke mit Kräutern, Waagen, Vitrinen und sonstige undefinierbare Utensilien herangeschleppt. Ja, antwortet mir Guan, es gäbe tatsächlich Überlegungen, hier ein medizinisches Zentrum zu errichten. Das Gerücht hatte ich ja schonmal gehört, konnte aber bisher keine sehr klaren Hinweise auf eine tatsächliche Umsetzung erkennen. Und wie schnell hier angeblich unumstößliche Pläne dann doch wieder schnell umgeschubst werden, habe ich in der Vergangenheit schon mehrfach beobachten können. Nun scheint es aber ernst zu werden. Und wie geht es mit der Schule weiter? Achselzucken. Guan glaubt nicht, dass die Schule so nächstes Jahr noch existieren wird. Was mit den Lehrern und den Schülern passieren wird – keine Ahnung. Aber in jedem Ende liegt ja auch der Anfang für etwas neues, vielleicht sogar besseres, gibt er mir als Weisheit mit auf den Weg. Wir werden sehen.


Etwas gedrückt machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Aber Guan hat ja recht und irgendwie wird es schon weitergehen, und wenn er ein hübsches Plätzchen findet um zu unterrichten, gehe ich halt dahin. Mir gefällt ja auch nicht alles an der Schule, einiges kostet mich reichlich Nervenmaterial – es ist zwar wirklich ein traumhaft schönes Plätzchen, aber es ist ja nicht das einzige auf der Welt. Nur nach Shanghai zu gehen, dass muss ich ihm unbedingt ausreden. Da gehe ich zwar gern mal shoppen, aber bitte nicht zum Training!


Jetzt aber erstmal essen gehen. Mein Lieblings-Jiaoziladen hat aber entweder geschlossen oder existiert nicht mehr. Wie schade! Ellis Nüstern haben aber dafür auf der gegenüber liegenden Seite eine Keksbäckerei gewittert. Ja, hoher Suchtfaktor, das Zeug, muss man so sagen. Es gibt ganz frische waffelartige Gebäcke, zusammengerollt wie Zigarren, nicht zu süß mit ein wenig Sesam, dann nehmen wir noch hauchfeine Kekse, die ein wenig an holländische Waffeln erinnern...ach Elli, lass' dir doch mal die Rezepte geben – ich helf' auch gerne beim Übersetzen.


Mit dieser Beute im Gepäck, tragen wir es auch mit Fassung, dass wir nun halt wieder Gan Mian zu Mittag haben. Ist aber auch was feines; ich mag diese Nudeln sehr gerne, und wenn es nicht so aufwendig wäre, in die Stadt zu fahren, würde ich wohl öfter mal einen kleinen Ausflug machen. Aber unter einer Stunde ist es kaum zu schaffen und da ist einmal in der Woche wirklich genug.

Nun nehmen wir unsere hübschen neuen Kleider in Empfang, es wird probiert und angehalten, diskutiert – ja, alles prima. Ich habe die Datei mit unserem Kranich dabei, der junge Gehilfe, wohl der Techniker des Hauses, gibt nach einigen Fehlversuchen sein ok, das Emblem kann eingestickt werden. Elli schaut nochmal kritisch auf ihre neuen Kittel. Mit Kranich besser. So bleiben sie nochmal hier, während ich mich vermessen lasse für zwei schwarze Schlupfhemden, die dann mit unserem Wappentier versehen werden sollen. Dann fällt mir noch ein langer Überwurf ohne Ärmel ins Auge. Habe ich noch gar nicht gesehen. Und auch nicht im Kleiderschrank. Jetzt wird es aber langsam eng im Koffer. Ich rechne, wieviel Milchpulver, Babycreme, Spielzeug, Geschenkschokolade und Kekse ich dabei hatte, die nicht mit zurück kommen und deren Gegengewicht nun mit Klamotten gebildet werden kann. Ich könnte auch noch zwei T-Shirts hier lassen, die ich eh zu Hause nicht mehr trage...und vielleicht noch ein paar Schuhe – ja, passt, gekauft!

Freitag, 25. April 2014

Abschied

Bei unserem gemeinsamen Abendessen hatte der junge Lehrer Li Xiaokang erzählt, dass er demnächst mal nach Shanghai laufen will. So mal kurz. Ich habe höflich genickt eingedenk der zu diesem Zeitpunkt bereits genossenen Getränke und der Tatsache, dass ich mit dem Zug für die Strecke immerhin 22 Stunden gebraucht habe.


Heute morgen aber die Überraschung: bei strömendem Regen und kaltem Wind steht eine kleine Delegation zum Abschied bereit. Der junge Li, in Trainingsanzug, Turnschuhen, kleinem Rucksack, an dem im Beutel ein paar Zweitschläppchen angehängt sind, fertig zum Abmarsch. Nein, da geht jemand nicht mal gerade runter ins Ort, sondern wird jetzt ziemlich lange unterwegs sein und bestimmt einiges erleben, auf seiner Reise. Guan begleitet ihn noch mit dem Schirm nach oben zur Straße, kurzes Winken. Und Tschüß. Ist dann mal weg.

Einen Monat hat er für den Weg geplant. Ganz verstehe ich den Sinn der Übung nicht – von Shanghai hierher zu pilgern, würde mir noch einleuchten – aber umgekehrt?

Schade, ich werde ihn nicht mehr treffen um ihn nach seinen Erfahrungen zu fragen. Erst im nächsten Jahr wieder.


Also dann: Yi Lu Ping An – gute Reise, kleiner Li!

Donnerstag, 24. April 2014

Liwu – Geschenke

Gestern hat mir Chenchen auf dem Nachhauseweg zugewispert, dass sie ein hübsches Geschenk für Elli geordert hat. Leider sei es nicht rechtzeitig gekommen, aber ich soll doch schonmal gucken und sagen, was ich dazu meine. Da es eh zu spät ist, Einfluss zu nehmen, stelle ich mich auf „hohes Lob" ein und warte ab, was sie mir auf dem Handy-Display präsentieren wird. Sie hat sich für eine Kette, die auch um das Handgelenk getragen werden kann, entschieden. Die Steine sind schwarz und als Clou hängt ein kleiner Glücksbringer in Form eines Pferdes dran. Ah, deshalb die unauffällige Befragung in den letzten Tagen über Ellis chinesisches Horoskop. Ja, da kann ich Chenchen mit gutem Gewissen bestätigen, dass das Geschenk gewiss Freude bereiten wird. Chenchen ist erleichtert und erzählt, dass es diesen Schmuck auch mit einer Schlange dran gibt, ist dann aber rot. Aha.


Das Projekt „Visitenkarte" läuft weiterhin auf vollen Touren. Guan hat mich schon ein paar mal angerufen, um mir den Zwischenstand durchzugeben. So, wie ich es liebevoll vorbereitet habe (alles ordentlich aufgeteilt, nicht zuviel darauf, auf der deutschen Seite nur die dort wichtigen Daten – QQ und die China-Nr. brauche ich nur auf der chinesischen Seite) geht es nicht. Er müsste „etwas" umstellen, ob das ok wäre? Machtlos stimme ich zu. Einige Nachfragen später steht das Gerüst. Ich bekomme ein Foto vom Bildschirm und soll noch ein letztes Mal prüfen. Ja, die Daten sind alle da, und zwar alle überall – Text wie in einem Buch, ist mir jetzt aber auch egal – so viel Arbeit wollte ich ihm ja nun wirklich nicht machen. Und als Krönung: der Name in rot. Chinesische Drucker scheinen kein schwarz-weiß zu können. Aber es hätte schlimmer kommen können – ich habe da schon sehr lustige regenbogenfarbige Holo-Exemplare gesehen. Nein, ist schon ok. Erschöpft bringt er sie mir vorbei. Die für Elli gibt's dann morgen. Natürlich auch mit rot. In Hochglanz.


Kurz danach huscht Chenchen heran, in der Hand ein Geschenkpaket. Was denn nun? Ich bin unschlüssig, öffnen oder nicht? Ich erkläre Chenchen, dass wir Barbaren Geschenke immer gleich aufreißen, weil wir uns nicht so gut bezähmen können. Sie lacht – klar, sie will doch wissen, ob es mir gefällt und findet die Tradition ihres Landes, mit dem auspacken immer zu warten, bis der Schenker weg ist (und das enttäuschte Gesicht nicht sehen kann) auch doof. Sagt sie zumindest. Ich öffne die kleine Schatulle und entdecke das hübsche Schmuckstück, dass sie mir gestern so unauffällig beschrieben hat. Wie lieb! Ich bin zwar keine Schmuckträgerin, aber ihr zu Ehren werde ich das Kettchen voller Stolz tragen.

Als ich Elli später treffe, hat auch sie das neue Geschmeide angelegt. Meins ist aber viel hübscher!


Mittwoch, 23. April 2014

Ellis Geburtstag II

Wieder beginnt ein toller Trainingstag: das Wetter ist kühl aber klar – optimal für die Übungen, die Lehrer Du für uns vorbereitet hat. Krafttraining steht auf dem Stundenplan. Passt genau in meinen Reha-Plan und ich gebe mir redlich Mühe, die Beine wirklich so lang ausgestreckt zu halten, wie er sich das so vorstellt. Ganz schön anstrengend. Da hilft es mir wenig, dass mir Renato zuraunt, dass das Taiji danach wie von selbst läuft.

Ganz so würde ich das auch nicht unterschreiben, allerdings sind unsere Fortschritte langsam wirklich deutlich erkennbar. Ich war heute wieder eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn auf dem Spielfeld um mit Guan und Renato gemeinsam die 108er Form zu laufen. Diesmal waren wir 45 Minuten unterwegs. Die Struktur ist mir zwar noch völlig schleierhaft und ich werde mir die Abläufe nicht einmal ansatzweise merken können, aber es ist eine hervorragende Konzentrationsübung und: das Warmlaufen kann man sich wirklich sparen.


Am Nachmittag fragt Guan nochmal bei Elli nach, wer denn bitte zur heutigen Geburtstagsfeier eingeladen ist und wo es hingehen soll. Also doch zwei Feiern. Gut, wir gehen ins Tian Lu Hotel und Guan kann mitnehmen, wen er mag. Am Ende sind wir zu acht; ein paar Lehrer und natürlich Chenchen und der Kleine leisten uns Gesellschaft. Wunderbare Gerichte werden auf die Tafel geladen und Elli hat Gelegenheit, den guten Fürsten zu Köpfen. Mit Kennermiene lässt Guan sich den Sekt schmecken. Wir erklären ihm, dass er aus unserer Gegend stammt, allerdings von der „ebsch Seit". Das Wort kennt er, hat er letztes Jahr ausgiebig geübt. Blick von Chenchen – der Auftrag ist klar. Jetzt soll er's aber auch aussprechen, wenn er den guten Stoff nach Hause bringen soll. Und Alle: „Fürst-von-Metternich"! Da hat die werte Gemahlin Spaß, wie sich ihr Mann abmüht. Nach vielen Versuchen reißt ihm der Geduldsfaden – Handy geschnappt und das Etikett abfotografiert. So löst man Problem heute.


Nach einem schönen Abend verabschieden wir uns und jeder begibt sich wohlgefüllt in seine Höhle. Da klopft Guan nochmal bei mir: ich hatte ihn gefragt, ob er mir helfen kann, hier Visitenkarten für uns in Auftrag zu geben. Den Job hat er gleich an sich genommen, froh, uns so ein kleines Geschenk machen zu können. Nun steht er da, etwas unglücklich: irgendetwas hat die Druckerei wohl missverstanden und die Karten strahlen statt schwarz-weiß in schweinerosa mit roter Schrift. Ob ich das so haben wollte? Ich würde gerne ja sagen, aber ich wollte „Weißer-Kranich"-Karten und nicht Hello-Kitty...hat er sich schon gedacht, ich habe auch gar nichts sagen müssen, mein Blick genügte. Es wäre ja auch zu einfach gewesen. Die Schlichtheit der Karten konnte der Drucker wohl nicht durchgehen lassen. Hier muss alles etwas bunter, greller, auffälliger sein. Jetzt bin ich aber mal sehr gespannt auf den nächsten Versuch. Da ist doch gewiss noch Luft nach oben.

Dienstag, 22. April 2014



Ellis Prä-Geburtstagsfest

Wir haben unsere Reise ja so geschickt getimt, dass Elli ihren Geburtstag hier feiern darf. Ich habe ihr schon den Mund wässrig gemacht mit der Aussicht auf die köstliche Seifenschaum-Torte, die hier traditionell serviert wird. Voller Vorfreude auf das lukullische Erlebnis hatte sie schon vorsorglich im Duty-Free-Shop eine Flasche Fürst Metternich erstanden, um etwas zum Herunterspülen zu haben.


Sie hatte Guan schon in der letzten Woche eingeladen und darum gebeten, doch für Mittwoch einen Tisch zu reservieren, um das Ereignis im Kreise der Lieben gebührend zu begehen. Hat auch mal grundsätzlich ja gesagt. Heute kam er dann und meinte, es sei in China üblich, den Geburtstag vor dem eigentlichen Datum zu feiern – am Vortag werde die Torte gegessen und mit den Freunden zusammengesessen, damit man am Ehrentag selbst seine Ruhe hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass diese Tradition gerade neu geboren wurde – aber das habe ich mir ja selbst mittlerweile ein wenig von meinen chinesischen Kumpels abgeguckt.

Egal, wir sind hier ja terminlich nicht so arg gebunden, ob Dienstag oder Mittwoch, völlig egal, Hauptsache Geburtstagskuchen. Der wird am Tag heimlich auf mein Zimmer geschmuggelt, weil der kleine Sohn schon lange Finger gemacht hat und nicht bis zum Abend warten mag.

Und eine Flasche Bordeaux hat Guan auch noch irgendwo aufgetan. Die Party kann steigen.


Aber erst einmal wird ordentlich trainiert. Es herrscht strahlender Sonnenschein, so dass wir endlich mal richtig Kicks üben können. Der Rost fliegt nur so, Elli und ich haben einiges nachzuholen. Schön, wie bei der kleinen Gruppe auch hier die Details korrigiert werden können. Ich habe mir schon sehr viele Kleinigkeiten abgeschaut, die die Bewegungen viel harmonischer und auch knieschonender machen. Es ist ja nie zu spät.

Vor Beginn des Nachmittagstrainings werfe ich einen Blick in den Hof: Guan läuft mit Renato und ein paar Junglehrern eine Form, die ich beim flüchtigen Hinschauen als 28iger identifiziere. Ich laufe hinunter und reihe mich ein. Irrtum, ganz andere Reihenfolge, aber vertraute Bewegungen. Es geht weiter. Und weiter. Eine halbe Stunde lang! Erschöpft frage ich Renato, was das denn jetzt bitte war? Er lacht: „Das ist die 108er Form – wenn du die läufst, brauchst du kein Warmlaufen mehr!". Ja, das glaube ich gern. Langsam gelaufen ist man etwa 45 Minuten unterwegs; Guan hat es aber auch schon auf fast eineinhalb Stunden gebracht, berichtet Renato weiter. Nein, diese Form werde ich ganz sicher nicht mit in mein Programm aufnehmen, ich bin schon beschäftigt genug mit dem, was ich habe und was ich hier unbedingt korrigieren will.


Nach dem Training kommt Lehrer Li zu mir, um die Torte unauffällig in das Restaurant zu schaffen. Ist ja schließlich ein Geschenk. Ich bin schon sehr gespannt.

Diesmal gehen wir in ein anderes Restaurant, vor dem man sehr nett draußen sitzen kann. Elli betrachtet den Karton. Was mag da nur drin sein? Der kleine Guan-Junior weiß es – er kräht und besteht darauf, dass das Ding endlich aufgemacht wird. Wie geplant zu warten und das Kunststück zum Dessert zu servieren, kommt überhaupt nicht in Frage. Unter Aaahs und Ooohs wird der Wunderkuchen enthüllt. Da staune ich aber wirklich: im Gegensatz zu den früheren Exemplaren ist dieser nicht mit irgendwelchen schaumigen Rosetten überhäuft, sondern mit echtem Obst drapiert. Ich stelle mir den Dialog der Pâtissiers vor: „Das ist ja schon ganz hübsch. Aber da fehlt etwas – rot haben wir, gelb haben wir, orange...grün! Es fehlt was Grünes! Was haben wir noch da? Ach, da, die Petersilie – her damit!" Und das sieht wirklich nett aus, die kleinen Sträußchen dazwischen.


Happy birthday, Elli!

Montag, 21. April 2014

Ostern – lets kill the Easter-Bunny!

Heute ist ja Ostern und weder Elli noch ich haben es versäumt, einen kleinen Schoki-Hasen für das hohe Fest einzupacken. Meiner war sogar vor der Tür abgelegt. So gut versteckt, dass Elli schließlich klopft, damit ich das Nest endlich finde, bevor es wegkommt. Wir wollen sowieso los; Maja muss nach Hongkong, um ein neues Visum zu besorgen und hat den Auftrag bekommen, für einen dortigen Freund (den ich natürlich auch kenne, die Wudang-Welt ist klein...) Tee vom „Acht-Heiligen-Tempel" mitzubringen. Diesem kleinen Ausflug wollen wir uns gern anschließen und verschieben den eigentlich geplanten Spaziergang zum Affental auf irgendwann. Einer der jungen Lehrer schließt sich an. Ich bin überrascht: er spricht schon ganz gut Englisch, das hörte sich im letzten Jahr noch ganz anders an. Bei dem Unterricht, der hier mehr oder weniger nach dem Zufallsprinzip stattfindet, eine erstaunliche Leistung!


Auf dem Weg zum Umsteigeplatz am Taizi-Po hole ich meinen Osterhasen aus dem Rucksack. Maja quietscht: ja, dieses goldene Tier mit dem Glöckchen verheißt schon Genuß, wenn man solange hier ist und nur chinesische Schokolade goutieren konnte. Der junge Zhang schaut etwas verständnislos. Ich erkläre: es ist eine alte katholische Tradition, dass man an Ostern einen Schokoladenhasen vernichtet. Elli schaut mich von der Seite an. Hatte sie das etwa anders abgespeichert? Doch,doch, erst wird der Winter mit wilden Orgien vertrieben, dann 40 Tage nichts gegessen und nur Bier getrunken und dann folgt „kill the easter-bunny". Zhang hat wohl schon einiges an Merkwürdigkeiten bei den Westlern gehört und auch erlebt, nur bei „nichts essen" zuckt er kurz, ansonsten findet er die Geschichte nicht weiter ungewöhnlich.Auch die Schilderung von Heerscharen von durch die Straßen torkelnden Betrunkenen, die religiösen Bräuchen frönen, verwundert ihn nicht weiter. Naja, ich habe hier auch daoistische Prozessionen und Riten beobachtet, die ich eher befremdlich fand. Es gibt halt Dinge, die sich auch mit Worten schwer erklären lassen.


Wir erreichen den Mitteltempel; letzte Gebetsstätte – nein, nicht vor der Autobahn, sondern vor der Seilbahn, die die Touristen bis nach oben auf den höchsten Gipfel, den TianZhu, bringt. Heute lädt das Wetter allerdings nicht zu einem Besuch ein und eigentlich sollte man ja auch die paar Meter von Nanyan aus laufen. Es sind auch nur ein paar Treppenstufen. Für chinesische Verhältnisse...


Lange wollen wir uns hier nicht aufhalten, allerdings zeigt mir schon die kurze Umschau, dass sich doch wieder einmal einiges verändert hat seit dem letzten Jahr. Man hat riesige Büsche hierher geschafft, viel Grün und Buntes allerlei, sieht sieht hübsch aus, längst nicht mehr so kahl wie früher. Und wo die Natur nicht reichte, da hat man halt ein wenig nachgeholfen. Fasziniert bestaune ich eine Sitzgruppe aus mächtigen Pilzen, ebenso wie die Holzbohlen aus Beton dem echten Leben nachempfunden. Und weil es hier so wenig Bäume hat, hat man einen solchen nachgebaut – der dient nun als Träger für eine fast unsichtbare Überwachungskamera, sich unauffällig in die Umgebung einschmiegend. Fast hätte ich es nicht gesehen.

Schönes, neues China-Land.


Nachdem wir den überteuerten Tee (ich natürlich nicht, ich habe Teeheimbringverbot) erstanden haben, ist es Zeit für ein Mittagsmahl. Wir zielen ein kleines Lokal am TaiziPo an, wo ich im letzten Jahr sehr leckere Wildkräutergerichte gegessen habe. Aber am wichtigsten: die Schlachtung des Hasen steht an. Großzügig biete ich Maja die Ohren an, die sie dankbar annimmt. Der junge Herr Zhang ist etwas ratlos, höflich knibbelt er ein Schoki-Stückchen ab, fürchtet wohl, er würde irgendwelche religiösen Regeln missachten. Kann ich verstehen, beim Kotau reiße ich mich auch immer zusammen, um nicht allzuviel falschzumachen. Ich erkläre ihm tiefernst, dass es sieben Jahre Unglück bedeutet, wenn wir den Hasen jetzt nicht restlos vertilgen. Das zieht.

Mein Tracker misst verbrannte Kalorien, aber glücklicherweise keine verbrannte Erde.


Auf dem Rückweg sitze ich mit Elli schräg hinter dem Fahrer. Ganz schön groß, das Lenkrad, dass er bewegt. Und wie elegant er die Kreise dreht. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor. Zwei Dolle, ein Gedanke: so muss es gewesen sein – nix Kranich, Schlange oder sonstiges Gedöns – Zhang San Feng war Busfahrer!





Sonntag, 20. April 2014



Zhoumo (die Umstellung auf Chinesich funzt nicht, drum kann ich hier nicht angeben) – Wochenende

Das erste Echtzeitwochenende beginnt. Wir absolvieren unser Morgentraining und ich freue mich darüber, wieviel glatter nun die Form läuft. Dinge, an die ich mich nicht erinnern kann, je zuvor gehört zu haben, sind sorgfältig eingearbeitet; es sieht schon fast wie Taiji aus. Elli trainiert zwar auf der selben Baustelle, ist aber noch bei den Grundmauern. Sie hat ja auch gerade erst mit dieser Form angefangen und ist glücklich darüber, dass sie sich langsam die Reihenfolge merken kann. Es gibt für jeden etwas zu tun.


Während wir noch im letzten Jahr bei dem Signal"Xia Ke" - Unterrichtsende – sofort alles haben stehen und liegen lassen um endlich nach einer Woche der Entbehrungen etwas gescheites zwischen die Zähne zu bekommen, sind wir nun völlig entspannt. Erst mal gemütlich umziehen, noch das Mittagessen zu uns nehmen (!) um uns dann auf Achse zu begeben. Das Wetter ist zwar nicht toll, aber es regnet nicht und wir beschließen, zum nächsten Tempel in die Höhe, nach Nanyan zu laufen. Das sind gerade mal drei Kilometer und ich möchte wissen, ob so ein Marsch nun wieder geht. Es ist kaum Verkehr und wir

marschieren gemütlich die Landstraße entlang. Immer wieder ermöglicht eine Baumlücke einen schönen Ausblick auf unseren Haustempel, den „Zixiaogong". Erstaunlich, wie die Anlage gewachsen ist: Hier ein Gebäude, da noch ein großes Gästehaus hin...als ich 2005 zum ersten Mal hier war, war der Tempel mit seinen Nebengebäuden nach meinem Empfinden nur halb so groß. Es leben wohl wieder mehr Nonnen und Mönche hier und man möchte auch gerne ein Altenteil für Verdiente schaffen (das letzte, gerade fertiggestellte große Gebäude). Ich finde das Arrangement sehr gelungen; die neuen Gebäude fügen sich harmonisch ein und daran sieht man ja auch, dass der Purpurwolkentempel – so sein Deutscher Name – tatsächlich „lebt" und kein Museum ist.

Als die Bauarbeiten begonnen haben, habe ich das Treiben eher misstrauisch verfolgt. Vielleicht weil ich mir vorstelle, wie es wohl wäre, wenn man auf den Mainzer Dom kurzerhand um einen schicken Wintergarten bereicherte. Oder eine hübsche Terrasse dranbaute. Merkwürdig, unsere Haltung zu unseren historischen Baudenkmälern: wir leisten uns zwar Dombauhütten, die ständig am basteln und am flicken sind, es geht aber nur darum, den status quo zu erhalten.Dabei haben unsere Altvorderen jahrhundertelang an dem guten Stück herumgefrickelt, je nach Mode der Zeit, mal gotisch, mal romanisch, dann war barock in...bis irgendwann jemand meinte „nun ist aber gut, nun isser fertig!" Wer eigentlich und warum? Dabei würde so einbisschen postmoderner Schnickel-schnackel so als Stempel unserer Zeit doch gewiss ungemein putzen. Aber: Monument ist Monument – basta! Und welch ein Aufschrei, wenn dann doch mal so ein bisschen was verändert wird...

Ich könnte mir gut vorstellen, mal so ein bisschen Farbe in die Hand zu nehmen – wirkt Wunder! Der Dom in lila. Ein Traum.


Nach einer knappen Stunde sind wir endlich angekommen – die Asthmatikerin und die Lahme. Wir sind stolz auf uns. Wir besorgen zunächst einmal für unseren Acht-Schätze-Tee (s. Blog vom letzten Jahr) lecker Jiaogulan. Nur dort bekomme ich diese spezielle Form in kleinen Bällchen, die auch noch viel leckerer ist als andere Sorten. Ich komme mit dem Händler ins Gespräch. Er hält mir auch ein ungeordnetes Kraut hin, das sei „Siran" - natürlich. Ich werde hellhörig: was ist denn mit dem anderen, das längst nicht so eklig bitter schmeckt wie das Kraut, dass meine Freundin aus Amerika mitgebracht hat (im Teebeutel!)? Er gesteht, dass man hier ein wenig nachgearbeitet hat. Es wäre ein bisschen Zucker drin...na prima, das wollte ich eigentlich vermeiden. Aber bei dem bitteren Zeug kippe ich immer noch Stevia dazu, weil es sonst kaum genießbar ist. Gibt auch eine merkwürdige Note. Also sei's drum, die Bällchen will ich haben.

Er lobt mein Chinesisch (dann wird's immer teuer), macht mir einen „Freundschaftspreis" und wir ziehen mit 1,5 kg von dannen. Das reicht erst einmal bis zum nächsten Jahr.


Nun gilt es, sämtliche Tempel des Nanyan abzuarbeiten. Wir fangen mit dem am weitesten entfernten und höchsten an. Dann haben wir das schlimmste hinter uns. Er hat einem Namen, in dem eine Krähe vorkommt, den Rest habe ich vergessen; ein wirklicher Hingucker ist es auch nicht und so verirren sich nur wenige Touristen dorthin. Als wir den Eingang betreten, stürzen sich sofort einige wohl gelangweilte (und vielleicht auch dorthin strafversetzte) Daoisten auf uns und wollen, dass wir unseren Kotau machen. Ich habe hier schon so meine Erfahrungen gemacht, vor Jahren als ich mich blöderweise auf ein Gespräch, dem ich nur halb folgen konnte, eingelassen hatte und ruckzuck eine Deluxe-Wahrsagung, von der ich leider kein Wort verstanden habe, für wohlfeile 100 RMB verpasst bekam. Seit dem bin ich vorsichtig. Wir haben den kritischen Pfad fast unfallfrei überwunden, da dreht sich Elli nochmal um, will etwas spenden. Schwups, hat sie der Daoist am Wickel, schlägt die Glocke, Elli muss Kotau machen, dann wird sie hingesetzt, der Holzfrosch wird rhythmisch geschlagen, ein Zettelchen mit Segenswunsch, sie bekommt eine Kladde vorgelegt, in der sie ihre Spende eintragen soll. 10 hat sie doch schon gegeben! Nein, so billig kommt sie natürlich nicht weg – der Daoist zeigt mit dem Finger auf die anderen Spendenvermerke – keine unter 100 RMB. Seufzend packt Elli den Schein aus. Ist ja für einen guten Zweck. Und Glücksbringergebammsel gibt's auch noch als Bonus gleich mit.

Da bin ich damals ja immerhin noch um 10 RMB billiger weggekommen, freue ich mich.Wir werfen noch einen letzten Blick auf das von uns gesponserte Tempelchen. Das nächste Mal erwarten wir aber, dass von unserem Geld wenigstens die Drachenwand nochmal ordentlich angepinselt wird!


Als nächstes nähern wir uns der daoistischen Spielhölle. Auf dem Weg dorthin wird erst einmal ausgiebig fotografiert, besonders der spektakuläre Ausleger, bei dem nur die Mutigsten ihre Räucheropfer robbend erbringen. Nichts für Leute mit Höhenangst. Mich gruselt es schon beim Hinschauen.Schnell vorbei und hin zu den Spielen. Es gibt verschiedene Geschicklichkeitsübungen, natürlich immer irgendwelche Geschichten, bei denen man Geld loswerden kann. Zum Beispiel ein großer Wasserbottich, in dem ein Drache sitzt. Man muss versuchen, eine Münze so elegant durchs Wasser segeln zu lassen, dass diese auf der Nase des Drachen landet. Klappt natürlich fast nie. Mein Favorit ist eine riesige Münze mit einem Loch in der Mitte, die vor einer Glocke aufgehängt ist. Man probiert, durch das Loch hindurch mit einer – kleinen – Münze die Glocke zu treffen. Nach Ellis Verlust spendiere ich eine Runde, die 10 RMB, die sie mir voraus ist. Ich nehme meine 5 und ziele. Nach kurzem Einschießen der erste Treffer, leider über die Münze hinweg im Bogen auf die Glocke. Das giltet nicht. Ein weiterer Wurf geht aber direkt durch's Loch auf die Glocke. Elli versucht erst ihr Glück dann ihr Talent und gewinnt 2:1. Und das bei einem Heimspiel. Schande auf mein Haupt.

Samstag, 19. April 2014

Unfreundlicher Besuch

Als ich des morgens aufwache, erschrecke ich: auf meinem Arm sind Placken und Pusteln, die fast unerträglich jucken. Da heute die Sonne scheint und ich kurze Ärmel trage, habe ich ganz schnell die geballte Aufmerksamkeit. Es wird gerätselt. Ich meine ja, es handelt sich um Insektenbisse, die sich entzündet haben. Allerdings sind es fast 20 Stück, in kleinen Hügeln auf dem Unterarm verteilt, sieht fies aus und kenne ich so gar nicht. Lehrer Li phantasiert etwas von dem Regen, der sich irgendwie auf meinen Körper ausgewirkt hätte. Ich hätte doch bestimmt noch mehr solche Stellen – nein, nur am Arm, beharre ich auf meine Insektenbiss-Theorie. Er räumt ein, dass er wohl ein ähnliches Phänomen bei sich am Bein beobachtet hat. Wie schön, er lebt ja noch, also kein Grund zur Panik. Ich zeige Guan dem Arm, er runzelt die Stirn, beratschlagt mit einem Kumpel, sie beginnen zu zweit, die Hausapotheke zu plündern und drücken mir irgendwann ein stinkendes Gebräu mit öliger Konsistenz in die Hand. Der Kollege hat noch ein Glas Tigerbalm gefunden. Hilft immer. Ich nehme beides dankend entgegen. Die Aufschrift auf der Tinktur ist indonesisch, ich habe so meine Zweifel, dass irgendeiner der Herren die geringste Ahnung hat, was in der Flasche ist. Aber es ist der gute Wille der zählt. Auch wenn ich mich in diesem speziellen Fall doch lieber des Cortisons aus Ellis Zaubertasche bediene.

Sehr beruhigende Geschichte, das. Besonders wenn man gerade ein Buch über die Pest liest...


Bei dem Wetter ist endlich mal normales Training möglich. Elli hatte sich schon beklagt, dass wir hier nur sanften Behindertensport betreiben. Da hatte sie sich – auch aufgrund meiner Erzählungen – etwas ganz anderes vorgestellt. Bei dem Regen ist aber halt nicht mehr drin. Hüpfen und Springen führt auf den glitschigen Gängen ganz schnell zu Hals- und Beinbruch und man muss nicht alles ausprobieren um eine blöde Idee zu identifizieren.

Jetzt also Freilufttraining mit ordentlichem Programm. Elli schwitzt und strahlt. Ja, so muss es sein. Auch ich merke die monatelang Schonung und freue mich, dass doch schon wieder einiges geht. Und wenn morgen die Quittung in Form eines gepflegten Muskelkaters kommt, dann ist doch alles bestens.

Was ich irritierend finde, sind die reduzierten Trainingszeiten . Es sind – zumindest nach dem noch herrschenden Winterplan – nur 4 Trainingsstunden. Als ich Guan darauf anspreche, erklärt er – deutlich herumeiernd – dass man den Schülern genug Zeit für Ausflüge geben will...klar, deswegen kommen die Leute ja her...

Ich stelle aber fest, dass wenn man einfach länger macht, man auch weiter korrigiert wird . Überstunden sind also im Budget mit drin. Außerdem gilt nach wie vor, dass die „Kernarbeitszeit" ja nur für das betreute Trainieren gilt. Natürlich wird erwartet, dass das Erlernte fleißig in den unterrichtsfreien Stunden geübt wird. Und dass wir das auch artig machen, hat der große Meister auch schon mit Wohlgefallen zur Kenntnis genommen.


Notiz an mich selbst, abzuheften unter „Lebenserfahrung": Socken sind erst zu stopfen, nachdem der Fuß entfernt wurde. Auch wenn der lackierte Großzeh den Zielort noch so deutlich markiert.

Freitag, 18. April 2014

Willkommen


Guan hatte uns schon bei unserer Ankunft zum Essen einladen wollen. Allerdings hat das Wetter nicht gerade dazu eingeladen, das Haus zu verlassen und so haben wir erst gestern, nachdem die Sonne kurz ihre geballte Kraft entfaltete und damit sofort hektische Waschaktionen auslöste, die Gelegenheit ergriffen, in dem Restaurant neben dem Police-Hotel unser Willkomensmahl zusammen mit Gattin Chenchen und dem kleinen Prinzen Yuyang, sowie den Lehrern Li Xiaokang und Yarou einzunehmen. Ich stelle fest, dass das schäbige kleine Etablissement gründlich renoviert und auch gesäubert wurde. Leider hat man wohl auch den Koch ausgetauscht. Während dieser Ort früher gern als Zuflucht diente, wenn die Speisung in der Akademie wieder einmal ungenießbar war, so fällt das Servierte unter „naja, man kann's essen und die Maschine wird geschmiert". Letzteres ziemlich ordentlich; die Auberginen schwimmen im Öl, das bin ich von dort einfach besser gewöhnt. Aber lieber hier Mittelmaß aber dafür in der Akademie lecker - da haben wir doch einfach mehr davon.
Während wir gemütlich tafeln, höre ich im Nebenraum eine unverwechselbare Reibeisenstimme. Kurz danach kommt Zhong herüber, begrüßt mich kurz mit einem „Hallo Lilo" (ich war ja nur kurz weg, einen Kaffee trinken...), erzählt irgendeine zotige Geschichte über er selbst am lautesten lacht, raucht fröhlich die eine oder andere Zigarette, dass wir essen und ein Kleinkind anwesend ist, stört ihn nicht weiter. Kurz danach verschwindet er wieder.

Zhong kenne ich von früher, als er noch Lehrer an der Akademie war. Ich habe ihn als hervorragenden, allerdings auch nicht gerade geduldigen Lehrer kennengelernt, herzlich aber auch sehr...kernig. Er hat sich vor ein paar Jahren mit einer eigenen Schule selbständig gemacht und residiert nun im Police-Hotel nebenan.
Ich frage Guan, wie die Geschäfte bei ihm so laufen. Er zögert. Dann räumt er ein, dass ihm die Schüler nicht gerade nachlaufen. Vielleicht hänge das damit zusammen, dass er das Unterrichten lieber einem Schüler überlässt, während er seinen „Geschäften" nachgeht. Ja, geschäftig sind sie hier alle sehr. Mit was auch immer. Im Mai kommt eine deutsche Gruppe. Guan und ich sind sehr gespannt, wie das laufen wird...

Donnerstag, 17. April 2014

Go Shopping

Elli und mir wurde ein reizender Junglehrer zugeteilt, der sich redlich bemüht, die kleinen Unebenheiten in unserer Taiji-Form auszubügeln. Elli hat die Form eigentlich nur zur Hälfte gelernt und möchte hier den Rest draufschaufeln, während ich an den Ungenauigkeiten arbeiten will, die sich im Laufe der Jahre eingeschliffen haben. Der junge Herr Li Xiaokang arbeitet sehr gewissenhaft mit unserem sehr unterschiedlichen Stand und lässt uns die einzelnen Bauteile immer wieder wiederholen – und hier noch den Fuß etwas 45°iger, dort die Hand etwas balliger, ja, dass fühlt sich schon ganz gut an. Vielleicht noch ein paar Jahre, dann könnte das ganz ok sein.

Es wird. Auch die langen Grundübungen des Taiyi machen sich gut als Krankengymnastik. Sehr schön.


Unter den Ausländern ist auch ein junges Mädchen, das ich letztes Jahr bereits kennengelernt habe. Sie heißt Maja, ist süße 22 und stammt aus Norwegen. Letztes Jahr hatte sie ihre ersten schüchternen Anfänge gemacht und hatte damals geplant, für 6 Monate zu bleiben. Wie das Leben halt so spielt: sie hat sich gelangweilt in der „Rentnergruppe" in der nur so langweilige Dinge wie Taiji und Qigong gemacht werden, und sobald es etwas flotter zuging, kam das große Heulen und Zähneklappern – böser Blick zu LaiBai – und es ging auf kleiner Flamme weiter. Als sie sich darüber bei Guan beklagt hat, meinte er nur knapp: dann geh doch in die Schulklasse! Dreimal nachgefragt – ja, das war ernst gemeint. Da herrscht natürlich ein ganz anderer Wind, zumal die jungen Leute halt auch noch deutlich jünger sind und von Kindesbeinen an hartes Training gewohnt sind. Aber sie hat sich durchgebissen, und als Lucca, den ich auch seit Jahren kenne, versucht hat, seinen 5-Jahresvertrag loszuwerden, hat Maja diesen kurzerhand übernommen. Und dann hat sie noch einen Deal gemacht und wohnt jetzt statt im luxuriösen Einbettzimmer mit drei jugendlichen Chinesischen Damen auf kleinstem Raum zusammen und kann so statt nur noch zwei nun weitere 2,5 Jahre in der Schule bleiben. Chapeau!


Wie Maja uns erzählte, wurde die jahrelange Tradition, das Wochenende auf Mittwoch und Donnerstag zu verlegen, mittlerweile gekippt. Wochenende ist Wochenende. Punkt. Elli und ich machen lange Gesichter: wir hatten uns schon auf den Trip in die Stadt gefreut; lecker Nudelessen, Telefonkarten laden und Großbestellung bei der tapferen Schneiderin...aber da uns keiner offiziell etwas verraten hat, verschwinden wir kurzerhand. Unterwegs begegnet uns Guan, der uns auch nur gutes Gelingen wünscht. Naja, mit der Disziplin ist es derzeit nicht so arg weit her. Bei dem pladdernden Regen (hatte ich noch nicht erwähnt, muss ich ja auch wohl nicht...) macht das Training ja auch keinen Spaß und wird auch halt nur so angedeutet, wie Elli etwas enttäuscht bemerkt. Wenn Guan bei uns ist, sieht die Sache schon anders aus.

Egal, wir stärken uns jetzt erst einmal mit „Gan Mian" - trockenen Nudeln in einer köstlichen Erdnusssauce, die auch Ellis Gnade finden. Nach langen zähen Verhandlungen gelingt es, nicht nur meine SIM-Karte wieder betriebsbereit zu schalten, sondern auch noch eine Shanghaier Nummer aufzuladen (was immer nicht ganz einfach ist) und auch Elli kriegt eine Chinesische Nummer verpasst. Ich schaue misstrauisch auf das Zugabenpaket: das letzte Mal bin ich nach dem Aufladen mit einer Familienpackung Klopapier verabschiedet worden. Diesmal hätten wir einen 5-Liter-Kanister Öl oder wahlweise einen 15 kg-Sack Waschmittel unser eigen nennen können. Aber scheinbar haben wir die Angestellten so sehr erschöpft, dass wir ohne diese Schätze das Haus verlassen.

Die Schneiderin begrüßt mich sehr freundlich und lacht, als ich eine Bluse, die sie mir vor zwei Jahren genäht hat, aus dem Rucksack zaubere. Ich trage das gute Stück sehr gerne und möchte noch zwei weitere mit dem selben Schnitt in unterschiedlichen Farben haben. Ich zeige ihr, wie ich versucht habe, einen Riss selbst wieder in Ordnung zu bringen. Nun lacht sie mich aus – das kann sie besser. Und meine stümperhaften Reparaturversuche wird sie auch verschwinden lassen. Ja, das hat schon seinen Grund, dass sie näht und nicht ich.

Ich sehe bei ihr ein paar hübsche neue Modelle zum Überziehen – da werde ich nochmal in mich gehen. Für das normale Training ist mir die übliche Tracht mit all dem Gebammsel einfach zu umständlich und auch zu warm. Da fühle ich mich nicht wohl und ziehe die Sache nur an, wenn Tempelbesuch oder Auftritt ansteht. Aber so ein Schlupfdingens in schwarz – was neuerdings die Farbe der Akademie ist (schlau, bei weiß war man ja ständig am Waschen...) vielleicht mit einem hübschen Kranich drauf...ja, das könnte etwas werden. Meint auch Elli. Also dann nächste Woche...

Mittwoch, 16. April 2014

Die ersten Tage

Ich hatte Guan kurz berichtet, dass ich mein Knie habe operieren lassen. Zum einen, um die Erwartung nicht zu hoch zu schrauben und natürlich zum anderen als lauwarme Entschuldigung für – wie immer – viel zu wenig Üben. Zur Untermalung hatte ich ihm auch ein paar lustige und selbsterklärende Fotos direkt aus der Klinik geschickt. Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Scheinbar hat ihn das tief beeindruckt, jedenfalls erwartet uns eine Gruppe junger Leute an der Bushaltestelle um uns gleich unser Gepäck aus den Händen zu reißen und mir bei dem Abstieg zur Schule – immerhin 206 Stufen (Elli hats gezählt) - zu erleichtern. Überhaupt werde ich hier liebevoll und sehr besorgt gepampert. Das wird mir schnell zu viel. Ich bin auch hierher gekommen , um schnell wieder – im wahrsten Sinne des Wortes – auf die Beine zu kommen.


Nachdem wir uns kurz von der Reise ausgeruht und alle Bekannten begrüßt haben (das übliche Komitee, Anjing aus Mainz, Renato aus Norwegen und Brasilien und die unvermeidliche LiBai aus irgendeinem slawischen Land, vergesse ich immer wieder), geht es in die erste Trainingsrunde. Ich bin sehr überrascht, die bereits Genannten sind die fast die einzigen ausländischen Gäste. Trotzdem gab es Probleme mit den Zimmern, man hatte uns erst am nächsten Tag erwartet, so dass wir erst am Nachmittag einziehen konnten. Wie mir Renato später erklärt, war ihm im Oktober gesagt worden, er brauche es sich erst gar nicht gemütlich zu machen, er müsse in spätestens 2 Wochen ausziehen, die Schule werde geschlossen (oder so). Diese Ansage wurde jede Woche wiederholt. Seit nunmehr 6 Monaten. Vorsorglich hat man wohl Schüler abgewehrt und die Hausverwaltung ist in die Gastzimmer eingezogen. Mancher hat sich gleich zwei der geräumigen Zimmer gegönnt. Irgendwann reifte dann wohl die Erkenntnis, dass es ohne Gäste halt auch kein Geld gibt, um z.B. die Verwaltung zu bezahlen. Also hat man – da die Planung wohl noch nicht so völlig ausgereift zu sein scheint – entschieden, unter Zurückstellung erheblicher Bedenken doch wieder Gäste ins Haus zu lassen. Allerdings zu horrenden Preisen, wie mir Anjing mit großen Augen erzählt. Mit Blick auf uns erwähnt sie noch, dass sie als Chinesin natürlich einen billigeren Preis zahlt, für uns würde es noch schlimmer werden. Man wird sehen.


Nun haben wir erst einmal ein Verhältnis von 6 Schülern zu zwei Lehrern. Fein. Guan ist außerhäusig beschäftigt. Er bespaßt eine Gruppe aus Macau, die eine Wellness-Woche „Fasten & Trainieren" gebucht hat. Aus Solidarität fastet Guan mit, wie er ganz stolz erklärt. Jeden Morgen wird ein großer Topf mit frischen Ingwer, Goji-Beeren und getrockneter Dattel aufgekocht und davon laben sich die Herrschaften den ganzen Tag lang. Guan preist diese Diät in den höchsten Tönen. Eingedenk seines in Deutschland gezeigten Appetits fällt es mir schwer, ihm seine Begeisterung abzunehmen. Aber vielleicht will er uns – mit Blick auf unsere wohlgerundete Körpermitte – nur ein wenig animieren. Kann er vergessen. Ich hatte ja die schlimmsten Befürchtungen im Hinblick auf die Küche. Die Verköstigung war im Vorjahr eher bescheiden bis ungenießbar und ich hatte mir vorausschauend gleich ein paar Nudeln zum Aufgießen gekauft. Wenn noch nicht einmal Reis mit Suppe geht. Aber welche Überraschung: bisher war jede Mahlzeit ein Genuss: frisches, knackiges Gemüse, sehr delikat zubereitet. So wird das garantiert nix mit dem Abnehmen...

Dienstag, 15. April 2014

Daoda le – Angekommen


Wieder einmal. Die Vorzeichen waren etwas...nunja...unklarer Natur – es gab einige Leute die unbedingt mitkommen wollten ins gelobte Land, aber wie das Leben so spielt, sind jetzt 4 Leute sehr traurig zurückgeblieben, die eigentlich jetzt hier sein wollten und ich habe mich allein mit Elli auf den Weg ins ferne Wudang Shan gemacht. Da ich selbst keine Ahnung hatte, was mich angesichts der brodelnden Gerüchteküche (die Schule wird zugemacht, nein sie zieht um zu den „Acht-Unsterblichen" auf dem nächsten Hügel, nein, ins Tal zieht sie – und damit „no-go" - ach, nein, alles nicht wahr: die Schule wird in ein Zentrum für TCM und Chinesische Kultur umgewandelt...) erwartet, bin ich nicht böse darum, nicht für eine Gruppe verantwortlich zu sein, die vielleicht vor verschlossenen Toren steht. Dass ich mir kurz vor Abflug noch eine „last-minute-OP" am Knie habe angedeihen lassen, macht die Sache umso spannender.


Wir haben uns entschieden, diesmal mit dem Zug von Beijing nach Shiyan zu reisen. Das sind zwar nur lächerliche 17 Stunden, aber vorher müssen wir erst einmal sechs Stunden totschlagen, da unser Flieger erschreckend pünktlich um kurz nach 5 h gelandet ist (genau, es war kein Lufthansa-Flug). Das Entertainment an Bord war schon eine sehr gute Einstimmung: indem Flieger, der ja aus Frankfurt kam, gab es immerhin einen deutschsprachigen Film, mit dem schönen Titel „Ein Pferd auf dem Balkon"; dem Titelbild nach wohl ein Kunstwerk aus den 70igern von unseren österreichischen Nachbarn verbrochen. Naja, vielleicht tue ich unrecht und es war ein Meisterwerk. Ich werde es nie erfahren. Dafür weiß ich nun, dass Keanu Reeves keine Regie führen sollte, wenn dabei Filme wie „Taichi Man" herauskommen. Gruselig.

Immerhin klappt in Beijing alles prima, wie werden wie vereinbart abgeholt und zum Westbahnhof gebracht, wo wir dann die Zugtickets bekommen. Ich möchte mich kurz bei Meister Guan melden, in der Hoffnung, dass uns jemand vom Bahnhof in Shiyan abholen kann. Etwas enttäuscht stelle ich fest, dass meine chinesische SIM-Karte nicht funktioniert; die Deutsche dafür auch nicht. Es gelingt dann, über Ellis Handy wenigstens eine kurze Nachricht an ihn zu schicken, auf die wir aber erstmal keine Antwort erhalten.


Nach der langen Warterei sind wir froh, in unser Liegewagenabteil zu fallen. Wir teilen es mit einer älteren Dame, die mit ihrer kleinen Enkeltochter reist. Damit die arme Kleine, die Mutti wohl sehr vermisst, nicht allzusehr weint, wird das Kind hemmungslos gemästet. Wir bestaunen etwas fassungslos, wieviele Nahrungsmittel in so einen kleinen Mund passen. Irgendwann ist das Kind so erschöpft, dass es in tiefen Schlaf winkt. Und wir dann auch.


Pünktlich gegen 7 h kommen wir in Shiyan an (genau, nicht mit der Deutschen Bahn...). Immer noch keine Nachricht von Guan, kein bekanntes Gesicht am Bahnhof. Macht nichts, so weit ist die Strecke nicht und wir werden sofort von jeder Menge hilfsbereiter Privattaxler angesprochen, die uns gerne nach Wudang fahren möchten. Ich habe da so meine Erfahrungen und ziehe es vor, doch lieber in ein Offzielles zu steigen. Die freundliche Maid stellt als erstes den Taxameter aus und auch hier müssen wir wieder einen Preis vereinbaren. Egal, ich wurde schon teuerer chauffiert. Nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen haben, haben wir auf einmal wieder ein Netz und es plingt auf unser beider mobilen Freunden. Guan, der auf allen Kanälen mehrfach versucht hat, uns zu erreichen. Ob wir um 7 h morgens oder abends kämen. Später die Nachricht, dass er auf dem Zugplan gekuckt hat (kluges Kerlchen) und natürlich käme uns jemand holen. Könnte vielleicht ein paar Minuten später werden...ja, doof. Ich melde mich, damit der Fahrer nicht länger wartet; aber vielleicht kann er uns ja mit hoch nehmen? Mit unserem Gepäck ist die Busfahrt kein Vergnügen.Er will wissen wo wir sind. Ich erkläre stammelnd. Ich soll ein Bild machen. Mache ich. Achja, ihr seid also im Taxi...


Naja, jetzt haben wir es soweit geschafft, die paar Meter nach oben kriegen wir auch noch hin!