Samstag, 10. Mai 2014

Sorglos

An unserem zweiten komplett freien Tag (wir können es immer noch nicht
fassen) treffen wir uns zunächst zur ordnungsgemäßen Meditation, die
uns langsam schon etwas leichter fällt. Mittlerweile ist die halbe
Stunde schon fast voll und es ist tatsächlich noch etwas „Luft nach
oben" - morgen wieder eine Minute länger. Es soll ein sehr heißer Tag
werden, so dass wir uns beeilen, unsere weiteren morgendlichen
Verrichtungen abzuarbeiten. Um kurz nach 8, bei angenehmer
Morgenfrische, ziehen wir los, alle Zutaten für ein kleines Picknick
„an der Frau", meine vorgekochte medizinische Suppe ist auch dabei.
Nun wird sich zeigen, ob die Parkverwaltung es tatsächlich in der
kurzen Zeit geschafft hat, den ganzen Weg zum Mitteltempel komplett
neu anzulegen, oder ob nur der erste Abschnitt, in dem die meisten
Touristen unterwegs sind, auf Vordermann gebracht wurde.

Um die frühe Zeit sind auch die Affen noch mit ihrer Morgentoilette
beschäftigt – wir sehen Massen in den Bäumen, auf den Wegen, im Gras –
ganze Rudel und sehr viele Jungtiere. Ich bin erleichtert, dass die
Tiere trotz des üblichen Anfütterns mit Nüsschen – was ich mir aus
gutem Grund erspart habe – nicht sehr zutraulich sind. Und so trollen
sie sich schnellstens, als wir näher kommen. Angesichts des
beachtlichen Gebisses, dass mir eines der größeren Exemplare beim
Fotografieren zeigt, bin ich da auch sehr froh drum.

Außer uns und den Affen ist bisher niemand unterwegs und so haben wir
dieses wunderschöne Tal ganz für uns. Elli kommt aus dem Fotografieren
gar nicht heraus – alle paar Minuten verkündet sie „jetzt pack' ich
aber die Kamera ein, das sind jetzt wirklich genug Wasserfälle!" um
sie dann kurze Zeit später wieder herauszuholen. Ja, schon traumhaft
hier. Und das sanfte Gurgeln des Flüsschens wirkt auch wirklich sehr
beruhigend, ja fast kühlend bei der beginnenden Hitze. Könnte ich
diese Atmosphäre doch mit nach Hause nehmen – das würde mir die
verordnete abendliche Meditation wirklich erleichtern...warum
eigentlich nicht? Ich stelle mich ans Ufer und mache kurzerhand eine
Tonaufnahme mit all dem Vogelgezwitscher und Wasserplätschern. Klingt
toll. Da mache ich jetzt eine Endlosschlaufe draus und wenn ich dann
die „Stehende Säule" gebe, bilde ich mir ein, ich wäre hier. So könnte
es gehen.


Letzter Tag

Und wieder ist die Zeit gekommen, ein letztes Mal ein riesiges Bündel
an Empfehlungen von Guan dankbar entgegenzukommen, der noch einmal die
Gelegenheit nutzt, sich ganz genau anzuschauen, was Elli und ich so
treiben. Er ist sehr angetan von den Verbesserungen, obwohl natürlich
klar ist, dass es noch jede Menge zu tun gibt. Das erklärt er am
Beispiel eines Hausbaus: zunächst die Grundmauern, dann das Dach, ganz
zum Schluss die Inneneinrichtung. Und irgendwo mittendrin wir. Wieder
einmal gibt Guan mir auf, zu unterrichten. Wieder einmal bekunde ich
höflich, es in Erwägung zu ziehen. Wieder einmal glauben weder er noch
ich, dass es dazu kommen wird.

Gegen Mittag klingelt das Telefon: mein alter Freund Pei erzählt, dass
kurz die 500 Kilometer von Wuhan hergekommen ist, nur um mich zu
treffen. Klar, lache ich, und lade ihn freudig zu unserem heutigen
Abschiedsessen ein. Damit wollen wir uns bei allen Lehrern für ihre
unendliche Geduld und Freundlichkeit bedanken. Das kenne ich von
anderen Lehrern ganz anders.
Pei spricht hervorragend deutsch und meistert auch Ellis...nun
ja...doch sehr stark regional geprägte Ansprache tadellos, so dass
endlich mal Gelegenheit ist, Dinge auszusprechen, die sonst gerne
„lost in translation" bleiben.

Am nächsten morgen, unserem letzten Training, bevor es ans
Kofferpacken geht, werden ich von Schmerzensschreien aufgeschreckt.
Eilig laufe ich in den Hof – etwas passiert?
Wie man's nimmt: hier finden die ärztlichen Konsultationen ja in aller
Öffentlichkeit und unter – angesichts der reizarmen Umgebung –
höchstem Interesse aller Insassen statt. Heute sitzt nun einer unserer
chinesischen Mitschüler auf einem Plastikhocker vor dem
Medikamentenlager und wird dort von der jungen Ärztin akupunktiert. In
den Fußrücken stecken schon zwei beachtliche Nadeln und gerade geht es
an den Kopf. Jeder Nadelstich wird mit einem lauten Schrei quittiert,
bis die Ärztin empört schimpft, dass sie doch noch gar keine Nadel
gesetzt hat. Da ist es natürlich vorbei mit dem – schon vorher nur
spärlich vorhandenem – Mitgefühl. Jetzt wird er gnadenlos ausgelacht
und als Weichei beschimpft.

Erheitert betrete ich das Büro. Wir haben unsere Zugtickets immer noch
nicht, sind aber völlig entspannt, der Zug geht ja erst heute Abend.
Ja klar, meint die junge Verwaltungsdame, alles da und händigt sie uns
aus. Na also. Ich plaudere kurz mit einer japanischen Kollegin, die
hat noch nie ein ein solches Ticket gesehen, betrachtet es - „ich
dachte ihr wolltet heute fahren?" Stille. Ungläubig starre ich auf das
Datum. Es verändert sich leider nicht unter meinem Blick. Es bleibt
bei dem morgigen Tag. Ich atme dreimal tief durch, bevor mich mit
zuckersüßer Stimme die kleine Wendy auf den winzigen Fehler aufmerksam
mache. „Oh, Mh,....könnt ihr nicht morgen fahren"? Einen Hauch
schriller erkläre ich ihr, dass das nicht so günstig wäre – das Hotel
in Beijing ist gebucht und Verabredungen sind getroffen – nein, HEUTE
wollen wir fahren. Nun setzt Hektik ein, auch wenn Guan immer wieder
vorbeischwebt und mantrahaft wiederholt „no problem". Der Schnellzug
für den Abend ist ausgebucht, endlich findet sie noch einen, der zwar
nicht ganz so flott ist, aber dafür noch zwei Schlafplätze für uns
bereit hält. Nun müssen die Tickets nur noch am Bahnhof von Shiyan
umgetauscht werden, und zwar von uns persönlich unter Vorlage der
Pässe. Darauf freue ich mich schon und das sieht Wendy mir auch an.
Bemüht, die Scharte wieder auszumerzen, wird uns ein Schüler
beigeordnet, der die Verhandlungen am Schalter übernehmen soll.

Nun ist es Zeit, zu gehen – die Koffer sind im Auto, eine letzte
Umarmung, ein letztes Winken. Aber man ist es ja schon gewohnt:
nächstes Jahr, selbe Zeit, selber Ort? Vielleicht...aber wiedersehen
werden wir uns. Zaijian, Wudang Shan!

Dienstag, 6. Mai 2014

Feiertag...

...ist heute zwar keiner, aber es fühlt sich ganz so an. Kein
Training. Den ganzen Tag lang. DIE Gelegenheit, endlich mal meinen
Haus-Masseur aufzusuchen, den ich bisher sträflich vernachlässigt habe
(bzw. mich, weil ich nicht hingegangen bin). Wir werden erfreut
begrüßt – obwohl es schon ein Jahr her ist (auch daran kann er sich
erinnern), weiß er noch in welcher Schule ich trainiere und wer mein
Lehrer ist. Und – er kramt ein wenig – meine Visitenkarte hat er auch
noch und weiß, dass sie zu mir gehört. Respekt! Ich erkläre ihm, dass
der Zeitplan in der Schule umgestellt wurde und wir nun am Sonntag den
ganzen Tag frei haben – und da arbeitet er ja sich nicht. Aber doch,
meint er fast empört – er arbeitet immer. Außer...es folgt sein ganzer
Wochenplan, wann er welchen Unterricht hat, denn er ist mittlerweile
Schüler von Meister Yuan und lernt auch Taiji. Finde ich toll, letztes
Jahr hatte er gerade mal mit ersten Qigong-Übungen angefangen und
konnte bestätigen, dass das ganz schön in die Beine gehen kann, wenn
man falsch steht. Da geht es den gestandenen Physiotherapeuten wie den
bewegungsfernen Versicherungsangestellten.
Jetzt kann er natürlich viel besser verstehen, wenn ich ihm sage, bei
welchen Schritten und Ständen ich Probleme habe. Und er findet jeden
verbogenen Muskel. Auch bei Elli, der die Frau des Meisters ihre
spitzen Finger ins Fleisch bohrt.

Nach einer Stunde verlassen wir entspannt das Studio. Ich verspreche
mir, nächstes Jahr wirklich öfter hierher zu kommen. Und dann darf er
mir auch wieder Nadeln setzen. Und unter Strom setzen. Und schröpfen
darf er auch.

Leider steht das „Jiaozi"-Projekt unter einem sehr ungünstigen Stern.
Der kleine Laden, der noch geöffnet hatte, bevor wir zur Massage
gegangen sind, hat die Rolläden schon wieder unten. Es soll wohl
dieses Mal einfach nicht sein. Dabei hatte ich mich schon so auf die
kräutergefüllten leckeren Teigtaschen gefreut. Mir fällt noch ein
weiterer Laden ein – aber es ist leider schon halb eins, und da hat
der ordentliche Chinese halt schon längst gegessen. Deshalb gibt es
auch dort keine Jiaozi mehr, nur noch Baozi, wie uns der Koch
bedauernd erzählt. Egal, jetzt haben wir Hunger, frische Nudeln hat er
auch und er zaubert uns blitzschnell eine gute nahrhafte Suppe mit
Eiern und Tomaten, die so viel Geschmack haben, wie ich es selten
erlebt habe. Ich kenne zu hause mehr so das schnittfeste Wasser,
während diese hier fast so intensiv wie Tomatenmark schmecken und
duften. Zwar keine Jiaozi aber sehr, sehr lecker.

So gesättigt sind wir auch milde gestimmt und tragen es mit Fassung,
dass die Bestellung bei der Schneiderin...nun ja...nicht ganz so
ausgefallen ist, wie wir uns das gedacht haben: die Hosen haben keine
Taschen aber dafür unten Gummibünde; der Chasuble ist nicht grau,
sondern schwarz – also alles bitte nochmal nacharbeiten. Aber die
Kranich-Stickereien sind sehr schön geworden, dafür loben wir die
tapfere Schneiderin sehr und wenn sie es jetzt noch schafft, bis
Donnerstag alles in Ordnung zu bringen und auch noch schnell ein
last-minute-Blüschen für Elli zu zaubern – weil wir dann weg sind, wie
wir ihr drei mal sagen - , dann ist alles in Ordnung.

Sonntag, 4. Mai 2014

Veränderungen


Heute letzter Trainingsvormittag vor dem langen Wochenende – da hat der eine oder andere sich gedacht, dass man sich's auch gleich schenken kann und ist weggeblieben. Die Neuen sind natürlich ordnungsgemäß angetreten, die werden auch nicht misstrauisch als es schon wieder heißt „Matten ausbreiten". Da freuen wir uns aber, denn der Muskelkater hat sich gerade in voller Pracht entfaltet. Und was hilft da am besten? Genau! Das allseits beliebte Extrem-Stretching. Wir „Erfahrenen" wurschteln uns so durch aber für den einen oder anderen Neuling ist dieses Erlebnis gleich ein ordentlicher Schreck. Ob das so weitergeht? Achwas, dabei sein ist alles und ihr gewöhnt euch auch noch dran!

Am Nachmittag ziehen wir dann los Richtung Taizi Po, der „Abhang des Prinzen" - eine wunderschöne Anlage, die wir erstmals 2005 gemeinsam besichtigt haben. Elli erinnert sich noch: es hat geregnet. Stimmt. Kommt ja hier gerne mal vor. Wir haben viel Zeit und schauen uns alles genau an. Damals wirkten die Bauwerke noch ziemlich vernachlässigt, heute sieht es hier ganz anders aus. Schade nur, dass im Tee-Laden keine Bilder und Kaligrafien mehr verkauft werden. Mir war schon vor zwei Jahren erzählt worden, dass der Maler weitergezogen ist. Und kein Maler keine Bilder. Da bin ich wirklich froh, dass ich noch eines der sehr aufwändig gestalteten „Neijing Tu"-Bilder dieses Künstlers ergattert habe.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass jenseits des Besucher-Trampelpfades noch ein weiterer, etwas verborgener Weg durch eine Art botanischer Garten führt. Ich suche und finde den Einstieg. Er führt erstmal an der Außenmauer der Gebäude entlang und da zeigt sich, dass man zunächst einmal darauf geachtet hat, dass der Touri-Bereich nett aussieht. Die Mauer von draußen dagegen...naja, sehr bedenklich. Hoffentlich lehnt sich da mal niemand dagegen. 


Wir folgen einer Treppe, die durch einen dichten Bambuswald an einer kleinen Tee-Terrasse vorbei auf eine Lichtung führt – ein wunderschöner Platz mit einem herrlichen Aussicht in die Berge. Wir sind ganz alleine hier, nur die Vögel bieten uns ein fröhliches Konzert. Das Schnattern der Touristen hinter den Mauern ist nur noch als Murmeln zu hören. Wie friedlich, obwohl die Meute doch in greifbarer Nähe ist. Hat aber den Einstieg nicht gefunden. So ein Pech.
Wir wandeln weiter durch diesen Paradiesgarten und bewundern die exotischen Bäume und duftenden Sträucher. Uralte Mauern, die in einem kunstfertigen Fischgrätmuster ohne jedes Bindemittel errichtet wurden, säumen unseren Weg.
Was für ein schauriges Erwachen, als wir wieder in der Hektik und dem Lärm des Bus-Parkplatzes ankommen.

Als wir zurück zur Schule kommen, fällt uns eine rotbemützte Gruppe auf. Rote Jäckchen haben sie auch an. So weit, so normal – chinesische Touristengruppen tragen häufig eine Einheitsbekleidung oder Kopfbedeckung, damit sie sich nicht verlieren oder wenn, dann schnell wiedergefunden werden. Aber dass sich so eine Gruppe die 206 Stufen nach unten zur Akademie bemüht, ist doch eher ungewöhnlich. In dieser Gruppe entdecke ich ein bekanntes Gesicht. Lehrer Du. Ohne rote Jacke und Mütze, einfach nur mittendrin. Am Abend spaziert diese Gruppe an uns, die wir in der Abendsonne unsere Mahlzeit auf dem Hof genießen, vorbei. Merkwürdig. Unser Sino-neuseeländischer Freund, der ein großartiger Ermittler ist, weiß aber schon Bescheid: das ist die Familie von Lehrer Du, die sich aus dem hohen Norden aufgemacht hat, um mal nachzuschauen, ob es dem Sohn, Enkel, Neffen, Cousin 15. Grades... hier auch gut geht. Und da hat die Familie wohl richtig mobil gemacht, hübsche Kleider nähen lasse, Käppchen gekauft, einen Flieger gechartert und los ging's ins f
erne Wudang Shan. Etwas erschöpft wirkte er, unser Lehrer Du. Den ganzen Tag Schüler scheuchen ist bestimmt nicht ganz so anstrengend wie die liebe Familie. So ist das wohl auf der ganzen Welt.

Samstag, 3. Mai 2014

(Doch kein) Wochenende

Während bei unserer Ankunft das Training eher gemäßigt und die Schülerzahl sehr gering war, ist nun langsam Normalität eingetreten. Es sind noch neue Gäste aus Japan und China eingetroffen, der Hof hat sich gefüllt und es wurde noch ein weiterer Lehrer abgestellt, der sich um die Schüler kümmert. Wie immer, beginnt das Training mit einer einstündigen Aufwärmphase, angeleitet jeweils im wöchentlichen Schichtwechsel von einem Lehrer. Diese Woche ist Lehrer Zhang Qi an der Reihe, der gerne Mal Grenzen austestet. Viel Bufa, also Schrittübungen, kombiniert mit Fauststößen, immer schön in tiefer Stellung. Ich erhalte Dispens für einzelne Übungen, versuche aber, soweit wie möglich mitzukommen – ist dann halt eine Light-Version, aber immerhin.

In unregelmäßigen Abständen gibt es immer hübsche Sonderstunden, in denen die Matten ausgepackt werden. Die Kenner fangen schon immer an zu stöhnen bei der bloßen Ankündigung, da ist noch gar kein Schweißtropfen geronnen. Ich tippe heute auf „extrem-Stretching" mit Spagat und allem, was den jungen Leuten noch so einfällt. Nein, falsch geraten: Krafttraining ist angesagt. Also geht's in Zweierteams an all' die wunderbaren Sachen, die man als Kind schon so im Sportunterricht geliebt hat: Situps, Liegestütz und, ja, so ein bißchen Dehnung, wenn man schon mal da unten ist...ein ordentlicher Muskelkater ist uns gewiss. Prophezeit auch der nette Lehrer Zhang mit einem Lächeln.


Wir hatten uns ja schon darauf eingestellt, heute nur einen halben Tag zu trainieren, dann Wochenende, runter in die Stadt, noch schnell ein Dutzend Dinge erledigen, ausruhen – aber das war – wieder einmal – ein Irrtum: wegen des Feiertags wird erst mal weitergemacht. Samstag volles Training, Sonntag ein halber Tag aber dann: zwei ganze Tage frei! Wir jammern zwar etwas, weil die Muskeln schon bitte gern jetzt mal Pause gehabt hätten, aber die Aussicht auf einen ganzen Tag für die Stadt – da können wir ja endlich mal zur Massage gehen. Dafür hat bisher immer die Zeit gefehlt und weil wir eigentlich den vollen Tag nicht für die dreckige Stadt verplempern wollten, sondern lieber den Ganztags-Spaziergang vom Affental zum Mitteltempel unternehmen würden, freuen wir uns, dass nun beides funktionieren könnte. Da muss die Muskulatur jetzt halt mal durch. Schaffen wir schon - Jia You!



Freitag, 2. Mai 2014

Alles fließt

Als ich am morgen Elli zur Meditation abhole, wirkt sie etwas
übernächtigt. Auf vorsichtige Nachfrage hin bestätigt sie, dass die
ersten vom Doktor angekündigten Folgen nun eingetreten sind. Naja, wir
bleiben ja auf dem Schulgelände. Während wir so friedlich stehen, höre
ich Schritte und Murmeln – Guan wird doch nicht den Weg zu uns
gefunden haben? Nach der Meditation erkenne ich, dass es Lehrer Du
war, der - selbst am Trainieren - dringenden Handlungsbedarf bei
meiner Nachbarin gesehen hat – im Stehen geschlafen hätte sie!
Nanana...

Beim späteren Trainieren kommt es noch schlimmer, Elli kommt mit
feuerroten Augen an – das Wasser fließt aus allen Kanälen; sie muss
abbrechen. Ratlosigkeit herrscht. Kurzes Konzil zwischen Guan und der
Arzthelferin, die sich die Symptome beschreiben lässt, sie freut sich:
endlich passiert etwas, und zwar genau was es soll! Interessiert
stelle ich für mich fest, dass das Erscheinungsbild, dass zuhause
einen sofortigen ärztlichen Marschbefehl ins Bett zur Folge hätte,
hier zu „Tschaka" und „high five" sorgt. Spannend. Ich gehe schnell
hoch zur Patientin und gebe kurz Entwarnung, alles so, wie es sein
soll. Kurz Ausruhen und heute mittag geht's zum Doc zur Kontrolle.

Zum Nachmittagstraining ist sie dann auch wieder fit und nach
Feierabend wird sie von Guan ins zum Sprechzimmer umfunktionierten
Tee- und Empfangsraum gebeten. Ich werde dazu gebeten, falls es
sprachliche Probleme gibt. Es dauert nicht lange, dann läuft auch
unser sino-neuseeländischer Freund vorbei, der möchte natürlich auch
gern helfen. Und gucken, wie da behandelt wird. Chenchen schneit auch
vorbei und schnell ist eine lustig schwatzende Meute versammelt,
während der Arzt hochkonzentriert und sich von dem Palaver nicht aus
der Ruhe bringen lassend den Puls misst. Er ist hochzufrieden mit dem,
was er da fühlt. Schüler Guan darf auch mal tasten und ist ganz
begeistert, wie kräftig der Puls, der noch vor zwei Tagen kaum zu
fühlen war, nun schlägt. Nun geht's an eingemachte, der Arzt möchte
sehr detaillierte Angaben über ...nun...innere Abläufe. Der Dialog
wird von allen Anwesenden aufmerksam verfolgt und kommentiert. Jeder
will helfen und weiß etwas dazu zu sagen und zu erklären.Am Ende geht
die Patientin mit der Empfehlung, Zucker, Kaltes und milchiges zu
meiden sowie der Ankündigung auf Pillen, die morgen für sie gedreht
werden, nach Hause. Ach, was geht es in unseren Sprechzimmern so
langweilig zu!

Donnerstag, 1. Mai 2014

Xia Ke – Training

Nach dem Gewaltmarsch gestern spüre ich meine Knochen mehr als mir lieb ist. Ich erinnere mich daran, wie ich mit dem Orthopäden über die geplante Reise gesprochen habe und er noch meinte „so kurz nach der OP sollten Sie auf jeden Fall Kletterpartien meiden – aber das haben Sie ja sicher nicht vor!" Nee, hatte ich nicht. Hat sich aber so ergeben. An tiefere Stände ist heute überhaupt nicht zu denken, sogar der junge Lehrer Zhang – ein ungemein liebenswürdiger, freundlicher aber auch unerbittlicher junger Mann – ist etwas gnädiger als sonst. Natürlich nicht ganz: also so ein bisschen höher geht das Bein ja schon beim Kicken und beim Kreistritt „Waibai" stellt er sich direkt vor mich, damit ich über seinen Kopf trete. Glücklicherweise ist er nicht ganz so groß, aber heftig ist es schon. Der Schweiß fließt in Strömen, aber dafür sind wir ja auch da.


Als wir uns leicht außer Atem ausruhen, kommt die nette Helferin des Arztes zu uns und fragt nach dem Befinden. Ich erzähle, dass ich seit Einnahme der Medikamente morgens pünktlich um 4.00 h glockenhellwach und schweißgebadet über dem Bett stehe. Aha. Sie fragt noch nach, ob der Schweiß kalt ist, ja, ist er. Zufrieden nickt sie. Alles im grünen Bereich. Es wirkt also. Die Frage an Elli: keinerlei Veränderung zu vorher. Sie runzelt die Stirn – nach dem Mittagessen bitte nochmal vorbeikommen, es wird noch eine Portion gekocht. Elli freut sich.


Nach der Pause stellt Lehrer Zhang sich vor mich, will die 13er Form sehen, an der ich zusammen mit Guan gewaltig gebastelt habe. Extrem langsam setze ich an, memoriere, „Haltung-Haltung-Haltung-Öffnen-Schließen-FußzehenEinrollen-Ablauf der Form nicht vergessen...", die tiefen Stellen deute ich nur an, dennoch: kurzer Applaus. Das gab's noch nie von ihm! Bevor ich mich freuen kann: „aber das Gesicht musst du auch entspannen – und nochmal!" Gesicht entspannen...mmmh...ich denke an Geschichten von Zuhause aus dem Märchenwald mit einem Troll darin. Und lächle.