Donnerstag, 30. April 2015

会演 Huiyan - Vorführung

Bevor wir in ein - diesmal verlängertes - Wochenende entlassen werden, steht wie immer die beliebte Vorführung vor allen Schülern und natürlich vor Meister Yuan an. Beliebt vor allem bei Leuten wir mir, die nicht vorführen müssen, weil noch ein paar Bewegungen zur Vollendung fehlen. Super-Gao hatte uns gefragt, ob wir trotzdem wollen. Ich kann mich beherrschen, aber - vielleicht täusche ich mich - Achim hätte sich gerne vor die versammelte Mannschaft gestellt und präsentiert. Hat er dann aber doch nicht.
Wer nicht gefragt wurde, ist Tori. Die musste. Wurde ihr schon nach einer Woche Training verkündet. Auch wenn die Form noch lange nicht fertig ist. Wahrscheinlich als abschreckendes Beispiel, wenn man Tori so zuhört. So lehne ich mich entspannt zurück und genieße die Show. Toris Vorführung wird wie erwartet eine Katastrophe. Da muss ich ihr zustimmen. Auch wenn so ein hergelaufener Meister Yuan etwas von "excellent" erzählt. Aber was weiß der schon.

Danach beginnt die Entspannung. Und zwar in extra-large, weil am Freitag Feiertag ist, da ruht der Schulbetrieb. Im Prinzip. Unser Lehrer nimmt uns aber gleich beiseite: er ist da und lädt uns herzlich aber bestimmt zum Sondertraining ein - zwar nur verkürzt, aber immerhin. Er hat ja einen Plan und Achim und ich sollen auf jeden Fall eine fertige Form mit im Gepäck haben, wenn es am Dienstag Richtung Shanghai geht.

Jetzt geht es aber erstmal zu einem Treffen mit Birte, einer Lehrerin unseres Vereins, die eine Schülerin von Meister Tian ist. Wie jedes Jahr treffen wir uns zum schon fast traditionellen Jiaozi-Essen und tauschen uns über die unterschiedlichen Erfahrungen mit unseren Schulen aus. Danach geht es über die Straße zu Massage-Gao, um die ramponierten Knochen wieder dahin schieben zu lassen, wo sie hingehören. Und danach gehen wir daran, ein Gerücht, das sich in den letzten Tagen immer mehr verdichtet hat, auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

Es war ja immer ein Running-Gag, sich nach einem guten Essen zurückzulehnen mit dem Seufzer "Und jetzt einen Espresso!", wissend, dass wir hier - noch - in einer starbucksfreien Zone sind. Nun hat man uns erzählt, dass es in unmittelbarer Nähe unserer Schule ein Youth-Hostel, von dessen Existenz mir vorher auch nichts bekannt war, aufgemacht hat, in dem richtig echter, guter Kaffee serviert wird. Die Oase befindet sich gegenüber der Bank of China, leicht versteckt hinter einem kleinen Platz mit Säulen hinter einem größeren Hotel. Schnell ist der Ort gefunden, wir treffen auf ein chilliges, kleines Etablissement, ausgestattet mit sehr dezenter, bequemer Möblierung, Billard-Tisch, freiem schnellen Internet und...einer glänzenden italienischen Kaffeemaschine. Das Geräusch, als die frischen Bohnen gemahlen werden, treibt mir fast Tränen in die Augen und löst heftigen Speichelfluss aus. Mit einem seligen Lächeln schlürfen wir einen wirklich hervorragenden Espresso, den besten seit Wochen gewissermaßen und weil es so schön ist, gleich noch einen Eiskaffee hinterher. Dann sehe ich auf dem Tresen noch eine Reihe Dosen aufgestellt: Schwarzbier, gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot. Das Leben ist schön.

Dienstag, 28. April 2015

Ein Leben in China

36 Grad. Der Schweiß strömt. Und jetzt nach Feierabend auch das (Leicht-)Bier. Auf der Terrasse schauen wir den letzten noch Übenden bei der Arbeit zu. Zu uns hat sich ein Slowake gesellt, der kaum Englisch oder gar Chinesisch spricht. Mühsam erklärt er, dass er sich hier einen Traum verwirklicht hat. Hier zu sein sei für ihn wie ein Märchen. Ich schaue mich um: die Gebäude - nichts, was eine schwäbische Hausfrau in absehbarer Zeit in die Reihe bekäme, zum Teil halb verfallen...so bei nüchterner Betrachtung vielleicht nicht unbedingt ein Traumurlaubsort, auch die sanitären Anlagen wollen nicht allzu genau in Augenschein genommen werden - aber was solls; 5 Sterne kann jeder und wir sind ja zum Trainieren hier. Die Aussage meines Mitschülers sagt mir einiges über die mutmaßlichen Verhältnisse, von denen er herkommt. Er erwähnt auch mehrfach, dass er sehr genau aufs Geld schauen muss und eine Wiederkehr zu "Zhenwu Himmelfahrt", die ich anrege, als er von seinem Interesse an daoistischen Riten erzählt, wohl nicht im Budget ist. Vermutlich fällt ihm die schäbige Umgebung gar nicht auf. Nur mal wieder so zur Erinnerung, wie gut es uns geht.

Als Tori und ich gemeinsam mit Super-Gao zum Schwertkauf gewandert sind, hatten wir versucht, ihn - wie es Landes Sitte ist - über seine Familienverhältnisse hochnotpeinlich auszufragen. Etwas verwundert waren wir schon, als unsere neugierigen Fragen sehr einsilbig beantwortet wurden. "Stoffel", dachten wir uns, will halt nicht.
Nun lernen wir die Geschichte kennen: tatsächlich war es so, dass die Mutter die Familie verlassen hat, als Gao noch ein Kleinkind war. Die Schwester war wohl schon alt genug, um den Vater bei der Besorgung des Haushalts zu unterstützen, aber mit dem kleinen Gao war er überfordert. Und so landete der Junge hier an der Schule, wo er Essen und eine - bescheidene - Schulausbildung erhielt. Und weil seine Leistungen in der Kampfkunst über dem Durchschnitt lagen, ist er geblieben und unterrichtet nun seinerseits. Die Schule ist nun seine wahre Familie, während der Kontakt mit Vater und Schwester wohl vollständig abgebrochen ist. Dies erklärt einiges, auch dass Gao im Gegensatz zu den meisten Altersgenossen kein Pinyin kann. Das habe ich festgestellt, als ich ihn gebeten habe, mir die Bezeichnungen und Reihenfolge meiner Form zu notieren. Hat er murrend gemacht, mir sein Schreibheft, in dem er kurz ein paar Schriftzeichen hingekritzelt hat, hingehalten und gefragt, ob das so genügt. Natürlich nicht. Ich hatte vorgeschlagen, dass er die Form auf meinem Tablet eingibt, dann habe ich es gleich als Datei (und kann das Ganze auch leichter übersetzen). Dagegen hat er sich geziert, erst mit der Ansage "zu viel Arbeit", bis sich dann herausstellte, dass er es nicht eingeben kann. Ich wollte ihn nicht weiter beschämen, er hat dann mit der Spracherkennung seines Handys die Reihenfolge diktiert und mir auf den Weixin-account, dem chinesischen whatsapp, geschickt.
Wenn er nun erklärt, dass er abends, nach einem langen Trainingstag sich noch hinsetzt um Kalligrafie zu lernen, so ringt mir das allergrößten Respekt ab. Er ist sicherlich ungebildet, hat aber das Herz am rechten Fleck und hat das allerbeste aus seiner Geschichte gemacht. Ich hoffe, er geht seinen Weg weiter. Ich werde es beobachten.

Montag, 27. April 2015

Essen fassen

Auch hier gibt es vor der Waschstelle, wo man nach dem Essen seinen Blechnapf mit kaltem Wasser für den nächsten Einsatz ausschwenken kann, einen Behälter, in dem man die Essensreste hineinkippt. Der war schon in der alten Akademie nicht gerade lecker; eine Blechtonne, die etwa 20 Liter fasste und neben der Küche in einem dunklen Gang abgestellt war. Hier - ist ja eine große Schule - sind es zwei Kunststofffässer, Format Regentonne, die in der prallen Sonne stehen. Da gibt es nur "Nase zu und durch!" und bloß nicht hineinschauen, was da alles ekliges schon drin herumschwimmt oder zu Leben erwacht ist. Ich habe mich schon gefragt, wie man die Fässer wohl entleert - bei der Größe bestimmt ein anständiges Gewicht und diese Suppe ist auch nicht leicht zu rangieren. Viel Spaß dem, der diesen Job abbekommt.

Zum Nachmittagstraining stehe ich mit Tori einige Meter entfernt am Dehnbalken. Es ist wieder einmal drückend heiß. Auf einmal ertönt ein Knall und eines der beiden Fässer kippt ohne jede Einwirkung von außen auf einmal um und der ganze stinkende Schleim ergießt sich auf dem Hof. Tori und ich bringen uns schnell in Sicherheit und beobachten mit vorgehaltenen Ärmeln, was als nächstes passiert. Erst einmal nichts, Ratlosigkeit. Einer der Übungsleiter erscheint mit einem Strohbesen, schaut sich die Schweinerei an und entscheidet klug, dass er wohl doch nicht das geeignete Werkzeug gegriffen hat. Damit hat er aber schonmal Initiative gezeigt und ist erstmal raus aus der Nummer. Schließlich erbarmt sich unser Gao, den wir mittlerweile (zur besseren Unterscheidung zu unserem Physio, "Massage-Gao") nur noch "Super-Gao" nennen, sich des Problems anzunehmen. Natürlich patscht er nicht selbst mit seinen weißen Klamotten im Dreck herum, aber er entscheidet, wer jetzt die A...Karte gezogen hat und mit Schaufel und kleinem Eimer die Innereien wieder zurück in das Fass befördern darf. Zwar ist immer noch nicht klar, warum man zwei große Fässer in die Sonne stellt, bis sie in der Hitze gären anstatt einen kleineren Behälter, den man regelmäßig ausleert - aber wenn es denn so Landes Sitte ist...ich glaube, ich esse jetzt erstmal auswärts...

Am Abend, kurz vor Beginn des Abendtrainings, höre ich Super-Gao mit dem Motorrad heranbrausen. Er hat einen Sozius hinten drauf, der irgendetwas undefinierbares in Händen hält. Ich schaue genauer hin: vier Füße, die in die Luft ragen. Gao fährt mit Schwung die Rampe ins
Gebäude, die eigentlich für eine Rollstuhlfahrerin, die im Hinterhaus lebt, eingebracht wurde, hinauf. Nun jault es kurz und einer beiden Hunde rennt, was die Pfoten hergeben, davon. Es stellt sich heraus, dass Gao neben seinem Lehrer- und Hausmeisterjob auch noch für die Tierpflege zuständig ist. Einer der Hunde hat völlig verklebte Augen und scheint auch sonst nicht allzu gut auf der Reihe zu sein. Also wurde er jetzt auf dem Motorrad zum Tierarzt geschleppt und vorgestellt. Irgendetwas mit der Niere, jetzt soll er zweimal täglich Medizin ins Maul gespritzt bekommen. Und so haben wir nun morgens und abends das Schauspiel, wenn Gao den Hund Jagd, um ihn zu verarzten. Eben Super-Gao, der Gute.

Samstag, 25. April 2015

Meisterklasse - Klassemeister

Heute morgen fiel das frühe Aufstehen besonders schwer; Tori hat gleich ganz verzichtet, während ich mich wenigstens zum Übungsplatz gequält habe mit dem Plan, etwas Light-Qigong anzudeuten um wenigstens guten Willen zu zeigen. Die hiesige Version der Fünf Tiere ist nämlich ganz schön anstrengend; täuscht einfach an und dann geht's ganz ordentlich zur Sache. Gemein. Als ich zum Dehn-Balken komme, sind schon die Neulinge eifrig am biegen. Und auch ein wenig am brechen. Mit leicht verzerrtem Gesicht fragt die neue Französin, ob die Schmerzen irgendwann nachlassen. Gespannt wartet die chinesische Familie auf meine Antwort. "Ja", lüge ich, "wenn ihr das überstanden habt, geht es". Die Wahrheit finden sie schon früh genug heraus, warum soll ich sie demotivieren?

Ich stelle mich in die letzte Reihe, damit niemand sieht, was ich so treibe. Ich finde die Übungen an sich nicht schlecht, aber halt nicht heute... Plötzlich spüre ich Blicke im Rücken, es zupft an meinem Haar und die sonore Stimme des Meisters ertönt: "du hängst an einem seidenen Faden, dein Kopf ist wie ein Ballon (stimmt!)..." und noch einiges mehr, was man gar nicht oft genug hören kann. Findet der Meister auch. Dass er von dieser Endlosschleife nicht müde wird...ich glaube jeder der Anwesenden bekommt die gleiche Ansprache. Und gebastelt und gebogen wird an jeder Bewegung. Soviel zu meinem Plan mit dem lockeren Training...auch dass ich in die extremen Stellungen nicht komme, lässt er nicht gelten - man kann auch im hohen Stand korrekt üben. Na gut, die Info nehme ich mal gerne mit.

Derart vorbereitet geht es dann in den Tempel. Das letzte Mal für dieses Wochenende, wie man uns erklärt. Nun sind die Touristenströme zu erwarten, die sämtliche Tempel der Berge überschwemmen und mit ihren Flüstertüten (wer hat nur diesen Namen erfunden) die Ruhe des Tempels und des ihn umgebenden Parks zunichte machen. Da bleiben wir lieber in der Schule. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es hier schlimmer zugehen kann als im Purpurwolkentempel in den Bergen. Achim hatte während unseres Wochenendes einen kleinen Ausflug nach oben gemacht und berichtet, dass es mittlerweile fast unerträglich in den Bergtempeln geworden sei. Touristenbus reihe sich an Touristenbus und die unzähligen Touristenführer versuchen, sich gegenseitig mit ihren Ansprachen vor Ort zu übertönen. Ich glaube, wir haben gerade den richtigen Zeitpunkt erwischt, uns von der Akademie am Zixiaogong, dem Purpurwolkentempel, zu verabschieden und eine neue Schule zu suchen. Nicht nur, dass die Qualität des Unterrichts immer mehr abgenommen hat - besonders, seit mein Lehrer Guan die Schule verlassen hat um in Beijing daoistische Philosophie zu studieren -, auch die Umgebung selbst erscheint mir nicht mehr ideal, um ungestört zu lernen. Und ich muss sagen, hier am Stadtrand, mit Blick in die Berge, ordentlichen Trainingsplätzen, aufmerksamen Lehrern, sind wir wirklich gut bedient.

Als Achim und ich friedlich vor uns hin üben und fleißig immer und immer wieder die Form wiederholen, damit wir unseren Lehrer nicht blamieren, steht wieder Meister Yuan vor uns. Da klappt es natürlich gleich um einige Nummern schlechter. Still beobachtet er, wie wir die Form laufen, nur an einer Stelle werde ich unterbrochen, wo sich meine Struktur so schmucklos verabschiedet hat, dass er es nicht mehr ansehen konnte: "stelle dir vor, dein Kopf ist an einem seidenen Faden aufgehängt...". Déjà vu.

Ich beobachte, wie der Meister über das Feld läuft, überall mal zuschaut, Hinweise gibt, verbessert. Man hat den Eindruck, dass er wirklich genau weiß, was in seinem Laden läuft und auch seine Schüler kennt. Wir fühlen uns hier sehr gut aufgehoben. Bei den Vorübungen hat er sich einfach mal in die Reihe gestellt und mitgemacht. Ganz unauffällig. Und dennoch bildete wie von Geisterhand die Reihe auf einmal eine gerade Linie, die Tritte wurden bis zum Ende ausgeführt und nicht kurz vor Schluss gehuddelt oder ganz aufgehört, die Klamotten blieben auch an den Körpern, während sonst die halbe Mannschaft nach kurzer Zeit gerne halbnackt da steht (die Damen oben nur noch mit Sport-BH bekleidet, was hierzulande auch für Kräuselschnuten sorgt). Magic Yuan.

Freitag, 24. April 2015

Kein Hitzefrei für stahlharte Krieger

Die neue Trainingswoche hat einige neue Gesichter gebracht. Noch in der Nacht hörte man Poltern und Stimmen - wir sind wohl nicht die Einzigen, die bei nachtschlafender Zeit Einzug gehalten haben. Am morgen sehen wir dann auf unserem Gang eine chinesische Familie; Papa und Tochter mit dem werten Gemahl und noch einem angehängten Jüngling, den wir noch nicht recht zuordnen können. Sie werden Taiji lernen, erzählen sie. Dann ist noch eine sehr junge Französin angekommen - Tori und ich betrachten immer die Neuankömmlinge und raten dann, wo sie wohl herkommen. Dann wird gefragt und ausgequetscht. Immerhin einmal lagen wir schon richtig. Die junge Französin jedenfalls hat sich auf die lange Reise bar jeder Chinesisch-Kenntnisse und auch ohne erkennbare Kampfkunst-Fertigkeiten gemacht und will jetzt ebenfalls Taiji lernen. Meiner Einschätzung nach wird sie sich möglicherweise etwas wundern, falls sie im Fernsehen mal irgendwelche Leute im Park mit den Armen hat wedeln sehen und sich dachte, das will sie auch.

Zum Morgenqigong sind wir jetzt eine Klasse weiter gekommen und dürfen mit denen, die den Ablauf auch schon gelernt haben, trainieren. Unsere Plätze in der Anfängerklasse sind jetzt vergeben an die Neuankömmlinge. Der Französin ist sehr schnell sehr warm, so hat sie sich das vielleicht doch nicht vorgestellt. Dabei hat das eigentliche Training noch gar nicht angefangen - wir sind ja erst noch beim Wachwerden.

Als um kurz nach 8 die Trillerpfeife zur Aufstellung und Abmarsch in den Tempel ruft, erscheinen alle Neuen in ihren taufrischen nagelneuen und noch strahlendweißen Schuluniformen. Die werden bald nicht mehr so aussehen, wage ich mal eine Prognose. Bisher hatten wir sehr angenehme frühlingshafte Temperaturen, genau richtig zum Trainieren. Heute verspricht der Himmel aber schon eine ganze Schippe mehr. Beim Warmmachen fließt der Schweiß schonmal im Strömen. Harter Stoff für die Neuen, die Chinesen haben sich gar nicht erst auf die Bufa-Übungen eingelassen und sind direkt zu Übungsleiter Gao marschiert. Schließlich wollen sie ja nur Taiji lernen. Der Zusammenhang zwischen dem Üben von Schlag- Tritt- und Schritttechniken und dem Formenlauf ist ihnen wohl nicht klar. Da ist die kleine Französin schon etwas tapferer - gottergeben macht sie alles mit. Respekt.

Die Hitze wird größer und die kleinen Schattenstreifchen reichen bald nicht mehr aus, alles Sonnenschutz suchenden zu beherbergen. Jetzt gibt es nur noch pralle Sonne und die Konzentration lässt schon gewaltig nach. Dummerweise lässt sich Gao nicht von seiner Idee abbringen, uns unbedingt die gesamte Form in der verbleibenden Zeit einzutrümmern. Er erklärt mir den genauen Tagesplan, den er ausgeklügelt hat, demonstriert kurz, wann wir gefälligst welche Bewegung zu kapieren haben. Ich sage ihm nochmal, dass es mir wichtiger ist, genau zu lernen alles eine Form runterzunudeln nur damit sie dann fertig ist. Er ist empört - natürlich soll das, was wir am Ende präsentieren, auch noch präzise, locker und fließend sein! Er lässt uns vor der Gruppe vorturnen, während die im Schatten steht. Noch beim Vormachen kommen ständige Ermahnungen und Anmerkungen: Hals lang - Schultern runter - Ball ist zu groß/zu klein, Mabu-Gongbu nicht sauber getrennt, Körperdrehung nicht ausreichend undundund...ich glaube, er hat sich da etwas viel vorgenommen.
Dann ist Tori in der Mache - der geht es noch viel schlimmer: nicht nur dass sie auf Biegen und Brechen vorführen soll: ihre Kungfu-Schwertform ist viel schneller und wesentlich anstrengender als dass, was wir da üben. Und das bei der Hitze. Gao spart auch hier nicht mit Kritik und Tori dampft vor Zorn. Den ganzen Heimweg über schimpfen wir wie die Rohspatzen - mit soviel Wut-Energie geht es nachher im Abendtraining bestimmt prima voran!

Donnerstag, 23. April 2015

Und wieder...Wochenende

Nachdem wir - leicht verspätet, aber entschuldigt - zu den Vorführungen im Tempel angekommen sind und uns die Manöverkritik von Meister Yuan angehört haben ("ihr macht das doch gern, was ihr hier tut - also kann das Trainieren doch keine Last sein, sondern Freude! Also macht es doch öfter. Bei jeder Gelegenheit!"), sind wir auch bereit für "Xiuxi" - ein kleines Päuschen. Wie das aussehen kann, darüber gibt es höchst unterschiedliche Vorstellungen. Gao und heute auch Meister Yuan wollen uns für einen kleinen Spaziergang zum Wulonggong, dem Fünf-Drachen-Tempel, erwärmen. Schüchterne 30 Kilometer Marsch, bitte ordentlich Proviant mitnehmen, unterwegs gibt es nämlich nichts. Demnach hat sich seit meinem letzten Gewaltmarsch dorthin wenig getan. Außerdem sollen wir bitte alle Schuluniform anlegen, "damit es beim Eintritt kein Problem gibt". Im Klartext: es sollen viele Werbefotos für die Homepage gemacht werden in malerischer Umgebung. Das ganze als Ganztagesausflug, von frühmorgens bis spätnachmittags. Da hatte ich mir den freien Tag doch ein bisschen anders vorgestellt. Wir dachten da so an ein mehrgängiges Menü im besten Restaurant der Stadt, ein bisschen Shopping und Wellness...schwierige Entscheidung. Wir erklären Gao unter Zurschaustellung größten Bedauerns, dass der Zustand meiner kaputten Knie eine solche Wanderung nicht zulässt und Tori, ja Tori brauche ich natürlich als Übersetzerin. Gao verzieht das Gesicht schmerzverzerrt; er wäre lieber etwas eleganter belogen worden.

Wir beschließen, futtermäßig schonmal vorzuglühen und uns nicht an der Schulspeisung zu laben, sondern nochmal in das feine Jiaozi-Lokal zu wandern. Achim kommt mit, er kann auch etwas Abwechslung vertragen. Als hartnäckiger Gabelesser hat er es natürlich etwas schwer mit den glitschigen Dingern, denn hier gibt es nur Stäbchen. Dennoch schafft er es, rechtzeitig für seinen Skype-Termin zu verschwinden, während wir nun viel Zeit zum Flanieren haben. Ich finde eine hübsche große Tasche, deren Aufdruck entfernt an "Chanel" erinnert. Tatsächlich steht irgendwas wie "Chemie" drauf, was ja auch seinen Charme hat. Aber sie soll ja nur als Behälter für das Depot, das ich hier anzulegen gedenke, dienen und dafür sollte sie in erster Linie groß und abwaschbar sein. Wir stöbern noch ein bisschen in dem Laden herum und bemerken einen Stapel mit diesen bizarren Hüten mit angenähter Pelerine, die wir schon bei einigen Mitschülerinnen bestaunt haben. Mit vielen bunten Blümchen drauf, billigster Plastikkram. Mit leuchtenden Augen erklärt Tori "Die 15 Yuan ist mir der Spaß Wert". Die Verkäuferin, der unser Interesse natürlich nicht entgangen ist - auch wenn sie den Unterton vielleicht nicht ganz korrekt deutet - nimmt mir den Blumendeckel vom Kopf und setzt mir ein deutlich höherwertiges Exemplar auf. Das wäre doch viel besser und man könnte es auch unter dem Kinn verschließen, damit auch kein feindlicher Sonnenstrahl eine Chance hat. Hat sie natürlich recht, aber diese Sandfarbe finde ich dann doch eher langweilig. Ich frage nach etwas bunterem - klar, schweinchenrosa wäre auch im Angebot. Passt genau zu meiner pinkfarbenen Jacke, unterstreicht sie geschäftstüchtig. Stimmt. Tori greift bei Sandfarbe zu, passt genau zu dem schlammfarbenen Anzug, der morgen fertig werden müsste. Und dann gibt's dann auch Bilder. Versprochen.

Danach spazieren wir nochmal zum Schwerthändler. Tori hat einen neuen Fehler gefunden, der allerdings auch für mein mildes Auge deutlich zu sehen ist. Bei der Gelegenheit soll auch geklärt werden, ob der Name in die Schwerter graviert werden kann. Während der folgenden Verhandlung stromere ich planlos durch den Namen, als auf einmal laut mein Name ertönt. Ich drehe mich um - ach nee: Meister Zhong sitzt da beim Tee, langweilt sich offensichtlich und da ist jede Gesellschaft recht. Also Teechen. Gestern hatte ich ihn bei der allabendlichen Zusammenkunft der Meister gesehen und auch gegrüßt, er hat mich allerdings geflissentlich übersehen. Na gut, er lief gerade eine Form, aber trotzdem. Jetzt bin ich ihm auf jeden Fall herzlich willkommen. Gestern sind deutsche Gäste angekommen, aber heute ist erstmal "Feiertag", deshalb sitzt Meister Zhong hier und trinkt Tee. Und würde so gern so viel von mir wissen. Geschickt umkreist er mich fragend, natürlich hat mich gestern gesehen, aber war sich nicht sicher, denn sonst bin ich doch immer oben...nein, diesmal halt nicht. Ob ich irgendetwas spezielles lernen will, was oben nicht im Angebot ist? Nönö, ich nenne ihm die Form, an der ich arbeite. Ja, hat man dir die denn nicht schon oben beigebracht? Schon, aber ich bin so dumm, ich habe alles vergessen, und um meine Lehrer nicht zu beschämen, lerne ich jetzt hier, wo mich keiner kennt, nochmal von vorn. Er kommt einfach nicht weiter, er kann mich ja schlecht direkt fragen, warum ich nicht zu ihm komme und ich glaube, ein paar andere Fragen hätte er auch noch. Dummerweise verlassen mich meine Chinesischkenntnisse immer dann, wenn es interessant wird, aber ich bin mir sicher, dass meine vagen Antworten bestimmt genug Brennstoff für die Wudanger Gerüchteküche geliefert haben. Bin mal gespannt, was draus geworden ist, wenn die Geschichten bei Guan gelandet sind.

Mittwoch, 22. April 2015

Locked in

Heute morgen mache ich mich für's "Training", dass sich für mich auf's Zuschauen bei der Vorführung fertiger Werke beschränkt, fertig, da höre ich es an meiner Wand klopfen. Es gibt in dem Haus so viele Geräusche, deren Quellen man nicht immer so genau erkunden möchte und so beschließe ich, wie üblich den Krach zu ignorieren. Da ruft es kläglich auf Deutschisch (= Deutsch mit dezent ukrainischem Einschlag) "Hallo, komm' mal ans Fenster". Mache ich und da steht Tori "ich bin eingesperrt, versuch' mal, ob du die Tür von außen aufkriegst". Ich lache und versuche es mit gemäßigter Gewaltanwendung. Nichts passiert. Ich verspreche, Hilfe zu holen und laufe rüber ins Haupthaus, um Jinjin über das Problem zu informieren. Sie verspricht, Hilfe zu holen und läuft weg. Und ich zurück um Trost zu spenden. Kurz danach kommt Jinjin wieder, zusammen mit unserem Lehr...Übungsleiter Gao, der hier an der Schule wohl für alles zuständig ist. Jetzt gibt er also den Hausmeister. Im Gepäck hat er einen McGiver-Einsatzkoffer, also eine Plastiktüte in der sich unter anderem ein Stück festes Plastik, ein offensichtlich oft geschundener mächtiger Schraubendreher und noch weitere undefinierbare Werkzeuge befinden, auf deren Einsatz ich nun mit Spannung warte. Erst wird es auf die sanfte Tour probiert. Das Einbrecherwerkzeug Nr. 1, die Scheckkarte im Großformat wird in den Türschlitz gedrückt und dann wild hin und her geschoben, um den Verschluss aus der Falle zu locken. Funzt nicht. Ein altes Buttermesser wird ausgepackt und kräftig gegen die Tür gerammt. Nichts passiert. Jetzt packt Gao langsam der Zorn. Den Blick kenne ich vom Training. Tschüss, Tür! Jinjin und ich gehen erstmal in Deckung, wir beide beratschlagen kichernd, wie wir Tori am besten mit Wasser und Brot versorgen, wenn das hier länger dauert. Das war wohl die letzte Motivation: Gao stürzt sich auf den Drehgriff und rüttelt so lange und kräftig daran, bis dieser endlich abbricht und den Weg zum Schloss freigibt. Auf Toris Seite hängt noch ein trauriger Rest, sie erhält den Auftrag, nun von ihrer Seite im Mechanismus zu fummeln, was aber auch nicht recht klappen will. Mit dem internationalen Männerblick für "Weiber!" läuft Gao los. Tori soll ihr Fenster öffnen, er besorgt eine Leiter, um hoch in den ersten Stock zu fensterln. Jinjin und ich wechseln kurz den Schauplatz um auch wirklich alles mitzubekommen. Mittlerweile sind natürlich auch andere Schüler aufmerksam geworden und sparen nicht an guten Ratschlägen, was da jetzt zu tun wäre. Einer packt sogar einen Säbel aus und wir können ihn gerade noch davon abhalten, sich wehzutun. Wir haben ihn ja schon öfter beim Training beobachtet...

Dann kommt Gao nach mehreren Anläufen in Toris Zimmer an (den Einstieg konnte ich leider nicht beobachten, muss aber sehenswert gewesen sein, wie der leicht überbreite junge Mann sich durch das schmale Fensterchen hineingeschafft hat - wie gut, wenn man Schlangenbewegung gelernt hat!), reißt die Reste des Schlosses schnell in Stücke und Tori ist wieder frei. Während Gao jetzt auch noch ein neues Schloss einbaut, gackern wir albern über die Vorstellung, wie Rapunzel ihr Haar herunter gelassen hat, um dem Prinzen Einlass in den Turm zu verschaffen. Naja, ganz so romantisch war es jetzt nicht und unser jugendlicher Prinz müsste doch noch einen Hauch an sich arbeiten, um seine Prinzessin zu bezaubern; mit seinen üblichen Sprüchen wie "Tomorrow I kill you!" wird das eher nicht klappen.

Dienstag, 21. April 2015

Es strömt

Als heute morgen der Wecker um halb sechs klingelt, höre ich sehr tief in mich hinein. Körper sagt "Liegen bleiben!" Gehorsam drehe ich mich auf die andere Seite; aus der Nachbarschaft höre ich auch keine Aktivitäten, die auf erwartungsfreudige Trainingsvorbereitungen schließen lassen. Augen zu. Weiter pennen. Als dann die Trillerpfeife zum nächsten Training ruft, sind wir dann alle am Start. Tori erzählt, dass es um 5 Uhr geregnet haben soll. Prima Ausr...Erklärung, wenn der Chef fragt, warum wir nicht zum Morgen-Qigong erschienen sind. Denn bei Regen fällt es aus. Warum auch immer, schließlich gibt es ja die Turnhallen. Aber wahrscheinlich brauchen auch die Übungsleiter mal einen Grund, einfach mal auszuschlafen.

Nun aber strahlt die Sonne, beim Morgenappell sind fast alle da, gemeinsam geht es los zum Marsch in den Tempel. Dort verteilt sich alles auf dem großem Gelände, niemand muss hier um ein Plätzchen kämpfen, wie ich es von der alten Schule kenne. Beim Dehnen erklärt mir Achim, Gao hätte ihm gesagt, dass wir Dispens für die Vorübungen hätten, damit wir uns ausschließlich der Form widmen können. Die sollen wir auf jeden Fall abschließen, findet er. Ich wundere mich zwar, gehe aber brav nicht zu den anderen zum Schlagen und Kicken, sondern zu Gao, bereit, mich weiter einweisen zu lassen. Er staunt, als er uns kommen sieht. Hatte sich auf ein gemütliches halbes Stündchen eingestellt. "Was wollt ihr denn hier?" Ich petze: "der Achim hat gesagt..." Es klärt sich, dass hier doch ein Missverständnis vorliegt, natürlich sollen wir Vorüben gehen, da war vielleicht doch der dringende Wunsch der Vater des Gedanken. Achim bestreitet.

Mittags beschließen Tori und ich, kurz in die Stadt zu huschen. Das Essen in der Schule ist zwar lecker und immer frisch, aber etwas Abwechslung ist auch nicht schlecht. Außerdem will ich mir auch einen Wasserkocher anschaffen. Erstaunlicherweise sind die Zimmer hier nicht mit dem wichtigsten aller Geräte ausgestattet. Es gibt ein zentrales Heißwassergerät und ich habe mich für meinen Pulverkaffee immer damit versorgt, mir einredend, dass das Wasser dort schon für 3 Wochen ok ist. Nach einer Woche kann ich sagen: ist es nicht! Es hat einen wirklich gruseligen Nachgeschmack und nun will ich es Tori, die schon angefangen hat, sich hier einen Hausstand einzurichten, nachzutun. Wir haben beide schon entschieden, dass wir hier ein Lager mit den notwendigsten Dingen anlegen, da wir nächstes Jahr bestimmt wieder kommen werden. Nun muss ich nur aus den Bergen meine Tasche holen; das wird bestimmt peinlich, aber man sollte sich mal Gedanken machen, warum immer mehr Leute die Akademie verlassen. So toll die Berge sind: die Preise wachsen immer mehr, aber dafür sind auch keine wirklich guten Lehrer mehr da. Die Trainingsmöglichkeiten sind - gerade bei schlechtem Wetter stark verbesserungswürdig. Da habe ich hier viel mehr von meinem Aufenthalt. Allerdings muss man klar sagen: während man sich oben durchaus einen schlaffen Wellness-Urlaub geben kann (die Zimmer sind zum - renovierten - Teil auch deutlich besser), geht es hier richtig zur Sache. So wie es früher mal in der Akademie war, bevor sie in private Hände geraten ist.

So, nun ist der Kocher erworben, ist auch fast funktionsfähig, dass die Einschaltautomatik nicht wirklich tut...naja, wäre bei dem Preis auch etwas viel verlangt. Aber ich habe ein kräftiges Klettband dabei ("in China musst du immer alles dabei haben", hat mir mal ein erfahrener Reisender erklärt, und daran halte ich mich) und auch die mitgebrachte Kordel kann ich jetzt gut brauchen. Es gibt nämlich ein kleines Stromversorgungsproblem: die einzig vorhandene Steckdose im Zimmer kommuniziert nämlich nur mit heimischen Steckern gern. Die deutschen werden zwar aufgenommen, es fließt aber kein Strom. Blöd, wenn man gelegentlich seine elektronischen Freunde aufladen will. Mit dem Problem bin ich nicht zum ersten Mal konfrontiert, letztes Jahr habe ich es mit Türmchenbauen, bis der Stecker absolut gerade und unter Spannung in der Dose steckte, geschafft. Funzt diesmal ums Verplatzen nicht. Dann gibt mir Achim einen Tipp: er meint, dass die Kontaktstifte nach oben gedrückt werden müssen, damit sie Strom bekommen. Das hat er gelöst, indem er seine Schuhe als Gewicht an den Stecker gehängt hat. Bei mir sieht das natürlich viel eleganter aus, denn mein Leathermann ("in China muss man...") bringt ordentlich Gewicht auf die Waage, der Stecker zieht nach unten, die Kontaktstifte drücken nach oben und: Tataa!

Sonntag, 19. April 2015

Im Boxring

Im Vordergebäude, in dem auch die ganzen jungen Schüler, das Büro und der kleine Laden untergebracht sind, sind auch die beiden Übungshallen, oben auf dem Dach. Wir Erwachsenen sind privilegiert und dürfen dort bei Regen trainieren. Bei den Kleinen sieht es so aus, wie ich es von der "alten" Akademie kenne: in den Treppenhäusern, in den Gängen, überall wird gedehnt, gebogen, warmgetreten und was einem sonst so einfällt. Um in den 4. Stock zu gelangen, müssen wir an der Horde entlang - wie niedlich die Kleinen, die jüngsten werden wohl nicht älter als 6 Jahre sein. Selbst für hiesige Verhältnisse sehr früh. Oft werden die Kinder - wenn sie das Talent dafür haben - in den Kungfu-Schulen abgegeben. Dort erhalten sie nicht nur geregelte Mahlzeiten, sondern bekommen auch Disziplin und Ordnung beigebracht. Auch die Ausbildung an sich ist gefragt. Als Kungfu-Lehrer wird man zwar nicht reich - ein Freund sprach mal von ca. 2.300 RMB, also etwa 300 EUR, aber man kann auch in der Armee oder im Security-Bereich Karriere machen. So lohnt es sich wohl.

Aber daran denken diese niedlichen Kinderchen sicher nicht, wenn sie ihre ernsten Gesichter zu den Füßen bringen und erst lächeln, als sie Toris und meine spitzen Entzückenslaute "Nein, wie süß, guck' doch mal!" hören.

Oben angekommen, werden wir schon erwartet: wie in jeder Schule, die etwas auf sich hält, gibt es Hütepersonal. Und bei der Größe der Akademie ist es nicht nur einer, sondern zwei Hunde bewachen hier Haus und Bewohner. Einer der beiden lässt es sich auch nicht nehmen, die Schülerschar auf den Weg zum Tempel zu begleiten, wo er in der Sonne liegend - und eigentlich immer im Weg - auf das Unterrichtsende wartet und dann wieder mit in die Schule trottet.
Bei dem herrschenden Wetter jagd man aber nicht nur keine Schüler vor die Tür und so haben die beiden sich aus den Übungsmatten ein gemütliches Nest gebaut. Als wir kommen, wird kurz gegähnt, auf die andere Seite gelegt und weitergeschlafen. Sehr motivierend.

Heute hat sich unser Vorturner mal eine neue Variation einfallen lassen - nach der obligatorischen Dehnungsrunde (bis ich nach Hause fahre, bekomme ich hoffentlich beide Arme hinter dem Rücken verschränkt, ohne peinliches Hilfsmittel...) geht es an Fauststöße. Aber richtig, wie beim Boxen, mit Nachschlag. Ordentlich aus der Hüfte, mit der anderen Faust die Wange geschützt - das dauert eine Weile, bis alle kapiert haben, wie das geht. Jetzt jeder in eigenem Tempo die Kombinationen 50 mal. Und wir bekommen gezeigt, wie man das auch machen kann: in einer Geschwindigkeit, wie ich sie sonst nur vom Bearbeiten einer Boxbirne kenne, legt der junge Mann los. Da kommen wir - und der Rest der Mitschüler, obwohl deutlich jünger - nicht mehr mit. Aber wir sind ja eh zum Taijilernen hier, da können wir es etwas langsamer angehen lassen. Finden wir.

Ich ziehe meine Kreise und schaue mich um. Interessiert beobachte ich einen Jungen, der zusammen mit uns angekommen ist. Aus Nepal, 16 Jahre alt, spricht sehr gut Englisch, was für einen gewissen Wohlstand des Elternhauses spricht. Ein klein wenig moppelig, hat sich viel vorgenommen: mit etwas Phantasie identifiziere ich das Objekt seiner Bemühungen als Jibenquan, Grundlagenform des Kungfu. Habe ich auch mal gelernt. Nicht ganz anspruchslos aber auch nicht vergleichbar mit den langen, oft komplizierten Bewegungsabläufen der Kungfu-Formen. Aber was der Junge leidet. Und der Lehrer erst! Zum ersten Mal erlebe ich völligen Kontrollverlust: "Verdammt nochmal, Mabu, an dieser Stelle kommt Mabu, wie oft soll ich dir das noch sagen!!" Es stellt sich heraus, dass der Lehrer das noch sehr oft sagen kann, denn der Junge kennt die Grundbegriffe nicht. Keine Ahnung von der Bezeichnung der gängigsten Schritte. Gar nichts. Ziemlich brutal und mit rotem Kopf schubst und drückt der Lehrer ihn in Position: "Mabu - Gongbu - Mabu - Gongbu!" Achim, der sich das Spektakel ebenfalls interessiert betrachtet, spekuliert, dass Mama und Papa den Kleinen mal in die weite Welt geschickt hat, damit er endlich mal was lernt, bevor das wahre Leben losgeht. Vom Scheitern hat er jedenfalls schon einiges gelernt. Und sein bedauernswerter Lehrer auch.

Wir haben wieder ein neues Stück Form bekommen, an dem wir uns abüben. Lehrer, pardon, Übungsleiter Gao Zhang Wen (高张文 - hier notiert, damit ich es nächstes Jahr noch weiß - den Mann will ich wieder haben!) scheucht uns durch die Form, er hat besser als wir im Kopf, wie lange wir bleiben und in welcher Geschwindigkeit wir zu lernen haben. Dass wir uns Anfang Mai für einen halben Tag ausklinken, um Guan zu treffen, haben wir ihm noch gar nicht gesagt. Das dürfte sein ganzes Konzept durcheinander bringen. Ich bin nur froh, dass ich vor Jahren diese Form schon einmal gelernt habe. Zwar längst nicht so gründlich und detailliert, einiges ist auch völlig anders und den Rest habe ich eh vergessen - aber es fällt mir doch leichter als die Eroberung völligen Neulands.

Um kurz geistig auszulüften, mache ich mal bei Tori Pause. Die steht kurz davor, ihr schönes neues Schwert am lebenden Objekt auszutesten. Uns beiden ist schon eine Auslandschinesin aus Amerika aufgefallen, die einen Fächer in der Hand hat und damit ungelenk merkwürdige Dinge tut. Als ihr Lehrer sich kurz unterhielt, forderte sie ihn lautstark und ziemlich herrisch auf, ihr dochmal gefälligst die nächsten Bewegungen zu zeigen, was er ziemlich befremdet dann auch gemacht hat. Nun ist der Platz in der Halle offensichtlich beschränkt, wir müssen uns alle eine Stelle suchen, an der wir ungestört üben können. Die Fächerform ist ziemlich raumgreifend, da muss man halt mal mehrfach ansetzen oder einzelne Stücke üben. So macht es Tori ja auch - auch Schwert braucht Platz. Dass die Fächerfrau jetzt aber in den Raum posaunt "wo soll ich üben?" als ob sich nun das Meer teilen möge und wir Unwürdigen von der Bildfläche verschwinden, damit die Dame Platz hat, ist dann schon etwas stark. Tori ist mit ihr wohl schon vorher mehrfach beinah kollidiert und jetzt fließt hier gleich Blut. Ich empfehle, das Schwert vorher noch zu schleifen.

Aber im großen und ganzen ist die Stimmung doch friedlich, der schlimmste Regen hat schon aufgehört, wenn der Boden etwas abgetrocknet ist, können wir wieder raus in den Tempel und alles ist gut.

Samstag, 18. April 2015

Der Meister

Das Regen-Training findet wie vermutet eher eingeschränkt statt - nach dem ausgiebigen Dehnen wird erst lange im Stehen meditiert, dann geht es direkt ans Formenüben. Auf die üblichen Bufa, also kombinierte Tritt- und Schlagtechniken, die sonst morgens auf dem Programm stehen, während nachmittags ordentlich gekickt wird, verzichten wir angesichts der Enge. Bei der Lösung der Aufgaben, die unser "Jiaolian"/Übungsleiter (darauf legt er Wert, bloß nicht "Shifu") uns gestellt hat, ist noch jede Menge Luft nach oben. Es dauert, bis er mit unserer Ausführung halbwegs zufrieden ist; hier wird nichts halbgares durchgewunken, besonders die Schritte und Verlagerungen müssen korrekt sitzen sonst geht es nicht weiter. Irgendwann wird uns ein nächstes Häppchen der Form verabreicht und wir üben uns langsam ein. Gerade habe ich die Abfolge eben so verstanden, da steht Meister Yuan vor mir. Betrachtet still, was ich so treibe. Treibt mir erstmal den Schweiß auf die Stirn, eben ging das doch noch...Er nickt und sagt "No", dann bekommt erstmal Übungsleiter Gao weitere Anweisungen und ich denke, das war's. Nein, jetzt stellt sich Meister Yuan vor mich, und erklärt mir ganz genau, wo der Fehler ist und wie ich es besser machen kann. Und warum ich die Füße so und nicht anders setzen soll. Und welche Anwendung hinter dem Ganzen steht. Und dann umfasst er noch meinen Hals - dass scheint hier so ein Stammesritual zu sein, das so ziemlich jeder Übungsleiter bei jeder Gelegenheit ausführt - und zieht ihn lang. Ich möge mir einen Seidenfaden, an dem mein Kopf angehängt ist, vorstellen. Echt? Habe ich ja noch nie gehört...

Nun ist Achim dran. Auch er bekommt zwar nicht die Ohren, aber den Hals langezogen. Und dann erfahren wir - ich habe mich natürlich dazugestellt, damit ich möglichst viel vom Born des Wissens schlürfen kann - wie wichtig die saubere Ausführung von Mabu und Gongbu ist. Auch eine nicht völlig neue Erkenntnis, die leider viel zu wenig Beachtung gefunden hat. Aber dafür sind wir ja hier.

Ich bedaure Tori, die nicht in den Genuss der Meister-Korrektur kommt. Sie hat sich heute vormittag für die Variante "Schwerttraining ohne Schwert" entschieden und sich damit wohl disqualifiziert. Aber kommt ja sicher noch.

Wieder einmal bin ich erstaunt, wie schnell die Trainingszeit vergeht. Ich trage bewusst keine Uhr, kann mich aber an Zeiten erinnern, in denen ich immer mal wieder unauffällig zu meinem Handy gelaufen bin um nachzuschauen, wann es vorbei ist. In der ruhigen und konzentrierten Atmosphäre - Schwatzen wird sofort mit Mecker geahndet - lässt es sich sehr gut üben und ich profitiere sehr von dem, was mir Guan beigebracht hat, über die innere Beobachtung und Achtsamkeit. Da wird es dann auch nicht langweilig.

Am Nachmittag hat dann auch Tori ihre große Stunde. Sie hat auf das Schwert verzichtet, weil in dem Trainingsraum nicht genug Platz war. Meinte sie. Bis sie dann vor die Tür in den schmalen Korridor geschickt wurde, um das enge Kreisen zu üben. Da ist der Gang nämlich gerade richtig: wenn es an der Wand schabt, ist sie nicht eng genug am Körper. Wahrscheinlich angelockt von dem Geschrubbel kam dann auch Yuan Shifu vorbei. Erst einmal wird das Schwert ausgiebig begutachtet. Es hat einen besonders langen Griff, eher ein Beidhänder, und am Knauf ist ein großer Ring angebracht, der nicht nur die Schraube vor dem Abbrechen schützt sondern auch die Klamotten vor der Schraube. So etwas will ich auch haben. Vielleicht finde ich einen Wunderschlosser, der so etwas an meinem Schwert anbringt.

Yuan Shifu bewundert die feine Arbeit und segnet so das Schwert. Jetzt kann ja nichts mehr schiefgehen, nur die Form ist halt noch einzuüben. Und da unser Jiaolian den Ehrgeiz hat, uns die Formen in den wenigen Tagen einzuprügeln, wissen wir schon, was Programm ist. Erstmal erhält Tori Feuertaufe und wird ins kalte Wasser mit ihrem schönen neuen und jetzt gesegneten Schwert geschmissen: "alle mal herhören! Sie macht das prima, schaut mal her" - und das in einer einfachen Trainingsstunde. Was für ein Glück stehe ich nicht da!

Regentropfen an mein Fenster klopfen

Bisher gab es wettermäßig ja wenig zu meckern: morgens noch etwas kühl, im Laufe des Vormittags angenehm warm, nachmittags dito, abends natürlich etwas schattig, aber so, dass man mit Jäckchen noch draußen auf der Terrasse sitzen konnte. Alles in allem ideales Trainingswetter. Heute nun zum ersten Mal Regen. Allerdings kein Pladdern, wie ich es von den Bergen kenne, so mehr so dezentes Nieseln. Hätten wir oben drüber gelacht. Hier jedoch: kein Mensch zum Morgen-Training. Außer uns steht nur einer der Unermüdlichen im Hof und dreht seine Kreise. Dann noch eine Gruppe von Neuankömmlingen, Chinesen aus Kanada, mit denen wir gestern schon ins Gespräch gekommen sind. Äußerst zutraulich sind diese Leutchen und, nun ja, auch etwas skuril. Ich habe ja schon einiges an Trainingsgewändern kennengelernt, aber der Aufzug mit den schweißerhelmähnlichen Sonnenbeschirmungen zum Trainieren oder den geblümten Wüstenschutz (Kopfbedeckung mit Mundschutz und angeknöpfter Pelerine), damit bloß kein Sonnenstrahl die vornehme Blässe beeinträchtigt, das habe ich noch nicht gesehen.

Sie wundern sich im Gegenzug wahrscheinlich darüber, dass wir kurze Ärmel tragen und damit möglicherweise unseren beneidenswert weißen Teint ruinieren. Andere Länder, andere Sitten. Aber nett sind sie und immer zu einem Schwätzchen aufgelegt. Überhaupt sind die Chinesen alle ausnehmend freundlich und man kommt schnell ins Gespräch. Bei den Gästen aus anderen Ländern sieht das nicht ganz so aus. Eine Gruppe junger Amerikaner, die mit uns im Gebäude wohnt und der wir oft begegnen um einen Hauch Netz zu erhaschen, schafft es kaum zu grüßen. Man wundert sich wohl, was wir alten Leute hier machen. Die Arroganz der Jugend. Ich habe sie beobachtet. Alles gute Sportler. Aber von echtem Kungfu habe ich noch wenig gesehen. Mit den anderen Leuten spricht man mal kurz beim Training, aber im großen und ganzen bleibt doch jeder für sich. Ist wohl so in einer großen Gruppe. Tori hat sich den Spaß gemacht, die Russen herauszufiltern. Sie behauptet, das erkenne man an den Ohren. Sie zumindest. Einmal lag sie schon richtig. Einmal nicht. Mal kann also auch eine Münze werfen.

Der eine korrekt identifizierte Russe stammt ursprünglich wie sie aus der Ukraine und lebt seit sieben Jahren in China. Die wirtschaftlichen Verhältnisse haben ihn hierhergespült, er spricht so gut Chinesisch, dass er auch schon als Übersetzer gearbeitet hat. Dabei konnte er wohl etwas zur Seite legen, so dass er jetzt ein Sabat-Jahr einlegen kann. Er habe sich sehr viele Schulen hier angeschaut, bis er sich letztlich für diese entschieden hat. Und das obwohl er nie hierher wollte. Viel zu groß. Aber die Qualität spricht halt doch für sich. Ihm ist die Internatsunterbringung zu teuer, deshalb hat er sich in ein Hotel eingemietet, Essen kostet hier auf der Straße ja nicht viel und der Unterricht allein sei bezahlbar. Kann man also auch machen.

So, nun habe ich die Trainingszeit ohne Training verplaudert, Zeit zum Frühstücken mit lecker Cappuccino (Späßle) - bin jetzt mal gespannt, wie das Morgentraining läuft, den es gibt ja die tollen Hallen, da passen aber keine 80 Mann rein. Wie früher alle in den Gängen verteilt? Mal sehen.

Donnerstag, 16. April 2015

Wochenende

Ich stelle fest, dass China die Mauer wieder einmal ein Stück höher gezogen hat. Diesmal habe ich auf mein Netbook verzichtet und mein diesjähriges Schreibgerät nicht mit dem nötigen Kletterwerkzeug zur Überwindung der "Great Firewall of China" versehen. Das bedeutet nicht nur keinen Facebookzugang, auch mein Googlemail-Account ist nicht erreichbar. Das schonmal als Info: wer mir etwas zu schreiben hat, bitte nur auf web.de - ich werfe zwar mit Toris elektronischem Freund gelegentlich mal einen Blick auf verbotene Seiten, aber sie ist ja selbst beschäftigt. Auch ein Herunterladen von Tageszeitung und abonnierten Zeitschriften funktioniert nicht, ich bin also auf der Insel der Glückseligkeit und Unwissenheit: die Welt könnte untergehen - ich würde es nicht erfahren. Beziehungsweise nur über web.de.

Heute vertrödeln wir erst einmal den frühen morgen, Frühstück gibt es nicht, wie Achim enttäuscht berichtet, als er von seinem vergeblichen Versuch zurück kommt. War von mir eh nicht eingeplant, ich hatte einen Joghurt-Apfel-Imbiss eingeplant und eingenommen und mich dann gemütlich mit einem großen Humpen Kaffee auf den Balkon gesetzt und den fleißigeren Schülern beim üben zugeschaut. Kurz darauf erscheint Tori und wir ziehen los in Richtung Stadt. Wie nett, dass das jetzt nur 10 Minuten zu Fuß sind und nicht mehr eine Dreiviertelstunde Busfahrt mit Umsteigen und anschließendem strammen Fußmarsch oder Taxifahrt. Zunächst wird nochmal der Schwertladen aufgesucht. Die penible Tori hat bei genauer Inspektion bemerkt, dass eines der beiden Schwerter nicht ganz sauber verschraubt ist und ein Ring am Knauf deshalb nicht in gerader Linie zur Klinge steht. Das geht natürlich gar nicht und wird jetzt erstmal reklamiert.

Derweil schaue ich mich um: die hübschen Schwertaufsteller mit Adlern, Blümchen und feuerspuckenden Drachen...ich habe noch ein wunderschönes Damast-Schwert zuhause, dass immer noch in einer Pappschachtel seiner ordentlichen Demonstration harrt...Tori erwähnt beiläufig, dass sie bereit wäre, mögliches Übergepäck in ihren Container zu packen, der ihren Hausstand zurück nach Deutschland transportieren wird. Wenn es also ein paar Monate Zeit hat...ok, gekauft. Der Drache hält Einzug in Mainz! Derweil hat auch der freundliche Verkäufer das Schwert gerichtet und Achim genötigt, sich mit einer riesigen Kugelkette, die er ihm um den Hals legt, fotografieren zu lassen. Achims Äußeres begeistert die Leute überall: der lange weiße Bart, gerne kombiniert mit Strohhut und cooler Sonnenbrille - Karl Marx ist im 21. Jahrhundert angekommen. Und das in Wudang Shan. Wer hätte das gedacht.

Danach geht es nochmal zur Schneiderin. Gestern hatte ich meinen USB-Stick vergessen, auf dem die Datei unseres Vereins-Logos enthalten ist. Ich möchte mir zwei schwarze kurze Hemden besticken lassen und auch fragen, ob mein Gebraucht-Hemd schon fertig ist. An der neuen Schule legt man ja Wert auf Uniform und ich hatte schon gesehen, dass die unterschiedlichsten Varianten getragen werden. Hauptsache, das richtige Logo ist drauf. Die Verwaltungsfee hatte schon mehrfach höflich daran erinnert, dass wir bitte zum nächsten Training ordentlich gekleidet erscheinen mögen und die Schulkleidung im Shop kaufen sollen. Nun gefällt mir diese überhaupt nicht, ich mag nichts langärmeliges und das Material ist auch nicht toll. Ich hatte deshalb gefragt, ob wir nicht selbst nähen lassen können. Nein, das ginge nicht. Sehe ich anders, habe aber das Thema nicht weiter verfolgt. Ich habe noch einen älteren weißen Kittel ohne Logo dabei. Den habe ich abgegeben mit der Bitte, das Schullogo draufzubauen. Glücklicherweise waren wir zufällig nochmal da: die Schneiderin vergewissert sich, ich hätte doch gestern die falsche Schule angegeben, sie weiß doch, dass ich oben in Bergen trainiere...NEIN! Jetzt wird hektisch telefoniert, gerade sollte die Stickerei beginnen - jetzt aber schnell Datei raus, neues Logo rein, gerade nochmal gutgegangen!

Jetzt haben wir etwas Zeit und während wir warten, können wir uns noch ein wenig umsehen. Ganz schlecht. Es gibt schöne neue Stofffarben und auch Blusenschnitte, habe ich noch gar nicht. Außerdem habe ich nur zwei Reise-T-Shirts und sonst nur Trainingsklamotten dabei. Und nun ergab es sich unerwartet, dass wir doch noch einen kurzen Abstecher über Shanghai machen. Und ich hab' einen Koffer voll nix anzuziehen. Was will man machen...

Nun ist es Mittagszeit und ich will unbedingt endlich Jiaozi essen. Letztes Jahr ist das Projekt leider gescheitert, weil ich den Laden nicht mehr gefunden habe. Jetzt bin ich aber schlauer: erstmal gehen wir bei unserem Mitschüler und Physio Gao vorbei und ich kündige unseren Besuch nach dem Essen an. Der kann mir natürlich sagen, wo der Laden jetzt ist und nennt uns auch den Namen: Beifang Jiaozi Wang. Bloß nie mehr vergessen - die besten Jiaozi der Stadt. Ganz neu aufgehübscht, der Gastraum verdient nun den Namen, sehr sauber und ordentlich, nur die Jiaozi sind immer noch so toll wie vorher. Am besten die mit Ei und viel Kräutern und Gemüse. Ein Genuss. Findet auch Tori. Der siebte Himmel naht, als wir uns dann in die kundigen Hände von Gao begeben. Aber vorher müssen wir erstmal ziemlich viel Aua aushalten, als er kräftig über meinen Muskelkater hinwegknetet. Auch die Kniebehandlung ist nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig aber - oh Wunder - danach kann ich seit Jahren erstmals wieder das rechte Bein vollständig anziehen. Probeweise bohrt Gao auch an Toris Knien herum, dann an meinen. Vorwurfsvoll meint er, dass meine in viel schlechterem Zustand wären. Ja, ich sollte mich was schämen.

Auch Tori leidet, allerdings aus anderen Gründen: sie hat meiner Konversation mit Gao gelauscht und ist mit meiner kreativen Grammatik gar nicht einverstanden. Nun erhalte ich erstmal eine Lektion über die korrekte Verwendung von "tai" nämlich immer in Verbindung mit "le". Schreib' ich mal auf, damit ich es nie mehr vergesse. Sie kündigt an, dass sie mir gerne behilflich ist, in den nächsten 3 Wochen an meinen schlimmsten Verbrechen an der chinesischen Sprache zu arbeiten. Da bin ich dankbar, ich hatte schon befürchtet, es könnte langweilig werden...

Erste Eindrücke

Gestern Abend hatten wir als "Betthupferl" noch die Ehre, eine neue Halle, die man gerade erst auf das Schuldach gesetzt hat, einzuweihen. Mit großen Spiegeln ausgestattet schien sie unserem Lehrer gerade richtig, um mal ordentlich an unserer Haltung zu arbeiten. Nur falls wir es ihm nicht glauben sollten...
Tatsächlich sind im Obergeschoss zwei Hallen mit hohen Satteldächern entstanden - eine Seltenheit, normalerweise ist der Unterricht bei Regen ein echtes Problem der Schulen und fordert echten Improvisationsgeist. Durch die Höhe ist der Raum auch nicht stickig, der Betonboden ist zwar nicht unbedingt Gelenkfreundlich, aber daran rumzumeckern geht natürlich gar nicht. Als wir unser Abendtraining beenden, laufen wir an der zweiten Halle vorbei und da bleiben wir erstmal eine ganze Weile hängen: Yuan Shifu hat 6-8 weitere altgediente Lehrer, die selbst Schulen haben - den einen oder anderen kenne ich auch - um sich versammelt und irgend etwas kaspern die Herren aus. Es werden Abläufe geprobt, diskutiert, verworfen und viel zu Lachen gibt es bei den alten Haudegen. Die Antwort auf unsere neugierige Frage, was die Meister da treiben, bleibt etwas unklar. Entweder stimmen sie gerade irgendwelche Formen ab, so als Standard und Qualitätssicherung oder sie wollen gemeinsam vorführen oder treffen sich aus Spaß und machen Ringelreihen (so sieht es nämlich gelegentlich aus). Auf jeden Fall ist die Stimmung prima - aber bei all den allgedienten Könnern sticht Yuan Shifu deutlich heraus.

Heute morgen fühle ich vor dem Aufstehen erst einmal vorsichtig ab, ob alles noch da ist. Und wie! Die Muskeln und Gelenke quietschen vor Freude - ich hoffe, das 6-Uhr-Training ist eher gemäßigt (von wegen "da muss man nicht hin"!). Als wir einige Minuten vor Trainingsbeginn in den Hof kommen - Pünktlichkeit wird hier sehr ernst genommen - ist schon reges Treiben. Wir lockern uns ein wenig auf und stellen alle fest, dass die gestrige kleine Einführung Spuren hinterlassen hat. Nach einigen Minuten werden wir zu einem Lehrer an der anderen Ecke des Hofs geschickt - es gibt mehrere Übungsgruppen und für uns hält man eine Art von Senioren-Qigong für angemessen. Sehr schöne Streck- Dehn- und Atemübungen die uns allen sehr gut tun.

Nach dem Frühstück geht es dann in den Tempel; kurzes Warmlaufen und nun verstreut sich einmal nicht die ganze Schülerschar auf dem ganzen Gelände, sondern sammelt sich auf einem Platz. Die jungen Schüler alle ordentlich in einheitliche Gewänder gekleidet, die Erwachsenen mal so mal so - nun kann man sich endlich einmal ein Bild über die Anzahl der Schüler machen: zwischen 60 und 80 schätze ich die Zahl, über die Meister Yuan, der zwischenzeitlich auf einer Steinmauer Platz genommen hat, gebietet.
Wie ich es von früher kenne, wird also auch hier Mittwoch vormittag vorgeführt, was man so gelernt hat. Hoffentlich nicht auch wir mit der Nummer "Heben-Senken-Ball links - Ball rechts". Interessant ist, dass nicht nur die Erwachsenen vorführen, sondern wirklich alle - als Formation oder auch allein, auch unsere Lehrer müssen zeigen, dass sie es noch drauf haben. Ich beobachte Meister Yuan, der die ganze Zeit an seinem Smartphone herumfummelt - ob der überhaupt hinschaut, was ihm da geboten wird?

Offenkundig werden nur die Leute geprüft, die schon etwas vorzuweisen haben und da gehören wir definitiv nicht dazu. Also sitzen wir nur da und genießen die Show. Als endlich alle durch sind, wird noch zum gemeinsamen Taiji aller Schüler aufgerufen. Jinjin, aka Nancy, die Dame aus dem Büro, fragt pro Forma, ob wir mitmachen wollen, die 28iger Form, hätten wir vielleicht schonmal gehört. Natürlich nicht, nie gehört - das will ich mir erstmal anschauen, da gibt es schon große Unterschiede. Ich kann mir vorstellen, dass auch deshalb gestern der Qualitätssicherungszirkel tagte. Es gibt tatsächlich viel Ähnlichkeit mit dem, was ich gelernt habe, aber es ist ganz gut, sich nicht hervorzudrängen sondern nur das zu tun, wozu man eine ausdrückliche Aufforderung bekommen hat.

Nach Beendigung der Vorführung dann: Manöverkritik. Aber vom Feinsten. Der Meister hat mit mitnichten auf seinem Smartphone herumgespielt, sondern sich Notizen gemacht, und zwar sehr ausführlich. Jeder einzelne bekommt eine Rückmeldung - und die geht auch an dessen Lehrer. Bemerkenswert auch: erst einmal hebt Meister Yuan, der nicht nur die Namen der Schüler, sondern auch die Sprache, in er sie ansprechen muss, kennt, hervor, was in seinen Augen gut umgesetzt wird, dann folgt die Aufgabe zur Verbesserung für die nächste Woche. Alles sehr wertschätzend und freundlich. Ich bin beeindruckt. Tori schnappt eine Anweisung an den Ausbilder auf: "du musst den Leuten besser erklären, was für eine Anwendung hinter der Bewegung steht, sonst wissen sie gar nicht, was sie tun!"
Ich hatte schonmal gelesen, dass diese Schule sehr praxisorientiert unterrichtet und das gefällt mir sehr gut. Für die Hintergründe und Zusammenhänge, die ganze innere Arbeit haben wir im Sommer Meister Guan, der nicht so gern die Anwendungen zeigt, weil das in seinen Augen manchmal ablenkt. Eine Mischung aus beiden bringt uns gewiss eine ganze Menge weiter.

Danach ist allgemeiner Aufbruch, nun gilt es erst einmal ein Schwert für Tori zu erwerben. Lehrer Gao hat sich bereit erklärt, mit uns einkaufen zu gehen und in dem empfohlenen Schwertladen werden wir schnell fündig. Von dem üblichen Touri-Schrott sehe ich hier gar nichts, was man uns zeigt ist, ist alles von recht ordentlicher Qualität. Tori erwirbt gleich zwei Exemplare, eines "to go" und eines zur Aufbewahrung in der Schule - denn es ist schon klar: wir werden wieder hierherkommen. Zumindest solange, bis Guan Shifu seine eigene Schule eröffnet hat.

Dienstag, 14. April 2015

Wudang 2015

Das Wiedersehen

Ich hatte mir - besonders nach ein paar Tagen Touristen-Daseins im letzten Jahr - fest vorgenommen, die Stadt Beijing bei den notwendigen Aufenthalten schnellstmöglichst hinter mir zu lassen: zu groß, zu laut, zu dreckig, die Leute (wie häufig in Hauptstädten) nun...wie will ich es höflich umschreiben? - etwas anstrengend, sagen wir mal...
Aber wie das Leben halt so spielt: mein Lehrer Guan Shifu hat sich entschieden, in einem der größten Daoistischen Tempel bzw. Lehrstätte in Beijing, dem Weiße-Wolke-Tempel, zu studieren. Und das ist natürlich ein Grund, nicht schleunigst in den nächsten Zug zu steigen und zum heiligen Berg zu reisen, sondern noch einen Tag in Beijing zu verbringen, um den Meister zu sehen (mir wichtig), massenweise Milchpulver abzuliefern (ihm wichtig) und die alljährliche Verpflichtungserklärung für seinen kommenden Aufenthalt in Mainz auszuhändigen (muss halt gemacht werden). Ich bin gespannt auf seine Erfahrungen. Wann immer ich genauer nachgebohrt habe, wie denn so die Studien laufen und wie es ihm in diesem gräßlichen Moloch gefällt, wurde elegant abgebogen. Meist in unverfängliche Milchpulvergefilde...

Unser Flieger schwebt um 5.15 h elegant ein; die Stadt schläft noch an diesem Sonntagmorgen und ich habe Hoffnung, nicht gleich im Stau zu ersticken. Kaum gelandet, meldet sich schon Guan Shifu. Ihn plagt das schlechte Gewissen: eigentlich hatte er uns abholen wollen, bis ihm klar wurde, dass die Fahrt etwa 2 Stunden dauert und um 3 Uhr in der Nacht fährt hierzulande noch kein öffentliches Verkehrsmittel herum. Aber das ist ja kein Problem: den Airport-Express vom Flughafen in die Stadt zu besteigen, kriege ich gerade noch ohne Amme hin, danach wird es etwas unübersichtlich, U-Bahn, danach Bus oder 2 km laufen - ich denke, in der Stadt ist dann Taxi am einfachsten: Baiyun Guan - das kennt ja jeder. Vielleicht sogar Beijinger Droschken-Kutscher. Was sich erstmal als Irrtum erweisen soll. Ich kürze die Diskussion mit dem Fahrer, der mich nicht verstehen will, ab und verbinde mit Guan Shifu. Nach längerer Diskussion reicht mir der Fahrer das Telefon zurück. Wir sollen weggehen. Es folgt ein unverständlicher Wortschwall. Ich liebe sie, die Beijinger...Das nächste Taxi, ich nenne den Ort. 150 Yuan, bellt es mir entgegen. Eigentlich haben die Fahrzeuge Taxameter und es gibt auch Festpreise innerhalb der Stadt, aber die Verhandlung kann ich mir sparen. Werde ich mit dem Fahrer nicht einig wird uns kein anderer mitnehmen und wir müssten dann doch wieder öffentlich weiterfahren. Wir steigen ein und es stellt sich heraus, dass auch dieser Fahrer keine Ahnung hat, wo zum Teufel dieser blöde Tempel steht. Aber Hauptsache, mal einen Mondpreis in den Raum geworfen, ärgere ich mich. Dafür bekommen wir eine längere Tour durch Beijing, während der Fahrer auf der Suche nach der riesigen Tempelanlage durch die erwachende Stadt irrt.

Endlich wird er fündig. Guan steht schon wartend und frierend vor dem Tor und erwartet uns. Ein eisiger Wind fegt übers Land und ich bin etwas unangenehm berührt: zuhause waren es frühlingshafte 20 Grad und entsprechend bin ich bekleidet. Ich hoffe doch schwer, dass dieser Winterrückblick nur ein kurzer Ausrutscher ist und uns in Wudang ein freundlicheres Willkommen erwartet. Guan bringt uns erstmal in das Hotel, das er für uns gebucht hat; direkt gegenüber dem Tempel, sehr einfach aber sauber. Ziemlich. Schon schlimmeres erlebt. Interessiert bemerke ich, dass die Standard-Ausrüstung mittlerweile nicht nur aus einem Fernseher, sondern auch aus einem PC besteht, dessen Web-Cam stolz über dem Bildschirm prangt, direkt auf das Bett gerichtet. Prima Kleiderständer, finde ich.

Nach einem kleinen Imbiss mit lecker ungewürztem Hirsebrei und frittierten Bierdeckeln (ja genau, auch wegen dem lecker Essen habe ich mich auf China gefreut) zeigt uns Guan sein Schule. Ein unspektakulärer Bau im Neo-Chinarealismus, der nach außen hin eher kühlen Charme hat und erst vor 6 Jahren gebaut wurde. Innen dann die Überraschung: der Bau hat einen großen Innenhof und wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man, dass es im Keller weitergeht. Und hier sind sie nun, die vermissten bunten Bildchen in rot und blau, wie ein großer Brunnen angelegt, ein Born des Wissens - so sind die Klassenräume im Souterrain angelegt, und vor den Fenstern ein großes Yin-Yang-Symbol in Kieseln angelegt. Wirklich hübsch. Wir kommen noch an einem finsteren Raum mit getönten Scheiben vorbei, der Computerraum, wie Guan erklärt. Sieht völlig unberührt aus. Kein Wunder, erzählt Guan: als vor 6 Jahren alles neu eingerichtet wurde mit großem Brimborium, alles vom Feinsten - auch die Computer -, da war der Bedarf und das Interesse an IT bei den Daoisten wohl nicht ganz so groß wie gedacht. Und als man sich dann der - mittlerweile museumsreifen - Dinger erinnerte und einen Testlauf machen wollte, machte es nur einmal "Ffffupp" und waren sie wieder aus. Wohl für immer. Seit dem hat niemand mehr den Raum betreten. Aber für die 30 Schüler und ihre 10 Lehrer scheint der Platz auch so zu reichen.
Dann führt uns Guan in seine Räumlichkeiten. Er teilt sich ein Zimmer mit einem Kommilitonen - auch eine Umstellung für ihn. Das Zimmer hat etwa 15 qm, fast schon luxuriös für die beengten großstädtischen Verhältnisse. Zweckmäßig eingerichtet mit zwei Hochbetten, darunter der Schreibtisch mit integriertem Kleiderschrank, ein Tisch in der Mitte des Raums mit zwei Stühlen, das war's. Aber Guan hat es eh nicht so mit den irdischen Gütern und scheint sich so wohl zu fühlen. Ich frage ihn, wie er den Wechsel von den sauberen und ruhigen Bergen hierher verkraftet hat. Er holt erstmal Luft und erklärt dann tapfer, dass es ihm anfangs schon etwas schwer gefallen ist. Aber mittlerweile: in diesem Teil im Westen der Stadt sei es schon ok, nicht soviel los, wenig Autos, überschaubarer Krach und die Luft sei auch nicht sooo schlimm wie in Mitte.
Was hülfe es, hier nun zu widersprechen, Hauptsache, er hat sich selbst davon überzeugt. Ich frage weiter, wie nun so sein Tagesablauf aussieht: unter der Woche geht es gegen 6 los mit religiösen Gesängen im Tempel, um 7.30 h wird gefrühstückt, dann kommt der erste Unterrichtsblock bis zum Mittagessen, dann eine kurze Siesta, gefolgt vom nächsten Unterrichtsblock, Abendessen, danach ein bis zwei Stunden Eigenstudium, vor dem Schlafengehen nochmal Rezitieren im Tempel. Feierabend. Und Training? Zwischendurch. Und am Wochenende, da hat er ein paar Schüler im Park. Und da fahren wir jetzt hin.

Ich erfahre, wie in der Hauptstadt innerstädtische Entfernungen beschrieben werden: "ganz in der Nähe" heißt eine halbe Stunde Busfahrt, "geht so" ist 1-1,5 Stunden, während "ganz schön weit" so ab 3 Stunden anfängt. Wir fahren also zum Park "ganz in der Nähe". Ich staune, klar den kenne ich doch: der Bambus-Park. Eine hübsche Anlage mit dem üblichen See und Kunststeinen, angelegt mit jeder Menge Tricks um ein riesiges Areal vorzutäuschen, wo die Fläche doch eher überschaubar ist. Vor einigen Jahren war ich einmal mit einem Freund hier und ich war überrascht, was für eine riesige Menge Taiji-Übender aus den unterschiedlichsten Richtungen hier trainiert. Hängt wohl mit der Nähe zur Uni zusammen.
Wir steuern ein kleines Tee-Haus an, wo wir bereits von einer jungen Dame erwartet werden. Erstmal mal gibt es Tee zur Einstimmung, bis dann langsam die Schüler eintrudeln. Es wird kurz beratschlagt: nach wie vor bläst ein eisiger Wind und keiner hat Lust, raus vor die Tür zu gehen. Kurzerhand werden die Stühle auf Seite geschoben, der Raum wird beherrscht von einem Kang, auf dem ein kleines Hock-Tischchen steht und der mit Tatami-Matten ausgelegt ist - da kann der Meister stehen und vorturnen und die Schüler drappieren sich im Rest des Raums drumherum. Geht schon. Alles besser als vor die Tür zu gehen. Muss ich mir merken. Wenn mal ein Draußen-Training durch Schlechtwetter bedroht wird, können wir auch in meine Küche gehen. Einer steht auf dem Tisch, auf der Eckbank finden mindestens zwei Leute Platz zum Trainieren und wenn man sich ordentlich umeinander faltet, passen da noch weitere fünf Übende rein. Man muss halt nur wollen wollen.

Bei der zweiten Trainingsrunde verabschiede ich mich. Während Qigong noch irgendwie machbar war, halte ich den Raum für Taiji nun definitiv für zu knapp. Ich nutze die Gelegenheit, mit meinem Begleiter um den See zu spazieren und den wetterfesten Taiji-Gruppen beim Training zuzuschauen. Direkt vor dem Teehaus üben ein paar mittelalte Damen etwas, was ich nach längerem Hinschauen als Chen-Stil identifiziere. Die Mädels haben ihren Spaß, es wird gegackert und gelacht bei den Vorübungen, ein etwas lustloser Vorturner versucht die Damen anzutreiben, dass sie doch bitte etwa höher und schneller treten sollen, ich sehe Katzenbuckel und Tritte auf der Fußspitze - da könnte ich mich doch direkt mit einreihen. Hausfrauentaiji gibt es auch in China. Irgendwie beruhigend. Ich glaube, da erwartet mich morgen in Wudang doch etwas anderes in der neuen Schule. Bin schon sehr gespannt.

Den Abend beschließen wir in lustiger Gesellschaft bei köstlichem Essen, wieder einmal lerne ich sehr...überraschende Gaumenfreuden kennen, zum Beispiel ein Gericht, das auf der bunten Bilder-Karte wie Softeis mit Fruchtsirup und bunten Zuckerstreuseln aussah. Auf meine Frage, was es sei, wurde es natürlich gleich bestellt, etwas ratlos versuche ich, die Leckerei einzuordnen. Mit Frucht lag ich richtig, auch die Zuckerstreusel sind echt, aber der weiße, cremige Klops...hat etwas kartoffelbreiähnliches, sehr merkwürdig, wurde wohl aus Yams hergestellt und hat wenig Chancen auf einen vorderen Platz auf meiner Favoritenliste. Da sieht es mit dem eingelegten Rettich, der auch als Süßspeise maskiert auf den Tisch kam (hauptsächlich wegen der knallbunten kandierten Kirschen drauf) schon besser aus: richtig lecker, genauso wie der Rohkostsalat (so würden wir es nennen, hier heißt das natürlich ganz anders, der Chinese kennt keinen Salat...) und die köstliche Aubergine. Toll, willkommen in China, tönt es und so fühlt es sich an!

Die neue Schule

Am nächsten Tag geht die Reise erst einmal nach Wuhan, dort treffen wir meine Freundin Tori, die seit ein paar Jahren in Shanghai lebt und die ich nun jahrelang nicht gesehen habe. Ob ich sie wiedererkenne? Der Zug aus Shanghai rauscht herein, in gefühlten Tausenden von Menschen winken wir uns zeitgleich zu - was für eine Frage! Es wäre kein Tag seit unserem letzten Treffen vergangen, schnattern wir aufeinander ein, es gibt viel zu erzählen. Mein Begleiter Achim steht etwas daneben aber wir beziehen in gleich mit ein, kennenlernen geht am besten bei einem köstlichen Mahl. Und das nehmen wir jetzt erstmal ein. Ich staune über Toris Chinesischkenntnisse - nicht das ich wirklich daran gezweifelt hätte, dass sie mit mangelndem Ehrgeiz ihr Sprachstudium betreibt. Sie erzählt, dass sie vorhat, im Sommer die "Hanyu Shuiping Kaoshi", die gefürchtete HSK, die zum Studium in China berechtigt, in der 5. Stufe ablegen will. Ich staune. Ich würde mich nicht mal an die 1. Stufe herantrauen, auch wenn sie versichert, dass ich die Prüfung gewiss schaffen würde. Wir werden es nie erfahren.

Gestärkt von Wuhans leckerer Küche machen wir uns zum nächsten Teil der Reise auf. Noch vier Stunden trennen uns von Wudang Shan. Der Zug ist mit ein paar Minuten Verspätung angekündigt. Wahrscheinlich damit wir als Deutsche uns nicht umgewöhnen müssen. Ich schicke eine kurze Nachricht an den neuen Meister, dass es etwas später wird - mir war ein Abholer angekündigt worden und ich wollte natürlich auch auf diesem Wege dezent daran erinnern, dass wir um 22.40 h am Shiyaner Bahnhof stehen und bitte abgeholt werden möchten. Zumal ich die Adresse der neuen Schule nicht kenne. Tatsächlich steht in der lärmenden Menge von Menschen, die Transporte nach Wudang, Hotels, Schulen und was weiß ich nicht noch alles anbieten ein Fels in der Brandung, der ein großes Schild mit meinem Namen in der Hand hält. Super, das fängt gut an. Nach einer Stunde Fahrt kommen wir an, eine junge Dame erwartet uns schon, etwas müde aber sehr nett, unsere Zimmer sind vorbereitet, geräumig und ordentlich, ein breites Bett - alles, was wir jetzt brauchen. Morgen früh um 7 h treffen wir uns vor dem Frühstück, dann besprechen wir alles, jetzt sollen und dürfen wir erstmal ins Bett. Und die junge Dame auch.

Am nächsten Morgen werde ich von der Morgensonne geweckt, es ist sehr ruhig, obwohl die Schule am Stadtrand liegt. Ich schaue von meinem Zimmer in einen kleinen, sehr gepflegten Nutzgarten, der wohl zur Schule gehört. Und in die Berge schaue ich auch. Sehr hübsch soweit. Jetzt muss nur noch das Training stimmen, dann ist alles gut. Man hört leise Geräusche, die darauf schließen lassen, dass schon geübt wird. Ich hatte gelesen, dass der Tag bereits um 6 h mit Qigong oder eigenem Training beginnt, eine Bekannte hatte mir gesagt, dass dieser Programmpunkt "freiwillig" sei. Ich werde darüber nachdenken, ob ich im Urlaub wirklich so früh aufstehen will. Die Trainingszeiten stimmen mit der Akademie in den Bergen überein: morgens 2,5 Stunden, dann nach der Siesta nochmal 3 - wenn ich will, kann ich ja noch mit Morgentraining aufstocken. Denke ich mir so.

Nun werden wir erst einmal Meister Yuan vorgestellt. Er erkundigt sich freundlich über unsere Anreise und ob alles zu unserer Zufriedenheit geklappt hat. Danach bekommen wir den Tagesablauf vorgestellt, ganz wichtig natürlich erstmal: das Frühstück. Heute morgen gibt Nudelsuppe, wir sollen uns beeilen, da ist die Schlange lang. Nicht übertrieben. Sammelpunkt ist in der Küche, an mehreren Hackklötzen vorbei, wo schon das Gemüse seiner Verarbeitung hart. Die Schülerschar steht um einen riesigen, in einen Kachelaufbau eingelassenen Nudeltopf, dessen Ausmaße mich an eine uralte Spülmittelwerbung ("in Villa Bajo wird immer noch geschrubbt...") erinnert. Zu den Nudeln gibt diverse pikante Zutaten, die man dann in die Nudeln kippt, schaue ich mir ab. Eine riesige Menge, die erst einmal abtrainiert werden muss. Aber erst einmal muss sie hinein: glühendheiss und nur noch eine Viertelstunde bis zum Abmarsch in den Tempel!

Vor der Schule ist große Aufstellung, etwa 50 Schüler warten darauf, dass ihr Name aufgerufen und in der Liste, die jeder Lehrer führt, abgehakt zu werden. Mit einfach mal schwänzen geht es hier nicht (nicht dass ich auf die Idee gekommen wäre...), wer nicht pünktlich erscheint, den holt er persönlich ab, erklärt mir mein neuer Lehrer Gao. Sorgfältig vermerkt er neben unserem Namen nicht nur die Zimmernummer sondern auch E-Mail, Telefon- und QQ-Nummer. Es gibt also kein Entrinnen. Gemeinsam ziehen wir in den Yuxun-Tempel in direkter Nachbarschaft. Viel ist nicht mehr übrig von der einstigen Pracht. Aber eine schöne Parkanlage hat man daraus gemacht, gerade richtig für die Massen von Trainierenden. Es herrscht eine heitere Stimmung, Leute der unterschiedlichsten Stufen sind unterwegs, wohl auch von verschiedenen Schulen. Hier fühle ich mich wohler als im Zixiaogong-Tempel oben in den Bergen. Nicht nur, dass dieser stets voller Touristen ist, auch das Klosterleben wird durch die Anwesenheit der vielen Trainierenden empfindlich gestört. Ein Bekannter, der sehr gut Chinesisch spricht, hatte mir einmal erzählt, dass die Mönche und Nonnen im Tempel nicht gerade begeistert sind, dass ständig irgendwelche Sportler durch ihren Tempel springen und sich häufig nicht einmal zu benehmen wissen. Habe ich auch beobachtet und mich ziemlich oft fremdgeschämt. Aber hier passt es.

Erst einmal wird ordentlich gedehnt, danach folgen Bufa-Übungen, die ich so noch nicht kenne. Ziemlich bald werden wir drei Neuankömmlinge herausgefiltert und erhalten Sonderunterricht, damit wir möglichst schnell korrekt mitspielen können. Nach dem Aufwärmen geht es mit Lehrer Gao ins Detail. Achim und ich sollen uns erst einmal "so" beschäftigen, während Tori ihre ersten Instruktionen bekommt. Ich übe an den Korrekturen, die ich vorgestern noch von Guan Shifu bekommen habe, herum und bald sind auch wir an der Reihe. Hände heben und senken, Ball rechts und links. Ganz einfach. Sollte man meinen. Ich staune, was man so alles falsch machen kann, bei so einer einfachen Übung. Es scheint nichts korrekt zu sein, Lehrer Gao zeigt die Anwendungen. Aha, verstanden. Also nochmal. Natürlich wieder falsch. Er geht zu Achim, übt Anwendung, lobt ihn, schaut zu mir: SO muss du das machen! Ich lerne doppelt so lange wie Achim und fand mich eigentlich nicht so schlecht. Zumindest nicht bei Heben und Senken, Ball links und rechts. Ich schlucke und übe Demut. Nie ein Fehler.

So beschäftigen wir uns den ganzen Vormittag und auch Tori hat jede Menge neuer Erkenntnisse gewonnen, obwohl sie auch eine ganze Menge Erfahrung hat. Wir sind zwar einerseits sehr ernüchtert, andererseits aber auch begeistert, wieviel Mühe hier auf unser Training verwandt wird. Es sind zwar jede Menge Schüler hier, aber auch angemessen viele Lehrer, die sich wirklich um ihre Schäfchen kümmern und nicht rumstehen und schwätzen. Als wir uns bei Lehrer Gao wie gewöhnt mit "Xiexie Shifu" bedanken, winkt er sofort ab: er sei kein Shifu, wir sollen ihn auch bitte nicht so bezeichnen. Und das ist nicht kokettiert sondern ernst gemeint. Überhaupt: auf dem Weg zurück zur Schule klopft er mir mehrmals auf die Schultern - Haltung! Und als Tori uns etwas auf Deutsch erklärt, wird sie zurecht gewiesen: wir sollen auch untereinander Chinesisch sprechen, damit wir etwas lernen. Den Einwand, dass Achim dann nicht allzuviel von den Gesprächen hat, lässt dann aber gerade so gelten. Glück gehabt.

Ich erlebe hier diese Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, wie sie früher einmal für die Akademie in den Bergen kennzeichnend gewesen ist. Dieser Geist ist leider verloren gegangen und ich bin froh, nun in dieser Schule gelandet zu sein. Und dann bin ich auch froh, dass morgen schon Mittwoch ist und nur ein halber Tag Training ansteht, bis das Wochenende beginnt. Wir werden es dringend brauchen!