Montag, 11. Mai 2015

Wudang 2015

Das Wiedersehen

Ich hatte mir - besonders nach ein paar Tagen Touristen-Daseins im letzten Jahr - fest vorgenommen, die Stadt Beijing bei den notwendigen Aufenthalten schnellstmöglichst hinter mir zu lassen: zu groß, zu laut, zu dreckig, die Leute (wie häufig in Hauptstädten) nun...wie will ich es höflich umschreiben? - etwas anstrengend, sagen wir mal...
Aber wie das Leben halt so spielt: mein Lehrer Guan Shifu hat sich entschieden, in einem der größten Daoistischen Tempel bzw. Lehrstätte in Beijing, dem Weiße-Wolke-Tempel, zu studieren. Und das ist natürlich ein Grund, nicht schleunigst in den nächsten Zug zu steigen und zum heiligen Berg zu reisen, sondern noch einen Tag in Beijing zu verbringen, um den Meister zu sehen (mir wichtig), massenweise Milchpulver abzuliefern (ihm wichtig) und die alljährliche Verpflichtungserklärung für seinen kommenden Aufenthalt in Mainz auszuhändigen (muss halt gemacht werden). Ich bin gespannt auf seine Erfahrungen. Wann immer ich genauer nachgebohrt habe, wie denn so die Studien laufen und wie es ihm in diesem gräßlichen Moloch gefällt, wurde elegant abgebogen. Meist in unverfängliche Milchpulvergefilde...

Unser Flieger schwebt um 5.15 h elegant ein; die Stadt schläft noch an diesem Sonntagmorgen und ich habe Hoffnung, nicht gleich im Stau zu ersticken. Kaum gelandet, meldet sich schon Guan Shifu. Ihn plagt das schlechte Gewissen: eigentlich hatte er uns abholen wollen, bis ihm klar wurde, dass die Fahrt etwa 2 Stunden dauert und um 3 Uhr in der Nacht fährt hierzulande noch kein öffentliches Verkehrsmittel herum. Aber das ist ja kein Problem: den Airport-Express vom Flughafen in die Stadt zu besteigen, kriege ich gerade noch ohne Amme hin, danach wird es etwas unübersichtlich, U-Bahn, danach Bus oder 2 km laufen - ich denke, in der Stadt ist dann Taxi am einfachsten: Baiyun Guan - das kennt ja jeder. Vielleicht sogar Beijinger Droschken-Kutscher. Was sich erstmal als Irrtum erweisen soll. Ich kürze die Diskussion mit dem Fahrer, der mich nicht verstehen will, ab und verbinde mit Guan Shifu. Nach längerer Diskussion reicht mir der Fahrer das Telefon zurück. Wir sollen weggehen. Es folgt ein unverständlicher Wortschwall. Ich liebe sie, die Beijinger...Das nächste Taxi, ich nenne den Ort. 150 Yuan, bellt es mir entgegen. Eigentlich haben die Fahrzeuge Taxameter und es gibt auch Festpreise innerhalb der Stadt, aber die Verhandlung kann ich mir sparen. Werde ich mit dem Fahrer nicht einig wird uns kein anderer mitnehmen und wir müssten dann doch wieder öffentlich weiterfahren. Wir steigen ein und es stellt sich heraus, dass auch dieser Fahrer keine Ahnung hat, wo zum Teufel dieser blöde Tempel steht. Aber Hauptsache, mal einen Mondpreis in den Raum geworfen, ärgere ich mich. Dafür bekommen wir eine längere Tour durch Beijing, während der Fahrer auf der Suche nach der riesigen Tempelanlage durch die erwachende Stadt irrt.

Endlich wird er fündig. Guan steht schon wartend und frierend vor dem Tor und erwartet uns. Ein eisiger Wind fegt übers Land und ich bin etwas unangenehm berührt: zuhause waren es frühlingshafte 20 Grad und entsprechend bin ich bekleidet. Ich hoffe doch schwer, dass dieser Winterrückblick nur ein kurzer Ausrutscher ist und uns in Wudang ein freundlicheres Willkommen erwartet. Guan bringt uns erstmal in das Hotel, das er für uns gebucht hat; direkt gegenüber dem Tempel, sehr einfach aber sauber. Ziemlich. Schon schlimmeres erlebt. Interessiert bemerke ich, dass die Standard-Ausrüstung mittlerweile nicht nur aus einem Fernseher, sondern auch aus einem PC besteht, dessen Web-Cam stolz über dem Bildschirm prangt, direkt auf das Bett gerichtet. Prima Kleiderständer, finde ich.

Nach einem kleinen Imbiss mit lecker ungewürztem Hirsebrei und frittierten Bierdeckeln (ja genau, auch wegen dem lecker Essen habe ich mich auf China gefreut) zeigt uns Guan sein Schule. Ein unspektakulärer Bau im Neo-Chinarealismus, der nach außen hin eher kühlen Charme hat und erst vor 6 Jahren gebaut wurde. Innen dann die Überraschung: der Bau hat einen großen Innenhof und wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man, dass es im Keller weitergeht. Und hier sind sie nun, die vermissten bunten Bildchen in rot und blau, wie ein großer Brunnen angelegt, ein Born des Wissens - so sind die Klassenräume im Souterrain angelegt, und vor den Fenstern ein großes Yin-Yang-Symbol in Kieseln angelegt. Wirklich hübsch. Wir kommen noch an einem finsteren Raum mit getönten Scheiben vorbei, der Computerraum, wie Guan erklärt. Sieht völlig unberührt aus. Kein Wunder, erzählt Guan: als vor 6 Jahren alles neu eingerichtet wurde mit großem Brimborium, alles vom Feinsten - auch die Computer -, da war der Bedarf und das Interesse an IT bei den Daoisten wohl nicht ganz so groß wie gedacht. Und als man sich dann der - mittlerweile museumsreifen - Dinger erinnerte und einen Testlauf machen wollte, machte es nur einmal "Ffffupp" und waren sie wieder aus. Wohl für immer. Seit dem hat niemand mehr den Raum betreten. Aber für die 30 Schüler und ihre 10 Lehrer scheint der Platz auch so zu reichen. 
Dann führt uns Guan in seine Räumlichkeiten. Er teilt sich ein Zimmer mit einem Kommilitonen - auch eine Umstellung für ihn. Das Zimmer hat etwa 15 qm, fast schon luxuriös für die beengten großstädtischen Verhältnisse. Zweckmäßig eingerichtet mit zwei Hochbetten, darunter der Schreibtisch mit integriertem Kleiderschrank, ein Tisch in der Mitte des Raums mit zwei Stühlen, das war's. Aber Guan hat es eh nicht so mit den irdischen Gütern und scheint sich so wohl zu fühlen. Ich frage ihn, wie er den Wechsel von den sauberen und ruhigen Bergen hierher verkraftet hat. Er holt erstmal Luft und erklärt dann tapfer, dass es ihm anfangs schon etwas schwer gefallen ist. Aber mittlerweile: in diesem Teil im Westen der Stadt sei es schon ok, nicht soviel los, wenig Autos, überschaubarer Krach und die Luft sei auch nicht sooo schlimm wie in Mitte. 
Was hülfe es, hier nun zu widersprechen, Hauptsache, er hat sich selbst davon überzeugt. Ich frage weiter, wie nun so sein Tagesablauf aussieht: unter der Woche geht es gegen 6 los mit religiösen Gesängen im Tempel, um 7.30 h wird gefrühstückt, dann kommt der erste Unterrichtsblock bis zum Mittagessen, dann eine kurze Siesta, gefolgt vom nächsten Unterrichtsblock, Abendessen, danach ein bis zwei Stunden Eigenstudium, vor dem Schlafengehen nochmal Rezitieren im Tempel. Feierabend. Und Training? Zwischendurch. Und am Wochenende, da hat er ein paar Schüler im Park. Und da fahren wir jetzt hin.

Ich erfahre, wie in der Hauptstadt innerstädtische Entfernungen beschrieben werden: "ganz in der Nähe" heißt eine halbe Stunde Busfahrt, "geht so" ist 1-1,5 Stunden, während "ganz schön weit" so ab 3 Stunden anfängt. Wir fahren also zum Park "ganz in der Nähe". Ich staune, klar den kenne ich doch: der Bambus-Park. Eine hübsche Anlage mit dem üblichen See und Kunststeinen, angelegt mit jeder Menge Tricks um ein riesiges Areal vorzutäuschen, wo die Fläche doch eher überschaubar ist. Vor einigen Jahren war ich einmal mit einem Freund hier und ich war überrascht, was für eine riesige Menge Taiji-Übender aus den unterschiedlichsten Richtungen hier trainiert. Hängt wohl mit der Nähe zur Uni zusammen. 
Wir steuern ein kleines Tee-Haus an, wo wir bereits von einer jungen Dame erwartet werden. Erstmal mal gibt es Tee zur Einstimmung, bis dann langsam die Schüler eintrudeln. Es wird kurz beratschlagt: nach wie vor bläst ein eisiger Wind und keiner hat Lust, raus vor die Tür zu gehen. Kurzerhand werden die Stühle auf Seite geschoben, der Raum wird beherrscht von einem Kang, auf dem ein kleines Hock-Tischchen steht und der mit Tatami-Matten ausgelegt ist - da kann der Meister stehen und vorturnen und die Schüler drappieren sich im Rest des Raums drumherum. Geht schon. Alles besser als vor die Tür zu gehen. Muss ich mir merken. Wenn mal ein Draußen-Training durch Schlechtwetter bedroht wird, können wir auch in meine Küche gehen. Einer steht auf dem Tisch, auf der Eckbank finden mindestens zwei Leute Platz zum Trainieren und wenn man sich ordentlich umeinander faltet, passen da noch weitere fünf Übende rein. Man muss halt nur wollen wollen. 

Bei der zweiten Trainingsrunde verabschiede ich mich. Während Qigong noch irgendwie machbar war, halte ich den Raum für Taiji nun definitiv für zu knapp. Ich nutze die Gelegenheit, mit meinem Begleiter um den See zu spazieren und den wetterfesten Taiji-Gruppen beim Training zuzuschauen. Direkt vor dem Teehaus üben ein paar mittelalte Damen etwas, was ich nach längerem Hinschauen als Chen-Stil identifiziere. Die Mädels haben ihren Spaß, es wird gegackert und gelacht bei den Vorübungen, ein etwas lustloser Vorturner versucht die Damen anzutreiben, dass sie doch bitte etwa höher und schneller treten sollen, ich sehe Katzenbuckel und Tritte auf der Fußspitze - da könnte ich mich doch direkt mit einreihen. Hausfrauentaiji gibt es auch in China. Irgendwie beruhigend. Ich glaube, da erwartet mich morgen in Wudang doch etwas anderes in der neuen Schule. Bin schon sehr gespannt.

Den Abend beschließen wir in lustiger Gesellschaft bei köstlichem Essen, wieder einmal lerne ich sehr...überraschende Gaumenfreuden kennen, zum Beispiel ein Gericht, das auf der bunten Bilder-Karte wie Softeis mit Fruchtsirup und bunten Zuckerstreuseln aussah. Auf meine Frage, was es sei, wurde es natürlich gleich bestellt, etwas ratlos versuche ich, die Leckerei einzuordnen. Mit Frucht lag ich richtig, auch die Zuckerstreusel sind echt, aber der weiße, cremige Klops...hat etwas kartoffelbreiähnliches, sehr merkwürdig, wurde wohl aus Yams hergestellt und hat wenig Chancen auf einen vorderen Platz auf meiner Favoritenliste. Da sieht es mit dem eingelegten Rettich, der auch als Süßspeise maskiert auf den Tisch kam (hauptsächlich wegen der knallbunten kandierten Kirschen drauf) schon besser aus: richtig lecker, genauso wie der Rohkostsalat (so würden wir es nennen, hier heißt das natürlich ganz anders, der Chinese kennt keinen Salat...) und die köstliche Aubergine. Toll, willkommen in China, tönt es und so fühlt es sich an.
 

Die neue Schule


Am nächsten Tag geht die Reise erst einmal nach Wuhan, dort treffen wir meine Freundin Tori, die seit ein paar Jahren in Shanghai lebt und die ich nun jahrelang nicht gesehen habe. Ob ich sie wiedererkenne? Der Zug aus Shanghai rauscht herein, in gefühlten Tausenden von Menschen winken wir uns zeitgleich zu - was für eine Frage! Es wäre kein Tag seit unserem letzten Treffen vergangen, schnattern wir aufeinander ein, es gibt viel zu erzählen. Mein Begleiter Achim steht etwas daneben aber wir beziehen in gleich mit ein, kennenlernen geht am besten bei einem köstlichen Mahl. Und das nehmen wir jetzt erstmal ein. Ich staune über Toris Chinesischkenntnisse - nicht das ich wirklich daran gezweifelt hätte, dass sie mit mangelndem Ehrgeiz ihr Sprachstudium betreibt. Sie erzählt, dass sie vorhat, im Sommer die "Hanyu Shuiping Kaoshi", die gefürchtete HSK, die zum Studium in China berechtigt, in der 5. Stufe ablegen will. Ich staune. Ich würde mich nicht mal an die 1. Stufe herantrauen, auch wenn sie versichert, dass ich die Prüfung gewiss schaffen würde. Wir werden es nie erfahren. 

Gestärkt von Wuhans leckerer Küche machen wir uns zum nächsten Teil der Reise auf. Noch vier Stunden trennen uns von Wudang Shan. Der Zug ist mit ein paar Minuten Verspätung angekündigt. Wahrscheinlich damit wir als Deutsche uns nicht umgewöhnen müssen. Ich schicke eine kurze Nachricht an den neuen Meister, dass es etwas später wird - mir war ein Abholer angekündigt worden und ich wollte natürlich auch auf diesem Wege dezent daran erinnern, dass wir um 22.40 h am Shiyaner Bahnhof stehen und bitte abgeholt werden möchten. Zumal ich die Adresse der neuen Schule nicht kenne. Tatsächlich steht in der lärmenden Menge von Menschen, die Transporte nach Wudang, Hotels, Schulen und was weiß ich nicht noch alles anbieten ein Fels in der Brandung, der ein großes Schild mit meinem Namen in der Hand hält. Super, das fängt gut an. Nach einer Stunde Fahrt kommen wir an, eine junge Dame erwartet uns schon, etwas müde aber sehr nett, unsere Zimmer sind vorbereitet, geräumig und ordentlich, ein breites Bett - alles, was wir jetzt brauchen. Morgen früh um 7 h treffen wir uns vor dem Frühstück, dann besprechen wir alles, jetzt sollen und dürfen wir erstmal ins Bett. Und die junge Dame auch.

Am nächsten Morgen werde ich von der Morgensonne geweckt, es ist sehr ruhig, obwohl die Schule am Stadtrand liegt. Ich schaue von meinem Zimmer in einen kleinen, sehr gepflegten Nutzgarten, der wohl zur Schule gehört. Und in die Berge schaue ich auch. Sehr hübsch soweit. Jetzt muss nur noch das Training stimmen, dann ist alles gut. Man hört leise Geräusche, die darauf schließen lassen, dass schon geübt wird. Ich hatte gelesen, dass der Tag bereits um 6 h mit Qigong oder eigenem Training beginnt, eine Bekannte hatte mir gesagt, dass dieser Programmpunkt "freiwillig" sei. Ich werde darüber nachdenken, ob ich im Urlaub wirklich so früh aufstehen will. Die Trainingszeiten stimmen mit der Akademie in den Bergen überein: morgens 2,5 Stunden, dann nach der Siesta nochmal 3 - wenn ich will, kann ich ja noch mit Morgentraining aufstocken. Denke ich mir so. 

Nun werden wir erst einmal Meister Yuan vorgestellt. Er erkundigt sich freundlich über unsere Anreise und ob alles zu unserer Zufriedenheit geklappt hat. Danach bekommen wir den Tagesablauf vorgestellt, ganz wichtig natürlich erstmal: das Frühstück. Heute morgen gibt Nudelsuppe, wir sollen uns beeilen, da ist die Schlange lang. Nicht übertrieben. Sammelpunkt ist in der Küche, an mehreren Hackklötzen vorbei, wo schon das Gemüse seiner Verarbeitung hart. Die Schülerschar steht um einen riesigen, in einen Kachelaufbau eingelassenen Nudeltopf, dessen Ausmaße mich an eine uralte Spülmittelwerbung ("in Villa Bajo wird immer noch geschrubbt...") erinnert. Zu den Nudeln gibt diverse pikante Zutaten, die man dann in die Nudeln kippt, schaue ich mir ab. Eine riesige Menge, die erst einmal abtrainiert werden muss. Aber erst einmal muss sie hinein: glühendheiss und nur noch eine Viertelstunde bis zum Abmarsch in den Tempel!

Vor der Schule ist große Aufstellung, etwa 50 Schüler warten darauf, dass ihr Name aufgerufen und in der Liste, die jeder Lehrer führt, abgehakt zu werden. Mit einfach mal schwänzen geht es hier nicht (nicht dass ich auf die Idee gekommen wäre...), wer nicht pünktlich erscheint, den holt er persönlich ab, erklärt mir mein neuer Lehrer Gao. Sorgfältig vermerkt er neben unserem Namen nicht nur die Zimmernummer sondern auch E-Mail, Telefon- und QQ-Nummer. Es gibt also kein Entrinnen. Gemeinsam ziehen wir in den Yuxun-Tempel in direkter Nachbarschaft. Viel ist nicht mehr übrig von der einstigen Pracht. Aber eine schöne Parkanlage hat man daraus gemacht, gerade richtig für die Massen von Trainierenden. Es herrscht eine heitere Stimmung, Leute der unterschiedlichsten Stufen sind unterwegs, wohl auch von verschiedenen Schulen. Hier fühle ich mich wohler als im Zixiaogong-Tempel oben in den Bergen. Nicht nur, dass dieser stets voller Touristen ist, auch das Klosterleben wird durch die Anwesenheit der vielen Trainierenden empfindlich gestört. Ein Bekannter, der sehr gut Chinesisch spricht, hatte mir einmal erzählt, dass die Mönche und Nonnen im Tempel nicht gerade begeistert sind, dass ständig irgendwelche Sportler durch ihren Tempel springen und sich häufig nicht einmal zu benehmen wissen. Habe ich auch beobachtet und mich ziemlich oft fremdgeschämt. Aber hier passt es. 

 Erst einmal wird ordentlich gedehnt, danach folgen Bufa-Übungen, die ich so noch nicht kenne. Ziemlich bald werden wir drei Neuankömmlinge herausgefiltert und erhalten Sonderunterricht, damit wir möglichst schnell korrekt mitspielen können. Nach dem Aufwärmen geht es mit Lehrer Gao ins Detail. Achim und ich sollen uns erst einmal "so" beschäftigen, während Tori ihre ersten Instruktionen bekommt. Ich übe an den Korrekturen, die ich vorgestern noch von Guan Shifu bekommen habe, herum und bald sind auch wir an der Reihe. Hände heben und senken, Ball rechts und links. Ganz einfach. Sollte man meinen. Ich staune, was man so alles falsch machen kann, bei so einer einfachen Übung. Es scheint nichts korrekt zu sein, Lehrer Gao zeigt die Anwendungen. Aha, verstanden. Also nochmal. Natürlich wieder falsch. Er geht zu Achim, übt Anwendung, lobt ihn, schaut zu mir: SO muss du das machen! Ich lerne doppelt so lange wie Achim und fand mich eigentlich nicht so schlecht. Zumindest nicht bei Heben und Senken, Ball links und rechts. Ich schlucke und übe Demut. Nie ein Fehler.

So beschäftigen wir uns den ganzen Vormittag und auch Tori hat jede Menge neuer Erkenntnisse gewonnen, obwohl sie auch eine ganze Menge Erfahrung hat. Wir sind zwar einerseits sehr ernüchtert, andererseits aber auch begeistert, wieviel Mühe hier auf unser Training verwandt wird. Es sind zwar jede Menge Schüler hier, aber auch angemessen viele Lehrer, die sich wirklich um ihre Schäfchen kümmern und nicht rumstehen und schwätzen. Als wir uns bei Lehrer Gao wie gewöhnt mit "Xiexie Shifu" bedanken, winkt er sofort ab: er sei kein Shifu, wir sollen ihn auch bitte nicht so bezeichnen. Und das ist nicht kokettiert sondern ernst gemeint. Überhaupt: auf dem Weg zurück zur Schule klopft er mir mehrmals auf die Schultern - Haltung! Und als Tori uns etwas auf Deutsch erklärt, wird sie zurecht gewiesen: wir sollen auch untereinander Chinesisch sprechen, damit wir etwas lernen. Den Einwand, dass Achim dann nicht allzuviel von den Gesprächen hat, lässt dann aber gerade so gelten. Glück gehabt.

Ich erlebe hier diese Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, wie sie früher einmal für die Akademie in den Bergen kennzeichnend gewesen ist. Dieser Geist ist leider verloren gegangen und ich bin froh, nun in dieser Schule gelandet zu sein. Und dann bin ich auch froh, dass morgen schon Mittwoch ist und nur ein halber Tag Training ansteht, bis das Wochenende beginnt. Wir werden es dringend brauchen!



Das Wiedersehen



Ich hatte mir - besonders nach ein paar Tagen Touristen-Daseins im letzten Jahr - fest vorgenommen, die Stadt Beijing bei den notwendigen Aufenthalten schnellstmöglichst hinter mir zu lassen: zu groß, zu laut, zu dreckig, die Leute (wie häufig in Hauptstädten) nun...wie will ich es höflich umschreiben? - etwas anstrengend, sagen wir mal...
Aber wie das Leben halt so spielt: mein Lehrer Guan Shifu hat sich entschieden, in einem der größten Daoistischen Tempel bzw. Lehrstätte in Beijing, dem Weiße-Wolke-Tempel, zu studieren. Und das ist natürlich ein Grund, nicht schleunigst in den nächsten Zug zu steigen und zum heiligen Berg zu reisen, sondern noch einen Tag in Beijing zu verbringen, um den Meister zu sehen (mir wichtig), massenweise Milchpulver abzuliefern (ihm wichtig) und die alljährliche Verpflichtungserklärung für seinen kommenden Aufenthalt in Mainz auszuhändigen (muss halt gemacht werden). Ich bin gespannt auf seine Erfahrungen. Wann immer ich genauer nachgebohrt habe, wie denn so die Studien laufen und wie es ihm in diesem gräßlichen Moloch gefällt, wurde elegant abgebogen. Meist in unverfängliche Milchpulvergefilde...

Unser Flieger schwebt um 5.15 h elegant ein; die Stadt schläft noch an diesem Sonntagmorgen und ich habe Hoffnung, nicht gleich im Stau zu ersticken. Kaum gelandet, meldet sich schon Guan Shifu. Ihn plagt das schlechte Gewissen: eigentlich hatte er uns abholen wollen, bis ihm klar wurde, dass die Fahrt etwa 2 Stunden dauert und um 3 Uhr in der Nacht fährt hierzulande noch kein öffentliches Verkehrsmittel herum. Aber das ist ja kein Problem: den Airport-Express vom Flughafen in die Stadt zu besteigen, kriege ich gerade noch ohne Amme hin, danach wird es etwas unübersichtlich, U-Bahn, danach Bus oder 2 km laufen - ich denke, in der Stadt ist dann Taxi am einfachsten: Baiyun Guan - das kennt ja jeder. Vielleicht sogar Beijinger Droschken-Kutscher. Was sich erstmal als Irrtum erweisen soll. Ich kürze die Diskussion mit dem Fahrer, der mich nicht verstehen will, ab und verbinde mit Guan Shifu. Nach längerer Diskussion reicht mir der Fahrer das Telefon zurück. Wir sollen weggehen. Es folgt ein unverständlicher Wortschwall. Ich liebe sie, die Beijinger...Das nächste Taxi, ich nenne den Ort. 150 Yuan, bellt es mir entgegen. Eigentlich haben die Fahrzeuge Taxameter und es gibt auch Festpreise innerhalb der Stadt, aber die Verhandlung kann ich mir sparen. Werde ich mit dem Fahrer nicht einig wird uns kein anderer mitnehmen und wir müssten dann doch wieder öffentlich weiterfahren. Wir steigen ein und es stellt sich heraus, dass auch dieser Fahrer keine Ahnung hat, wo zum Teufel dieser blöde Tempel steht. Aber Hauptsache, mal einen Mondpreis in den Raum geworfen, ärgere ich mich. Dafür bekommen wir eine längere Tour durch Beijing, während der Fahrer auf der Suche nach der riesigen Tempelanlage durch die erwachende Stadt irrt.

Endlich wird er fündig. Guan steht schon wartend und frierend vor dem Tor und erwartet uns. Ein eisiger Wind fegt übers Land und ich bin etwas unangenehm berührt: zuhause waren es frühlingshafte 20 Grad und entsprechend bin ich bekleidet. Ich hoffe doch schwer, dass dieser Winterrückblick nur ein kurzer Ausrutscher ist und uns in Wudang ein freundlicheres Willkommen erwartet. Guan bringt uns erstmal in das Hotel, das er für uns gebucht hat; direkt gegenüber dem Tempel, sehr einfach aber sauber. Ziemlich. Schon schlimmeres erlebt. Interessiert bemerke ich, dass die Standard-Ausrüstung mittlerweile nicht nur aus einem Fernseher, sondern auch aus einem PC besteht, dessen Web-Cam stolz über dem Bildschirm prangt, direkt auf das Bett gerichtet. Prima Kleiderständer, finde ich.

Nach einem kleinen Imbiss mit lecker ungewürztem Hirsebrei und frittierten Bierdeckeln (ja genau, auch wegen dem lecker Essen habe ich mich auf China gefreut) zeigt uns Guan sein Schule. Ein unspektakulärer Bau im Neo-Chinarealismus, der nach außen hin eher kühlen Charme hat und erst vor 6 Jahren gebaut wurde. Innen dann die Überraschung: der Bau hat einen großen Innenhof und wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man, dass es im Keller weitergeht. Und hier sind sie nun, die vermissten bunten Bildchen in rot und blau, wie ein großer Brunnen angelegt, ein Born des Wissens - so sind die Klassenräume im Souterrain angelegt, und vor den Fenstern ein großes Yin-Yang-Symbol in Kieseln angelegt. Wirklich hübsch. Wir kommen noch an einem finsteren Raum mit getönten Scheiben vorbei, der Computerraum, wie Guan erklärt. Sieht völlig unberührt aus. Kein Wunder, erzählt Guan: als vor 6 Jahren alles neu eingerichtet wurde mit großem Brimborium, alles vom Feinsten - auch die Computer -, da war der Bedarf und das Interesse an IT bei den Daoisten wohl nicht ganz so groß wie gedacht. Und als man sich dann der - mittlerweile museumsreifen - Dinger erinnerte und einen Testlauf machen wollte, machte es nur einmal "Ffffupp" und waren sie wieder aus. Wohl für immer. Seit dem hat niemand mehr den Raum betreten. Aber für die 30 Schüler und ihre 10 Lehrer scheint der Platz auch so zu reichen. 
Dann führt uns Guan in seine Räumlichkeiten. Er teilt sich ein Zimmer mit einem Kommilitonen - auch eine Umstellung für ihn. Das Zimmer hat etwa 15 qm, fast schon luxuriös für die beengten großstädtischen Verhältnisse. Zweckmäßig eingerichtet mit zwei Hochbetten, darunter der Schreibtisch mit integriertem Kleiderschrank, ein Tisch in der Mitte des Raums mit zwei Stühlen, das war's. Aber Guan hat es eh nicht so mit den irdischen Gütern und scheint sich so wohl zu fühlen. Ich frage ihn, wie er den Wechsel von den sauberen und ruhigen Bergen hierher verkraftet hat. Er holt erstmal Luft und erklärt dann tapfer, dass es ihm anfangs schon etwas schwer gefallen ist. Aber mittlerweile: in diesem Teil im Westen der Stadt sei es schon ok, nicht soviel los, wenig Autos, überschaubarer Krach und die Luft sei auch nicht sooo schlimm wie in Mitte. 
Was hülfe es, hier nun zu widersprechen, Hauptsache, er hat sich selbst davon überzeugt. Ich frage weiter, wie nun so sein Tagesablauf aussieht: unter der Woche geht es gegen 6 los mit religiösen Gesängen im Tempel, um 7.30 h wird gefrühstückt, dann kommt der erste Unterrichtsblock bis zum Mittagessen, dann eine kurze Siesta, gefolgt vom nächsten Unterrichtsblock, Abendessen, danach ein bis zwei Stunden Eigenstudium, vor dem Schlafengehen nochmal Rezitieren im Tempel. Feierabend. Und Training? Zwischendurch. Und am Wochenende, da hat er ein paar Schüler im Park. Und da fahren wir jetzt hin.

Ich erfahre, wie in der Hauptstadt innerstädtische Entfernungen beschrieben werden: "ganz in der Nähe" heißt eine halbe Stunde Busfahrt, "geht so" ist 1-1,5 Stunden, während "ganz schön weit" so ab 3 Stunden anfängt. Wir fahren also zum Park "ganz in der Nähe". Ich staune, klar den kenne ich doch: der Bambus-Park. Eine hübsche Anlage mit dem üblichen See und Kunststeinen, angelegt mit jeder Menge Tricks um ein riesiges Areal vorzutäuschen, wo die Fläche doch eher überschaubar ist. Vor einigen Jahren war ich einmal mit einem Freund hier und ich war überrascht, was für eine riesige Menge Taiji-Übender aus den unterschiedlichsten Richtungen hier trainiert. Hängt wohl mit der Nähe zur Uni zusammen. 
Wir steuern ein kleines Tee-Haus an, wo wir bereits von einer jungen Dame erwartet werden. Erstmal mal gibt es Tee zur Einstimmung, bis dann langsam die Schüler eintrudeln. Es wird kurz beratschlagt: nach wie vor bläst ein eisiger Wind und keiner hat Lust, raus vor die Tür zu gehen. Kurzerhand werden die Stühle auf Seite geschoben, der Raum wird beherrscht von einem Kang, auf dem ein kleines Hock-Tischchen steht und der mit Tatami-Matten ausgelegt ist - da kann der Meister stehen und vorturnen und die Schüler drappieren sich im Rest des Raums drumherum. Geht schon. Alles besser als vor die Tür zu gehen. Muss ich mir merken. Wenn mal ein Draußen-Training durch Schlechtwetter bedroht wird, können wir auch in meine Küche gehen. Einer steht auf dem Tisch, auf der Eckbank finden mindestens zwei Leute Platz zum Trainieren und wenn man sich ordentlich umeinander faltet, passen da noch weitere fünf Übende rein. Man muss halt nur wollen wollen. 

Bei der zweiten Trainingsrunde verabschiede ich mich. Während Qigong noch irgendwie machbar war, halte ich den Raum für Taiji nun definitiv für zu knapp. Ich nutze die Gelegenheit, mit meinem Begleiter um den See zu spazieren und den wetterfesten Taiji-Gruppen beim Training zuzuschauen. Direkt vor dem Teehaus üben ein paar mittelalte Damen etwas, was ich nach längerem Hinschauen als Chen-Stil identifiziere. Die Mädels haben ihren Spaß, es wird gegackert und gelacht bei den Vorübungen, ein etwas lustloser Vorturner versucht die Damen anzutreiben, dass sie doch bitte etwa höher und schneller treten sollen, ich sehe Katzenbuckel und Tritte auf der Fußspitze - da könnte ich mich doch direkt mit einreihen. Hausfrauentaiji gibt es auch in China. Irgendwie beruhigend. Ich glaube, da erwartet mich morgen in Wudang doch etwas anderes in der neuen Schule. Bin schon sehr gespannt.

Den Abend beschließen wir in lustiger Gesellschaft bei köstlichem Essen, wieder einmal lerne ich sehr...überraschende Gaumenfreuden kennen, zum Beispiel ein Gericht, das auf der bunten Bilder-Karte wie Softeis mit Fruchtsirup und bunten Zuckerstreuseln aussah. Auf meine Frage, was es sei, wurde es natürlich gleich bestellt, etwas ratlos versuche ich, die Leckerei einzuordnen. Mit Frucht lag ich richtig, auch die Zuckerstreusel sind echt, aber der weiße, cremige Klops...hat etwas kartoffelbreiähnliches, sehr merkwürdig, wurde wohl aus Yams hergestellt und hat wenig Chancen auf einen vorderen Platz auf meiner Favoritenliste. Da sieht es mit dem eingelegten Rettich, der auch als Süßspeise maskiert auf den Tisch kam (hauptsächlich wegen der knallbunten kandierten Kirschen drauf) schon besser aus: richtig lecker, genauso wie der Rohkostsalat (so würden wir es nennen, hier heißt das natürlich ganz anders, der Chinese kennt keinen Salat...) und die köstliche Aubergine. Toll, willkommen in China, tönt es und so fühlt es sich an!





Sonntag, 3. Mai 2015

Die letzten Tage

Heute ist ein großer Tag: wie von Super-Gao prognostiziert, sind wir alle punktgenau mit unseren Formen fertig geworden; auch unseren chinesischen Mitschüler der Gao-Truppe haben fertig, auch wenn es dort noch etwas schräg aussieht. Aber dafür, dass die Familie offensichtlich Anfänger sind und in 10 Tagen die 28iger Form eingetrichtert bekommen haben: Respekt! Nun haben wir noch einen Tag zum üben und für ein paar Detailarbeiten. Ich habe Gao gebeten, noch ein Video mit Achim und mir gemeinsam zu machen, damit ich besser sehen kann, ob es vielleicht einzelne kleine Stellen gibt, bei denen es winzige Abweichungen zwischen meiner und seiner Ausführung gibt. Kann ich mir eigentlich kaum vorstellen. Aber das wird Video wird es an den Tag bringen.

Nun könnten wir eigentlich etwas entspannen, schon mal vorpacken, wenn, ja, wenn z.B. die Schneiderin, die uns schon zweimal vertröstet hat, endlich mit unseren Klamotten fertig wäre. Wir haben ihr letzte Frist für morgen gesetzt und sind schon mehr als gespannt, ob sie es jetzt endlich schafft. Ist aber nicht das erste Mal, dass ich Sachen noch auf dem Weg zum Bahnhof abhole. Und da wir für den Reisetag frisch gebackenes Brot von einem deutschen Bäcker bestellt haben, der uns die Lieferung um 9 Uhr morgens am Eingang des Tempels übergeben will, könnten wir sogar noch den kleinen Abstecher in die Galerie machen, bevor uns - hoffentlich - der Fahrer Richtung Zug nach Shanghai abholt.
Dann meldete sich noch während des Trainings ganz aufgeregt Guan, der irgendwelche Probleme wegen seines Visums-Antrags hat: ob wir uns nicht dringend morgen noch im Cafe treffen können. Aber klar; Mittagspausen werden weit überschätzt und das Essen in der Schule habe ich eh ziemlich über. Das nächste Mal werde ich mich ohne Verpflegung anmelden. Hier gibt es rund um die Schule so viele Möglichkeiten auf der Straße zu essen und einige neue leckere Restaurants gibt es auch. Und morgen gibt es halt zum Mittagstisch einen Eiskaffee. Und vielleicht noch Ananas am Spieß.

Am letzten Abend wollen wir dann nochmal gepflegt unseren Aufenthalt bei einem Gläschen Bier mit den Leuten, mit denen wir uns hier gut verstanden haben, ausklingen lassen. So im Nachhinein kann man sagen, dass das Publikum wirklich sehr bunt gemischt ist. Die jungen Amerikaner, deren Benehmen uns gleich am Anfang so sauer aufgestoßen ist, haben sich natürlich nicht gebessert; allerdings haben wir uns mit ihnen abgefunden und sie sich auch mit uns, nachdem sie feststellen mussten, dass wir einfach nicht weggehen. Ein paar Sätze haben wir auch gewechselt, aber mehr wurde auch nicht draus. Allerdings war diese Handvoll Leute nicht maßgeblich; es waren so unterschiedliche Menschen hier und fast alle waren aufgeschlossen, freundlich und eine echte Bereicherung. Den einen oder anderen werden wir gewiss wiedersehen und auch Kontakt halten.

Nun gilt es nur noch, mein neues Depot zusammenzustellen, damit ich im nächsten Jahr gleich wieder mit den wichtigsten Dingen versehen bin. Meine alte Tasche liegt noch immer auf dem Speicher in den Bergen - mir ist die Lust vergangen, extra nach oben zu fahren. Momentan zieht mich nichts dorthin. Vielleicht wenn Guan es schafft, eine Schule in den Bergen zu eröffnen. Vielleicht werde ich auch in mehreren Schulen meine Taschen verteilen und dann vor Ort entscheiden, in welches Heim ich einziehe.

Zum Abschluss dieser Bildungsreise kann ich sagen, dass ich auch in der "neuen" Schule bei Meister Yuan sehr viel gelernt habe und dass ich wiederkommen werde. Die Ansätze hier sind ganz anders als ich es von Guan Shifu kenne, wieder einmal ein paar neue Puzzlesteine, die hoffentlich irgendwann einmal ein ganzes Bild ergeben.

Wudang verändert sich - und diese Veränderungen sind nicht aufzuhalten. Nun gilt es, die kleinen Flecken zu erkunden, die noch nicht vom Kommerz zerstört sind. Für den Moment bin ich fündig geworden. Aber vielleicht wird der Tag doch kommen, an dem wir in Deutschland ein daostisches Zentrum eröffnen werden; irgendwo in den Bergen bei klarer Luft und sauberem Wasser. So hatte es sich zumindest Guan vorgestellt, als wir in einer lauen Sommernacht auf meiner Terrasse diesen Traum ersponnen haben. Schaun wir mal.

Freitag, 1. Mai 2015

表演 Biaoyan - Vorführung der Meister

Als wir des abends gemütlich bei einem Schwarzbier, gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot, auf der Terrasse sitzen und chillen, die Tatsache genießend, dass wir morgen ausschlafen dürfen, ertönt in voller Lautstärke die Titelmusik von "Fluch der Karibik" - in einer der Turnhallen im Gebäude gegenüber brennt Licht. Die Altmeister sind wohl wie jeden Abend dabei, an ihrer geplanten Vorführung zu feilen. Das wollen wir uns gerne näher anschauen. Wir erscheinen gerade richtig, um Meister Zhong aus den Bergen mit dem Speer im Zweikampf mit einem Hellebarde-Kämpfer zuzuschauen. Und hier sieht man mal den Unterschied zwischen den zarten Jünglingen, die zwar sicher technisch einwandfrei performen, aber der Zweikampf der erfahrenen, "alten" (Meister Yuan dürfte mit seinen Mitte 40 der älteste sein) Kämpen, die da mit blitzenden Augen aufeinander eindreschen, körperlich mit viel mehr Masse ausgestattet, hat da schon eine ganz andere Qualität. Fasziniert schauen wir noch eine Weile zu, wie Fuchen- und Fächer-Form aussehen, wenn sie von echten Könnern vorgeführt werden. Da haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

Wir nutzen unseren freien Tag, um eines von Toris Schwertern nach Hause zu schicken. Nach wie vor ist es nicht möglich, Waffen bei einer Zugreise mit sich zu führen. Als wir die Post, in der ich noch im letzten Jahr problemlos Pakete nach Deutschland geschickt habe, betreten, erklärt die Beamte, hier könne man keine Pakete aufgeben. Während sich neben ihrem Stuhl die Päckchen stapeln. Da braucht man nicht diskutieren; wenn sie sagt es geht nicht, dann geht es halt nicht. Wir fragen sie, wo wir das Schwert denn nun aufgeben können. Sie gibt uns die ungefähre Richtung nach irgendwo, Hauptsache weit weg von ihrer Poststelle, an und wir zuckeln los. Immer wieder fragen wir Leute nach einer Post und werden immer wieder an das Amt, von dem wir gerade kommen, verwiesen. Einmal abgebogen, sehen wir in einem Bürogebäude eine Dame am Computer arbeiten. Wir klopfen ans Fenster und fragen nach einer Post und erklären gleich, dass wir das Paket um die Ecke nicht loswerden, damit sie uns nicht dorthin schickt. Sie überlegt kurz, greift zum Telefon und bedeutet uns, 10 Minuten am Restauranteingang ein paar Meter weiter zu warten. Wir verstehen den Satz, aber nicht den Sinn, tun aber wie uns geheißen. Sie hängt sich kurz aus ihrem Fenster um sich zu vergewissern, dass wir wirklich dort stehen, hält noch mal beide Hände mit ausgestreckten Fingern hoch - jaja, 10 Minuten. Und tatsächlich, nach 10 Minuten kommt ein Wagen mit quietschenden Reifen, der Fahrer schaut sich kurz um "Seid ihr das mit dem Paket?", dann packt er den Scanner aus, und ruckzuck ist das Speditionsgeschäft auf der Straße abgeschlossen - verblüfft schauen wir dem Fahrer hinterher, in 3 Tagen soll das Schwert in Shanghai sein, für 26 RMB. Schade, dass er nicht nach Deutschland liefert.

Nun haben wir die Hände frei und Zeit haben wir auch - ich möchte kurz in die "Drosselgasse" am Eingang zum Berg, wo das große Touristenzentrum ist. Wir laufen am Kanal entlang; nett ist es hier geworden. Ich kannte das Gewässer nur als stinkendes Rinnsal, das gerne zum Müllabladen genutzt wird. Man hat wohl an geeigneten Stellen gestaut - nahe unserer Schule habe ich eine der hier so beliebten "Stein"-Konstruktionen gesehen, mit der man ein kleines Wehr geschaffen hat; es ist jetzt viel mehr Wasser im Kanal und es fließt jetzt auch richtig; am Rand hat man eine kleine Promenade geschaffen mit Kieselmosaiken, die mir durch meine dünnen Schuhsohlen eine angenehme Fußmassage verschafft. Wir wechseln auf einer kleinen Brücke die Seite und stellen mit Überraschung fest, dass sich dort auf der gesamten Länge bis zur Hauptstraße nun eine Art Markt befindet. Ich kann mich gut erinnern, dass noch vor wenigen Jahren in der Straße gegenüber des Supermarktes überall Stände mit - mehr oder weniger - frischen Waren wie Obst, Fleisch und Fisch befunden hatten. An wärmeren Tagen hat es dort nicht gerade nach Rosen geduftet und das ist wohl auch der Grund, weshalb man die Händler vertrieben hat. Denn jetzt, wo der Tourismus hier so richtig erblüht, passt so ein stinkendes Marktgeschehen natürlich gar nicht hierher. Also am Kanal jetzt, der mit einer Art Schutzwand, die über zwei Meter hoch ist, abgezäunt ist, so dass man den Markt zum einen nicht sehen kann und zum anderen die Leute ihre Abfälle nicht einfach in den Fluss schmeißen können.

Wir flanieren an den angebotenen Waren vorbei, allerdings ist nichts dabei, was uns auf Anhieb das Wasser im Munde zusammen laufen lässt. War früher an der anderen Stelle auch schon nicht so. Als wir schließlich beim Eingangstour ankommen, bin ich sehr erschrocken, wie es hier mittlerweile aussieht. Man hat hier Gebäude hingetrümmert, die einfach nur gigantisch sind. Ein Ende der Bautätigkeiten scheint auch nicht in Sicht. Wenn ich mich daran erinnere, wie es hier noch vor 10 Jahren ausgesehen hat - unfassbar! Damals war dies noch ein etwas verschnarchter kleiner Ort und nur wenige Touristen haben sich hierher verirrt. Schon zwei Jahre später war der große Eingangsbereich mit riesiger Halle in froher Erwartung auf lange Warteschlangen, die sich hier möglichst bald bilden sollten, geschaffen worden. Danach folgten auf der anderen Seite die ganzen Touristenfallen, Läden mit völlig überzogenen Preisen und absurden Produkten, die wohl überall auf der Welt an solchen Orten ihren Käufer finden. Die Gebäude sind etwa 5 oder 6 Jahre alt und man sieht, dass sie schon jetzt in manchen Bereichen baufällig sind; Armierungen schauen unter dem Putz hervor; Schimmel schwärzt ganze Häuserfronten, Risse ziehen sich spinnwebenartig über die Fassaden - nicht mehr lange, und man wird auch diese Häuser wieder abreißen und neue, noch größere historisierende Gebäude im Chinakitsch-Stil erstellen. Ich habe schon gar keine Lust mehr, nach oben in die Berge zu fahren. Achim hat mir erzählt, auch dort habe sich schon wieder viel verändert; um den Zixiaogong-Tempel wurde wohl wieder noch mehr drumherum gebaut; noch mehr Hotels, noch mehr Restaurants für noch mehr Touristen - nein, da muss ich nicht mehr hin. Mag auch oben das Klima besser sein als hier am Fuß der Berge: Ruhe und viel Platz für ungestörtes Training, die Möglichkeit, schnell mal auf einen Snack zu einem der zahlreichen Stände zu laufen, wenn das Angebot der Küche mal nicht überzeugt und ja, auch mal einen Kaffee trinken zu gehen - hier bleibe ich.