Dienstag, 9. Mai 2017

Yichang für Fußkranke

Als Chenchen mir ihre Pläne für den nächsten Tag vorstellt, stöhne ich innerlich leise. Ruhe ist offensichtlich nicht vorgesehen - aber wofür auch? Ausruhen können wir ja auch zu Hause. Am nächsten Tag geht es also auf die Reise zum großen Staudamm, etwa 30 Kilometer von der Stadt entfernt. Gespannt bin ich schon: ich habe das fast fertige Bauwerk 2001 gesehen und möchte natürlich das vollendete Werk nun sehen. Von weitem droht uns ein pyramidengleicher Berg, der - gar keine Frage - zu erklimmen ist. Mir graut es und Elli geht es nicht anders. Wir haben am Vortrag schon ein tolles Bild abgegeben: Elli, die Asthmatikerin, die beim Aufstieg gekeucht hat wie eine Dampflock und ich dann mit meinem Starauftritt beim Herunterklettern über unzählige Treppen bei arthrosegeplagten Knien. Supersportler, so nach 3,5 Wochen intensiven Trainings. So meine ich es zumindest von den Gesichtern unserer chinesischen Gastgeber abgelesen zu haben. Würden sie natürlich nie sagen.


Gottergeben schleiche ich Richtung Aufgang zum Hügel. Dann sehe ich es: Rolltreppen. Komplett bis oben hin! DAS ist doch mal eine tolle Idee. Sollte man doch endlich mal in den Tempeln einführen. Da genießt sich die Aussicht auf Stausee und Schleusenanlage gleich viel mehr.


Danach fährt uns der Bus der riesigen Anlage zu einem kleinen Park. Rücksichtsvoll lässt uns Chenchen in ein Elektrobähnchen einsteigen, das zu Betreten ich mich unter anderen Umständen strikt geweigert hätte. Aber ich will ja niemand beleidigen. 


Nach kurzem Spaziergang geht es weiter mit dem Bus zum Bootsanleger. Auch hier ist an die Ermatteten gedacht: neben der Treppe gibt es auch eine Art Aufzug, mit der man über die Treppe elegant bis zum Schiff gleiten kann. Dann gilt es nur noch, die paar Stufen bis zum Zwischendeck zu erklimmen, bis man schon wieder erschöpft in einen Sessel gleiten kann. Und dort bleiben wir auch für die nächsten Stunden, während durch die riesigen Panoramafenster die Bergkulisse des Jangtse an uns vorbeizieht. Fast wie daheim.


Nach diesen anstrengenden Stunden können wir uns bei dem letzten Programmpunkt ausgiebig erholen. Wir werden in ein sehr originelles Restaurant, wohl ein ehemaliges Industriegebäude, eingeladen. Oberhalb des Gastraums, in dem sich auch eine kleine Bühne für Livemusik, die uns durch den Abend begleitet, befindet, gibt es eine Galerie, an deren Eckpunkten kleine verglaste Gasträume für Gruppen eingebaut sind. Sieht fast wie Baumhäuser aus. Sehr schnell wird serviert und wir kommen aus dem Schwärmen nicht heraus. Dies ist mit Abstand das beste Mahl, das uns bisher serviert wurde. Ein schöner Abschied von unseren neuen Freunden in Yichang.


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Der Staudamm

Typisch Chinesisches kleines Lokal

Schiffsrampe für Fußkranke

Klettern für Fußkranke

Yichang

Schon mehrfach hatte mich Guans Frau eingeladen, sie doch unbedingt einmal zu besuchen. Nun ließ sich der Besuch nicht länger verschieben und da Chenchen auch bei Elli schon zu Gast gewesen ist und wir schon viel Zeit miteinander verbracht haben, ist klar: kommt mit. Ich habe diesem kleinen Abstecher etwas beklommen entgegengesehen, weil ich keine Ahnung hatte, was uns erwartet. Bin mal vorsichtshalber davon ausgegangen, auf der Couch oder Luftmattraze in sehr engen Verhältnissen wohl mit den Eltern zusammen mühsam radebrechend und um das Bad kämpfend irgendwie die Zeit herumzubringen und mich dann in Shanghai von den Strapazen zu erholen. Soweit die Theorie.


Der Bus bringt uns also in vier Stunden nach Yichang, Chenchen funkt mir noch ein Foto, damit ich weiß, wie der Eingang des Busbahnhofs aussieht, auch wenn ich die Aufgabe, an der Endhaltestelle auszusteigen, für lösbar halte. Der Bus kommt an. Chenchen winkt, auch der kleine Sohn Yuyang ist dabei, schleppt - wohl aus Solidarität - auch einen kleinen Koffer mit sich. Große Wiedersehensfreude nach zwei Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben. Chenchen bedeutet, kurz zu warten, der Fahrer käme gleich. Ein Freund. Aha. Der taucht auch auf, zusammen mit einer bildhübschen Dame, die ihn begleitet. Chenchen stellt die beiden vor, sprechen kein Wort Englisch, haben aber dafür Autos. Und nicht gerade kleine: zunächst öffnet ein BMW X3 seine Pforten, dann wird für das restliche Gepäck noch ein großer Mazda SUV aufgeschlossen. Was für ein Service! Und das Programm geht dann auch gleich los. Wir sammeln noch eine weitere Freundin ein, die zum Dolmetschen eingespannt wurde. Dass ihre Englischkenntnisse auch nicht besser als die von Chenchen sind, ist völlig egal, da das Mädchen so nett und bemüht ist, zu erzählen und zu erklären, dass sie gleich unsere Sympathie hat. 


Wir bekommen erklärt, dass wir nun - nach einem kleinen Imbiss - erst einmal zu einem Platz der San You Dong - also die Höhle der drei Reisenden - heißt, fahren. Es gibt hierzu eine Geschichte von drei Poeten in der Tang-Dynastie, die sich dort verewigt haben. Nie davon gehört. Es regnet und entsprechend sind wenig Leute unterwegs, als wir uns eine ziemlich steile Treppe auf einen Hügel hinaufschleppen. Wir kommen an einem Übungsgelände mit Tarnnetzen und MG-Attrappen vorbei. Der kleine Yuyang ist begeistert und ahmt an einem Schießstand das Rattern von Maschinengewehren nach. Mutti ist begeistert, ich ein wenig befremdet, sage aber wenig, frage nur, was es mit diesem Gelände auf sich hat. Eine Art Freizeitspaß für Wehrsportler. Naja, wer's mag.


Wir klettern weiter und gehen einen Steig entlang, der einen Blick auf einen Nebenfluss des Yangtze gewährt. Dort ist dann ein richtiger Freizeitpark mit ziemlich schrottig aussehenden Karusells und ähnlichem; auf einer Brücke hört man von weitem einen Bungee-Springer kreischen. Wir werden gefragt, ob wir Lust dazu haben. Eher nicht.


Stoisch stapfen wir weiter durch den Regen, nichts besonderes erwartend. Irgendwann biegen wir dann in ein unscheinbares Felsloch ein, gehen durch Fledermaushöhlen und dann tut sich auf einmal ein riesiges Meer von Stalagtiten und Stalagmiten auf, geschickt ausgeleuchtet - das habe ich nun wirklich nicht erwartet.  Die Höhle ist fast einen Kilometer lang, bizarre Formen und unterirdische Duschen lassen uns staunen. Dass man der Natur an der einen oder anderen Stelle etwas auf die Sprünge geholfen hat - geschenkt. Und das ganze fast exklusiv für uns - ein Erlebnis!


Nach dieser Anstrengung ist es dann Zeit für den nächsten kleinen Imbiss. 


Am Abend geht es dann zu einem anderen Eingang des Parks. Dort erwartet uns die eigentliche Höhle der Dichter, sehr interessant ausgestaltet mit einer Multi-Media-Show, die mit starken Bildern die Geschichte an die Höhlenwände zaubert. Beeindruckend. Wir gehen durch den nächtlichen Park, der über dem Wasser hügelig angelegt und sehr geschickt ausgeleuchtet ist. Es erwarten uns viele Attraktionen, die dem chinesischen Spieltrieb entsprechen und meinem sehr entgegenkommen. Sehr angetan hat es mir ein Zufallsgenerator, der durch Handauflegen eine Sutra auswählt, die dann mit voller Dröhnung und bunten gebeamten Bildern auf eine große Buddha-Statue projiziert wird. Eine Art Ablass-Maschine, die je nach Länge der gewürfelten Sutra Heil verspricht. Oder so ähnlich.


Macht natürlich hungrig, also gehen wir wieder essen. Diesmal gibt es Flusskrabben in einem skurilen kleinen Lokal, in dem wir erst durch die Küche und dann über den Hinterhof (beides will kein Mensch sehen) bis in den ersten Stock geführt werden, wo es noch Tische gibt. Der Laden brummt, obwohl es bereits zehn Uhr ist. Schmeckt auch hervorragend, aber langsam würde ich schon gerne wissen, wo ich mein müdes Haupt betten kann.


Es folgt die nächste Überraschung: ein Hotel ist für uns gebucht und Chenchen mit Sohn checken auch mit ein. Deshalb der Koffer. Ich bin erleichtert. Und als ich dann mein Zimmer sehe, sogar begeistert: nagelneu, schön eingerichtet, fast schon luxuriös, mit grandiosem Blick auf den Yangtse. WOW!


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Holidaypark am Fluss

Zauberhafte Unterwelt

Freizeitspaß für jung und alt

Montag, 8. Mai 2017

Abschied

Den letzten Abend haben wir mit einem wundervollen Mahl im Hotel nebenan verbracht. Die Gruppe, die hierzu eingeladen hat, hat mir ein sehr schönes Geschenk gemacht: immer wieder habe ich hier oben die schweren Bronzefiguren von Xuanwu, einem Fabeltier, teils Schildkröte teils Schlange, dem Sinnbild von Zhenwu, dem "Wahren Krieger", in den Händen gehalten. Aber immer das selbe Problem: zu schwer für mein Gepäck. Und nun überreicht mir Yigal einen - auch ziemlich schweren - Kristallblock, in dem Xuanwu dreidimensional eingearbeitet ist. Und er wird das gute Stück auch mit transportieren, da mein Koffer schon wieder mehr als 23 Kilo wiegt! Ich freue mich sehr und werde sicher einen Ehrenplatz hierfür finden. Und einfach abzustauben ist es auch.


Nachdem bereits am Vortag Stefanie und Pit abgereist sind, lässt sich das nahe Ende unserer Reise nicht mehr verleugnen. Elli und ich reisen zunächst an den Yangtse nach Yichang, die Gruppe zwei Tage später, dann treffen wir uns - wenn alles gut geht - in Shanghai und verbringen dort noch einen Tag.


Auch Guan ist etwas wehmütig. Natürlich war es auch für ihn sehr anstrengend, sich ohne Verwaltung im Hintergrund um alles zu kümmern, aber er hat wirklich alles fabelhaft gemeistert und unmögliches möglich gemacht. Ganz klar: wird wiederholt!


Auf dem Weg nach unten strahlt mir noch die riesige Leinwand am Taizipo entgegen. Dort ist eine ständige Diashow mit Bildern der Tempel und Umgebung und auch mit einigen Leuten, die eine Rolle spielen oder zur Werbung taugen. Und da strahlt es mir entgegen: Achim in Großbildaufnahme. Wir gehören dazu.


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Spuren, die wir hinterlassen...

Samstag, 6. Mai 2017

Acht Unsterbliche

Acht Unsterbliche


Nachdem wir wie Versuchsratten in einem Labyrinth, die ihren Weg erschnüffeln müssen, durch ein Parcours von wunderbaren Dingen, die man uns verkaufen will - wie z.B. Kalebassen mit Hütchen drauf und Lederbörsen in Fischmaulform, sowie Sachen, die ich nicht einmal annähernd beschreiben kann - geführt wurden, bevor wir den Ausgang aus dem Touristenzentrum endlich erreicht haben, eröffnet uns Zhang den weiteren Tagesverlauf. Eigentlich hätten wir uns gut vorstellen können, bald in unser Hotel zurückzufahren und noch ein kleines Nickerchen zu halten. Aber auf dem Weg liegt der aus Ruinen auferstandene Tempel der Acht Unsterblichen und außerdem die Kurklinik des Doktors aus der Akademie. Der hatte dort vor ein paar Jahren eine Praxis für TCM aufgemacht und Elli und ich hatten uns dort schon einmal mit interessantem Ergebnis behandeln lassen.


Das Haus liegt etwas abseits der Straße, idylisch gelegen inmitten eines Hains mit vielen unterschiedlichen Pflanzen, die der gute Doktor dort angebaut hat. Was für ein Schatz - besonders, weil die Pflanzen, die hier wachsen, weitgehend unbelastet Umweltgiften sind. Der Sohn des Arztes ist ein Freund von Zhang. Er heißt uns herzlich willkommen und lässt uns erst einmal auf der Terrasse in der Sonne Platz nehmen, bevor er uns Tee und später gesunden Aufguss aus 30 Jahre alten Orangenschalen und Kiwi serviert. Wofür oder gegen das helfen soll, habe ich vergessen, jedenfalls war der Geschmack sehr ungewöhnlich und längst nicht so schlimm, wie ich es bei sonstigem Gebräu aus der ärztlichen Küche kenne. Es herrscht friedliche Stelle und wir genießen unsere ausgiebige Rast. 


Als zum Essen gerufen wird, bin ich überrascht: der junge Arzt hat mit Freunden Gerichte gezaubert, die qualitativ alles toppen, was ich in den letzten Tagen so zu mir genommen habe. Es sind vegetarische Gerichte, wohl alles selbst angebaut und hervorragend schmackhaft gewürzt. Als wir später bezahlen wollen, wird dies rigoros abgelehnt. Da werden wir uns etwas einfallen lassen, wie wir diese Freundlichkeit vergelten können.


Ein paar Minuten entfernt, geht es zu dem Tempel. Ich kenne ihn nur aus Legenden und bin deshalb sehr gespannt. Der junge Arzt öffnet uns die Pforte. Es gibt wohl einen Deal, dass sein Vater das Gebäude für die Klinik bekommt und er sich im Gegenzug um den Tempel kümmern soll. Wer allerdings für die neuen Figuren, die die Acht Unsterblichen darstellen sollen und natürlich im Hauptgebäude Zhen Wus Statue, verantwortlich ist, möchte ich gar nicht hinterfragen. Die Gesichtszüge sind sehr, nun ja, modern interpretiert. Ich finde die Gestaltung ziemlich unpassend, nackt, unfertig wirkend (ist wohl auch so). Ich kann die Enttäuschung der Leute, die den alten Tempel noch kannten, gut verstehen. Aber die Atmosphäre und die Umgebung sind toll. Mal schauen, wie es hier in ein paar Jahren aussieht. Kann nur besser werden.


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Freitag, 5. Mai 2017

...und Realität

Anspruch

Klassenausflug

Wie geplant, ziehen wir am frühen Nachmittag los, um zum "Golden Top" zu reisen. Es regnet zwar in Strömen, aber wir sind davon überzeugt, dass wir gefälligst morgen einen sonnigen und trockenen Tag inklusive zauberhaftem Sonnenaufgang erleben werden. So viele Wetter-Apps können sich gar nicht irren. Wir kommen gerade rechtzeitig mit der Seilbahn oben an, als die Lautsprecher schon die Tagestouristen zusammenrufen, da der Berg jetzt geschlossen wird. Wir tappen zu dem Hotel, das meine Erwartungen voll erfüllt. Elli und ich teilen uns ein mäßig feuchtes Zimmer, in dem der Schimmel nur zur Hälfte die Wand mit Ornamenten verziert. Andere haben nicht soviel Glück, können aber nach zähen Verhandlungen ein anderes Zimmer ertauschen. 


Nach kurzer Zimmerinspektion treffen wir uns wieder in der Lobby. Und nun? Es ist kurz nach vier, das Wetter lädt nicht gerade zum Spazieren ein, die Zimmer auch nicht zu einem längeren Aufenthalt. Wie Zhang richtig bemerkt: hier kann man eigentlich nur essen, um die Zeit herumzubekommen. Mangels Kaffee und Kuchen lassen wir uns erst einmal dünne Pfannkuchen mit Ei braten. Für jeden auf die Hand, schmeckt schon mal gar nicht schlecht. Wie Zhang uns verrät, ist das Frühstück hier unterirdisch, so dass wir wohl auch am nächsten Morgen hier unseren Magen füllen werden. Wir finden einen Raum mit Sofa, dort bekommen wir Tee serviert und können uns jetzt sehr lange Gedanken machen, was wir zu Abend essen wollen. Das Personal ist sehr geschäftig, zumal wir wohl die einzigen Gäste sind. Außer uns tummelt sich hier nur anderes Personal vom Berg, das hier die Zeit verbringt, bis am nächsten Morgen die Seilbahn wieder anläuft. So kenne ich das auch von den Berghütten in den Alpen.


Nach einer Stunde wird der Hotpot mit lecker Hühnerfüßchen und Hahnenkamm serviert. Außerdem werden diverse Gemüse und Wildkräutergericht gereicht, die größtenteils hier oben auf 1400 m angebaut werden und nur hier wachsen. Schmeckt alles sehr lecker, wenn auch etwas fett zubereitet. Bekömmlich geht anders und mein Magen hat mir noch lange sehr viel dazu zu sagen. Nach dem Essen ziehen wir uns wieder auf die Couch zurück, richtig nette Wohnzimmeratmosphäre, hin und wieder schaut eine Elfe herein und prüft, ob wir noch genug Bier haben und wir lassen den Abend mit lustigen Anekdoten ausklingen.

Nach einer kurzen Nacht stehe ich gern um 4.30 h von dem brettharten und klammen Bett auf, Dusche stand hier eh nie zur Debatte, noch schnell ein Instand-Kaffee und Schritt vor das Hotel: Tata! - es ist trocken und klar. Ein Dankeschön an Zhenwu, der unsere Reise mit so viel Wohlwollen begleitet. In der Dunkelheit steigen wir die Treppen zu einer Plattform auf und warten. Ein paar Händler, die dort ihre kleinen Verkaufsstände haben und dort auch schlafen, wittern unsere Anwesenheit, rumms, geht der erste Laden auf und eine quakende Dauerschleife irgendeiner Reklame tönt über den Platz. Was hätte uns gefehlt, hätten wir diesen Moment in Stille verbringen müssen.


Nach einer Weile verlässt uns Zhang, ihm ist zu kalt und außerdem hat er uns pflichtgemäß zum Felsen gebracht und will offensichtlich wieder zurück in das verheißungsvolle Nest. Sei ihm gegönnt. Endlich taucht die Sonne auf - zwar nicht so wahnsinnig spektakulär, wie es die stark gephotoshoppten Bilder, die überall zu sehen sind, erwarten lassen, aber sehr hübsch. Um 6 Uhr öffnen sich auch die Tore des Tempels und wir nutzen die Chance gerne, noch die letzten Meter zum Tianzhu zu erklimmen, um zum eigentlichen "Golden Top", zu gelangen. Wunderbar, diese Ruhe - in wenigen Stunden wird hier wieder alles voll von schnatternden Touristen sein, die sich daran erfreuen, beieinander zu sein. Andere Länder, andere Sitten.


Langsam wird es Zeit, unser frugales Frühstück einzunehmen, die Zimmer zu räumen und wieder nach unten zu schweben. Auf dem Rückweg begleiten uns Achim und Yan, die wohl den Fußweg von Nanyan etwas unterschätzt haben und trotz Aufbruch um 2.30 Uhr bis zum Sonnenaufgang nicht am Gipfel waren. Schade, aber vielleicht beim nächsten Mal. Auch wenn ich bei Yans Anblick Zweifel über ein "nächstes Mal" habe. Wir teilen uns eine Gondel und Yan ist auffällig still. Als Elli sich umdreht um zu fotografieren, verliert sie fast die Nerven und gesteht, dass sie vor lauter Angst vor dieser Fahrt fast lieber gelaufen wäre. Konnte sie aber nicht mehr. Als sie starke Zweifel an der Sicherheit der Gondelfahrt äußert, lenke ich ihre Aufmerksamkeit auf ein Firmenschild, das auch mein Herz ruhiger schlagen lässt: Doppelmayr steht dort. Die habens gebaut. Und zwar um einiges vertrauenserweckender als das Vorgängermodell, mit dem zu fahren ich vor einigen Jahren das zweifelhafte Vergnügen hatte. Ich erkläre Yan, dass diese österreichische Firma bekannt durch Lift- und Gondelbau in den Alpen sicher einen ordentlichen Job gemacht haben. Nicht chinesisch? Sie lehnt sich entspannt zurück.


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Mittwoch, 3. Mai 2017

Die letzte Woche

Nachdem uns Thomas nun verlassen hat, ist klar, dass die Gruppe langsam bröckelt: als nächstes ziehen Pit und Stefanie gen Heimat, einen Tag später folgen Elli und ich Richtung Yichang, dann können die Verbliebenen schon packen und sich auf das Abenteuer "allein nach Shanghai" freuen. Wenn alles klappt, treffen wir uns dort, verbringen noch einen Tag im Städtchen und dann geht's ab nach Frankfurt.

Dies wird auch Guan langsam klar, als Thomas heute schmucklos ohne großes Brimborium verschwunden ist - nicht einmal ein Abschiedsfoto mit der ganzen Gruppe kriegen wir hin. Jetzt aber dalli: die ersten Wünsche nach einem Zertifikat wurden geäußert. Wir beratschlagen: Guan hat noch keine Schule und die Akademie stellt hierfür natürlich nichts aus. Und eigentlich fand die Reise ja auch unter den Fittichen des Kranichs statt...ich verstehe. Dank Express VPN (sehr zu empfehlen) kann ich auch hier auf meine Cloud zugreifen und schustere Bescheinigungen mit unserem Vereinsbriefkopf zusammen. Gar nicht so einfach auf dem China-Rechner, den ich für die finale Ausführung brauche. Guan muss dabei bleiben. Und wenn er mich schon beschäftigt, kann er uns auch einen Kaffee kochen. So wie ich in Deutschland zur Ausführung der Tee-Zeremonie geknechtet werde. Er kriegt es zu meiner Zufriedenheit hin, trinkt auch selbst ein Tässchen, denn unsere Mittagsruhe ist natürlich gestrichen, bis wir alles zurechtgefummelt haben. Morgen sollen wir dann bitte in ordentlicher Kleidung zum Training erscheinen, es ist "Funny-Pictures-Day".


Langsam arbeiten wir uns durch die Form, auch wenn wir sie sicher nicht beenden werden. Aber wir sind uns ja einig, dass wir sorgfältig und genau sein wollen und das dauert halt seine Zeit. Im Sommer geht es ja weiter und von allen Teilnehmern höre ich immer wieder, dass vom "nächsten Mal" die Rede ist. Ja, der Berg lässt einen halt nicht los.


Zur Krönung wollen wir morgen einen Ausflug machen und statt Nachmittagstraining zum Mitteltempel fahren, von dort mit der Seilbahn auf den Gipfel. Dort wollen wir übernachten, um den Sonnenaufgang am "Golden Summit" zu erleben. Die wenigen nicht Knie-, Asthma- oder sonst geschädigten unserer Truppe wollen laufen. Wir werden die Beiden dann gegen 6 h auf dem Tempel dort treffen und gemeinsam frühstücken. Ich bin schon sehr gespannt; die Unterbringung verspricht sehr rustikal zu werden, ganz bestimmt nicht der gute Standard unseres jetzigen Hotels. Aber wenigstens einmal China pur.


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Dienstag, 2. Mai 2017

Erster Abschied

Mit dem Mai ist die letzte Phase unseres Aufenthalts gekommen. Als erster wird uns Thomas verlassen, der mit vollgepackten Koffern wieder nach Hause reist, sehnsüchtig erwartet von Frau und Tochter, die eine lange Wunschliste mit auf den Weg gegeben hatten. Guan hatte schon sein größtes Mitgefühl ausgesprochen - so geht es ihm auch immer, wenn er nach Deutschland kommt.


Auch für Elli und mich ist die letzte Trainingswoche angebrochen. Wir werden Guans Gemahlin noch einen Kurzbesuch abstatten und reisen deshalb schon am Montag nach Yichang. Ich bin schon sehr gespannt. Das letzte Mal war ich dort kurz vor Vollendung des großen Staudamms - damals eines der mächtigsten (und umstrittensten) Bauwerke. Nicht nur in China. Ich bin froh, dass ich die berühmten drei Schluchten noch befahren konnte, bevor alles - auch uralte Tempel - im Wasser versunken sind. 


Guan, der sich um die Zukunft und die schulische Ausbildung seines kleinen Sohns große Gedanken macht, hat beschlossen, dass Frau und Kind in Yichang leben sollen. Dort wurde eine Wohnung gekauft, die in zwei Jahren wohl bezugsfertig sein soll. Guan hat mir erklärt, dass Wohnungen hier meist im Rohbau übergeben werden, weil einer bezugsfertiger Kauf einfach viel zu teuer wäre. Als Guan mir den Preis für die Wohnung genannt hat, habe ich erst einmal tief Luft geholt. Mainzer Preise nahezu. Da wird er viele, viele Kurse geben müssen. Aber Guan ist gelassen: es kommt wie es kommt, er bleibt sowieso in den Bergen, ihm reicht es wenn er alle paar Wochen "nach Hause" kommt. Der Palast befindet sich im 20. Stock eines Hochhauses, mitten in einer neu geschaffenen Wohnanlage am Stadtrand. Nein, in der Umgebung kann ich mir Guan wirklich nicht vorstellen.


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Montag, 1. Mai 2017

Wechsel

Obwohl heute der Maifeiertag ist, ist es - gemessen an dem Chaos, das ich aus früheren Tagen kenne - relativ ruhig. Es sind zwar mehr Busse als sonst unterwegs, aber längst nicht so schlimm wie befürchtet. Der Berg ist ja auch kaum geeignet für Kundgebungen und die traditionelle "golden week" beschränkt sich wohl tatsächlich nur noch auf die Oktoberfeierlichkeiten zur Staatsgründung.


Das Wetter schlägt gerade etwas um, was nicht unangenehm ist: in den letzten Tagen hatten wir Temperaturen um die 30 Grad, so dass wir das Morgentraining um eine halbe Stunde nach vorne verlegt und die Mittagspause um eine halbe Stunde verlängert haben. 

Heute ist es etwas bewölkt und die Konzentration der Gruppe hat arg nachgelassen. Zeit für eine kurze Dao-Lesson: wie Guan uns gestern Abend schon ausführlich erklärt hatte, passt sich der Körper nicht unmittelbar den äußeren Veränderungen von Yin und Yang an. Je länger die Anpassung dauert, um so mehr leidet der Körper - und sein Besitzer - und fühlt sich erschöpft an. Das Üben von Taiji beschleunigt den Anpassungsprozess, da die Verbindung mit den äußeren Einflüssen unmittelbar ist.

Oder so ähnlich. Habe ich nicht ganz verstanden. Der Wetterwechsel halt. Und die Konzentration.


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Sonntag, 30. April 2017

Summer in the City

Ungläubig staune ich, wenn ich in meiner Tageszeitung lese, dass es in Deutschland derzeit einen Wintereinbruch mit Eis und Schnee gibt. Währenddessen bin ich gottfroh, endlich meine Sommerkollektion beim Schneider abholen zu können. Guan hatte uns zu einer anderen Schneiderin geschickt, die nicht nur sehr schnell, sondern auch sehr günstig arbeitet. Gut, nicht alles, was bestellt wurde, hat die richtige Farbe und auch eine Hose ist etwas kurz geraten. Aber gemessen an der Menge der Bestellungen, die letzte Woche auf die Schneiderin einprasselte, vorgetragen in höchst fragwürdigem Chinesisch (wenn überhaupt), ist der Schwund höchst gering. Meine Klamotten sind klasse, abgesehen davon, dass ich mir erstmals Trainingshosen mit Gummibund an den Füßen machen lassen wollte - egal, jetzt sind wieder offen, wie all meine anderen auch, und endlich habe ich auch wieder ein weißes Oberteil, nachdem ich meines vor zwei Jahren zwangsläufig mit dem Logo der Schule von Meister Yuan verzieren lassen musste.


Tja, jetzt noch eine Ladung Jiaozi, kurzer Trip durch den Supermarkt, Capuccino im Hostel - dann ist der Tag auch schon wieder rum. Die Stadt liegt im Endspurt für die anstehenden Feiertage, da sollen die größten Baustellen behoben sein. Die Busse sind schon geschmückt mit bunten Schleifen, was sie von vorne wie Grinsekatzen aussehen lässt. Sehr chinesisch und ziemlich albern. Am Busbahnhof ist erkennbar, dass sich die Stadt schon für einen unglaublichen Ansturm rüstet. Wir werden uns wohl nur für die nötigsten Strecken aus dem Haus bewegen. Gruselig.


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Foto von Lilo aka Xiaomo

Der Sturm

Foto von Lilo aka Xiaomo

Die Ruhe vor dem Sturm

Samstag, 29. April 2017

Genuss und -nüsser

Bevor hier das "echte" Wochenende - diesmal in verschärfter Form mit Maifeiertag hintendran - droht, was sich wohl als Vorhölle entpuppen dürfte mit Trillionen von Bussen und High-Tech-Anlagen, geschaffen, damit sich die Reiseleiter gegenseitig besser übertönen können und - auch so eine neue Pest - Drohnen, die den Zixiaogong umschwirren, verleben wir unsere eigene Trainingspause. Der halbe Tag, "Samstag" ist eigentlich zu kurz um in die Stadt zu fahren, also lieber chillen und den Abend gemütlich ausklingen lassen. Das sehen nicht alle so, und so fahren vier Kollegen hinunter. 


Am Abend bringt Guan mal wieder eine Geburtstagstorte vorbei - wir haben Lianes Geburtstag kurzerhand um einen Tag verschoben, weil es besser passt (dass ich hier einen unerklärlichen Bürofehler begangen habe, ist natürlich böswillig erlogen) und wir warten bei einem Kaffee auf das Abendessen. Da geht das Telefon. Die Gruppe. Bus verpasst. Das ist jetzt etwas schwierig. Das Gelände ist verschlossen und eigentlich gibt es  dann keinen Weg mehr nach oben. Uneigentlich geht natürlich schon etwas, wenn man Guan heißt. Er beginnt hektisch zu telefonieren, um einen Transport zu organisieren. Zwischen nochmal ein Anruf: man käme doch noch mit einem Bus, dem "Lumpensammler", der die Bediensteten und angekündigte Hotelgäste hochbringt. Erleichterung. Zwei Minuten später: es klappt doch nicht. Guan vibriert, wenn alle Stricke reißen, müssen die Kumpels unten übernachten. Bleibt mehr von der Torte für uns. Denke ich natürlich nur. Ein paar Anläufe später gelingt es Guan dann doch, einen Fahrer zu organisieren, der runter fährt und die Gruppe nach oben holt. Elli füttert Schokolade zu, damit Guan sich wieder beruhigt. In diesem Moment möchte ich seine Gedanken lieber nicht lesen.


Später, als die Herde wieder vollständig ist und Guan auch schon wieder lachen kann, holt Thomas bußfertig noch eine Flasche guten Bordeaux aus seinem schier bodenlosen Koffer. Auf die Frage nach Gläsern hin bringt eine Bedienstete ein lustiges Sammelsurium als Wassergläsern und Teebechern. Wir sind uns einig: geht gar nicht. Mir fällt ein, dass Elli als Mitbringsel ein Set schöner Rotweingläser aus dem Hause Schott im Gepäck hatte. Das kommt jetzt genau richtig und Guan ist hellauf begeistert, wie schön das klingt, wenn man sich mit edlen Gläsern zuprostet. Und das machen wir jetzt bei jedem Schluck, bis die Flasche leer ist. Kling-Klang-Klong.


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Freitag, 28. April 2017

Foto von Lilo aka Xiaomo

The Valley is not carefree anymore

Eines der Hochlichter jedes Aufenthalts in den Bergen war immer die Spaziergang vom "Affental", dem Carefree Valley, dem Flüsschen entlang bis hoch zum Mitteltempel und dann mit dem Bus zurück. Stand auch dieses Jahr ganz oben auf der To-do-Liste. Als wir letzte Woche in die Stadt gefahren sind, war ich überrascht, dass der Bus nicht an dieser - zumindest im Eingangsbereich mit seinen Teepavillons und den dort hausenden Affenfamilien - Touristenattraktion anhielt. Nun hat mir Guan erklärt, dass es im letzten Jahr verheerende Überschwemmungen gegeben hat, die an vielen Anlagen sehr hohe Schäden verursacht haben. Auch Straßen wurden unterspült und werden jetzt gerade wieder instand gesetzt.


Bei meiner letzten Tour durch das Tal hatte ich etwas fassungslos registriert, wie man den gesamten Weg in Beton gefasst hatte, der liebevoll in Handarbeit auf "Natur" getrimmt worden war. Man hat also Schein-Holzstege geschaffen, die unregelmäßig und mit Astlöchern versehen und baumrindeartig zurechtgebastelt waren, das Ganze bunt angemalt, so dass man auf den ersten nicht so genauen Blick tatsächlich die Illusion von Ästen hatte. Nun hat sich also die echte Natur zur Wehr gesetzt und den Fake kurzerhand abgeschüttelt. Kann ich verstehen. Schade aber, dass wir wohl erst wieder den Pfad betreten können, wenn das Kunstobjekt wiederhergestellt ist. 

Die Affen, die nun im Tal nicht mehr von Touristen gemästet werden, haben sich in ihr Schicksal gefügt und die nächste Futterquelle aufgetan. Und die sprudelt einen Tempel höher im Zixiaogong. Ich denke, sie können in dieser uralten Anlage ziemlich großen Schaden anrichten, wenn man nicht aufpasst. So ist das halt nunmal, wenn man Tiere zur Touri-Attraktion verdonnert und in einem Tal aussetzt, weil sich das so malerisch macht. Ich glaube nicht, dass die Tiere freiwillig zurückkehren, wenn sie mal entdeckt haben, wie viele potenzielle Futterknechte im Zixiaogong warten. Viel mehr, als im Carefree Valley. Und Spielzeug gibt es hier auch jede Menge.


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Donnerstag, 27. April 2017

Lehren lernen

Gestern Abend erfreute uns Zhang Lei wieder mit einer wunderbar chaotischen Chinesisch-Stunde. Da der junge Mann beim Einsatz der Töne nicht ganz sattelfest ist, singt er die Silben in den jeweiligen Tonhöhen vor und entscheidet dann: passt schon. Oder auch nicht, wie ich - und auch einige andere misstrauischen Geister, die mittlerweile alles kontrollieren, feststellen. Dann wird gemeckert, er wischt weg, schreibt nochmal neu, andere Fehler drin - die Umschrift Pinyin ist nämlich auch nicht ganz einfach - steht die Bezeichnung der Figur dann endlich, wollen wir auch noch wissen, warum der Name so und nicht anders lautet und was das mit der Bewegung zu tun hat...Zhang Lei ist völlig entnervt und faucht "da müsst ihr schon den fragen, der's erfunden hat!"

Am Ende haben wir jedenfalls die 18 Bilder stehen und harren jetzt der Fortsetzung.


Später schaut Guan noch auf ein Käffchen bei mir herein. Elli und ich berichten und Guan lacht lauthals: er erzählt, was er den jungen Schülern alles versucht hat beizubringen und wie wenig die jungen Leute ihm immer zugehört haben. Gerade der etwas verträumte und verspielte Zhang Lei, der immer etwas besseres zu tun hatte. Jetzt hat er ihn halt mal ins kalte Wasser geschmissen. Deshalb ist Guan auch beim Unterricht nicht dabei. Dachte sich, wenn Zhang Lei es bei den strengen und hypergenauen Deutschen schafft, dann hat er seine Feuerprobe bestanden. Nun ist Guan gespannt, ob Zhang Lei am nächsten Tag kommt, uns sich erklären lässt, warum die Bewegung mit den sieben Sternen so heißt wie sie heißt. Wir beide wissen es jetzt. It's a secret.


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Dienstag, 25. April 2017

Neuzugang

Nicht jeder hat ja die Möglichkeit, sich einfach mal für vier Wochen auszuklinken und eben mal nach China zu reisen. Und so erwarten wir heute noch drei Nachzügler, die sich uns nun anschließen wollen. Da passt es natürlich gut, dass wir gerade erst mit einer neuen Form angefangen haben.


Ich taste mich gerade nach dem Mittagsschläfchen wieder ins Leben, da höre ich es auf dem Flur "Ei Gude, Peter!" - Elli hat die Neuankömmlinge schon gesichtet. Sie sind gerade 20 Minuten da - kurzer Check: alles prima geklappt, der angeheuerte Fahrer hat die drei anhand des Fahndungsfotos - aufgenommen nach 12 Stunden Flug in Shanghai -, dass wir ihm übermittelt hatten, erkannt und ohne schulhaftes Zögern hierherverfrachtet. Kurz umgezogen, dann kann es schon losgehen. Wir spazieren gemütlich die paar Meter hinauf zum Tempelbereich des Nanyan, dem südlichen Fels. Die Tempel sind sehr berühmt, besonders wegen einer weit über eine Klippe hinausragenden Felszunge, an deren schmalen Ende eine Opferschale steht. Schon der Anblick macht schwindelig und ich kann mir beim besten Willen keinen Grund vorstellen, mich dort vorne hinzutasten, um ein paar Räucherstäbchen anzuzünden. 


Ein paar Meter weiter wird es aber viel interessanter: dort ist die daostische Spielhölle, in der ich jedes Mal einige Yuan loswerde bei dem Versuch, durch das Loch in einer überdimensionierten alten Münze eine Glocke zu treffen. Dieses Mal schaffe ich es nicht, aber Yigal gelingt sogar ein Hatrick - ein sehr gutes Omen für unsere Reise!


In dieser Anlage gibt es auch lecker Tee zu kaufen, Spezialitäten, die sonst nicht erhältlich sind. Ich möchte eine Dose Dao-Tee, ein Grüntee mit Ginseng ummantelt, kaufen und meinem Chinesisch-Lehrer, der uns in Shanghai geholfen hat, mitbringen. Strenger Blick von Guan - soll ich nicht. Dao-Tee findet er doof. Außerdem stellt sich heraus, dass er für jeden von uns eine Dose Ganlu-Tee - eine Wildtee-Art, die hier wächst - gekauft hat. Ein kleines Dankeschön dafür, dass wir die kleinen Wünsche seiner Gemahlin, die gerne ein paar Kleinigkeiten aus Deutschland mitgebracht bekommen wollte, erfüllt haben. Das zweite Bett in meinem Zimmer ist voll beladen mit den "Kleinigkeiten" und Guan, der die Liste seiner Frau wohl nicht angeschaut hat, bevor sie versandt wurde, rätselt noch, wie er die ganzen feinen Sachen nach Yichang verschiffen soll. Elli und nehmens jedenfalls nicht mit, wenn wir zum Familienbesuch dorthin reisen. Die Löcher, die im Gepäck entstanden sind, sind nämlich schon längst wieder aufgefüllt mit vielen lustigen Dingen.


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Montag, 24. April 2017

生日快乐 - Wir feiern Geburtstag

Zum zweiten Mal begeht Elli ihren Ehrentag auf dem heiligen Berg. Am Morgen werden improvisierte Geschenke überreicht, eine Schachtel "After-Eight" mit Kerzchen bestückt ersetzt die Geburtstagstorte, wir bemühen uns um ein angemessenes Ständchen, dessen Sinn sich unseren chinesischen Mitstreitern erst nach einer Weile erschließt, aber dann wird auch von dieser Seite gratuliert. Nach dem Vormittagstraining begleitet Zhang Lei Elli und mich, um die Bestellung für das heutige Festbankett aufzugeben. An erster Stelle natürlich Zhangs geliebter Fisch, um den er sich immer noch betrogen fühlt. Nach längeren Verhandlungen haben wir die Bestellung klar und begeben uns voller Vorfreude ins Nachmittagstraining.


Wie schon in den ganzen letzten Tagen, ist es auch heute sehr warm und die Sonne macht uns etwas zu schaffen. Achim ist es gelungen, von einer Mitschülerin ihren Daoistenhut geschenkt zu bekommen. Diese Hüte waren früher sehr schwer zu bekommen; in blau gehalten mit einem flexiblen Metallstab auf Spannung genäht, kann er in sich verdreht handlich eingebogen und so gut transportiert werden. Eigentlich bekommt man hier auf dem Berg alles, um sich als Daoist zu kostümieren - nur diese praktischen Hüte mit der breiten Krempe nicht. Dezenter Neid macht sich breit. Da fragt Guan etwas gelangweilt: "wer will so einen Hut?" - Wir sind verblüfft, gibt es die wirklich mittlerweile so zu kaufen? Guan schleust uns über den Seiteneingang in den Tempel - tatsächlich ist diese praktische - wenn auch nicht besonders kleidsame - Kopfbedeckung hier erhältlich. Freudig decken wir uns ein, bevor es mit dem Training weitergeht. Stolz wird nun erst einmal mit Hut trainiert.


Aber nicht lange. Guan hat die Mittagspause genutzt, um schnell mal die Stunde Fahrt ins Ort auf sich zu nehmen. Dort hat er nicht nur - geheim, geheim - die mächtige Geburtstagstorte für Elli besorgt, sondern auch noch Trainingsgerät: er hat uns aus Kampferholz Scheiben schneiden lassen, die wir uns auf den Kopf legen sollen, damit unsere Haltung ihm nicht mehr solche Schmerzen bereitet. Wenn die Scheiben herunterfallen, scheppert das natürlich ordentlich und dieser Peinlichkeit setzt sich niemand öfter als nötig aus. Obwohl wir heute wirklich alberne Bilder abliefern - erst mit den Hüten, dann mit den Baumscheiben auf dem Kopf - finden unsere chinesischen Mitschüler uns "li hai", ziemlich klasse also. Es ist auch ungewöhnlich, dass derart intensiv an Feinheiten geschliffen wird, wie wir es nun tun. Die ersten 10 Tage haben wir uns "nur" mit Wiederholungen befasst und beginnen heute mit der 13er-San-Feng-Form, die ich schon etwa dreimal gelernt und immer wieder vergessen habe, weil niemand mit mir trainiert. Aber jetzt gilt's. 


Für 18.30 h ist das Essen bestellt, aber schon um 18.15 h erscheint Zhang Lei, der sonst immer zu spät ist - weshalb ich ihm den Spitznamen "Zhang Late" verpasst habe - ganz aufgeregt: wo wir denn bleiben, es sei alles fertig, das Essen stehe schon auf dem Tisch und ich solle die Torte mitbringen, die Guan bei mir deponiert habe. Ich versuche, unseren hungrigen jungen Freund zu beruhigen, ich habe genau gehört, für welche Uhrzeit wir uns angekündigt haben und es wird gewiss nicht serviert, bevor wir erscheinen. Und so ist es auch. Es werden warme Worte gesprochen, auch der Hotelmanager gesellt sich dazu und stößt mit uns auf Elli an - Thomas entgleisen kurz die Züge, als der hervorragende Hochheimer Rieslingsekt, der ihn auf der langen Reise begleitet hat, wie es halt Landes Sitte ist, in einem Zug heruntergekippt wird. Aber so ist es hier halt. Das Essen mundet uns hervorragend und nachdem die Platten abgearbeitet sind, erfreut uns Niklas, der uns aus Luftballons Tiere und Blumen und sonstige Accessoires zaubert. Das Schlachten der Geburtstagstorte beendet den gelungenen Abend. Eine Feier, die Elli sicher so bald nicht vergessen wird.


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Samstag, 22. April 2017

表演 - endlich mal wieder vorführen

Am morgen sammeln wir uns zeitig, um gemeinsam in die Stadt zu fahren. Guan ist leicht angeschlagen, er hatte eine etwas längere Gesprächsrunde und ist erst um 2 h ins Bett gekommen. Er ist halt auch keine 20 mehr und kündigt an, uns in den Ort zu bringen, noch zu klären, dass wir Dauertickets bekommen und will dann wieder heim ins Bett. Aber nicht ohne uns daran zu erinnern, dass am Abend das Konzert mit der Guqin-Spielerin im Tempel stattfindet. Und dass wir bitte auch vorführen sollen. Diese Aussicht begeistert mich nun nicht gerade, aber wenn der Chef sagt "Vorführen!" dann wir nicht diskutiert, sondern gemacht.


Als wir gemeinsam die Bank of China zwecks Geldtausch entern, legen wir erst einmal den Geschäftsbetrieb für die nächsten 1,5 Stunden lahm. Ich habe schon seit langem die Theorie, dass man die Bankkaufleute, die sich in anderen Filialen alles völlig untauglich gezeigt haben, hier nach Wudang strafversetzt. Vielleicht ist es auch die besondere innere Haltung, die nun jede Handlung zum meditativen Akt werden lässt. Und so genießen wir hier die höchste Schule der Achtsamkeit, bis jeder sein Geschäft abgeschlossen hat. Zwischendurch geht Zhang noch kurz beim Bäcker einkaufen, damit keiner von uns vom Fleisch fällt und wir verkürzen uns mit lecker Schmalzgebäck die Wartezeit.


Endlich geht es dann weiter zum Mittagstisch. Schon seit drei Tagen träumt Zhang uns von einem "big fish" vor, den es hier gäbe. Bei jeder Mahlzeit schwärmt uns davon vor, hat ihn uns schon mit allen Gräten und Zutaten beschrieben und kann es kaum abwarten, bis er ihn sich endlich schmecken lassen kann. Aber vorher müssen wir lästigerweise noch in den Jiaoziladen, denn ich habe auf Teigtaschen bestanden - da träume ich schon viel länger davon und außerdem bin ich die Ältere. Wir hatten uns in zähen Verhandlungen darauf geeinigt, dass wir eine Menge Jiaozi kaufen, mitnehmen und dann als Beilage zu dem "big fish" zu uns nehmen. Wir laufen mit unseren 100 Jiaozi durch die Straße - Staub und Höllenlärm begleiten uns, der ganze Ort scheint eine einzige Baustelle zu sein, überall Baukräne, die Fassaden werden neu gestaltet, die Bürgersteige aufgerissen, Platten werden verlegt, kein Stein bleibt auf dem anderen. Und dann stehen wir vor Zhangs Sehnsuchtsort. Und sehen: nichts. Weg ist das Lokal. Zhang quiekt. Kann doch nicht sein. Rennt die Straße rauf und runter. Hilft nichts. No fish today. Wir stützen einen zutiefst verzweifelten Zhang, der es einfach nicht fassen kann, dass man das beste Restaurant der Stadt ohne ihn zu fragen einfach geschlossen hat. Er ist untröstlich und schleppt uns von allen Lebensgeistern verlassen in ein Nudelrestaurant. Tolle Kombi: Teigtaschen und Nudeln. Mag ich beides sehr, aber langsam reicht es wirklich.


Mit ordentlich gefüllten Kohlehydratspeichern ziehen wir nun zum Schneider. Guan hatte uns einen anderen Schneider empfohlen und der wird nun ausgetestet. Als ich nach einer Stunde meine Bestellung erledigt habe, wechsle ich mit Thomas das Lokal - er hat von seinen Lieben zu hause eine lange Liste bekommen, was er alles mitbringen soll, wenn er sich schon alleine auf die Reise macht. Und die Damen haben sehr genaue Vorstellungen, was sie haben möchten. Also auf zum nächsten Schneider.


Völlig erschöpft erreichen wir am Abend unser Hotel, die Zeit reicht gerade für eine kurze Katzenwäsche, ordentliche Trainingskleidung habe ich nicht mehr, da meine Bluse als Muster im Tal bleiben musste. Dann halt Vorführung im Räuberzivil. Mittlerweile klärte sich, dass ich nur mit Sabine vorführen soll und nicht mit der Gruppe, wie ich eigentlich gedacht und gehofft hatte. Egal, hätte ich eine Wahl gehabt, würde ich den Abend auf der Couch mit einem Filmchen und einem Bier verbringen. Ist halt nicht.


Am Abend, wenn die kreischenden Touristenhorden endlich abgereist sind, hat der Tempel eine sehr eigene und tief beeindruckende Stimmung. Die Nonnen huschen geschäftig durch das uralte Gemäuer; die älteren Teile sind über 600 Jahre alt. Heute Abend wird zur Feier des Tages der Gästepavillon geöffnet, an den Wänden ein paar Bilder bedeutender Persönlichkeiten, die dem Zixiaogong bereits die Ehre erwiesen haben. Dann beginnt das Konzert mit der jungen Künstlerin, die wir schon kennen. Durch den Abend leitet eine Nonne, die wohl eine führende Position im Kloster hat, vielleicht die Äbtissin. Guan sitzt uns gegenüber und wird als großer Meister des Gongfu geehrt. Nach dem Spiel auf der Guqin, bittet die mutmaßliche Äbtissin Guan um eine Kostprobe seiner Kunst. Guan will, dass wir nun vorführen. Höflich, aber bestimmt beharrt die Dame: Guan soll. Seufzend erhebt er sich und zeigt in Begleitung durch die Guqin eine sehr schöne Version der 13-er Form. Ich will schon aufatmen, dass der Kelch doch noch vorübergezogen ist, da wird die nächste Runde einläutet. Nachdem nun die Meister ihre Kunst gezeigt haben, sind jetzt die Eleven dran. Im Kloster sind einige Musikstudenten, die versuchen, dieses alte, klassische Instrument zu erlernen. Wieder erst Guqin mit deutlich schrägen Tönen, dann müssen auch Sabine und ich ran. Natürlich ist alles vergessen, was Guan uns in den letzten Tagen so intensiv beigebracht hat und ich traue mich kaum, ihn anzusehen. Aber ganz so schlimm haben wir wohl doch nicht verkackt. Wir dürfen morgen weiterüben. 


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Freitag, 21. April 2017

Alte Heimat

Als ich vor drei Jahren zuletzt auf dem Berg war, hatte ich schon das Gefühl, dass es buchstäblich mein letztes Mal in der Akademie gewesen sein könnte. Daher hatte ich nur noch wenige Dinge zurückgelassen und vieles verschenkt. Eigentlich hätte ich meine Tasche dort sicher nicht mehr gebraucht, aber eine Mitreisende, die ein Jahr dort gelebt und natürlich einiges gehortet hatte, gab zu bedenken, dass es auch nicht so toll für die Schule ist, ständig das alte Zeug stehen zu haben. Also beschlossen wir, der Akademie einen Besuch abzustatten. Außerdem war ich natürlich neugierig, wie es dort mittlerweile aussieht. Wenn man mit dem Bus hinunterfährt, sieht man höchstens eine Handvoll Schüler trainieren, der große Komplex wirkt fast verwaist. Nach dem Morgentraining machen wir uns also auf. Unglaublich: die alte, baufällige Treppe, auf der ich mir bei zappendusterer Nacht nach dem Genuss des einen oder andern "Baijiu" beim kleinen Mann schon mehrmals fast die Knochen gebrochen habe, ist ausgetauscht worden. Auch der Vorplatz mit dem aufgebrochenen Beton ist gegen gepflegte Steinplatten ausgetauscht worden. Das kaputte Dach ist ausgetauscht, die Fassade komplett angelegt worden. Ein Blick in die Zimmer: nicht wiederzuerkennen! Richtig luxuriös, die ganze Anlage. Das einzige was fehlt, sind die Menschen...


Ich finde tatsächlich meine alte verstaubte Tasche, bringe sie in mein Hotelzimmer und überlege, ob ich sie überhaupt öffnen soll. Vielleicht finden sich darin viele kleine Gesellen meines achtbeinigen Haustieres, dass sich seit ein paar Tagen das Zimmer mit mir teilt. Nachdem sämtliche Fangversuche gescheitert sind, haben wir Waffenstillstand geschlossen - wir beachten uns gegenseitig nicht - der Freund lässt sich nicht blicken und ich lasse ihn leben.


Heute ist "Samstag", nur am vormittag gibt es Training, der Rest des Tages ist frei und morgen geht es in die Stadt. Früher haben wir immer diese kurze Atempause herbeigesehnt - auch um endlich mal wieder gut essen zu gehen. Aber diesmal haben wir nicht nur tolles Essen, auch das Training ist so gestaltet, dass zwar intensiv gearbeitet wird, die körperliche Belastung aber nicht so groß ist. So nehmen wir zwar jetzt die Abwechslung mit Tempelgucken wohlwollend hin, hätten aber auch locker weitermachen können. Jetzt fahren wir aber erstmal zum Taizipo.


Auf dem Weg erzählt mir Guan, dass wir heute außerhäusig essen. Mit Freunden aus Deutschland. Das Fragezeichen auf meinem Gesicht klärt sich bald: ursprünglich wollte noch ein weiteres Mitglied des Knüllwald-Kreises - das sind die Leute, die jeden Sommer zu Guans Seminaren in Deutschland zusammenkommen - auf der Reise dabei sein. Dann verselbständigte sich der Plan, weil immer mehr Familienmitglieder plötzlich Interesse anmeldeten, nach China zu fahren und auch noch einen Abstecher in Taiwan bei den Schwiegerleuten des Sohns des Hauses zu machen. Am Ende wurde dann eine große Chinareise mit Kind und Kegel und einem kleinen geplanten Ausflug nach Wudang draus. Ich hatte nichts mehr von der Sache gehört und damit gedanklich abgehakt. Nun stellte sich heraus, dass die Schwiegertochter direkt mit Guan verhandelte und heute war die Familie tatsächlich auf dem heiligen Berg gelandet. Auf ziemlich abenteuerlichen Wegen, wie sich herausstellte: die immerhin 6 1/2-köpfige Gruppe hatte sich im nicht gerade kleinen Bahnhof von Wuhan verloren und war so lange umeinander hergeirrt - jeweils mit dem tollsten Kopfkino, was passiert ist, am laufen - bis die Familie mit Hilfe der Video-Aufzeichnungen der Polizei wieder glücklich vereint werden konnte. Da war dann der Flieger halt weg. Oder der Flieger war vorher weg. Ich weiß nicht mehr. Jedenfalls eine Geschichte, die mir den kalten Schweiß auf die Stirn treibt - genau das war so meine Horrorvorstellung, als ich meine Schäfchen Richtung Wudang getrieben habe. Aber sie haben es ja alle überlebt und nun speisen wir gut gelaunt zusammen. Und ich bin schon sehr auf die Fortsetzung der Geschichte gespannt, wenn wir uns im Sommer im Knüllwald wieder sehen. Morgen wollen sie versuchen, nach Beijing zu kommen...


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Donnerstag, 20. April 2017

Spaziergang

Am Nachmittag möchte uns Guan ein bisschen was von der schönen Umgebung zeigen. Ein See, der unterhalb der Nanyan-Tempelanlage liegt, ist das Ziel. Besorgt fragt er erst bei den Knie- und Asthmakranken, wie es aussieht mit ein paar Treppen und ein Stückchen runter gehen und dann ein flacherer Weg zurück. Klingt machbar, zur Sicherheit - ich kenne ihn ja schon eine Weile - nehme ich meine Stöcke mit. Das erweist sich als lohnende Idee, denn die "paar Treppen" - Elli hat bei 2.000 aufgehört zu zählen - erweisen sich als tückisch steil. Hin und wieder werfe ich einen besorgten Blick zurück - hoffentlich müssen wir da nicht wieder hinauf. Aber Guan hat ja gesagt...


Ich habe mir schon zurechtgelegt, wie der Rückweg gehen könnte, vielleicht geht der Abfluss des kleinen Stausees ja Richtung Affental und dann nehmen wir den Bus. Guan lacht - nein, es gibt keinen anderen Weg - aber hätte er das gesagt, hätten wir vielleicht gekniffen und uns um diese schöne Aussicht gebracht. Hat er Recht. Ich sinne auf Rache. Und mir fällt auch schon eine wunderbare Revanche ein: wenn er im Sommer mit Gemahlin nach Deutschland kommt, werden wir einen ganzen Tag lang shoppen gehen. Und Chenchen wird sicher genauso viel Spaß bei Ikea haben, wie die meisten Frauen. Und Guan darf uns begleiten und Taschen tragen. Er wird es lieben.


Als wir nassgeschwitzt im Hotel ankommen, heißt es erstmal etwas Beeilung: zufällig ist eine Guqin-Spielerin am Ort, die zwei Tage später ein Konzert im Zixiaogong geben wird. Guan hat sie gebeten, uns eine kleine Privatvorführung zu geben, und so treffen wir uns im Teeraum, wo wir im intimen Kreis eine Einführung in das uralte Seiteninstrument, das - so wird uns erklärt - schon vor über 3.000 Jahren entwickelt wurde und heute zu den klassischen Instrumenten zählt, genießen. Die junge Künstlerin spielt sie abwechselt mit kraftvollem und sanften Anschlag, lässt die Obertöne erklingen und gibt uns einen kleinen Einblick in die Klangfülle. Ein schöner Abend.


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Mittwoch, 19. April 2017

Xuexi Zhongwen - Chinesisch lernen

Am Abend lädt Guan, der von der desaströsen ersten Unterrichtseinheit gehört hat, zum Tee im Gästeraum des Hotels nebenan ein. In gemütlicher Runde wollen wir der Sache eine neue Chance geben; bequeme Stühle und eine Tafel erleichtern uns den Start. Es dauert nicht lange, da trägt auch Guan noch ein paar Aussprachevarianten bei, wir können uns jetzt aussuchen, ob wir Sezchuan-, Henan, oder lieber Peking-Dialekt sprechen wollen. Auch die Töne werden heiß diskutiert - am Ende wird aber nur viel gelacht und Lehrer Zhang spricht die weise Erkenntnis aus, dass er am Ende unseres Aufenthalts wohl viel Chinesisch gelernt haben wird. 


Am nächsten Tag versucht sich Guan an seine eigenen Anweisungen zu erinnern indem er auch tatsächlich auf Chinesisch ansagt und nicht Englisch, wie er es sich angewöhnt hat. Jeder Rückfall wird von mir bemault - wenn er uns schon knechtet, dann soll es sich auch lohnen. Wir stellen in Aussicht, ihm die deutschen Worte beizubringen - der zuckt er kurz. Allerdings hat er die wichtigsten Vokabeln, die wir ihm beigebracht haben, gut behalten: von "Ei Gude, wie?", der "Ebsch Seit" über "Baustelle" und "Stau" ist noch alles da. Über die Prioritäten mag man sich wundern, aber auch Guten Morgen, Danke schön und Bitte schön gehen prima - und das (finde ich), soll auch Junglehrer Zhang am Ende mit nach Hause nehmen.


Den nächsten Morgen verbringen wir wieder im Tempel. Keiner von uns spricht mehr davon, was er sich eigentlich vorgenommen hatte zu lernen. Wir haben erkannt, dass noch sehr, sehr viel Arbeit in den Grundlagen steckt. Und das es etwas besonderes ist, was wir hier machen, höre ich an den anerkennenden Worten der Nonnen, wenn sie sich über uns unterhalten: "Zhende Gongfu" - das ist echtes Kungfu! Höchstes Lob. Normalerweise kommen die Leute hierher, druckbetanken sich mit einer Form, dann gibt es ein Abschiedsfoto mit Meister mit dem Zertifikat drauf, was man "gelernt" hat und gut ist. Und so kann man formensammelnd viele Jahr verbringen, die tollsten gymnastischen Übungen im Repertoire und von Taiji immer noch nichts verstanden haben. 


Bereits im letzten Jahr hat Guan in Deutschland mit uns begonnen, das Leiten der Energien zu üben und an den Details zu feilen. Man merkt, dass es ihm ein echtes Anliegen ist und auch ihm viel bedeutet, dass er mit unserer Gruppe wachsen kann. Das ist schon etwas anderes als jede Woche neuen Schülern immer wieder dasselbe beizubringen und nie zu erleben, dass jemand wirklich Fortschritte macht. Nun kommen auch die Fragen, die ihn als Lehrer fordern und die ihn so wachsen lassen. Wie schön, dass wir uns gefunden haben.


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Dienstag, 18. April 2017

Das Training beginnt

Der erste Tag in Shanghai war mehr Sommer als Frühling und auch in Wudang erwartete uns ein angenehm lauer Abend. Da wir im Schutze der Dunkelheit den Berg erklommen haben, hat Zhenwu wohl nicht gleich mitbekommen, wer da wieder einmal hereinschaut. In der Nacht dann das erste Donnern, Blitzen und es gießt wie aus Kübeln. Auch am nächsten Morgen noch. Guan schaut mich nur an. Nein, Worte braucht es wirklich nicht. Ich habe es immer noch drauf.


Wir sprinten bei strömendem Regen in das Hotel nebenan - auch hier hat Guan gute Bekannte und kann dort einen großen Raum nutzen. Der hat nicht nur einen sehr angenehm weichen Bodenbelag sondern auch große Panoramafenster, die einen grandiosen Blick in die Berge erlauben. Beziehungsweise erlauben werden, wenn das Wetter wieder besser ist. Die Aussicht erinnert mit an den früheren "Ballroom" der alten, baufälligen Akademie - nur halt in besser und schöner. Ich spüre, wie sehr mir diese Weite gefehlt hat. Auch wenn die bauliche Ausstattung der "neuen" Akademie besser war gegen die alte Ruine: der Einschnitt in den Berg vermittelte doch immer ein Gefühl der Enge, während wir jetzt endlich wieder auf den vertrauten "Pinselhalter"-Berg schauen können. 


Jeder von uns hatte schon feste Vorstellungen, was er alles lernen will und Guan fragt auch rein interessehalber was wir uns so gedacht haben. Tatsächlich starten wir durch mit der "Anfängerform", die die meisten von uns mehr oder weniger...nun ja...laufen können. Guan schaut sich das an und dann beginnen wir von vorn. Jedes einzelne Detail, jede subtile Gelenkbewegung, das Spiel der Energien, Fülle und Leere, Öffnen und Schließen mit jedem Wechsel, stundenlang arbeiten wir nur an der Eingangsbewegung. Was sind wir für blutige Anfänger! Wie vermessen, daran zu denken, etwas neues zu lernen.

Und weil wir schließlich in China sind, hat Guan sich überlegt, dass wir auch die chinesischen Bezeichnungen lernen sollen. Ein Job für Jungmeister Zhang, der uns abends nach der Meditation unterrichten soll.


Am Abend müssen wir zunächst für ein paar Stunden auf Strom verzichten. Meditieren bei Kerzenschein ist ja kein Problem, aber die Sache mit den Vokabeln gestaltet sich etwas schwierig, weil nichts aufgeschrieben werden kann und wir das Alter, in dem man noch leicht auswendig gelernt hat, doch leicht überschritten haben. Und dann gibt es da noch ein kleines Detail: Zhang stammt aus der Provinz Sezchuan und spricht einen sehr herben Dialekt. Und immer, wenn er uns eine neue Silbe vorspricht, kommt Protest einer jungen Pekingerin, die nicht nur seine Aussprache, sondern auch die Tonhöhe korrigiert, bis wir am Ende gar nicht mehr wissen, was wir eigentlich nachsprechen sollen. Auch Zhang ist bald verunsichert und wir vertagen das Projekt auf einen günstigeren Zeitpunkt. 


Am nächsten Tag hat Zhenwu, der alte Wassergott, sich wieder beruhigt, herrlicher Sonnenschein lädt uns zum Training im Purpurwolkentempel ein. Dort treffen wir alte Bekannte, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Frau Qu präsentiert stolz ihr neues Unternehmen: aus dem kleinen Lädchen ist nun ein richtiges Restaurant geworden, neben dem auch noch verkauft wird. Ich habe den Eindruck, die anderen Betreiber arbeiten für sie. Würde auf jeden Fall passen, sie war schon immer die aufgeweckteste und umtriebigste Händlerin von allen. Auch der kleine Mann ist noch da und wir versprechen, gelegentlich zum Essen vorbei zu schauen.


Nun geht es erst in den Tempel, Guan hat schon Papiergeld und ein Bündel Räucherstäbchen vorbereitet, damit wir uns für die gute Reise gebührend bedanken können. Nach einem kurzen Rundgang ziehen wir uns in ein Nebengebäude zurück, dem Alterssitz der pensionierten Nonnen. Hier ist es wunderbar ruhig, während man nebenan das Geplärre der lautsprechenden Reiseleiter hört.


Neben der Ruhe und der entspannten Atmosphäre bietet unser neues Trainingsareal noch einen Vorteil. Ich habe mich immer mal wieder gewundert, was mit all den Opfergaben, dem Obst und Gebäck passiert. Zhenwu kann das ja schlecht zusammen mit seinen Genossen heimlich nachts alles zu sich nehmen und wegschmeißen geht gar nicht. Nun kommt in unserer Pause die Chefin von nebenan vorbei und bringt uns einen riesigen Berg Bananen, Mangos und Orangen. Ich bin begeistert - Obst auf dem Berg zu bekommen, war immer etwas schwierig, aber wenn wir weiter so verpflegt werden, ist das nun wirklich kein Thema mehr. Dafür gibt's gleich noch ein paar Räucherstäbchen extra!


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Sonntag, 16. April 2017

China 2017


Nach vielen Jahren des Lernens in der Daoistischen Kungfu Akademie zu Wudangshan, in denen ich einige Veränderungen miterlebt habe um dann zu beschließen, dass sich unsere Wege trennen, war ich heimatlos geworden. Vor zwei Jahren habe ich die Schule von Yuan im Tal besucht, die zwar durch einen guten Lehrer und ordentliche Strukturen zu überzeugen wusste, aber letztlich doch nicht das Zeug zum neuen chinesischen Nest hatte. Wir sind uns fremd geblieben.


So habe ich im letzten Jahr zum erstem Mal seit über 10 Jahren eine Atempause gemacht und bin einmal nicht nach China gefahren. Zur großen Irritation meines Lehrers Guan, mit dem ich bei seinem letzten Besuch im Sommer lange Gespräche geführt habe. Eine Schule hat er dummerweise immer noch nicht aufgemacht, lebt noch in der Akademie ist aber mehr so geduldetes Anhängsel ohne wirkliche Funktion. Welche Verschwendung!


An einem der letzten Abende, die wir gemeinsam verbracht haben, wurde bei einem der fortgeschrittenen Bierchen die Idee geboren, dass ich schaue, ob es vielleicht noch mögliche Mitfahrer gäbe, die Lust auf Training in den Bergen mit Meisterbetreuung haben. Dann würde er ein geeignetes Hotel ausgucken und wir kommen vorbei.


Gesagt, getan - zu meiner maßlosen Verblüffung sammelte sich innerhalb kürzester Zeit ein Grüppchen 12 Tapferer, die gewillt waren, sich meiner Reiseleitung anzuvertrauen und einen kleinen Ausflug ins gelobte Land zu wagen.                        


Weder Guan noch ich haben Erfahrung mit solchen Projekten und so liefen die Drähte zwischen China und Schland in den letzten Monaten schon sehr heiß, bis wir der Meinung waren, nun wirklich alles bedacht zu haben. Und ein bisschen Schwund ist halt immer dabei.


Am Donnerstag Abend dann das große Treffen im Frankfurter Flughafen, alle da, in Shanghai noch den Letzten eingefangen und los geht's - erst einmal in die große Stadt. Wir lassen das große Gepäck am Flughafen, damit wir uns unbeschwert in das Abenteuer "Öffi-Fahren in einer 23-Millionen-Stadt" stürzen können. Ich besorge schnell die genialen aufladbaren Multi-Verkehrskarten für die Gruppe und erkläre, dass es eigentlich ganz einfach ist: wir fahren mit der Linie 2 bis zum Renmingongyuan, dann steigen wir um. Da es bei dieser größten Station der Stadt gern ein wenig kuschelig wird und wir uns vielleicht verlieren - spätestens jetzt habe ich die ungeteilte Aufmerksamkeit - bitte merken, dass wir dann mit der 8 weiterfahren bis zum Laoximen, von dort müssen wir schauen, ist nicht mehr weit, ich war zwar auch noch nicht in dem Hotel, aber der Name ist ja bekannt. Oder auch nicht. Fest entschlossene Gesichter - nein, mir wird wohl kein Schäfchen abhanden kommen.


Tatsächlich klappt alles prima, wir kommen im Hotel an, beginnen mit der umständlichen Eincheck-Nummer, da tippt es auf meiner Schulter: "Hallo, das hat ja gedauert!" Mein Chinesisch-Lehrer, der für uns um einen kräftigen Rabatt gefeilscht hat und zufällig auch gerade mit einer Gruppe in Shanghai weilt, begrüßt mich herzlich in seiner Stadt. Ich freue mich sehr, als er mir erzählt, dass er sich extra für uns den Abend freigenommen hat, um uns die Gegend zu zeigen. Wir sind sehr zentral untergebracht und unsere Novizen sind ziemlich beeindruckt von dem Städtchen. Es gelingt uns tatsächlich, ohne Anmeldung einen Tisch in einem sehr bekannten Restaurant direkt an der berühmten Zickzack-Brücke zu ergattern und bestellen eine Auswahl regionaler Köstlichkeiten, die ohne die Hilfe meines Lehrers so nicht auf unserem Tisch gelandet wären. 


Ein abendlicher Spaziergang auf dem dicht bevölkerten Bund über die Nanjing-Lu zurück in das Hotel verschaffen uns die nötige Bettschwere. Dem Jetlag keine Chance!


Den Vormittag strolchen wir noch durch das Viertel und überlegen, wo wir uns bei unserer Rückkehr noch genauer umschauen und einkaufen gehen, da haben wir immerhin noch fast zwei Tage Zeit. Jetzt aber zurück zum Flughafen, Gepäck abholen, lernen, dass es klug ist, genau zu prüfen, zu welchem Terminal man muss, ab zum richtigen Schalter, wir sind kaum da, da werden wir auf den roten Teppich gewunken. Ich hatte ja keine Idee, welche Tickets uns Guan besorgt hatte, hatte nur gesehen, dass die Airline bei uns als "Billigflieger" geführt wird und das Gepäck gesondert gezahlt werden muss. Vorsorglich hatte ich die Gruppe darauf vorbereitet, dass wir vielleicht nachzahlen müssen. Davon nun keine Rede, unser Gepäck erhält "Priority"-Fähnchen, wir werden an den riesigen Schlangen vorbeigewunken und nehmen in den ersten Reihen mit ordentlich Beinfreiheit Platz. Futter gibt's auch - wie schön, dass einige direkt davor noch ein Mittagsmahl eingenommen hatten, weil bei zwei Stunden Flug nicht mit Verpflegung zu rechnen war.


Schon landen wir in dem neuen Flughafen von Wudangshan, der gerade erst ein Jahr zuvor eröffnet wurde. Dort werden wir von einem Schüler von Guan mit einem Kleinbus abgeholt, der uns - obwohl es mittlerweile schon nach 19.00 h ist und die Tore geschlossen sind - bis nach oben nach Nanyan, mitten in den Bergen fährt. Der junge Lehrer Zhang hat mir eine neue SIM-Karte überreicht, mit der ich mich nun erst einmal bei Guan melde: alles super geklappt, wir sind auf dem  Weg - stell' schonmal das Bier kalt! Macht er natürlich nicht, wir trinken es aber lauwarm, jetzt gibt es erst einmal viel zu erzählen. Morgen starten wir zunächst gemächlich um 9.00 h mit dem Training und lassen Guan staunen, was aus den Formen, die er uns beigebracht hat, geworden ist.


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