Sonntag, 30. April 2017

Summer in the City

Ungläubig staune ich, wenn ich in meiner Tageszeitung lese, dass es in Deutschland derzeit einen Wintereinbruch mit Eis und Schnee gibt. Währenddessen bin ich gottfroh, endlich meine Sommerkollektion beim Schneider abholen zu können. Guan hatte uns zu einer anderen Schneiderin geschickt, die nicht nur sehr schnell, sondern auch sehr günstig arbeitet. Gut, nicht alles, was bestellt wurde, hat die richtige Farbe und auch eine Hose ist etwas kurz geraten. Aber gemessen an der Menge der Bestellungen, die letzte Woche auf die Schneiderin einprasselte, vorgetragen in höchst fragwürdigem Chinesisch (wenn überhaupt), ist der Schwund höchst gering. Meine Klamotten sind klasse, abgesehen davon, dass ich mir erstmals Trainingshosen mit Gummibund an den Füßen machen lassen wollte - egal, jetzt sind wieder offen, wie all meine anderen auch, und endlich habe ich auch wieder ein weißes Oberteil, nachdem ich meines vor zwei Jahren zwangsläufig mit dem Logo der Schule von Meister Yuan verzieren lassen musste.


Tja, jetzt noch eine Ladung Jiaozi, kurzer Trip durch den Supermarkt, Capuccino im Hostel - dann ist der Tag auch schon wieder rum. Die Stadt liegt im Endspurt für die anstehenden Feiertage, da sollen die größten Baustellen behoben sein. Die Busse sind schon geschmückt mit bunten Schleifen, was sie von vorne wie Grinsekatzen aussehen lässt. Sehr chinesisch und ziemlich albern. Am Busbahnhof ist erkennbar, dass sich die Stadt schon für einen unglaublichen Ansturm rüstet. Wir werden uns wohl nur für die nötigsten Strecken aus dem Haus bewegen. Gruselig.


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Foto von Lilo aka Xiaomo

Der Sturm

Foto von Lilo aka Xiaomo

Die Ruhe vor dem Sturm

Samstag, 29. April 2017

Genuss und -nüsser

Bevor hier das "echte" Wochenende - diesmal in verschärfter Form mit Maifeiertag hintendran - droht, was sich wohl als Vorhölle entpuppen dürfte mit Trillionen von Bussen und High-Tech-Anlagen, geschaffen, damit sich die Reiseleiter gegenseitig besser übertönen können und - auch so eine neue Pest - Drohnen, die den Zixiaogong umschwirren, verleben wir unsere eigene Trainingspause. Der halbe Tag, "Samstag" ist eigentlich zu kurz um in die Stadt zu fahren, also lieber chillen und den Abend gemütlich ausklingen lassen. Das sehen nicht alle so, und so fahren vier Kollegen hinunter. 


Am Abend bringt Guan mal wieder eine Geburtstagstorte vorbei - wir haben Lianes Geburtstag kurzerhand um einen Tag verschoben, weil es besser passt (dass ich hier einen unerklärlichen Bürofehler begangen habe, ist natürlich böswillig erlogen) und wir warten bei einem Kaffee auf das Abendessen. Da geht das Telefon. Die Gruppe. Bus verpasst. Das ist jetzt etwas schwierig. Das Gelände ist verschlossen und eigentlich gibt es  dann keinen Weg mehr nach oben. Uneigentlich geht natürlich schon etwas, wenn man Guan heißt. Er beginnt hektisch zu telefonieren, um einen Transport zu organisieren. Zwischen nochmal ein Anruf: man käme doch noch mit einem Bus, dem "Lumpensammler", der die Bediensteten und angekündigte Hotelgäste hochbringt. Erleichterung. Zwei Minuten später: es klappt doch nicht. Guan vibriert, wenn alle Stricke reißen, müssen die Kumpels unten übernachten. Bleibt mehr von der Torte für uns. Denke ich natürlich nur. Ein paar Anläufe später gelingt es Guan dann doch, einen Fahrer zu organisieren, der runter fährt und die Gruppe nach oben holt. Elli füttert Schokolade zu, damit Guan sich wieder beruhigt. In diesem Moment möchte ich seine Gedanken lieber nicht lesen.


Später, als die Herde wieder vollständig ist und Guan auch schon wieder lachen kann, holt Thomas bußfertig noch eine Flasche guten Bordeaux aus seinem schier bodenlosen Koffer. Auf die Frage nach Gläsern hin bringt eine Bedienstete ein lustiges Sammelsurium als Wassergläsern und Teebechern. Wir sind uns einig: geht gar nicht. Mir fällt ein, dass Elli als Mitbringsel ein Set schöner Rotweingläser aus dem Hause Schott im Gepäck hatte. Das kommt jetzt genau richtig und Guan ist hellauf begeistert, wie schön das klingt, wenn man sich mit edlen Gläsern zuprostet. Und das machen wir jetzt bei jedem Schluck, bis die Flasche leer ist. Kling-Klang-Klong.


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Freitag, 28. April 2017

Foto von Lilo aka Xiaomo

The Valley is not carefree anymore

Eines der Hochlichter jedes Aufenthalts in den Bergen war immer die Spaziergang vom "Affental", dem Carefree Valley, dem Flüsschen entlang bis hoch zum Mitteltempel und dann mit dem Bus zurück. Stand auch dieses Jahr ganz oben auf der To-do-Liste. Als wir letzte Woche in die Stadt gefahren sind, war ich überrascht, dass der Bus nicht an dieser - zumindest im Eingangsbereich mit seinen Teepavillons und den dort hausenden Affenfamilien - Touristenattraktion anhielt. Nun hat mir Guan erklärt, dass es im letzten Jahr verheerende Überschwemmungen gegeben hat, die an vielen Anlagen sehr hohe Schäden verursacht haben. Auch Straßen wurden unterspült und werden jetzt gerade wieder instand gesetzt.


Bei meiner letzten Tour durch das Tal hatte ich etwas fassungslos registriert, wie man den gesamten Weg in Beton gefasst hatte, der liebevoll in Handarbeit auf "Natur" getrimmt worden war. Man hat also Schein-Holzstege geschaffen, die unregelmäßig und mit Astlöchern versehen und baumrindeartig zurechtgebastelt waren, das Ganze bunt angemalt, so dass man auf den ersten nicht so genauen Blick tatsächlich die Illusion von Ästen hatte. Nun hat sich also die echte Natur zur Wehr gesetzt und den Fake kurzerhand abgeschüttelt. Kann ich verstehen. Schade aber, dass wir wohl erst wieder den Pfad betreten können, wenn das Kunstobjekt wiederhergestellt ist. 

Die Affen, die nun im Tal nicht mehr von Touristen gemästet werden, haben sich in ihr Schicksal gefügt und die nächste Futterquelle aufgetan. Und die sprudelt einen Tempel höher im Zixiaogong. Ich denke, sie können in dieser uralten Anlage ziemlich großen Schaden anrichten, wenn man nicht aufpasst. So ist das halt nunmal, wenn man Tiere zur Touri-Attraktion verdonnert und in einem Tal aussetzt, weil sich das so malerisch macht. Ich glaube nicht, dass die Tiere freiwillig zurückkehren, wenn sie mal entdeckt haben, wie viele potenzielle Futterknechte im Zixiaogong warten. Viel mehr, als im Carefree Valley. Und Spielzeug gibt es hier auch jede Menge.


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Donnerstag, 27. April 2017

Lehren lernen

Gestern Abend erfreute uns Zhang Lei wieder mit einer wunderbar chaotischen Chinesisch-Stunde. Da der junge Mann beim Einsatz der Töne nicht ganz sattelfest ist, singt er die Silben in den jeweiligen Tonhöhen vor und entscheidet dann: passt schon. Oder auch nicht, wie ich - und auch einige andere misstrauischen Geister, die mittlerweile alles kontrollieren, feststellen. Dann wird gemeckert, er wischt weg, schreibt nochmal neu, andere Fehler drin - die Umschrift Pinyin ist nämlich auch nicht ganz einfach - steht die Bezeichnung der Figur dann endlich, wollen wir auch noch wissen, warum der Name so und nicht anders lautet und was das mit der Bewegung zu tun hat...Zhang Lei ist völlig entnervt und faucht "da müsst ihr schon den fragen, der's erfunden hat!"

Am Ende haben wir jedenfalls die 18 Bilder stehen und harren jetzt der Fortsetzung.


Später schaut Guan noch auf ein Käffchen bei mir herein. Elli und ich berichten und Guan lacht lauthals: er erzählt, was er den jungen Schülern alles versucht hat beizubringen und wie wenig die jungen Leute ihm immer zugehört haben. Gerade der etwas verträumte und verspielte Zhang Lei, der immer etwas besseres zu tun hatte. Jetzt hat er ihn halt mal ins kalte Wasser geschmissen. Deshalb ist Guan auch beim Unterricht nicht dabei. Dachte sich, wenn Zhang Lei es bei den strengen und hypergenauen Deutschen schafft, dann hat er seine Feuerprobe bestanden. Nun ist Guan gespannt, ob Zhang Lei am nächsten Tag kommt, uns sich erklären lässt, warum die Bewegung mit den sieben Sternen so heißt wie sie heißt. Wir beide wissen es jetzt. It's a secret.


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Dienstag, 25. April 2017

Neuzugang

Nicht jeder hat ja die Möglichkeit, sich einfach mal für vier Wochen auszuklinken und eben mal nach China zu reisen. Und so erwarten wir heute noch drei Nachzügler, die sich uns nun anschließen wollen. Da passt es natürlich gut, dass wir gerade erst mit einer neuen Form angefangen haben.


Ich taste mich gerade nach dem Mittagsschläfchen wieder ins Leben, da höre ich es auf dem Flur "Ei Gude, Peter!" - Elli hat die Neuankömmlinge schon gesichtet. Sie sind gerade 20 Minuten da - kurzer Check: alles prima geklappt, der angeheuerte Fahrer hat die drei anhand des Fahndungsfotos - aufgenommen nach 12 Stunden Flug in Shanghai -, dass wir ihm übermittelt hatten, erkannt und ohne schulhaftes Zögern hierherverfrachtet. Kurz umgezogen, dann kann es schon losgehen. Wir spazieren gemütlich die paar Meter hinauf zum Tempelbereich des Nanyan, dem südlichen Fels. Die Tempel sind sehr berühmt, besonders wegen einer weit über eine Klippe hinausragenden Felszunge, an deren schmalen Ende eine Opferschale steht. Schon der Anblick macht schwindelig und ich kann mir beim besten Willen keinen Grund vorstellen, mich dort vorne hinzutasten, um ein paar Räucherstäbchen anzuzünden. 


Ein paar Meter weiter wird es aber viel interessanter: dort ist die daostische Spielhölle, in der ich jedes Mal einige Yuan loswerde bei dem Versuch, durch das Loch in einer überdimensionierten alten Münze eine Glocke zu treffen. Dieses Mal schaffe ich es nicht, aber Yigal gelingt sogar ein Hatrick - ein sehr gutes Omen für unsere Reise!


In dieser Anlage gibt es auch lecker Tee zu kaufen, Spezialitäten, die sonst nicht erhältlich sind. Ich möchte eine Dose Dao-Tee, ein Grüntee mit Ginseng ummantelt, kaufen und meinem Chinesisch-Lehrer, der uns in Shanghai geholfen hat, mitbringen. Strenger Blick von Guan - soll ich nicht. Dao-Tee findet er doof. Außerdem stellt sich heraus, dass er für jeden von uns eine Dose Ganlu-Tee - eine Wildtee-Art, die hier wächst - gekauft hat. Ein kleines Dankeschön dafür, dass wir die kleinen Wünsche seiner Gemahlin, die gerne ein paar Kleinigkeiten aus Deutschland mitgebracht bekommen wollte, erfüllt haben. Das zweite Bett in meinem Zimmer ist voll beladen mit den "Kleinigkeiten" und Guan, der die Liste seiner Frau wohl nicht angeschaut hat, bevor sie versandt wurde, rätselt noch, wie er die ganzen feinen Sachen nach Yichang verschiffen soll. Elli und nehmens jedenfalls nicht mit, wenn wir zum Familienbesuch dorthin reisen. Die Löcher, die im Gepäck entstanden sind, sind nämlich schon längst wieder aufgefüllt mit vielen lustigen Dingen.


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Montag, 24. April 2017

生日快乐 - Wir feiern Geburtstag

Zum zweiten Mal begeht Elli ihren Ehrentag auf dem heiligen Berg. Am Morgen werden improvisierte Geschenke überreicht, eine Schachtel "After-Eight" mit Kerzchen bestückt ersetzt die Geburtstagstorte, wir bemühen uns um ein angemessenes Ständchen, dessen Sinn sich unseren chinesischen Mitstreitern erst nach einer Weile erschließt, aber dann wird auch von dieser Seite gratuliert. Nach dem Vormittagstraining begleitet Zhang Lei Elli und mich, um die Bestellung für das heutige Festbankett aufzugeben. An erster Stelle natürlich Zhangs geliebter Fisch, um den er sich immer noch betrogen fühlt. Nach längeren Verhandlungen haben wir die Bestellung klar und begeben uns voller Vorfreude ins Nachmittagstraining.


Wie schon in den ganzen letzten Tagen, ist es auch heute sehr warm und die Sonne macht uns etwas zu schaffen. Achim ist es gelungen, von einer Mitschülerin ihren Daoistenhut geschenkt zu bekommen. Diese Hüte waren früher sehr schwer zu bekommen; in blau gehalten mit einem flexiblen Metallstab auf Spannung genäht, kann er in sich verdreht handlich eingebogen und so gut transportiert werden. Eigentlich bekommt man hier auf dem Berg alles, um sich als Daoist zu kostümieren - nur diese praktischen Hüte mit der breiten Krempe nicht. Dezenter Neid macht sich breit. Da fragt Guan etwas gelangweilt: "wer will so einen Hut?" - Wir sind verblüfft, gibt es die wirklich mittlerweile so zu kaufen? Guan schleust uns über den Seiteneingang in den Tempel - tatsächlich ist diese praktische - wenn auch nicht besonders kleidsame - Kopfbedeckung hier erhältlich. Freudig decken wir uns ein, bevor es mit dem Training weitergeht. Stolz wird nun erst einmal mit Hut trainiert.


Aber nicht lange. Guan hat die Mittagspause genutzt, um schnell mal die Stunde Fahrt ins Ort auf sich zu nehmen. Dort hat er nicht nur - geheim, geheim - die mächtige Geburtstagstorte für Elli besorgt, sondern auch noch Trainingsgerät: er hat uns aus Kampferholz Scheiben schneiden lassen, die wir uns auf den Kopf legen sollen, damit unsere Haltung ihm nicht mehr solche Schmerzen bereitet. Wenn die Scheiben herunterfallen, scheppert das natürlich ordentlich und dieser Peinlichkeit setzt sich niemand öfter als nötig aus. Obwohl wir heute wirklich alberne Bilder abliefern - erst mit den Hüten, dann mit den Baumscheiben auf dem Kopf - finden unsere chinesischen Mitschüler uns "li hai", ziemlich klasse also. Es ist auch ungewöhnlich, dass derart intensiv an Feinheiten geschliffen wird, wie wir es nun tun. Die ersten 10 Tage haben wir uns "nur" mit Wiederholungen befasst und beginnen heute mit der 13er-San-Feng-Form, die ich schon etwa dreimal gelernt und immer wieder vergessen habe, weil niemand mit mir trainiert. Aber jetzt gilt's. 


Für 18.30 h ist das Essen bestellt, aber schon um 18.15 h erscheint Zhang Lei, der sonst immer zu spät ist - weshalb ich ihm den Spitznamen "Zhang Late" verpasst habe - ganz aufgeregt: wo wir denn bleiben, es sei alles fertig, das Essen stehe schon auf dem Tisch und ich solle die Torte mitbringen, die Guan bei mir deponiert habe. Ich versuche, unseren hungrigen jungen Freund zu beruhigen, ich habe genau gehört, für welche Uhrzeit wir uns angekündigt haben und es wird gewiss nicht serviert, bevor wir erscheinen. Und so ist es auch. Es werden warme Worte gesprochen, auch der Hotelmanager gesellt sich dazu und stößt mit uns auf Elli an - Thomas entgleisen kurz die Züge, als der hervorragende Hochheimer Rieslingsekt, der ihn auf der langen Reise begleitet hat, wie es halt Landes Sitte ist, in einem Zug heruntergekippt wird. Aber so ist es hier halt. Das Essen mundet uns hervorragend und nachdem die Platten abgearbeitet sind, erfreut uns Niklas, der uns aus Luftballons Tiere und Blumen und sonstige Accessoires zaubert. Das Schlachten der Geburtstagstorte beendet den gelungenen Abend. Eine Feier, die Elli sicher so bald nicht vergessen wird.


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Samstag, 22. April 2017

表演 - endlich mal wieder vorführen

Am morgen sammeln wir uns zeitig, um gemeinsam in die Stadt zu fahren. Guan ist leicht angeschlagen, er hatte eine etwas längere Gesprächsrunde und ist erst um 2 h ins Bett gekommen. Er ist halt auch keine 20 mehr und kündigt an, uns in den Ort zu bringen, noch zu klären, dass wir Dauertickets bekommen und will dann wieder heim ins Bett. Aber nicht ohne uns daran zu erinnern, dass am Abend das Konzert mit der Guqin-Spielerin im Tempel stattfindet. Und dass wir bitte auch vorführen sollen. Diese Aussicht begeistert mich nun nicht gerade, aber wenn der Chef sagt "Vorführen!" dann wir nicht diskutiert, sondern gemacht.


Als wir gemeinsam die Bank of China zwecks Geldtausch entern, legen wir erst einmal den Geschäftsbetrieb für die nächsten 1,5 Stunden lahm. Ich habe schon seit langem die Theorie, dass man die Bankkaufleute, die sich in anderen Filialen alles völlig untauglich gezeigt haben, hier nach Wudang strafversetzt. Vielleicht ist es auch die besondere innere Haltung, die nun jede Handlung zum meditativen Akt werden lässt. Und so genießen wir hier die höchste Schule der Achtsamkeit, bis jeder sein Geschäft abgeschlossen hat. Zwischendurch geht Zhang noch kurz beim Bäcker einkaufen, damit keiner von uns vom Fleisch fällt und wir verkürzen uns mit lecker Schmalzgebäck die Wartezeit.


Endlich geht es dann weiter zum Mittagstisch. Schon seit drei Tagen träumt Zhang uns von einem "big fish" vor, den es hier gäbe. Bei jeder Mahlzeit schwärmt uns davon vor, hat ihn uns schon mit allen Gräten und Zutaten beschrieben und kann es kaum abwarten, bis er ihn sich endlich schmecken lassen kann. Aber vorher müssen wir lästigerweise noch in den Jiaoziladen, denn ich habe auf Teigtaschen bestanden - da träume ich schon viel länger davon und außerdem bin ich die Ältere. Wir hatten uns in zähen Verhandlungen darauf geeinigt, dass wir eine Menge Jiaozi kaufen, mitnehmen und dann als Beilage zu dem "big fish" zu uns nehmen. Wir laufen mit unseren 100 Jiaozi durch die Straße - Staub und Höllenlärm begleiten uns, der ganze Ort scheint eine einzige Baustelle zu sein, überall Baukräne, die Fassaden werden neu gestaltet, die Bürgersteige aufgerissen, Platten werden verlegt, kein Stein bleibt auf dem anderen. Und dann stehen wir vor Zhangs Sehnsuchtsort. Und sehen: nichts. Weg ist das Lokal. Zhang quiekt. Kann doch nicht sein. Rennt die Straße rauf und runter. Hilft nichts. No fish today. Wir stützen einen zutiefst verzweifelten Zhang, der es einfach nicht fassen kann, dass man das beste Restaurant der Stadt ohne ihn zu fragen einfach geschlossen hat. Er ist untröstlich und schleppt uns von allen Lebensgeistern verlassen in ein Nudelrestaurant. Tolle Kombi: Teigtaschen und Nudeln. Mag ich beides sehr, aber langsam reicht es wirklich.


Mit ordentlich gefüllten Kohlehydratspeichern ziehen wir nun zum Schneider. Guan hatte uns einen anderen Schneider empfohlen und der wird nun ausgetestet. Als ich nach einer Stunde meine Bestellung erledigt habe, wechsle ich mit Thomas das Lokal - er hat von seinen Lieben zu hause eine lange Liste bekommen, was er alles mitbringen soll, wenn er sich schon alleine auf die Reise macht. Und die Damen haben sehr genaue Vorstellungen, was sie haben möchten. Also auf zum nächsten Schneider.


Völlig erschöpft erreichen wir am Abend unser Hotel, die Zeit reicht gerade für eine kurze Katzenwäsche, ordentliche Trainingskleidung habe ich nicht mehr, da meine Bluse als Muster im Tal bleiben musste. Dann halt Vorführung im Räuberzivil. Mittlerweile klärte sich, dass ich nur mit Sabine vorführen soll und nicht mit der Gruppe, wie ich eigentlich gedacht und gehofft hatte. Egal, hätte ich eine Wahl gehabt, würde ich den Abend auf der Couch mit einem Filmchen und einem Bier verbringen. Ist halt nicht.


Am Abend, wenn die kreischenden Touristenhorden endlich abgereist sind, hat der Tempel eine sehr eigene und tief beeindruckende Stimmung. Die Nonnen huschen geschäftig durch das uralte Gemäuer; die älteren Teile sind über 600 Jahre alt. Heute Abend wird zur Feier des Tages der Gästepavillon geöffnet, an den Wänden ein paar Bilder bedeutender Persönlichkeiten, die dem Zixiaogong bereits die Ehre erwiesen haben. Dann beginnt das Konzert mit der jungen Künstlerin, die wir schon kennen. Durch den Abend leitet eine Nonne, die wohl eine führende Position im Kloster hat, vielleicht die Äbtissin. Guan sitzt uns gegenüber und wird als großer Meister des Gongfu geehrt. Nach dem Spiel auf der Guqin, bittet die mutmaßliche Äbtissin Guan um eine Kostprobe seiner Kunst. Guan will, dass wir nun vorführen. Höflich, aber bestimmt beharrt die Dame: Guan soll. Seufzend erhebt er sich und zeigt in Begleitung durch die Guqin eine sehr schöne Version der 13-er Form. Ich will schon aufatmen, dass der Kelch doch noch vorübergezogen ist, da wird die nächste Runde einläutet. Nachdem nun die Meister ihre Kunst gezeigt haben, sind jetzt die Eleven dran. Im Kloster sind einige Musikstudenten, die versuchen, dieses alte, klassische Instrument zu erlernen. Wieder erst Guqin mit deutlich schrägen Tönen, dann müssen auch Sabine und ich ran. Natürlich ist alles vergessen, was Guan uns in den letzten Tagen so intensiv beigebracht hat und ich traue mich kaum, ihn anzusehen. Aber ganz so schlimm haben wir wohl doch nicht verkackt. Wir dürfen morgen weiterüben. 


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Freitag, 21. April 2017

Alte Heimat

Als ich vor drei Jahren zuletzt auf dem Berg war, hatte ich schon das Gefühl, dass es buchstäblich mein letztes Mal in der Akademie gewesen sein könnte. Daher hatte ich nur noch wenige Dinge zurückgelassen und vieles verschenkt. Eigentlich hätte ich meine Tasche dort sicher nicht mehr gebraucht, aber eine Mitreisende, die ein Jahr dort gelebt und natürlich einiges gehortet hatte, gab zu bedenken, dass es auch nicht so toll für die Schule ist, ständig das alte Zeug stehen zu haben. Also beschlossen wir, der Akademie einen Besuch abzustatten. Außerdem war ich natürlich neugierig, wie es dort mittlerweile aussieht. Wenn man mit dem Bus hinunterfährt, sieht man höchstens eine Handvoll Schüler trainieren, der große Komplex wirkt fast verwaist. Nach dem Morgentraining machen wir uns also auf. Unglaublich: die alte, baufällige Treppe, auf der ich mir bei zappendusterer Nacht nach dem Genuss des einen oder andern "Baijiu" beim kleinen Mann schon mehrmals fast die Knochen gebrochen habe, ist ausgetauscht worden. Auch der Vorplatz mit dem aufgebrochenen Beton ist gegen gepflegte Steinplatten ausgetauscht worden. Das kaputte Dach ist ausgetauscht, die Fassade komplett angelegt worden. Ein Blick in die Zimmer: nicht wiederzuerkennen! Richtig luxuriös, die ganze Anlage. Das einzige was fehlt, sind die Menschen...


Ich finde tatsächlich meine alte verstaubte Tasche, bringe sie in mein Hotelzimmer und überlege, ob ich sie überhaupt öffnen soll. Vielleicht finden sich darin viele kleine Gesellen meines achtbeinigen Haustieres, dass sich seit ein paar Tagen das Zimmer mit mir teilt. Nachdem sämtliche Fangversuche gescheitert sind, haben wir Waffenstillstand geschlossen - wir beachten uns gegenseitig nicht - der Freund lässt sich nicht blicken und ich lasse ihn leben.


Heute ist "Samstag", nur am vormittag gibt es Training, der Rest des Tages ist frei und morgen geht es in die Stadt. Früher haben wir immer diese kurze Atempause herbeigesehnt - auch um endlich mal wieder gut essen zu gehen. Aber diesmal haben wir nicht nur tolles Essen, auch das Training ist so gestaltet, dass zwar intensiv gearbeitet wird, die körperliche Belastung aber nicht so groß ist. So nehmen wir zwar jetzt die Abwechslung mit Tempelgucken wohlwollend hin, hätten aber auch locker weitermachen können. Jetzt fahren wir aber erstmal zum Taizipo.


Auf dem Weg erzählt mir Guan, dass wir heute außerhäusig essen. Mit Freunden aus Deutschland. Das Fragezeichen auf meinem Gesicht klärt sich bald: ursprünglich wollte noch ein weiteres Mitglied des Knüllwald-Kreises - das sind die Leute, die jeden Sommer zu Guans Seminaren in Deutschland zusammenkommen - auf der Reise dabei sein. Dann verselbständigte sich der Plan, weil immer mehr Familienmitglieder plötzlich Interesse anmeldeten, nach China zu fahren und auch noch einen Abstecher in Taiwan bei den Schwiegerleuten des Sohns des Hauses zu machen. Am Ende wurde dann eine große Chinareise mit Kind und Kegel und einem kleinen geplanten Ausflug nach Wudang draus. Ich hatte nichts mehr von der Sache gehört und damit gedanklich abgehakt. Nun stellte sich heraus, dass die Schwiegertochter direkt mit Guan verhandelte und heute war die Familie tatsächlich auf dem heiligen Berg gelandet. Auf ziemlich abenteuerlichen Wegen, wie sich herausstellte: die immerhin 6 1/2-köpfige Gruppe hatte sich im nicht gerade kleinen Bahnhof von Wuhan verloren und war so lange umeinander hergeirrt - jeweils mit dem tollsten Kopfkino, was passiert ist, am laufen - bis die Familie mit Hilfe der Video-Aufzeichnungen der Polizei wieder glücklich vereint werden konnte. Da war dann der Flieger halt weg. Oder der Flieger war vorher weg. Ich weiß nicht mehr. Jedenfalls eine Geschichte, die mir den kalten Schweiß auf die Stirn treibt - genau das war so meine Horrorvorstellung, als ich meine Schäfchen Richtung Wudang getrieben habe. Aber sie haben es ja alle überlebt und nun speisen wir gut gelaunt zusammen. Und ich bin schon sehr auf die Fortsetzung der Geschichte gespannt, wenn wir uns im Sommer im Knüllwald wieder sehen. Morgen wollen sie versuchen, nach Beijing zu kommen...


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Donnerstag, 20. April 2017

Spaziergang

Am Nachmittag möchte uns Guan ein bisschen was von der schönen Umgebung zeigen. Ein See, der unterhalb der Nanyan-Tempelanlage liegt, ist das Ziel. Besorgt fragt er erst bei den Knie- und Asthmakranken, wie es aussieht mit ein paar Treppen und ein Stückchen runter gehen und dann ein flacherer Weg zurück. Klingt machbar, zur Sicherheit - ich kenne ihn ja schon eine Weile - nehme ich meine Stöcke mit. Das erweist sich als lohnende Idee, denn die "paar Treppen" - Elli hat bei 2.000 aufgehört zu zählen - erweisen sich als tückisch steil. Hin und wieder werfe ich einen besorgten Blick zurück - hoffentlich müssen wir da nicht wieder hinauf. Aber Guan hat ja gesagt...


Ich habe mir schon zurechtgelegt, wie der Rückweg gehen könnte, vielleicht geht der Abfluss des kleinen Stausees ja Richtung Affental und dann nehmen wir den Bus. Guan lacht - nein, es gibt keinen anderen Weg - aber hätte er das gesagt, hätten wir vielleicht gekniffen und uns um diese schöne Aussicht gebracht. Hat er Recht. Ich sinne auf Rache. Und mir fällt auch schon eine wunderbare Revanche ein: wenn er im Sommer mit Gemahlin nach Deutschland kommt, werden wir einen ganzen Tag lang shoppen gehen. Und Chenchen wird sicher genauso viel Spaß bei Ikea haben, wie die meisten Frauen. Und Guan darf uns begleiten und Taschen tragen. Er wird es lieben.


Als wir nassgeschwitzt im Hotel ankommen, heißt es erstmal etwas Beeilung: zufällig ist eine Guqin-Spielerin am Ort, die zwei Tage später ein Konzert im Zixiaogong geben wird. Guan hat sie gebeten, uns eine kleine Privatvorführung zu geben, und so treffen wir uns im Teeraum, wo wir im intimen Kreis eine Einführung in das uralte Seiteninstrument, das - so wird uns erklärt - schon vor über 3.000 Jahren entwickelt wurde und heute zu den klassischen Instrumenten zählt, genießen. Die junge Künstlerin spielt sie abwechselt mit kraftvollem und sanften Anschlag, lässt die Obertöne erklingen und gibt uns einen kleinen Einblick in die Klangfülle. Ein schöner Abend.


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Mittwoch, 19. April 2017

Xuexi Zhongwen - Chinesisch lernen

Am Abend lädt Guan, der von der desaströsen ersten Unterrichtseinheit gehört hat, zum Tee im Gästeraum des Hotels nebenan ein. In gemütlicher Runde wollen wir der Sache eine neue Chance geben; bequeme Stühle und eine Tafel erleichtern uns den Start. Es dauert nicht lange, da trägt auch Guan noch ein paar Aussprachevarianten bei, wir können uns jetzt aussuchen, ob wir Sezchuan-, Henan, oder lieber Peking-Dialekt sprechen wollen. Auch die Töne werden heiß diskutiert - am Ende wird aber nur viel gelacht und Lehrer Zhang spricht die weise Erkenntnis aus, dass er am Ende unseres Aufenthalts wohl viel Chinesisch gelernt haben wird. 


Am nächsten Tag versucht sich Guan an seine eigenen Anweisungen zu erinnern indem er auch tatsächlich auf Chinesisch ansagt und nicht Englisch, wie er es sich angewöhnt hat. Jeder Rückfall wird von mir bemault - wenn er uns schon knechtet, dann soll es sich auch lohnen. Wir stellen in Aussicht, ihm die deutschen Worte beizubringen - der zuckt er kurz. Allerdings hat er die wichtigsten Vokabeln, die wir ihm beigebracht haben, gut behalten: von "Ei Gude, wie?", der "Ebsch Seit" über "Baustelle" und "Stau" ist noch alles da. Über die Prioritäten mag man sich wundern, aber auch Guten Morgen, Danke schön und Bitte schön gehen prima - und das (finde ich), soll auch Junglehrer Zhang am Ende mit nach Hause nehmen.


Den nächsten Morgen verbringen wir wieder im Tempel. Keiner von uns spricht mehr davon, was er sich eigentlich vorgenommen hatte zu lernen. Wir haben erkannt, dass noch sehr, sehr viel Arbeit in den Grundlagen steckt. Und das es etwas besonderes ist, was wir hier machen, höre ich an den anerkennenden Worten der Nonnen, wenn sie sich über uns unterhalten: "Zhende Gongfu" - das ist echtes Kungfu! Höchstes Lob. Normalerweise kommen die Leute hierher, druckbetanken sich mit einer Form, dann gibt es ein Abschiedsfoto mit Meister mit dem Zertifikat drauf, was man "gelernt" hat und gut ist. Und so kann man formensammelnd viele Jahr verbringen, die tollsten gymnastischen Übungen im Repertoire und von Taiji immer noch nichts verstanden haben. 


Bereits im letzten Jahr hat Guan in Deutschland mit uns begonnen, das Leiten der Energien zu üben und an den Details zu feilen. Man merkt, dass es ihm ein echtes Anliegen ist und auch ihm viel bedeutet, dass er mit unserer Gruppe wachsen kann. Das ist schon etwas anderes als jede Woche neuen Schülern immer wieder dasselbe beizubringen und nie zu erleben, dass jemand wirklich Fortschritte macht. Nun kommen auch die Fragen, die ihn als Lehrer fordern und die ihn so wachsen lassen. Wie schön, dass wir uns gefunden haben.


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Dienstag, 18. April 2017

Das Training beginnt

Der erste Tag in Shanghai war mehr Sommer als Frühling und auch in Wudang erwartete uns ein angenehm lauer Abend. Da wir im Schutze der Dunkelheit den Berg erklommen haben, hat Zhenwu wohl nicht gleich mitbekommen, wer da wieder einmal hereinschaut. In der Nacht dann das erste Donnern, Blitzen und es gießt wie aus Kübeln. Auch am nächsten Morgen noch. Guan schaut mich nur an. Nein, Worte braucht es wirklich nicht. Ich habe es immer noch drauf.


Wir sprinten bei strömendem Regen in das Hotel nebenan - auch hier hat Guan gute Bekannte und kann dort einen großen Raum nutzen. Der hat nicht nur einen sehr angenehm weichen Bodenbelag sondern auch große Panoramafenster, die einen grandiosen Blick in die Berge erlauben. Beziehungsweise erlauben werden, wenn das Wetter wieder besser ist. Die Aussicht erinnert mit an den früheren "Ballroom" der alten, baufälligen Akademie - nur halt in besser und schöner. Ich spüre, wie sehr mir diese Weite gefehlt hat. Auch wenn die bauliche Ausstattung der "neuen" Akademie besser war gegen die alte Ruine: der Einschnitt in den Berg vermittelte doch immer ein Gefühl der Enge, während wir jetzt endlich wieder auf den vertrauten "Pinselhalter"-Berg schauen können. 


Jeder von uns hatte schon feste Vorstellungen, was er alles lernen will und Guan fragt auch rein interessehalber was wir uns so gedacht haben. Tatsächlich starten wir durch mit der "Anfängerform", die die meisten von uns mehr oder weniger...nun ja...laufen können. Guan schaut sich das an und dann beginnen wir von vorn. Jedes einzelne Detail, jede subtile Gelenkbewegung, das Spiel der Energien, Fülle und Leere, Öffnen und Schließen mit jedem Wechsel, stundenlang arbeiten wir nur an der Eingangsbewegung. Was sind wir für blutige Anfänger! Wie vermessen, daran zu denken, etwas neues zu lernen.

Und weil wir schließlich in China sind, hat Guan sich überlegt, dass wir auch die chinesischen Bezeichnungen lernen sollen. Ein Job für Jungmeister Zhang, der uns abends nach der Meditation unterrichten soll.


Am Abend müssen wir zunächst für ein paar Stunden auf Strom verzichten. Meditieren bei Kerzenschein ist ja kein Problem, aber die Sache mit den Vokabeln gestaltet sich etwas schwierig, weil nichts aufgeschrieben werden kann und wir das Alter, in dem man noch leicht auswendig gelernt hat, doch leicht überschritten haben. Und dann gibt es da noch ein kleines Detail: Zhang stammt aus der Provinz Sezchuan und spricht einen sehr herben Dialekt. Und immer, wenn er uns eine neue Silbe vorspricht, kommt Protest einer jungen Pekingerin, die nicht nur seine Aussprache, sondern auch die Tonhöhe korrigiert, bis wir am Ende gar nicht mehr wissen, was wir eigentlich nachsprechen sollen. Auch Zhang ist bald verunsichert und wir vertagen das Projekt auf einen günstigeren Zeitpunkt. 


Am nächsten Tag hat Zhenwu, der alte Wassergott, sich wieder beruhigt, herrlicher Sonnenschein lädt uns zum Training im Purpurwolkentempel ein. Dort treffen wir alte Bekannte, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Frau Qu präsentiert stolz ihr neues Unternehmen: aus dem kleinen Lädchen ist nun ein richtiges Restaurant geworden, neben dem auch noch verkauft wird. Ich habe den Eindruck, die anderen Betreiber arbeiten für sie. Würde auf jeden Fall passen, sie war schon immer die aufgeweckteste und umtriebigste Händlerin von allen. Auch der kleine Mann ist noch da und wir versprechen, gelegentlich zum Essen vorbei zu schauen.


Nun geht es erst in den Tempel, Guan hat schon Papiergeld und ein Bündel Räucherstäbchen vorbereitet, damit wir uns für die gute Reise gebührend bedanken können. Nach einem kurzen Rundgang ziehen wir uns in ein Nebengebäude zurück, dem Alterssitz der pensionierten Nonnen. Hier ist es wunderbar ruhig, während man nebenan das Geplärre der lautsprechenden Reiseleiter hört.


Neben der Ruhe und der entspannten Atmosphäre bietet unser neues Trainingsareal noch einen Vorteil. Ich habe mich immer mal wieder gewundert, was mit all den Opfergaben, dem Obst und Gebäck passiert. Zhenwu kann das ja schlecht zusammen mit seinen Genossen heimlich nachts alles zu sich nehmen und wegschmeißen geht gar nicht. Nun kommt in unserer Pause die Chefin von nebenan vorbei und bringt uns einen riesigen Berg Bananen, Mangos und Orangen. Ich bin begeistert - Obst auf dem Berg zu bekommen, war immer etwas schwierig, aber wenn wir weiter so verpflegt werden, ist das nun wirklich kein Thema mehr. Dafür gibt's gleich noch ein paar Räucherstäbchen extra!


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Sonntag, 16. April 2017

China 2017


Nach vielen Jahren des Lernens in der Daoistischen Kungfu Akademie zu Wudangshan, in denen ich einige Veränderungen miterlebt habe um dann zu beschließen, dass sich unsere Wege trennen, war ich heimatlos geworden. Vor zwei Jahren habe ich die Schule von Yuan im Tal besucht, die zwar durch einen guten Lehrer und ordentliche Strukturen zu überzeugen wusste, aber letztlich doch nicht das Zeug zum neuen chinesischen Nest hatte. Wir sind uns fremd geblieben.


So habe ich im letzten Jahr zum erstem Mal seit über 10 Jahren eine Atempause gemacht und bin einmal nicht nach China gefahren. Zur großen Irritation meines Lehrers Guan, mit dem ich bei seinem letzten Besuch im Sommer lange Gespräche geführt habe. Eine Schule hat er dummerweise immer noch nicht aufgemacht, lebt noch in der Akademie ist aber mehr so geduldetes Anhängsel ohne wirkliche Funktion. Welche Verschwendung!


An einem der letzten Abende, die wir gemeinsam verbracht haben, wurde bei einem der fortgeschrittenen Bierchen die Idee geboren, dass ich schaue, ob es vielleicht noch mögliche Mitfahrer gäbe, die Lust auf Training in den Bergen mit Meisterbetreuung haben. Dann würde er ein geeignetes Hotel ausgucken und wir kommen vorbei.


Gesagt, getan - zu meiner maßlosen Verblüffung sammelte sich innerhalb kürzester Zeit ein Grüppchen 12 Tapferer, die gewillt waren, sich meiner Reiseleitung anzuvertrauen und einen kleinen Ausflug ins gelobte Land zu wagen.                        


Weder Guan noch ich haben Erfahrung mit solchen Projekten und so liefen die Drähte zwischen China und Schland in den letzten Monaten schon sehr heiß, bis wir der Meinung waren, nun wirklich alles bedacht zu haben. Und ein bisschen Schwund ist halt immer dabei.


Am Donnerstag Abend dann das große Treffen im Frankfurter Flughafen, alle da, in Shanghai noch den Letzten eingefangen und los geht's - erst einmal in die große Stadt. Wir lassen das große Gepäck am Flughafen, damit wir uns unbeschwert in das Abenteuer "Öffi-Fahren in einer 23-Millionen-Stadt" stürzen können. Ich besorge schnell die genialen aufladbaren Multi-Verkehrskarten für die Gruppe und erkläre, dass es eigentlich ganz einfach ist: wir fahren mit der Linie 2 bis zum Renmingongyuan, dann steigen wir um. Da es bei dieser größten Station der Stadt gern ein wenig kuschelig wird und wir uns vielleicht verlieren - spätestens jetzt habe ich die ungeteilte Aufmerksamkeit - bitte merken, dass wir dann mit der 8 weiterfahren bis zum Laoximen, von dort müssen wir schauen, ist nicht mehr weit, ich war zwar auch noch nicht in dem Hotel, aber der Name ist ja bekannt. Oder auch nicht. Fest entschlossene Gesichter - nein, mir wird wohl kein Schäfchen abhanden kommen.


Tatsächlich klappt alles prima, wir kommen im Hotel an, beginnen mit der umständlichen Eincheck-Nummer, da tippt es auf meiner Schulter: "Hallo, das hat ja gedauert!" Mein Chinesisch-Lehrer, der für uns um einen kräftigen Rabatt gefeilscht hat und zufällig auch gerade mit einer Gruppe in Shanghai weilt, begrüßt mich herzlich in seiner Stadt. Ich freue mich sehr, als er mir erzählt, dass er sich extra für uns den Abend freigenommen hat, um uns die Gegend zu zeigen. Wir sind sehr zentral untergebracht und unsere Novizen sind ziemlich beeindruckt von dem Städtchen. Es gelingt uns tatsächlich, ohne Anmeldung einen Tisch in einem sehr bekannten Restaurant direkt an der berühmten Zickzack-Brücke zu ergattern und bestellen eine Auswahl regionaler Köstlichkeiten, die ohne die Hilfe meines Lehrers so nicht auf unserem Tisch gelandet wären. 


Ein abendlicher Spaziergang auf dem dicht bevölkerten Bund über die Nanjing-Lu zurück in das Hotel verschaffen uns die nötige Bettschwere. Dem Jetlag keine Chance!


Den Vormittag strolchen wir noch durch das Viertel und überlegen, wo wir uns bei unserer Rückkehr noch genauer umschauen und einkaufen gehen, da haben wir immerhin noch fast zwei Tage Zeit. Jetzt aber zurück zum Flughafen, Gepäck abholen, lernen, dass es klug ist, genau zu prüfen, zu welchem Terminal man muss, ab zum richtigen Schalter, wir sind kaum da, da werden wir auf den roten Teppich gewunken. Ich hatte ja keine Idee, welche Tickets uns Guan besorgt hatte, hatte nur gesehen, dass die Airline bei uns als "Billigflieger" geführt wird und das Gepäck gesondert gezahlt werden muss. Vorsorglich hatte ich die Gruppe darauf vorbereitet, dass wir vielleicht nachzahlen müssen. Davon nun keine Rede, unser Gepäck erhält "Priority"-Fähnchen, wir werden an den riesigen Schlangen vorbeigewunken und nehmen in den ersten Reihen mit ordentlich Beinfreiheit Platz. Futter gibt's auch - wie schön, dass einige direkt davor noch ein Mittagsmahl eingenommen hatten, weil bei zwei Stunden Flug nicht mit Verpflegung zu rechnen war.


Schon landen wir in dem neuen Flughafen von Wudangshan, der gerade erst ein Jahr zuvor eröffnet wurde. Dort werden wir von einem Schüler von Guan mit einem Kleinbus abgeholt, der uns - obwohl es mittlerweile schon nach 19.00 h ist und die Tore geschlossen sind - bis nach oben nach Nanyan, mitten in den Bergen fährt. Der junge Lehrer Zhang hat mir eine neue SIM-Karte überreicht, mit der ich mich nun erst einmal bei Guan melde: alles super geklappt, wir sind auf dem  Weg - stell' schonmal das Bier kalt! Macht er natürlich nicht, wir trinken es aber lauwarm, jetzt gibt es erst einmal viel zu erzählen. Morgen starten wir zunächst gemächlich um 9.00 h mit dem Training und lassen Guan staunen, was aus den Formen, die er uns beigebracht hat, geworden ist.


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