Dienstag, 9. Mai 2017

Yichang für Fußkranke

Als Chenchen mir ihre Pläne für den nächsten Tag vorstellt, stöhne ich innerlich leise. Ruhe ist offensichtlich nicht vorgesehen - aber wofür auch? Ausruhen können wir ja auch zu Hause. Am nächsten Tag geht es also auf die Reise zum großen Staudamm, etwa 30 Kilometer von der Stadt entfernt. Gespannt bin ich schon: ich habe das fast fertige Bauwerk 2001 gesehen und möchte natürlich das vollendete Werk nun sehen. Von weitem droht uns ein pyramidengleicher Berg, der - gar keine Frage - zu erklimmen ist. Mir graut es und Elli geht es nicht anders. Wir haben am Vortrag schon ein tolles Bild abgegeben: Elli, die Asthmatikerin, die beim Aufstieg gekeucht hat wie eine Dampflock und ich dann mit meinem Starauftritt beim Herunterklettern über unzählige Treppen bei arthrosegeplagten Knien. Supersportler, so nach 3,5 Wochen intensiven Trainings. So meine ich es zumindest von den Gesichtern unserer chinesischen Gastgeber abgelesen zu haben. Würden sie natürlich nie sagen.


Gottergeben schleiche ich Richtung Aufgang zum Hügel. Dann sehe ich es: Rolltreppen. Komplett bis oben hin! DAS ist doch mal eine tolle Idee. Sollte man doch endlich mal in den Tempeln einführen. Da genießt sich die Aussicht auf Stausee und Schleusenanlage gleich viel mehr.


Danach fährt uns der Bus der riesigen Anlage zu einem kleinen Park. Rücksichtsvoll lässt uns Chenchen in ein Elektrobähnchen einsteigen, das zu Betreten ich mich unter anderen Umständen strikt geweigert hätte. Aber ich will ja niemand beleidigen. 


Nach kurzem Spaziergang geht es weiter mit dem Bus zum Bootsanleger. Auch hier ist an die Ermatteten gedacht: neben der Treppe gibt es auch eine Art Aufzug, mit der man über die Treppe elegant bis zum Schiff gleiten kann. Dann gilt es nur noch, die paar Stufen bis zum Zwischendeck zu erklimmen, bis man schon wieder erschöpft in einen Sessel gleiten kann. Und dort bleiben wir auch für die nächsten Stunden, während durch die riesigen Panoramafenster die Bergkulisse des Jangtse an uns vorbeizieht. Fast wie daheim.


Nach diesen anstrengenden Stunden können wir uns bei dem letzten Programmpunkt ausgiebig erholen. Wir werden in ein sehr originelles Restaurant, wohl ein ehemaliges Industriegebäude, eingeladen. Oberhalb des Gastraums, in dem sich auch eine kleine Bühne für Livemusik, die uns durch den Abend begleitet, befindet, gibt es eine Galerie, an deren Eckpunkten kleine verglaste Gasträume für Gruppen eingebaut sind. Sieht fast wie Baumhäuser aus. Sehr schnell wird serviert und wir kommen aus dem Schwärmen nicht heraus. Dies ist mit Abstand das beste Mahl, das uns bisher serviert wurde. Ein schöner Abschied von unseren neuen Freunden in Yichang.


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Der Staudamm

Typisch Chinesisches kleines Lokal

Schiffsrampe für Fußkranke

Klettern für Fußkranke

Yichang

Schon mehrfach hatte mich Guans Frau eingeladen, sie doch unbedingt einmal zu besuchen. Nun ließ sich der Besuch nicht länger verschieben und da Chenchen auch bei Elli schon zu Gast gewesen ist und wir schon viel Zeit miteinander verbracht haben, ist klar: kommt mit. Ich habe diesem kleinen Abstecher etwas beklommen entgegengesehen, weil ich keine Ahnung hatte, was uns erwartet. Bin mal vorsichtshalber davon ausgegangen, auf der Couch oder Luftmattraze in sehr engen Verhältnissen wohl mit den Eltern zusammen mühsam radebrechend und um das Bad kämpfend irgendwie die Zeit herumzubringen und mich dann in Shanghai von den Strapazen zu erholen. Soweit die Theorie.


Der Bus bringt uns also in vier Stunden nach Yichang, Chenchen funkt mir noch ein Foto, damit ich weiß, wie der Eingang des Busbahnhofs aussieht, auch wenn ich die Aufgabe, an der Endhaltestelle auszusteigen, für lösbar halte. Der Bus kommt an. Chenchen winkt, auch der kleine Sohn Yuyang ist dabei, schleppt - wohl aus Solidarität - auch einen kleinen Koffer mit sich. Große Wiedersehensfreude nach zwei Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben. Chenchen bedeutet, kurz zu warten, der Fahrer käme gleich. Ein Freund. Aha. Der taucht auch auf, zusammen mit einer bildhübschen Dame, die ihn begleitet. Chenchen stellt die beiden vor, sprechen kein Wort Englisch, haben aber dafür Autos. Und nicht gerade kleine: zunächst öffnet ein BMW X3 seine Pforten, dann wird für das restliche Gepäck noch ein großer Mazda SUV aufgeschlossen. Was für ein Service! Und das Programm geht dann auch gleich los. Wir sammeln noch eine weitere Freundin ein, die zum Dolmetschen eingespannt wurde. Dass ihre Englischkenntnisse auch nicht besser als die von Chenchen sind, ist völlig egal, da das Mädchen so nett und bemüht ist, zu erzählen und zu erklären, dass sie gleich unsere Sympathie hat. 


Wir bekommen erklärt, dass wir nun - nach einem kleinen Imbiss - erst einmal zu einem Platz der San You Dong - also die Höhle der drei Reisenden - heißt, fahren. Es gibt hierzu eine Geschichte von drei Poeten in der Tang-Dynastie, die sich dort verewigt haben. Nie davon gehört. Es regnet und entsprechend sind wenig Leute unterwegs, als wir uns eine ziemlich steile Treppe auf einen Hügel hinaufschleppen. Wir kommen an einem Übungsgelände mit Tarnnetzen und MG-Attrappen vorbei. Der kleine Yuyang ist begeistert und ahmt an einem Schießstand das Rattern von Maschinengewehren nach. Mutti ist begeistert, ich ein wenig befremdet, sage aber wenig, frage nur, was es mit diesem Gelände auf sich hat. Eine Art Freizeitspaß für Wehrsportler. Naja, wer's mag.


Wir klettern weiter und gehen einen Steig entlang, der einen Blick auf einen Nebenfluss des Yangtze gewährt. Dort ist dann ein richtiger Freizeitpark mit ziemlich schrottig aussehenden Karusells und ähnlichem; auf einer Brücke hört man von weitem einen Bungee-Springer kreischen. Wir werden gefragt, ob wir Lust dazu haben. Eher nicht.


Stoisch stapfen wir weiter durch den Regen, nichts besonderes erwartend. Irgendwann biegen wir dann in ein unscheinbares Felsloch ein, gehen durch Fledermaushöhlen und dann tut sich auf einmal ein riesiges Meer von Stalagtiten und Stalagmiten auf, geschickt ausgeleuchtet - das habe ich nun wirklich nicht erwartet.  Die Höhle ist fast einen Kilometer lang, bizarre Formen und unterirdische Duschen lassen uns staunen. Dass man der Natur an der einen oder anderen Stelle etwas auf die Sprünge geholfen hat - geschenkt. Und das ganze fast exklusiv für uns - ein Erlebnis!


Nach dieser Anstrengung ist es dann Zeit für den nächsten kleinen Imbiss. 


Am Abend geht es dann zu einem anderen Eingang des Parks. Dort erwartet uns die eigentliche Höhle der Dichter, sehr interessant ausgestaltet mit einer Multi-Media-Show, die mit starken Bildern die Geschichte an die Höhlenwände zaubert. Beeindruckend. Wir gehen durch den nächtlichen Park, der über dem Wasser hügelig angelegt und sehr geschickt ausgeleuchtet ist. Es erwarten uns viele Attraktionen, die dem chinesischen Spieltrieb entsprechen und meinem sehr entgegenkommen. Sehr angetan hat es mir ein Zufallsgenerator, der durch Handauflegen eine Sutra auswählt, die dann mit voller Dröhnung und bunten gebeamten Bildern auf eine große Buddha-Statue projiziert wird. Eine Art Ablass-Maschine, die je nach Länge der gewürfelten Sutra Heil verspricht. Oder so ähnlich.


Macht natürlich hungrig, also gehen wir wieder essen. Diesmal gibt es Flusskrabben in einem skurilen kleinen Lokal, in dem wir erst durch die Küche und dann über den Hinterhof (beides will kein Mensch sehen) bis in den ersten Stock geführt werden, wo es noch Tische gibt. Der Laden brummt, obwohl es bereits zehn Uhr ist. Schmeckt auch hervorragend, aber langsam würde ich schon gerne wissen, wo ich mein müdes Haupt betten kann.


Es folgt die nächste Überraschung: ein Hotel ist für uns gebucht und Chenchen mit Sohn checken auch mit ein. Deshalb der Koffer. Ich bin erleichtert. Und als ich dann mein Zimmer sehe, sogar begeistert: nagelneu, schön eingerichtet, fast schon luxuriös, mit grandiosem Blick auf den Yangtse. WOW!


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Holidaypark am Fluss

Zauberhafte Unterwelt

Freizeitspaß für jung und alt

Montag, 8. Mai 2017

Abschied

Den letzten Abend haben wir mit einem wundervollen Mahl im Hotel nebenan verbracht. Die Gruppe, die hierzu eingeladen hat, hat mir ein sehr schönes Geschenk gemacht: immer wieder habe ich hier oben die schweren Bronzefiguren von Xuanwu, einem Fabeltier, teils Schildkröte teils Schlange, dem Sinnbild von Zhenwu, dem "Wahren Krieger", in den Händen gehalten. Aber immer das selbe Problem: zu schwer für mein Gepäck. Und nun überreicht mir Yigal einen - auch ziemlich schweren - Kristallblock, in dem Xuanwu dreidimensional eingearbeitet ist. Und er wird das gute Stück auch mit transportieren, da mein Koffer schon wieder mehr als 23 Kilo wiegt! Ich freue mich sehr und werde sicher einen Ehrenplatz hierfür finden. Und einfach abzustauben ist es auch.


Nachdem bereits am Vortag Stefanie und Pit abgereist sind, lässt sich das nahe Ende unserer Reise nicht mehr verleugnen. Elli und ich reisen zunächst an den Yangtse nach Yichang, die Gruppe zwei Tage später, dann treffen wir uns - wenn alles gut geht - in Shanghai und verbringen dort noch einen Tag.


Auch Guan ist etwas wehmütig. Natürlich war es auch für ihn sehr anstrengend, sich ohne Verwaltung im Hintergrund um alles zu kümmern, aber er hat wirklich alles fabelhaft gemeistert und unmögliches möglich gemacht. Ganz klar: wird wiederholt!


Auf dem Weg nach unten strahlt mir noch die riesige Leinwand am Taizipo entgegen. Dort ist eine ständige Diashow mit Bildern der Tempel und Umgebung und auch mit einigen Leuten, die eine Rolle spielen oder zur Werbung taugen. Und da strahlt es mir entgegen: Achim in Großbildaufnahme. Wir gehören dazu.


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Spuren, die wir hinterlassen...

Samstag, 6. Mai 2017

Acht Unsterbliche

Acht Unsterbliche


Nachdem wir wie Versuchsratten in einem Labyrinth, die ihren Weg erschnüffeln müssen, durch ein Parcours von wunderbaren Dingen, die man uns verkaufen will - wie z.B. Kalebassen mit Hütchen drauf und Lederbörsen in Fischmaulform, sowie Sachen, die ich nicht einmal annähernd beschreiben kann - geführt wurden, bevor wir den Ausgang aus dem Touristenzentrum endlich erreicht haben, eröffnet uns Zhang den weiteren Tagesverlauf. Eigentlich hätten wir uns gut vorstellen können, bald in unser Hotel zurückzufahren und noch ein kleines Nickerchen zu halten. Aber auf dem Weg liegt der aus Ruinen auferstandene Tempel der Acht Unsterblichen und außerdem die Kurklinik des Doktors aus der Akademie. Der hatte dort vor ein paar Jahren eine Praxis für TCM aufgemacht und Elli und ich hatten uns dort schon einmal mit interessantem Ergebnis behandeln lassen.


Das Haus liegt etwas abseits der Straße, idylisch gelegen inmitten eines Hains mit vielen unterschiedlichen Pflanzen, die der gute Doktor dort angebaut hat. Was für ein Schatz - besonders, weil die Pflanzen, die hier wachsen, weitgehend unbelastet Umweltgiften sind. Der Sohn des Arztes ist ein Freund von Zhang. Er heißt uns herzlich willkommen und lässt uns erst einmal auf der Terrasse in der Sonne Platz nehmen, bevor er uns Tee und später gesunden Aufguss aus 30 Jahre alten Orangenschalen und Kiwi serviert. Wofür oder gegen das helfen soll, habe ich vergessen, jedenfalls war der Geschmack sehr ungewöhnlich und längst nicht so schlimm, wie ich es bei sonstigem Gebräu aus der ärztlichen Küche kenne. Es herrscht friedliche Stelle und wir genießen unsere ausgiebige Rast. 


Als zum Essen gerufen wird, bin ich überrascht: der junge Arzt hat mit Freunden Gerichte gezaubert, die qualitativ alles toppen, was ich in den letzten Tagen so zu mir genommen habe. Es sind vegetarische Gerichte, wohl alles selbst angebaut und hervorragend schmackhaft gewürzt. Als wir später bezahlen wollen, wird dies rigoros abgelehnt. Da werden wir uns etwas einfallen lassen, wie wir diese Freundlichkeit vergelten können.


Ein paar Minuten entfernt, geht es zu dem Tempel. Ich kenne ihn nur aus Legenden und bin deshalb sehr gespannt. Der junge Arzt öffnet uns die Pforte. Es gibt wohl einen Deal, dass sein Vater das Gebäude für die Klinik bekommt und er sich im Gegenzug um den Tempel kümmern soll. Wer allerdings für die neuen Figuren, die die Acht Unsterblichen darstellen sollen und natürlich im Hauptgebäude Zhen Wus Statue, verantwortlich ist, möchte ich gar nicht hinterfragen. Die Gesichtszüge sind sehr, nun ja, modern interpretiert. Ich finde die Gestaltung ziemlich unpassend, nackt, unfertig wirkend (ist wohl auch so). Ich kann die Enttäuschung der Leute, die den alten Tempel noch kannten, gut verstehen. Aber die Atmosphäre und die Umgebung sind toll. Mal schauen, wie es hier in ein paar Jahren aussieht. Kann nur besser werden.


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Freitag, 5. Mai 2017

...und Realität

Anspruch

Klassenausflug

Wie geplant, ziehen wir am frühen Nachmittag los, um zum "Golden Top" zu reisen. Es regnet zwar in Strömen, aber wir sind davon überzeugt, dass wir gefälligst morgen einen sonnigen und trockenen Tag inklusive zauberhaftem Sonnenaufgang erleben werden. So viele Wetter-Apps können sich gar nicht irren. Wir kommen gerade rechtzeitig mit der Seilbahn oben an, als die Lautsprecher schon die Tagestouristen zusammenrufen, da der Berg jetzt geschlossen wird. Wir tappen zu dem Hotel, das meine Erwartungen voll erfüllt. Elli und ich teilen uns ein mäßig feuchtes Zimmer, in dem der Schimmel nur zur Hälfte die Wand mit Ornamenten verziert. Andere haben nicht soviel Glück, können aber nach zähen Verhandlungen ein anderes Zimmer ertauschen. 


Nach kurzer Zimmerinspektion treffen wir uns wieder in der Lobby. Und nun? Es ist kurz nach vier, das Wetter lädt nicht gerade zum Spazieren ein, die Zimmer auch nicht zu einem längeren Aufenthalt. Wie Zhang richtig bemerkt: hier kann man eigentlich nur essen, um die Zeit herumzubekommen. Mangels Kaffee und Kuchen lassen wir uns erst einmal dünne Pfannkuchen mit Ei braten. Für jeden auf die Hand, schmeckt schon mal gar nicht schlecht. Wie Zhang uns verrät, ist das Frühstück hier unterirdisch, so dass wir wohl auch am nächsten Morgen hier unseren Magen füllen werden. Wir finden einen Raum mit Sofa, dort bekommen wir Tee serviert und können uns jetzt sehr lange Gedanken machen, was wir zu Abend essen wollen. Das Personal ist sehr geschäftig, zumal wir wohl die einzigen Gäste sind. Außer uns tummelt sich hier nur anderes Personal vom Berg, das hier die Zeit verbringt, bis am nächsten Morgen die Seilbahn wieder anläuft. So kenne ich das auch von den Berghütten in den Alpen.


Nach einer Stunde wird der Hotpot mit lecker Hühnerfüßchen und Hahnenkamm serviert. Außerdem werden diverse Gemüse und Wildkräutergericht gereicht, die größtenteils hier oben auf 1400 m angebaut werden und nur hier wachsen. Schmeckt alles sehr lecker, wenn auch etwas fett zubereitet. Bekömmlich geht anders und mein Magen hat mir noch lange sehr viel dazu zu sagen. Nach dem Essen ziehen wir uns wieder auf die Couch zurück, richtig nette Wohnzimmeratmosphäre, hin und wieder schaut eine Elfe herein und prüft, ob wir noch genug Bier haben und wir lassen den Abend mit lustigen Anekdoten ausklingen.

Nach einer kurzen Nacht stehe ich gern um 4.30 h von dem brettharten und klammen Bett auf, Dusche stand hier eh nie zur Debatte, noch schnell ein Instand-Kaffee und Schritt vor das Hotel: Tata! - es ist trocken und klar. Ein Dankeschön an Zhenwu, der unsere Reise mit so viel Wohlwollen begleitet. In der Dunkelheit steigen wir die Treppen zu einer Plattform auf und warten. Ein paar Händler, die dort ihre kleinen Verkaufsstände haben und dort auch schlafen, wittern unsere Anwesenheit, rumms, geht der erste Laden auf und eine quakende Dauerschleife irgendeiner Reklame tönt über den Platz. Was hätte uns gefehlt, hätten wir diesen Moment in Stille verbringen müssen.


Nach einer Weile verlässt uns Zhang, ihm ist zu kalt und außerdem hat er uns pflichtgemäß zum Felsen gebracht und will offensichtlich wieder zurück in das verheißungsvolle Nest. Sei ihm gegönnt. Endlich taucht die Sonne auf - zwar nicht so wahnsinnig spektakulär, wie es die stark gephotoshoppten Bilder, die überall zu sehen sind, erwarten lassen, aber sehr hübsch. Um 6 Uhr öffnen sich auch die Tore des Tempels und wir nutzen die Chance gerne, noch die letzten Meter zum Tianzhu zu erklimmen, um zum eigentlichen "Golden Top", zu gelangen. Wunderbar, diese Ruhe - in wenigen Stunden wird hier wieder alles voll von schnatternden Touristen sein, die sich daran erfreuen, beieinander zu sein. Andere Länder, andere Sitten.


Langsam wird es Zeit, unser frugales Frühstück einzunehmen, die Zimmer zu räumen und wieder nach unten zu schweben. Auf dem Rückweg begleiten uns Achim und Yan, die wohl den Fußweg von Nanyan etwas unterschätzt haben und trotz Aufbruch um 2.30 Uhr bis zum Sonnenaufgang nicht am Gipfel waren. Schade, aber vielleicht beim nächsten Mal. Auch wenn ich bei Yans Anblick Zweifel über ein "nächstes Mal" habe. Wir teilen uns eine Gondel und Yan ist auffällig still. Als Elli sich umdreht um zu fotografieren, verliert sie fast die Nerven und gesteht, dass sie vor lauter Angst vor dieser Fahrt fast lieber gelaufen wäre. Konnte sie aber nicht mehr. Als sie starke Zweifel an der Sicherheit der Gondelfahrt äußert, lenke ich ihre Aufmerksamkeit auf ein Firmenschild, das auch mein Herz ruhiger schlagen lässt: Doppelmayr steht dort. Die habens gebaut. Und zwar um einiges vertrauenserweckender als das Vorgängermodell, mit dem zu fahren ich vor einigen Jahren das zweifelhafte Vergnügen hatte. Ich erkläre Yan, dass diese österreichische Firma bekannt durch Lift- und Gondelbau in den Alpen sicher einen ordentlichen Job gemacht haben. Nicht chinesisch? Sie lehnt sich entspannt zurück.


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Mittwoch, 3. Mai 2017

Die letzte Woche

Nachdem uns Thomas nun verlassen hat, ist klar, dass die Gruppe langsam bröckelt: als nächstes ziehen Pit und Stefanie gen Heimat, einen Tag später folgen Elli und ich Richtung Yichang, dann können die Verbliebenen schon packen und sich auf das Abenteuer "allein nach Shanghai" freuen. Wenn alles klappt, treffen wir uns dort, verbringen noch einen Tag im Städtchen und dann geht's ab nach Frankfurt.

Dies wird auch Guan langsam klar, als Thomas heute schmucklos ohne großes Brimborium verschwunden ist - nicht einmal ein Abschiedsfoto mit der ganzen Gruppe kriegen wir hin. Jetzt aber dalli: die ersten Wünsche nach einem Zertifikat wurden geäußert. Wir beratschlagen: Guan hat noch keine Schule und die Akademie stellt hierfür natürlich nichts aus. Und eigentlich fand die Reise ja auch unter den Fittichen des Kranichs statt...ich verstehe. Dank Express VPN (sehr zu empfehlen) kann ich auch hier auf meine Cloud zugreifen und schustere Bescheinigungen mit unserem Vereinsbriefkopf zusammen. Gar nicht so einfach auf dem China-Rechner, den ich für die finale Ausführung brauche. Guan muss dabei bleiben. Und wenn er mich schon beschäftigt, kann er uns auch einen Kaffee kochen. So wie ich in Deutschland zur Ausführung der Tee-Zeremonie geknechtet werde. Er kriegt es zu meiner Zufriedenheit hin, trinkt auch selbst ein Tässchen, denn unsere Mittagsruhe ist natürlich gestrichen, bis wir alles zurechtgefummelt haben. Morgen sollen wir dann bitte in ordentlicher Kleidung zum Training erscheinen, es ist "Funny-Pictures-Day".


Langsam arbeiten wir uns durch die Form, auch wenn wir sie sicher nicht beenden werden. Aber wir sind uns ja einig, dass wir sorgfältig und genau sein wollen und das dauert halt seine Zeit. Im Sommer geht es ja weiter und von allen Teilnehmern höre ich immer wieder, dass vom "nächsten Mal" die Rede ist. Ja, der Berg lässt einen halt nicht los.


Zur Krönung wollen wir morgen einen Ausflug machen und statt Nachmittagstraining zum Mitteltempel fahren, von dort mit der Seilbahn auf den Gipfel. Dort wollen wir übernachten, um den Sonnenaufgang am "Golden Summit" zu erleben. Die wenigen nicht Knie-, Asthma- oder sonst geschädigten unserer Truppe wollen laufen. Wir werden die Beiden dann gegen 6 h auf dem Tempel dort treffen und gemeinsam frühstücken. Ich bin schon sehr gespannt; die Unterbringung verspricht sehr rustikal zu werden, ganz bestimmt nicht der gute Standard unseres jetzigen Hotels. Aber wenigstens einmal China pur.


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Dienstag, 2. Mai 2017

Erster Abschied

Mit dem Mai ist die letzte Phase unseres Aufenthalts gekommen. Als erster wird uns Thomas verlassen, der mit vollgepackten Koffern wieder nach Hause reist, sehnsüchtig erwartet von Frau und Tochter, die eine lange Wunschliste mit auf den Weg gegeben hatten. Guan hatte schon sein größtes Mitgefühl ausgesprochen - so geht es ihm auch immer, wenn er nach Deutschland kommt.


Auch für Elli und mich ist die letzte Trainingswoche angebrochen. Wir werden Guans Gemahlin noch einen Kurzbesuch abstatten und reisen deshalb schon am Montag nach Yichang. Ich bin schon sehr gespannt. Das letzte Mal war ich dort kurz vor Vollendung des großen Staudamms - damals eines der mächtigsten (und umstrittensten) Bauwerke. Nicht nur in China. Ich bin froh, dass ich die berühmten drei Schluchten noch befahren konnte, bevor alles - auch uralte Tempel - im Wasser versunken sind. 


Guan, der sich um die Zukunft und die schulische Ausbildung seines kleinen Sohns große Gedanken macht, hat beschlossen, dass Frau und Kind in Yichang leben sollen. Dort wurde eine Wohnung gekauft, die in zwei Jahren wohl bezugsfertig sein soll. Guan hat mir erklärt, dass Wohnungen hier meist im Rohbau übergeben werden, weil einer bezugsfertiger Kauf einfach viel zu teuer wäre. Als Guan mir den Preis für die Wohnung genannt hat, habe ich erst einmal tief Luft geholt. Mainzer Preise nahezu. Da wird er viele, viele Kurse geben müssen. Aber Guan ist gelassen: es kommt wie es kommt, er bleibt sowieso in den Bergen, ihm reicht es wenn er alle paar Wochen "nach Hause" kommt. Der Palast befindet sich im 20. Stock eines Hochhauses, mitten in einer neu geschaffenen Wohnanlage am Stadtrand. Nein, in der Umgebung kann ich mir Guan wirklich nicht vorstellen.


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Montag, 1. Mai 2017

Wechsel

Obwohl heute der Maifeiertag ist, ist es - gemessen an dem Chaos, das ich aus früheren Tagen kenne - relativ ruhig. Es sind zwar mehr Busse als sonst unterwegs, aber längst nicht so schlimm wie befürchtet. Der Berg ist ja auch kaum geeignet für Kundgebungen und die traditionelle "golden week" beschränkt sich wohl tatsächlich nur noch auf die Oktoberfeierlichkeiten zur Staatsgründung.


Das Wetter schlägt gerade etwas um, was nicht unangenehm ist: in den letzten Tagen hatten wir Temperaturen um die 30 Grad, so dass wir das Morgentraining um eine halbe Stunde nach vorne verlegt und die Mittagspause um eine halbe Stunde verlängert haben. 

Heute ist es etwas bewölkt und die Konzentration der Gruppe hat arg nachgelassen. Zeit für eine kurze Dao-Lesson: wie Guan uns gestern Abend schon ausführlich erklärt hatte, passt sich der Körper nicht unmittelbar den äußeren Veränderungen von Yin und Yang an. Je länger die Anpassung dauert, um so mehr leidet der Körper - und sein Besitzer - und fühlt sich erschöpft an. Das Üben von Taiji beschleunigt den Anpassungsprozess, da die Verbindung mit den äußeren Einflüssen unmittelbar ist.

Oder so ähnlich. Habe ich nicht ganz verstanden. Der Wetterwechsel halt. Und die Konzentration.


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